[Event "Kaderchallenge 2021"] [Site "?"] [Date "2021.04.06"] [Round "2"] [White "Pähtz, Elisabeth"] [Black "Heinemann, Josefine"] [Result "1/2-1/2"] [ECO "A33"] [WhiteElo "2467"] [BlackElo "2296"] [Annotator "Kevin Hoegy"] [PlyCount "105"] [SourceDate "2021.04.05"] [SourceVersionDate "2021.04.05"] 1. Nf3 c5 2. c4 Nc6 3. d4 {Elisabeth entscheidet sich dafür, auf den Spuren des legendären Viktor Kortschnoi zu wandeln. Der spätere Wahlschweizer und Vize-Weltmeister gehört zusammen mit Paul Keres wohl zum Kreis der Spieler, bei denen es nahezu unverständlich ist, dass Caissa ihnen nicht im rechten Moment einmal zulächelte, um ihnen weltmeisterliche Würden zu verleihen. Viktor der Schreckliche, wie er gern ein wenig schelmisch, wenngleich anerkenned genannt wurde, war ein großer Verfechter dieser Spielweise und konnte aus dieser Stellung viele großartige und instruktive Siege erringen. Weiß öffnet mit 3.d4 das Zentrum, entfernt den lästigen schwarzen Bauern von der vierten Reihe und bringt den eigenen Springer ins Zentrum. Ziel der ganzen Übung ist es, den Nachziehenden nach Möglichkeit auf drei Reihen festzunageln und dann auf den eigenen Raumvorteil zu pochen.} ({In der Partie des gestrigen Tages zwischen Frederik Svane und Matthias Blübaum sahen wir} 3. g3 Nf6 4. Bg2 d5 {, wonach sich Schwarz den Raum im Zentrum unter den Nagel gerissen hatte - wenngleich das nicht gut für die deutsche Nr. 1 ausging.} 5. cxd5 Nxd5 6. Nc3 Nc7 7. d3 e5 8. Nd2 Be7 9. Nc4 f6 {und hier entkorkte Frederik das interessante} 10. Bxc6+ {Der Rest der Partie ist kurz erzählt: Die Lübecker Nachwuchshoffnung führte eine strategische Glanzpartie aus einem Guss zum Sieg}) 3... cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 {Nun steht Schwarz vor der Frage, wie sie sich im Zentrum denn aufzubauen gedenkt.} e6 {Die solide Wahl. Schwarz droht mit der Möglichkeit, ...Lb4 zu spielen und möchte so die Weißspielerin davon abhalten, mittels e2-e4 das Zentrum zu besetzen. Was also tun? Viktor Kortschoi hat hier bereits so ziemlich jeden legalen Zug gespielt - und das auch in aller Regel extrem erfolgreich. Wir schauen uns am besten kurz ein paar der Hauptideen an, um ein wenig mehr in die Stellung eintauchen zu können} ({Mit} 5... d6 6. e4 {entern wir sizilianische Gewässer. Die Vor- und Nachteile der Maroczy-Struktur erläuterten wir dabei ja gestern bereits. Eine bekannte und auch heutzutage durchaus häufiger diskutierte Variante entsteht nach den Zügen} g6 7. Be2 Nxd4 8. Qxd4 Bg7 9. Be3 O-O 10. Qd2 $14 { Weiß hat Raumvorteil und das angenehmere Spiel, das ist schon unter anderem seit ½-½ (79) Fischer,R-Reshevsky,S Los Angeles 1961 bekannt. Dennoch: Schwarz hat bis auf den etwas knappen Raum keine Bauernschwächen, weshalb die schwarze Stellung völlig spielbar ist. Wenngleich es nicht jedermanns und jederfraus Geschmack sein Mag, sich mit drei Reihen begnügen zu müssen}) 6. a3 $5 {Vielleicht Kortschnois Lieblingszug. Weiß beharrt darauf, e2-e4 nach Belieben zu spielen, wenn es ihr in den Kram passt, ohne von der lästigen Fesselung geärgert zu werden} (6. g3 {Auch ein Favorit von Boris Gelfand. Mit dem Fianchetto des Königsläufers würde Weiß Druck gegen c6 machen und es so erschweren, die Entwicklung des Lc8 in die Tat umzusetzen. Denn sowohl ... b6 als auch ...d6 würden dann an Sxc6 scheitern. Schwarz wäre also zu Zugeständnissen in irgendeiner Art und Weise gezwungen} Qb6 7. Nb3 Ne5 { versucht, ganz konkret die Probleme zu lösen, indem Schwarz alles angreift, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Nach den Zügen} 8. e4 Bb4 9. Qe2 O-O 10. f4 Nc6 11. Be3 Qc7 12. Bg2 {stellt sich allerdings die Frage, ob Weiß seinen Raumvorteil