9. April 2026
Das folgende Interview mit DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach wurde von der internationalen Schachplattform Chess Topics geführt und in der Originalfassung auf Englisch veröffentlicht - hier abrufbar. Nachfolgend nun die deutsche Übersetzung des Interviews.
"Lernen Sie WIM Ingrid Lauterbach kennen! Die erste Frau an der Spitze des Deutschen Schachbundes in dessen 149-jähriger Geschichte. Sie ist es gewohnt, Grenzen zu durchbrechen – sie hat zwei Jahrzehnte lang eine Karriere in der Mathematik mit internationalem Spitzenwettbewerb verbunden. Doch ihr Präsidium steht nun vor seiner komplexesten Bewährungsprobe. Im exklusiven Gespräch mit Chess Topics blickt Lauterbach auf eine bewegte Karriere und ihre größten Erfolge an der Spitze des DSB zurück – und warnt vor der Gefahr der Spaltung des Schachsports - und vor der russischen Einflussnahme, die die Stabilität des Schachs bedrohen würde."
Sie haben Mathematik an der FAU studiert – ein Fach, das damals, ähnlich wie das Schach, stark männlich dominiert war. Wie hat Ihr akademischer Hintergrund Ihre analytische Herangehensweise an das Spiel geprägt?
Damals haben sich Schachspielen und Mathematikstudium gegenseitig bereichert, und ich habe beides gleichzeitig mit Freude betrieben. Meine Diplomarbeit lag dann sogar im Bereich der Spieltheorie!
Wenn Sie auf Ihre Anfänge im Schach zurückblicken – welche Hürden mussten Sie als Frau überwinden, die sich in der professionellen Szene etablieren wollte? Haben sich diese Hürden für junge Mädchen heute verändert?
Es gab mehrere Hürden: Man war oft das einzige Mädchen – mit allen Vor- und Nachteilen. Es gab Verrückte , die ohne jeden Grund glaubten, man sei ihr Traummädchen, und man musste versuchen, so schnell wie möglich wegzukommen. Dazu kamen unzählige dumme, freche Bemerkungen. Ich glaube, jede Schachspielerin heute und früher braucht mehr Resilienz als ein durchschnittlicher Mensch. Ich mache mir Sorgen, dass soziale Medien es heute noch einfacher machen, jemanden zu stalken. In meiner Jugend konnte man nur Briefe schicken, das Festnetztelefon benutzen oder persönlich vorbeikommen – heute kann man jeden jederzeit über mehrere Kanäle erreichen.
Sie haben Deutschland und England bei Schacholympiaden vertreten. Wie hat diese internationale Erfahrung Ihre Sichtweise darauf geprägt, wie ein nationaler Verband geführt werden sollte?
Zuallererst habe ich jede einzelne Olympiade sehr genossen. Im Schach – aber auch in anderen Bereichen – habe ich England und Deutschland oft miteinander verglichen, und es gibt keinen klaren Gewinner. Ich liebe beide Länder und betrachte sie als meine Heimat. Aber ich glaube, eine breitere internationale Perspektive gibt einem immer neue Ideen und Denkanstöße. Die Systeme der beiden Verbände sind sehr unterschiedlich: In Deutschland sind die Landesschachverbände wie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen die Mitglieder des Bundes – wir haben 22 Mitgliedsverbände. In England gibt es hingegen individuelle Mitgliedschaft. Dort entscheidet jedes Mitglied selbst über seinen Mitgliedsbeitrag und zahlt diesen direkt, während in Deutschland die Vereinsmitglieder über ihre Vereine beitragen.
Sie sind eine von nur zwei weiblichen Präsidentinnen nationaler Schachverbände in Europa. Warum ist diese Zahl im Jahr 2026 noch immer so gering – und haben Sie das Gefühl, an einem anderen Maßstab gemessen zu werden als Ihre männlichen Kollegen?
Schach ist nach wie vor eine von Männern dominierte Welt. Es gibt noch zu viele Menschen, die ein Problem damit haben, eine Frau in einer Führungsposition zu sehen. Während diese Haltung in der Wirtschaft nicht mehr offen gezeigt werden kann, ist die Schachgemeinschaft leider weit dahinter. Aber es geht nicht nur um die Einstellung von Männern gegenüber Frauen – es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn eine Position zu besetzen ist, ist es zumindest in der Kultur, in der ich aufgewachsen bin, viel wahrscheinlicher, dass ein Mann sagt: „Ja, ich will diese Position", während Frauen dazu neigen, gefragt werden zu wollen, anstatt zu sagen: „Ich bin die richtige Person." Das ist ein weiterer Grund für unsere Unterrepräsentation.
Sie sind die erste Frau, die in der 149-jährigen Geschichte des Deutschen Schachbundes dessen Präsidentin wurde! Was ist Ihr bisher größter Erfolg während Ihres Mandats als Präsidentin des DSB?
Der Verband befand sich in einer schwierigen finanziellen Lage, als ich anfing. Mit Disziplin konnte ich diese Situation lösen. 2025 haben wir eine der besten Deutschen Meisterschaften aller Zeiten ausgerichtet, und 2026 werden wir in Dresden unseren großen Schachgipfel mit rund 1.000 Spielerinnen und Spielern am Veranstaltungsort der Olympiade 2008 abhalten. Das ist alles wunderbar. Aber Wettkämpfe zu besuchen und mit den Teams mitzufiebern – ob bei der Olympiade oder der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft – ist ebenfalls immer etwas Besonderes.
