[Event "Kaderchallenge 2021"] [Site "?"] [Date "2021.04.05"] [Round "1"] [White "Svane, Frederik"] [Black "Bluebaum, Matthias"] [Result "1-0"] [ECO "A34"] [WhiteElo "2421"] [BlackElo "2670"] [Annotator "Kevin Hoegy"] [PlyCount "97"] [SourceDate "2021.04.05"] [SourceVersionDate "2021.04.05"] {Als Nachrücker für Vincent Keymer noch kurzfristig ins Turnier gerutscht, waren sicherlich viele Beobachter gespannt darauf zu sehen, wie sich unser amtierender U16-Weltmeister Frederik Svane im Feld der deutschen Großmeister der Extraklasse schlagen würde. Die Auslosung war dann vielleicht auch denkbar ungnädig: Weiß, na gut, das konnte schon mal nicht schaden. Aber zum Auftakt gleich gegen das Elo-Schwergewicht Matthias Blübaum, die aktuelle deutsche Nr. 1? Klar, leichte Gegner würde es sowieso nicht geben, aber wenn es einer Standortbestimmung bedarf, musste es dann gleich der Spieler mit der höchsten Elo als Auftaktgegner sein? Ich jedenfalls war gespannt, was Frederik gegen Matthias' Franzosen machen würde. Gerade in Onlinepartien mit verkürzter Bedenkzeit hatte Matthias zuletzt gezeigt, dass er auch Weltklassegroßmeister mit Schwarz schlagen kann. Was würde Frederik also aus seinem 1.e4 Aufschlag machen?} 1. Nf3 {Ah ja! Kein 1.e4 - das kam überraschend. Denn Frederik ist ein konsequenter Verfechter des Eröffnungszugs mit dem Königsbauern. Best by test! Mal sehen, welches Gericht die Lübecker Eröffnungsküche uns auftischen möchte.} Nf6 2. g3 c5 3. Bg2 Nc6 4. c4 d5 $5 {Kämpferisch - und warum auch nicht? Schwarz möchte gegen die Nr. 10 des Feldes natürlich auf Gewinn spielen, wer könnte es ihm verdenken? Mit dem Partiezug bekommen wir praktisch einen Sizilianer mit vertauschten Farben, um genauer zu sein, einen beschleunigten Drachen bzw. eine Maroczy-Struktur (sobald Schwarz den e-Bauern nach e5 zieht und damit raumgreifend das Zentrum besetzt). Das ist häufig recht unangenehm, weil Weiß gegen die Bauern auf c5 und e5 ein wenig die zentralen Breaks und damit das Gegenspiel fehlt.} 5. cxd5 Nxd5 6. Nc3 Nc7 $1 {Was auf den ersten Blick seltsam wirkt, ist eigentlich ganz logisch. Schwarz will um jeden Preis alle Figuren auf dem Brett behalten. Warum? Wie bereits angerissen möchte Schwarz noch ...e5 folgen lassen. Dann besitzt Schwarz großen Raumvorteil. Und gemäß der Grundregel soll man bei Raumvorteil keine Figuren tauschen, denn die Seite mit weniger Raum hat auf beengter Stelle gewisse Probleme, die vielen Figuren vernünftig zu koordinieren. Da würde Entlastung durch Abtausch guttun. Und genau dagegen richtet sich dieser freiwillige Rückzug.} 7. d3 e5 8. Nd2 $5 {Ob der große, ja gar weltberühmte englische Dichter und Dramatiker William Shakespeare ein guter Schachspieler war, weiß ich nicht. Auch konnte ich nichts darüber herausfinden und in Erfahrung bringen, ob sein König Richard der Dritte aus der gleichnamigen Tragödie über Kenntnisse des königlichen Spiels verfügte. In diesem Stück muss König Richard den Verlust seiner Truppen und obendrein seines geliebten Rosses verkraften. Über das Schlachtfeld der Niederlage schreitend schreit er in der Hoffnung, noch rechtzeitig die Flucht ergreifen zu können, den legendären und uns heute noch sehr gut bekannten