† Joachim Fleischer

9. Juli 2026

Joachim Fleischer (* 26.06.1935; † 04.07.2026)

Joachim Fleischer ist am vergangenen Samstag, den 4. Juli 2026, im Alter von 91 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutsche Schachwelt eine ihrer prägendsten und zugleich stillsten Persönlichkeiten – einen Mann, der über Jahrzehnte hinweg dafür sorgte, dass Zehntausende Schachspielerinnen und Schachspieler in Deutschland eine korrekte und verlässliche Deutsche Wertungszahl (DWZ) erhielten.

Vom Osten in den Westen

Joachim Fleischer wurde am 26. Juni 1935 im sachsen-anhaltischen Vockerode geboren und wuchs bei seiner Mutter im nahen Dessau auf, wo er als Kind das Kriegsende und die dortigen Bombenangriffe miterlebte. Kurz vor dem Mauerbau 1961 floh die Familie in den Westen. Weder in Frankfurt am Main noch in München fand man eine neue Heimat, ehe die Familie schließlich in Köln unterkam. Ab 1975 wurde Lohmar bei Köln zum dauerhaften Lebensmittelpunkt der Familie. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur fand in Köln eine Anstellung bei Klöckner-Humboldt-Deutz, der heutigen Deutz AG, der er bis zu seiner Rente 1995 treu blieb.

Aufbauarbeit bei den Schachfreunden Lohmar

Im örtlichen Verein, den Schachfreunden Lohmar 1974, engagierte sich Fleischer bald weit über das Brett hinaus. Von 1993 bis 1999 war er Vorsitzender des Vereins und legte damit den Grundstein für einen bemerkenswerten sportlichen Aufschwung: Mit Udo Käser als Trainer gewann der Klub in den 1990er Jahren zahlreiche starke Spieler hinzu, sodass die erste Mannschaft von 2004 bis 2006 sogar in der 2. Bundesliga antrat – organisiert und als Mannschaftsführer betreut von Fleischer selbst. Auch der Umzug des Vereins in sein bis heute genutztes Domizil, die Villa Friedlinde, geht auf sein Wirken zurück. Bis 2015 blieb er dem Verein als Turnierleiter, Mannschaftsführer und Ehrenvorsitzender eng verbunden; noch im hohen Alter unterstützte er Turniere wie das Lohmarer Schach-Open, obwohl er selbst längst nicht mehr aktiv spielte.

Aufstieg zum „Herrn der Wertungszahlen"

Tagung der Wertungskommission 2014 in Kassel: Links mit dem Gesicht zur Kamera Joachim Fleischer

Den Grundstein für sein eigentliches Lebenswerk legte Fleischer 1992, als er im Schachbezirk Bonn/Rhein-Sieg – wo er zuvor bereits als Spielleiter für Einzelturniere und Mitglied des Spielausschusses tätig gewesen war – das verwaiste Amt des DWZ-Referenten übernahm. Seine akribische, zuverlässige Arbeitsweise blieb nicht unbemerkt: Bald wertete er auch Turniere auf Mittelrhein-Ebene aus, anschließend ganz Nordrhein-Westfalen, wo er von 1998 bis 2005 als Wertungsreferent des Landesverbandes wirkte.

Der entscheidende Wendepunkt kam am 15. Mai 1999 beim Bundeskongress des Deutschen Schachbundes in Monschau. Fleischer stand ursprünglich gar nicht zur Wahl als Referent für Wertungen – erst als der eigentliche Kandidat in der geheimen Abstimmung durchfiel, ließ er sich spontan aufstellen und wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt. Es begann eine zehnjährige Amtszeit, die ihresgleichen sucht: Michael S. Langer, der spätere Vizepräsident Finanzen des DSB, erinnert sich an einen „verlässlichen Partner in der Wertungskommission". Sein Nachfolger Andreas Filmann, heute Präsident des Hessischen Schachverbandes, würdigte die Zusammenarbeit als „stets angenehm" und hob Fleischers „unermüdlichen Arbeitseinsatz" hervor.

