Interview mit dem jüngsten Großmeister Deutschlands

06.03.2018 09:30
Klaus Steffan
Dmitrij Kollars

Dmitrij Kollars ist 18 Jahre alt und damit Deutschlands derzeit jüngster Großmeister. Er lebt in einer Schach-WG in Hamburg mit seinem früheren Trainer und jetzigen Manager IM Jonathan Carlstedt, der ihn seit 2013 auf seinem Weg begleitet. Seit 2015 konzentriert er sich zu 100% auf Schach, ein Schritt der verbunden mit dem Schulabbruch ein gespaltenes Echo hervorgerufen hat. Im Mai 2015 erspielte er seine letzte GM-Norm, die 2500 hatte er zu dem Zeitpunkt bereits geknackt. Seitdem feierte er weitere Erfolge, unter anderem den Gewinn der Europäischen Mannschafts-Meisterschaft U18. Der große Eloschritt blieb jedoch zunächst aus, wie das in der Karriere eines jungen Talentes durchaus passiert. Seine jüngsten Erfolge und der Sprung auf ein neues Hoch bestätigt seinen Willen und sein Durchhaltevermögen. Dmitrij kommt gerade aus Aarhus, wo er das dortige GM-Turnier mit 7,5/9 gewinnen konnte und geht jetzt mit seiner eigenen Internetseite www.gm-dmitrijkollars.de an den Start, um weitere Sponsoren, Turnierorganisatoren, Schachinteressierte… auf sich aufmerksam zu machen. Grund genug für den Schachbund mit Dmitrij ein Gespräch zu führen.

Dmitrij, Du bist im Alter von 17 Großmeister geworden, hast bei U-18 Weltmeisterschaften einen 4. und einen 6. Platz geholt, bist mit der Mannschaft 2017 Mannschaftseuropameister U18 geworden und hast vor wenigen Tagen das GM-Turnier in Aarhus gewonnen. Für alle die Dich nicht kennen, stelle Dich bitte kurz vor.
Danke für die netten Worte in der Einleitung, viel mehr über mich kann ich garnicht nicht hinzufügen. Derzeit lebe ich in Hamburg und gehöre seit 2015 auch zur Bundesligamannschaft des Hamburger Schachklubs.
Das erste Mal für große Bekanntheit hast Du gesorgt, als Du 2015 den Schritt weg von der Schule, hin zum Profi gewagt hast. Kannst du den Lesern den Weg zu dieser Entscheidung erläutern und wie Du ihn jetzt, knapp 3 Jahre später, beurteilst.
Schach war seit der Einschulung bis in die Gymnasialzeit meine größte Leidenschaft und die Aktivität, für die ich am meisten Zeit aufbrachte. Mit meiner ersten IM-Norm bei der deutschen Einzelmeisterschaft 2014 und dem deutschen Meistertitel U16 im Folgejahr hatte ich einen Ausgangspunkt erhalten, um nach reichlicher Überlegung eine nicht alltägliche Entscheidung zu treffen: Die Schule zu verlassen und Schach zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen. Zusammen mit dem Umzug von Bremen nach Hamburg gewann ich dadurch viele Freiheiten und habe seitdem drei ereignisreiche Jahre mit einigen Erfolgen erlebt. Dabei fand ich zahlreiche Unterstützer, allen voran meinen Trainer, Manager, und WG-Mitbewohner Jonathan Carlstedt. Zur Zeit verläuft das Profischachspieler-Dasein wie erhofft, doch mit zahlreichen anstehenden Turnieren und weiteren Projekten scheint es mir zu früh, ein endgültiges Urteil über meine Entscheidung zu treffen.
Inzwischen bist Du also Großmeister, kannst Du Deinen Weg dorthin kurz beschreiben und was kannst Du jenen raten, die es Dir gleichtun wollen?
Das Erreichen des Großmeistertitels war für mich das Ergebnis einer allmählichen Spielstärkesteigerung über mehrere Jahre, die auch mit Rückschlägen verbunden war. Ab 2014 bekam ich die Gelegenheit, im Turnierschach immer regelmäßiger gegen starke Titelträger anzutreten und konnte mich durch einen Mix von Praxis, sorgfältiger Partieanalyse und der ständigen Beschäftigung mit Schach dem Großmeisterniveau annähern. Meine Normen erzielte ich zunächst durch die gezielte Teilnahme an GM-Rundenturnieren, die erste mit dem Sieg 2016 im lettischen Jurmala, die zweite ein ganzes Jahr später in Budapest. Letzte Etappe zum Titel war dann das ungarische Zalakaros-Open im Mai 2017. Für die Erfüllung des IM- oder GM-Titels fehlt mir ein allgemeiner Ratschlag, denn der Weg führt meist über großen Zeitaufwand und andauernde Begeisterung für das Spiel. Neben den erforderlichen Turnierteilnahmen, Analyse der eigenen Partien und Eröffnungsvorbereitung sollte jeder Spieler die für sich effektivste Trainingsroutine finden und sich auf möglichst vielseitige Weise mit allen wichtigen Bereichen des Turnierschachs auseinandersetzen.
Du kommst gerade mit einem Turniersieg in Aarhus und einer Leistung von fast 2700 zurück nach Deutschland. Ist das Dein bisher größter Erfolg?
Es kam für mich sehr unerwartet, dass ich gerade in diesem Feld mit vielen jungen Normenjägern meine bisher höchste Elo-Performance erzielen konnte. Von der schachlichen Qualität würde ich aber andere Turniere höher einstufen, zum Beispiel meine Teilnahme an der Jugend-WM 2016.
Gerade hast Du Deine Internetseite www.gm-dmitrijkollars.de veröffentlicht. Kannst Du die Seite kurz vorstellen, was erwartet die Besucher Deiner Seite?
Auf meiner neuen Internetseite berichte ich über meine Turniererfahrungen, informiere über weitere Aktivitäten rund ums Schach, gebe meine bisherige Laufbahn wieder und biete einen Ausblick auf kommende Veranstaltungen. Daneben nutze ich die Seite auch, um Einzel- und Gruppentraining anzubieten.
Deine „Live-Elo“ liegt derzeit bei ca. 2535, damit bist du ungefähr die Nummer 30 in Deutschland. Was sind allgemein Deine weiteren Ziele und konkret Deine nächsten Turniere und Projekte?
Als nächstes nehme ich am stark besetzten Grenke-Open und dann am Mitropa-Cup teil. Außerdem schreibe ich zusammen mit Jonathan Carlstedt derzeit ein Lehr- und Trainingsbuch für ambitionierte Turnierspieler und Titelaspiranten, in dem wir die nützlichsten Erkenntnisse aus Jonathans langjähriger Trainer-Erfahrung und meinem Weg zum GM-Titel zusammenführen. Währenddessen arbeite ich hauptsächlich daran, selbst ein besserer Spieler zu werden, denn das ist für mich Grundvoraussetzung, um Schach weiterhin professionell zu betreiben.

Dmitrij, vielen Dank für das Gespräch!

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 22971

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