Ausspruch: "Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!" Doch dieser fromme Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Graf Heinrich von Richmond spürt ihn auf und besiegt ihn im Duell und beendet so den Krieg der Königshäuser Lancaster und York. Auch im Schach stellt sich häufig die Frage, wie wertvoll uns unsere Pferde eigentlich sind und was wir für sie bereit wären zu geben. Ein ganzes Königreich? Zwei? Wenigstens einen Läufer, gar einen Fianchettoläufer? Mit dem letzten Zug stellt Frederik nämlich genau diese Frage, die sicherlich im Schach Gegenstand einer jahrhundertelangen Debatte ist, in den Raum. Was Weiß plant, ist das vermessen erscheinende, gar frevelhafte 9.Lxc6+ und damit nicht nur die Aufgabe des Läuferpaars, sondern umso mehr seines wunderbaren Fianchettoläufers. Als Gegenleistung stellen sich freilich verdoppelte schwarze c-Bauern ein. Doch: Kann das alles gut sein?} (8. O-O {ist zwar der Hauptzug, aber Frederiks Zug gefällt mir viel besser, weil er die Stellung des Königs nicht zu früh festlegt. Warum das hilfreich sein kann, ist in der Partie erläutert}) 8... Be7 {Matthias wird sicherlich klar gewesen sein, dass es nun auf c6 scheppern könnte. Ich gehe schwer davon aus, dass er das in Kauf genommen hat, denn wenn man mit Schwarz gewinnen möchte, wird es ohne gewisses Risiko gegen einen aufstrebenden jungen Spieler wie Frederik in einer solch soliden Struktur auch schwierig. Von daher waren vermutlich beide Seiten mit dem Ausgang der Eröffnung bis hierhin durchaus zufrieden. Zumal: Wenn Weiß sich nicht "traut", auf c6 zu schlagen, spielt Schwarz einfach ...Le6 und ...Dd7. Dann hat Schwarz alles erreicht, was er will und der Damenläufer stünde auf e6 deutlich aktiver als auf d7} (8... Bd7 {ist die Alternative und vielleicht solidere Wahl. Schwarz nimmt damit Lxc6 aus der Stellung, denn nun könnte Schwarz mit dem Läufer auf c6 wiederschlagen. Der Nachteil ist allerdings auch offensichtlich: Der ambitionierte Aufbau mit ...Le6 und ...Dd7 ist nicht mehr möglich. Weitergehen könnte es mit} 9. O-O Be7 10. Nc4 f6 { und nun das für diese Strukturen typische} 11. f4 $5 {, was die schwarze Struktur anknabbert und seinen fairen Anteil im Kampf um das Zentrum reklamiert. Die Stellung sollte sich ungefähr im Gleichgewicht befinden ½-½ (21) Karpov,A-Portisch,L Milan 1975}) 9. Nc4 f6 10. Bxc6+ $1 {Ein wunderbarer fantastabulöser Zug. Mir als altem Springerfreund geht da natürlich das Herz auf. Ich würde ohne Nachdenken mein Königreich für einen Springer geben. Kommt zu diesem Springer dann noch ein Doppelbauer auf Seiten des Gegners, ist das fast wie ein Sechser im Lotto! Aber Spaß bei Seite, der Abtausch hat nicht nur seine Berechtigung, sondern auch große Vorbilder. Klaus Bischoff sprach in der Live-Übertragung auf SchachdeutschlandTV schon davon, dass selbst prophylaktische Götter wie Weltmeister Tigran Petrosian sich schon auf c6 bedient hätten - und Recht hatte er. Er referiert dabei auf die Partie Petrosian-Schmidt von der Olympiade 1972 in Skopje. Dort standen zwar die schwarzen Bauern auf c7 und c6, aber das grundlegende Prinzip bleibt das Gleiche. Mit dem schwarzen Bauern bereits auf c5 erinnert das Schlagen auf c6 