konsolidieren kann oder ob er sich nicht vielleicht überdehnt hat und zu sehr in der Entwicklung zurückgeblieben ist. Interessant ist daher zum Beispiel das die Stellung öffnende} d5 $5 $13 { wie in 1-0 (35) Kortschnoj,V (2645)-Spassky,B (2610) Belgrade 1977, wobei unser Held der Variante hier natürlich auch siegreich hervorging}) (6. Ndb5 { Dieser Zug gehörte lange Zeit zu meinem eigenen Repertoire. Weiß möchte entweder direkt Sd6+ spielen oder gegebenenfalls mit Lf4 sogar das Feld c7 ins Visier nehmen. Nach} d5 7. Bf4 {bleibt Schwarz wenig übrig, um sich gegen Sc7+ zu verteidigen:} e5 8. cxd5 exf4 9. dxc6 bxc6 10. Qxd8+ Kxd8 11. Nd4 Kc7 12. g3 {Dieses Endspiel wurde schon diverse Male in der (Groß-)Meisterpraxis kommentiert. Wir sehen hier den klassischen Kampf zwischen dem Läuferpaar auf der einen Seite und Läufer und Springer auf der anderen Seite. Die Springerpartei pocht dabei auf die bessere Struktur (3 vs. 2 Bauerninseln) und den sichereren König, die Läuferpaarpartei auf die offene Stellung. Das vermutlich salomonische Urteil lautet aber wohl: Ausgeglichen! 1-0 (35) Kortschnoj,V (2600)-Portisch,L (2620) Bad Kissingen 1983}) ({Den Sinn des Partiezugs können wir nach} 6. e4 { erahnen, denn nach} Bb4 {ist die Fesselung des Sc3 lästig, da nun bereits der Bauer auf e4 hängt und Schwarz auch bereit stünde, mit ...d5 das Zentrum zu öffnen, um etwas aus ihrem Entwicklungsvorsprung zu machen}) 6... Bc5 7. Nc2 { Das ist allerdings nun ein wenig eigenwillig. Elisabeth hat ja eine gewisse Tendenz, eigene Wege in der Eröffnung zu gehen. Das passt auch zu ihrem kreativen, kämpferischen Stil und das macht eine ihrer vielen Stärken aus: Sie ist kaum ausrechenbar in der Eröffnung, was die Vorbereitung auf sie durch ihre Gegnerinnen merklich erschwert. Konkret bin ich mir aber gar nicht so sicher, ob ich den Springer auf c2 so gut finde. Denn eine richtige Perspektive hat er hier nicht. Spielt Weiß alsbald Le3, würde der Springer nach dem Abtausch der Läufer auf e3 stehen und schwarzes ...d5 verhindern, aber gleichzeitig durch den schwarzen e6-Bauern einigermaßen dominiert sein. Nur wo soll er sonst hin?} ({Der mit Abstand beliebteste Zug ist} 7. Nb3 { , was dem Läufer einen Tritt gibt. Danach muss zwar der Läufer wieder zurück, aber im Gegenzug steht der Springer auf b3 auch ein wenig im Abseits. Doch das hielt Kortschnoi selten davon ab, am Königsflügel Alarm zu schlagen. Man siehe beispielsweise seinen Sieg gegen eines der größten Schachtalente Ende des letzten Jahrtausends, den Franzosen Joel Lautier} Be7 8. e4 O-O 9. Be2 b6 10. f4 d6 11. Bf3 Bb7 12. Be3 Rc8 13. O-O Qc7 14. g4 {und Weiß gewann eine glänzende Partie in 1-0 (34) Kortschnoj,V (2630)-Lautier,J (2570) Manila 1990} ) 7... O-O {Das kann nicht falsch sein - Josefine bringt den König in Sicherheit und bleibt bezüglich ihrer Zentrumsformation flexibel} (7... d5 { Hätte mir auch gut gefallen. Schwarz sichert sich einen Halt im Zentrum und muss den isolierten Damenbauern nach} 8. cxd5 exd5 {auch gar nicht fürchten. Denn dafür steht der Springer auf c2 seltsam - der wäre auf f3 viel besser aufgehoben. Auch hat Schwarz dank der vielen weißen Springerzüge eine so gute Entwicklung, dass man als Nachziehende hier nicht schlecht stehen darf. Rochade, Läufer raus und dann vielleicht "normale Züge" wie ...a6, ...Dd6 und ...Lb6-c7 mit Angriff auf den vermutlich kurz rochierten, weißen König}) 8. b4 Bb6 {Sehr kämpferisch. Der Läufer bleibt auf der Diagonalen a8-g1 und behält weiterhin den weißen f2-Bauern im Blick. Das ist vor allem taktisch wichtig, weil es verhindert, dass der weiße Läufer auf g5 auftauchen und den Sf6 fesseln kann} 9. Bf4 {Elisabeth möchte