In den Medien wurde zuletzt über interne Spannungen im DSB berichtet. Der DSB wurde als „im Krieg mit sich selbst" bezeichnet, insbesondere nach der Ablehnung des Kongress-Antrags und der Eskalation interner Streitigkeiten. Können Sie uns mehr zur aktuellen Situation im Deutschen Schachbund sagen? Und wie beschreiben Sie den Weg zur Lösung dieser Konflikte?
Es stimmt, dass das aktuelle Bild der internen Angelegenheiten trotz aller Erfolge in verschiedenen Bereichen besorgniserregend ist. Leider gibt es eine Tradition, in der anstatt konstruktiv im Interesse des Schachs zu arbeiten, viel Eitelkeit zur Schau gestellt wird. Hinsichtlich der Frage über Kongress oder nicht gab es unterschiedliche Einschätzungen verschiedener Rechtsanwälte – auch von außerhalb der Schachwelt –, aber eine Entscheidung des Schiedsgerichts muss respektiert werden.
Generell mache ich mir Sorgen über den Missbrauch sozialer Medien, um falsche Informationen als Tatsachen zu verbreiten. Als Vorstand hat man oft nur begrenzte Möglichkeiten zu reagieren. In bestimmten Fällen, etwa bei Personalangelegenheiten, ist eine Reaktion aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Gleichzeitig ergibt es keinen Sinn, jeden wegen Verleumdung zu verklagen – auch wenn dies rechtlich angemessen wäre – oder auf Erpressungsversuche zu reagieren. Zugleich beobachten wir auf verschiedenen Ebenen im Schach – wie auch in anderen Sportarten – Versuche, dass russischer Einfluss, uns untergräbt. Ich glaube, wir alle müssen wachsam bleiben, wir müssen an unseren Werten festhalten, aber wir müssen offen miteinander diskutieren – und zwar nicht über soziale Medien –, was angegangen werden muss. Wir sollten nicht übereinander, sondern miteinander reden.
Anmerkung der Chess Topics-Redaktion: Chess Topics untersucht derzeit Berichte über russische Einflussnahme innerhalb des DSB und der breiteren internationalen Schachgemeinschaft. Eine ausführliche Berichterstattung über unsere Erkenntnisse wird in Kürze folgen.
Wie reagieren Sie auf Kritiker, die behaupten, die Verbandsführung werde zu zentralisiert?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. In den letzten Jahren hatten wir einen Vorstand mit vier Mitgliedern, und im Mai 2025 hatte ich vorgeschlagen, einen zusätzlichen Vizepräsidenten mit Schwerpunkt IT, Digitalisierung und Sicherheit zu berufen. Leider haben wir die notwendige Zweidrittelmehrheit der Stimmen nicht erreicht, aber ich hätte einen fünfköpfigen Vorstand bevorzugt.
Wie gelingt es Ihnen, in einem so polarisierten Umfeld den Fokus auf die Spielerinnen und Spieler sowie die Entwicklung des Schachs in Deutschland zu behalten?
Ich bin faktenorientiert und handele professionell – das ist mein eigener Mindestanspruch an mich selbst. Die negativen Kampagnen ärgern mich durchaus. Und es gibt auch viel Enttäuschung über einige dieser selbsternannten Berater des Deutschen Schachbundes, die keine Ahnung haben, sich aber so wichtig fühlen, dass sie alle wissen lassen müssen, was zu tun ist. Aber solange ich diese Funktion innehabe, tue ich das, was mein Amt verlangt und was getan werden muss – das kann man von mir erwarten.
Sie kandidieren für eine Position innerhalb der Europäischen Schachunion (ECU). Wie sind Sie Teil des Teams geworden, und welche Kernmission verfolgen Sie auf europäischer Ebene? Glauben Sie, dass diese Rolle dazu beitragen kann, eine Brücke zwischen dem deutschen und dem europäischen Schach zu bauen?
Ich habe vorhin gesagt, dass Frauen gerne gefragt werden möchten (lacht) – und genau das ist passiert! Deutschland ist ein wichtiger Verband in Europa, und ich denke, wir sollten angemessen vertreten sein. Persönlich glaube ich an Europa und daran, dass es wichtig ist, Brücken zu allen Verbänden zu bauen, unsere Werte zu teilen und das Schach in Europa und der Welt noch größer zu machen.
Ihre Karriere ist eine vollständige Reise durch die Schachwelt. Was ist Ihre Botschaft an Frauen, die in Ihre Fußstapfen treten möchten – nicht nur als Spielerinnen, sondern auch als Schiedsrichterinnen, Trainerinnen, Organisatorinnen und schließlich als Führungspersönlichkeiten in der Schachverwaltung?
Gebt niemals auf, glaubt an euch selbst und ignoriert diejenigen, die euch kleinmachen wollen. Die Mehrheit der Schachspielerinnen und -spieler unterstützt euch! Wenn ihr Hilfe braucht, fragt danach – es wird klappen! Ignoriert die destruktiven und negativen Personen – sie sind es nicht wert, beachtet zu werden!
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36993