vielleicht eher an Smyslov-Lilienthal aus dem Kandidatenturnier 1950. Doch sei es drum, es bleibt die Frage, wie kann so etwas gut sein? Haben wir nicht mal gelernt, dass man Fianchettoläufer nicht abtauscht? Erst Recht nicht, wenn der Gegner noch den Weißfelder hat und das Matt gefühlt an jeder Ecke lauert? } bxc6 {Halten wir einfach mal kurz inne um zu schauen, was hier eigentlich gerade passiert ist. Nach dem Abtausch der Leichtfiguren hat Schwarz das Läuferpaar, aber Weiß hat zwei prachtvolle Springer auf der c-Linie. Diese können auch niemals nie nicht wieder vertrieben werden, weil es Schwarz an b- und d-Bauern mangelt. Somit stehen die Springer einfach bombensicher. Und nerven. Jeden Zug. Die ganze Zeit. Hinzu kommt, dass die schwarzen c-Bauern durchaus anfällig werden können. Die Nimzowitsch-Massage des c-Bauern mittels Le3 und Sa4 (oder ggf. e4) ist vielleicht dem ein oder anderen bekannt. Mittels Tc1 kann auch noch weiter Feuerkraft gegen c5 aufgefahren werden. Auch fehlt es Schwarz an wirklich guten Bauernhebeln oder Durchbrüchen. Die c-Bauern sind blockiert und auch ...e4 oder ...f5 sind erstmal unrealistisch. Aber das fast Wichtigste: Weil Weiß eben noch nicht rochiert hat, bringt ein Angriff a la ...h5-h4 auch nicht sonderlich viel. Im Gegenteil: Mit dem König auf g1 wäre das brandgefährlich. Mit dem König auf e1 , allerdings spielt Weiß in dieser Struktur einfach häufig f3 und Kf2. Das hat den Vorteil, dass man der Capablanca-Regel genüge tut (bei nur noch einem vorhandenen Läufer die Bauern auf die andere Felderfarbe stellen), sondern auch, dass der weiße König auf f2 sicherer steht als auf g1. Ich bin sicherlich befangen und hätte hier lieber Weiß. Aber die Statistik zu dieser Stellung sagt: Sieben Siege hüben wie drüben bei vielen Remis - und Weiß war im Schnitt der um 20 Punkte höher dotierte Spieler. Also: Alles ok für Schwarz?} 11. Be3 O-O 12. Qa4 $5 {Der Auftakt zu einer strategisch starken Idee. Weiß will den Damentausch forcieren und greift daher munter die wackligen schwarzen c-Bauern an. Ohne die Damen verliert Schwarz die Möglichkeit, dynamisch Gegenspiel aufzuziehen, vor allem in Form eines Königsangriffs auf den weißen Monarchen. Ohne Damen werden die statischen Faktoren einer Stellung wichtiger. Und hier schlagen nun bei Schwarz die Doppelbauern böse ins Kontor: Die weißen Springer sind ein mächtiges statisches Pfund.} Bd7 13. Qa5 {Nun hängt c5 und Matthias bleibt nichts anderes übrig, als die Damen vom Tisch zu nehmen} Nd5 14. Qxd8 Rfxd8 15. Bd2 {Sehr vernünftig, sehr klassisch - Frederik verfügt halt nicht nur über eine gute schachliche Ausbildung, sondern auch über ein gutes Gespür. Natürlich treibt man es in der Regel nicht soweit, mit zwei Springern gegen zwei Läufer zu spielen. Von daher: Einen Läufer behalten und die restlichen Bauern auf die entgegengesetzte Farbe stellen, um den fehlenden Läufer zu "imitieren" - und dann mal schauen, was die Springer so anrichten können. Der Läufer wird früher oder später wieder auf die Diagonale g1-c5 zurückkehren können, um den schwarzen c5-Bauern aufs Korn nehmen zu können} (15. Rc1 $5 {wäre hingegen recht frech. Nach} Nxe3 16. Nxe3 $16 {ist es klar, dass Weiß den c5-Bauern