Im Februar 2009 verkündete Fleischer bei der Tagung der Wertungskommission in Kassel seinen Rückzug vom Amt des Wertungsreferenten. Doch Ruhestand bedeutete das nicht: Mangels Alternative übernahm er die Betreuung der Zentralen Wertungsdatenbank (ZDB) und widmete sich mit wachsender Intensität der Auswertung ausländischer Turniere für die DWZ – ein Bereich, den zuvor der Dresdner Werner Schreyer begründet hatte. Wo 1999/2000 gerade einmal 19 Auslandsturniere pro Jahr erfasst wurden, waren es unter Fleischer zeitweise über 700 jährlich; von Januar 2011 bis zu seinem endgültigen Abschied im April 2023 wertete er fast 6.600 ausländische Turniere aus. Berthold Plischke, seit 2012 in der DSB-Wertungskommission aktiv, brachte es zu Fleischers 90. Geburtstag im letzten Jahr auf den Punkt: „Du warst und bleibst eine Säule des DWZ-Systems."

Anerkennung und Menschlichkeit

Joachim Fleischer und Michael S. Langer beim DSB-Hauptausschuss am 31. Mai 2014 in Frankfurt/Main

Für sein Lebenswerk wurde Joachim Fleischer 2014 mit der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Schachbundes ausgezeichnet; die Laudatio hielt Michael S. Langer, der ihn dabei als „Herrn der Wertungszahlen" bezeichnete. Auf allen Ebenen, denen er diente – im Schachbezirk Bonn/Rhein-Sieg, im Schachverband Mittelrhein, bei den Schachfreunden Lohmar –, wurde er zum Dank für seine Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt. Sein letztes Amt, das des DWZ-Referenten im Mittelrhein, gab er 2018 ab.

Wegbegleiter erinnern sich nicht nur an seine fachliche Zuverlässigkeit, sondern auch an seine menschliche Seite. Uwe Bade, der von 1996 bis 2008 als Referent für Systemkontrolle mit ihm zusammenarbeitete, beschreibt eine „menschlich und fachlich sehr angenehme Zusammenarbeit", geprägt von gegenseitiger Achtung, und lobte Fleischers Ruhe und Übersicht in hitzigen Diskussionen. Auch Vereinskollegen wie Jörg Rettke und Uwe Rokitta zeichnen das Bild eines fairen, hilfsbereiten und humorvollen Menschen: Ein spontaner Anruf genügte, und Fleischer war binnen Minuten zur Stelle, um etwa eine Mitgliederversammlung zu retten.

Familie und Abschied

Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2017 lebte Joachim Fleischer mit seinem Sohn Uwe – der selbst zeitweise als Wertungsreferent tätig war – in Lohmar. Eine Tochter lebt in Siegburg, ein weiterer Sohn, Frank, war bis 1992 Mitglied der Schachfreunde Lohmar. Im Juni 2025 konnte Fleischer noch seinen 90. Geburtstag feiern; die Glückwünsche aus der gesamten deutschen Schachwelt ließen erkennen, wie sehr er über seinen Heimatverein hinaus geschätzt wurde.

Sven-Holger Akstinat, sein Nachfolger als Vorsitzender der Schachfreunde Lohmar, fasste sein Wirken treffend zusammen: Fleischer sei „weit und breit eine Institution aus dem kleinen Ort Lohmar bei Köln" gewesen – einer, der immer alles richtig machen wollte, damit jeder Spieler seine korrekte Wertungszahl erhält.

Mit Joachim Fleischer verabschiedet sich die deutsche Schachfamilie von einem Mann, der über mehr als drei Jahrzehnte hinweg im Hintergrund dafür sorgte, dass der Schachsport in Deutschland auf einem fairen und verlässlichen Zahlenfundament stehen konnte. Er ruhe in Frieden.

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11764

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