gewinnen wird. Gegen Züge wie b3 und Sa4 gefolgt von Sxc5 ist im Prinzip kein Kraut gewachsen. Doch mit jedem Bauern, der verloren geht, wird die Stellung auch ein wenig offener für das Läuferpaar. Und die Verwertung schwieriger. Aus praktischer Sicht gefällt mir daher der Partiezug bedeutend besser als diese gierige Alternative}) 15... Nb6 {Matthias würde natürlich gerne sehen, dass Weiß ihm die Bauernstruktur repariert, doch diesen Gefallen macht Frederik ihm nicht} 16. b3 {Läufer schwarz, Bauern weiß - das passt} Be6 17. f3 $1 {Mehr Bauern auf weiße Felder! Wer oben angesprochene Petrosjan-Partie kennt (oder nachspielen möchte: https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1106948), für den ist dieser Zug keine Überraschung. Der König bekommt ein Feld auf f2 und der eigene Läufer wird "besser", weil weniger der eigenen Bauern ihn bzw. sein Sichtfeld blockieren} Rac8 18. g4 $5 {Konsequent der Capablanca-Regel folgend stellt Frederik seine Bauern nach und nach auf weiße Felder. Die letzten beiden Züge sollen dem Sc3 ein sicheres Plätzchen auf e4 sichern. Doch dagegen wehrt sich Matthias nun} ({Einer der vielen tausend Gründe, warum die 18 Personen, die an der Kaderchallenge teilnehmen, dort spielen und ich nicht, liegt daran, dass sie einfach nicht so gierig sind. Instinktiv fragte ich mich zumindest, warum man nicht mittels} 18. Nb2 f5 19. Rc1 Rd7 20. Nca4 $2 {sich auf den c5-Bauern stürzen könnte. Denn dieser scheint ziemlich leichte Beute. Doch aufgepasst! Nun würde passieren, worauf die Läuferpaar-Partei die ganze Partie lang gewartet hat: Eine Möglichkeit, die Stellung (notfalls unter Bauernopfer) für das Läuferpaar zu öffnen} Nxa4 21. Nxa4 e4 $1 $132 {und plötzlich öffnen sich viele Zentrallinien und die Läufer erwachen aus ihrem Dornröschenschlaf. Die Kontrolle, die Weiß vor wenigen Züge noch hatte, ist dahin. Und die schwarzen Chancen wären nicht minder gering als die des Anziehenden. Genau hierauf gilt es zu achten, wenn man gegen das Läuferpaar spielt: Nicht zulassen, dass die Läufer die Dynamik an sich reißen können. Kontrolle behalten. Und nicht zu früh den Korken aus der Flasche lassen!}) 18... g6 19. h4 {Nun möchte Weiß auch noch h5 spielen und die weißen Felder noch mehr unter Kontrolle bringen} ({Gefühlt hätte mir das prophylaktische und das Feld e4 für den Springer sichernde} 19. Rg1 $5 {sehr gut gefallen, weil es dem Zug ...f6-f5 die Attraktivität nimmt, da dann sofort der Turm g1 durch Abtausch der g-Bauern ins Spiel kommen würde.} Kf7 20. Ne4 $16 {Weiß droht Le3 und es ist nicht klar, wie Schwarz den Laden zusammenhalten soll}) 19... h5 {Matthias stemmt sich gegen den positionellen Klammergriff. Doch von hier an wird seine Stellung Schritt für Schritt unangenehmer. Schön ist sie vermutlich schon länger nicht mehr seit dem Damentausch. Aber so richtig klar, wo es schief gegangen ist, ist es nicht. Es ist eher so, wie wenn man auf die schiefe Bahn gerät. Du gerätst ins Rutschen und kannst irgendwann einfach nichts mehr dagegen machen. Du siehst das Ende auf dich zukommen, kannst die Richtung aber nicht mehr ändern, geschweige denn bremsen. Was aber klar ist: Weiß spielt mit mächtig Druck auf dem Kessel und mit jedem Zug zieht Frederik die Daumenschrauben weiter an. Da kommt auch ein positionell so starker Spieler wie Matthias Blübaum ins Schwimmen} 20. g5 Nxc4 {was sonst? Irgendwie musste sich Schwarz ja die Bauernstruktur intakt halten} 21. bxc4 {Zuerst habe ich diesen Zug nicht wirklich verstehen können. Denn intuitiv hätte ich eher mit dem d-Bauern dort genommen. Dann hätte man mit Sa4 und Le3 locker den c5-er abholen können und anschließend auf der d-Linie alle Türme getauscht und das Endspiel gewonnen. So weit so gut, oder? Vermutlich hatte Frederik aber auch mit dieser Entscheidung, lieber den b- statt den d-Bauern zu nehmen, Recht.} ( 21. dxc4 f5 22. Be3 {Der Computer mag es zwar nicht sonderlich, aber angenommen, Schwarz würde hier das prosaische} Rd4 $5 {entkorken, dann kann ich sehr wohl verstehen, warum Frederik lieber bxc4 gespielt hat. Diese Qualität zu nehmen bedeutet zumindest (abseits der objektiven Stärke des Zugs), dass sich die Richtung und die Erzählung der Partie drastisch ändern würde. Von "Weiß steht strukturell klar besser und Schwarz hat kaum Gegenspiel" hin zu "Schwarz hat gute Kompensation für die Qualität in Form des Läuferpaars und mächtigen Zentrumsbauern". Das möchte man nicht unbedingt sehen, weil es sich nicht mehr so leicht "auf ein Tor" spielen lässt.} 23. Bxd4 cxd4 $44 {Hier kann alles passieren. Und sind wir ehrlich: Die schwarzen Züge ...La3, vielleicht ...c5 und ...e4 gehen vergleichsweise leicht von der Hand. Aber was macht Weiß hier eigentlich? Richtig ansprechend sieht das als Weißspieler nicht aus}) 21... f5 22. Be3 $1 {Und nun wird die Schwäche auf c5 anvisiert. Es droht Sa4} Rb8 {Matthias besetzt die b-Linie und hofft darauf, dass er dort Gegenspiel finden wird für den Fall, dass sich Frederik sofort auf c5 bedient. Doch weit gefehlt - der Lübecker hatte den Braten gerochen} 23. O-O-O $5 { Wie frech ist das denn! Das habe ich ganz und gar nicht kommen sehen. Aber es ergibt wunderbar Sinn. Das Abholen des c5-Bauern mit Sa4 hat keine Eile, das kann man auch später noch machen. Wichtiger ist es erstmal, das Gegenspiel über die b-Linie zu verhindern. Der König deckt von hier aus b2 und Weiß möchte schlicht mit Kc2 gefolgt von Tb1 die Türme tauschen. Und erst dann sich auf c5 bedienen. Ziemlich abgezockt} ({Offensichtlich ist, dass Weiß nach } 23. Na4 {den Bauern gewinnen wird. Doch Schwarz erhielte nach} Rb4 24. Nxc5 Kf7 {zumindest gewisse Kombination in Form der Kontrolle der b-Linie, denn ... Tbd8 folgt}) 23... Rb4 24. Kc2 f4 25. Bf2 Bf5 {Matthias macht das gut, er fummelt, wo es nur geht. Nun droht ...Txc4 mit Bauerngewinn. Und... was macht man dagegen eigentlich?} 26. a3 $1 {Klar, man gibt den Bauern einfach. Wenn man es gesehen hat, ist a3 ein bärenstarker Zug. Aber das Konzept, dass der auf c4 schlagende Turm kein Fluchtfeld mehr hat und von dort nicht mehr entkommen kann, ohne verloren zu gehen, das muss man eben auch erst einmal sehen. Und richtig einschätzen. Beeindruckend.} Rxc4 27. Rb1 $3 {Frederik spielt einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Das Besetzen der b-Linie ergibt natürlich unter "normalen" Umständen Sinn. Siebte Reihe und so. Aber in Verbindung mit dem c4-Bauernopfer und dem eingesperrten Turm auf c4 ist das schon ein kühnes Konzept, das aber lückenlos korrekt ist. Es fällt mir schwer zu glauben, dass man mit Weiß seit dem Damentausch hätte besser spielen können.} ({Ich alter Mann ging während der Übertragung wie auch Klaus Bischoff davon aus, dass die taktische Rechtfertigung für a2-a3 wohl in diesem Zug liegen müsste. Immerhin gewinnt Weiß nun die Qualität. Doch die taktische Riposte} 27. Kb3 $2 Rb8+ $1 28. Kxc4 $4 Be6+ {hätte keine Parade mehr erlaubt! Weiß ist zwar nicht matt, wäre es vielleicht aber lieber. Denn nach den einzigen Zügen} 29. Nd5 cxd5+ 30. Kc3 d4+ 31. Kd2 Rb2+ 32. Ke1 c4 $1 33. dxc4 Bxa3 $19 {liegt die weiße Stellung in Schutt und Asche. Schwarz sammelt noch den c-Bauern ein und wird mit dem a-Bauern früher oder später das Rennen machen. Das wäre ein Turnaround gewesen!}) 27... Rd7 28. Rb8+ Kf7 29. Rhb1 Rcd4 {Matthias entschließt sich, die Qualität gleich zu geben. Aber die Stellung liegt bereits in ihren Trümmern, denn dank der Verdopplung auf der b-Linie kann Frederik auch gleich noch eine alte russische Regel in die Tat umsetzen. Nämlich dass man als Doppelturmpartei beim Spiel mit Türmen gegen Turm und Leichtfigur(en) das letzte gegnerische Turmpaar abtauschen soll, damit die Koordination der gegnerischen Figuren gestört wird und man nicht selbst auf zwei Figuren sitzen bleibt, die die gleichen Zugfertigkeiten haben (ein ähnliches Problem der überflüssigen Figur ist der zweite Springer in Sveshnikov-artigen Bauernstrukturen - denn sobald ein weißer Springer auf d5 steht, weiß der zweite nicht, wohin er soll)} 30. Bxd4 cxd4 31. Na4 Bxa3 32. R1b7 $1 {und da wird der letzte Turm von Schwarz getauscht. Gute Technik} a5 33. Nb6 Rxb7 34. Rxb7+ Ke6 {Auf dem Papier hat Schwarz mehr als ausreichendes Material. Doch die Bauern auf a5 und c6 sind so schwach, dass sie alsbald verloren gehen. Und auch der schwarze g6-Bauer neigt zur Schwäche. So ist es nicht verwunderlich, dass Weiß nach und nach die schwarzen Bauern einsammelt.} 35. Nc4 Bb4 36. Kd1 $1 {Bloß kein ...Le1 mit Angriff auf h4 zulassen} Kd5 37. Rb8 Be6 38. Ra8 Kc5 39. Nxa5 Bf7 40. Nc4 $1 Kd5 (40... Bxc4 {hilft ebenso nicht mehr, da nach} 41. dxc4 Kxc4 42. Rg8 $18 {Weiß den g-Bauern gewinnt und damit die Partie}) 41. Rb8 Bc5 42. Ra8 Bb4 43. Rc8 Bc5 44. Na5 Bb6 45. Nxc6 Kd6 46. Nb4 Bb3+ 47. Nc2 Bc5 48. Rb8 Ba4 49. Rg8 {Und Schwarz hatte genug gesehen. Was soll man sagen? Eine absolute Glanzpartie von Frederik! Das war von vorne bis hinten ein richtig starker Vortrag, da gibts wenig bis nichts zu meckern oder zu mäkeln. Wer demnächst Musterpartien zu dem Lxc6-Motiv sucht, wird diese Partie als Referenz nehmen können, wie man mit Weiß spielen sollte. Da muss sich Matthias auch gar keinen Vorwurf machen. Wir haben ja gesehen, wie kreativ er versucht hat, sich zu wehren und Weiß das Leben schwer zu machen. Aber nach der Eröffnung kam er auf die schiefe Bahn und fand danach keine Möglichkeit mehr, seine statischen Schwächen durch dynamisches Gegenspiel zu kompensieren. Das passiert und ist kein Beinbruch, wissen wir doch alle, wie stark er ist. Wir dürfen aber gespannt darauf sein, wem der frech und frisch aufspielende Lübecker vielleicht das nächste Bein stellt.} 1-0