den Läufer nach d6 stellen, wo er die schwarze Stellung vollkommen lähmen würde. Darauf lässt sich Josefine aber mit Recht nicht ein } (9. c5 $6 {sieht verlockend aus auf den ersten Blick, würde aber de facto nur Zeit vertändeln. Weiß muss endlich den König in Sicherheit bringen und das dauert noch ganze drei Züge. Daher sollte man auf solche Abenteuer verzichten und das Unverzichtbare, die Entwicklung(!), nachholen} Bc7 10. g3 b6 $1 $36 {Schwarz knabbert bereits die weiße Struktur an. Öffnet sich die Stellung, könnte der schwarze Entwicklungsvorsprung alsbald der entscheidende Stellungsfaktor werden. Die Eröffnung jedenfalls hätte für Schwarz nicht besser laufen können}) 9... e5 10. Bg3 {Ein Zug, wie er für Elisabeth typisch ist. Sie behält alle Figuren auf dem Tisch und sucht unter maximalen Verwicklungen den offenen Kampf. Mit dem Computer bewaffnet ist es natürlich leicht, nachzuweisen, dass hier vielleicht das vorsichtigere 10.Le3!? besser gewesen wäre. Aus praktischer Sicht hingegen ist es keine schlechte Wahl, denn falls Josefine hier auf den vollen Punkt gehen möchte, geht das nur unter der Prämisse, dass sie bereit ist, gegen die mit Abstand beste und erfolgreichste deutsche Spielerin der letzten Jahrzehnte Unmengen Material ins Geschäft zu stecken. Traut man sich das?} ({Nachdem Schwarz gerade freiwillig das Feld d5 geschwächt hat, wäre} 10. Be3 $5 {durchaus eine Überlegung wert. Denn beispielsweise nach} Bxe3 11. Nxe3 {hätte der Springer ein vernünftiges Feld gefunden, von dem aus er später weiter nach d5 gehen könnte. Weiß könnte zudem das Feld d5 weiter mit g3 und Lg2 unter Kontrolle nehmen und somit langfristig Vorteil reklamieren, wenn es Schwarz nicht sofort gelänge, Unordnung in die noch unterentwickelten weißen Reihen zu tragen. Beispielsweise mit} a5 $132) (10. Bg5 $4 {Positionell ergibt das viel Sinn. Denn Weiß würde liebend gerne das Feld d5 ausnutzen, weil dieser Vorposten nicht mehr von schwarzen Bauern beschützt werden kann. Dummerweise scheitert der Zug am plumpen wie thematischen Konter} Bxf2+ 11. Kxf2 Ng4+ $19 {Schwarz gewinnt die Figur durch den Abzugsangriff zurück und verbleibt mit einer Gewinnstellung, weil die weiße Struktur im Eimer ist und sie obendrein nicht mehr rochieren könnte}) 10... d6 {Der "Normalzug" - Schwarz ermöglicht die Entwicklung des Lc8 und überdeckt den e5 Bauern.} ({ Stärker, wenngleich viel komplizierter wäre das thematische, Sveshnikov-artige Bauernopfer} 10... d5 $1 {gewesen. Schwarz kann sich das leisten, weil - ich muss noch einmal darauf hinweisen - Weiß völlig unterentwickelt ist und zudem der Springer auf c2 einfach kaum eine Perspektive hat. Die schwarzen Figuren kommen nun allesamt mit Tempo ins Spiel und Bauern hüben wie drüben zählen nicht. Das mit Abstand wichtigste Stellungskriterium ist der auf e1 im Zentrum feststeckende weiße König. Wie schnell es mit der Stellung bergab gehen kann, sieht man, wenn man sich anschaut, was passiert, wenn Weiß nonchalant nun einfach mit dem Fressen von Bauern beginnt} 11. cxd5 (11. Nxd5 Nxd5 12. Qxd5 $2 {konsequent gierig, aber nach} (12. cxd5 Nd4 13. e3 {wäre womöglich das geringste Übel, wenngleich es einen nicht wundert, dass bei dieser Entwicklung einem schon taktische Tricks um die Ohren gehauen werden können} Bg4 $1 {das erzwingt f2-f3, wonach der Läufer auf b6 an Wirkungskraft gewinnt} 14. f3 Nxc2+ 15. Qxc2 Bd7 { e3-e4 möchte Weiß nun sicher nicht mehr spielen, weil es dann mit der kurzen Rochade gar nichts mehr werden würde. Und} 16. Bf2 Rc8 17. Qb2 Ba4 {würde Schwarz eine mächtige Initiative überlassen}) 12... Qe7 $1 $40 {drohen bereits ...Le6 und ...Td8, während der weiße König immer noch Ewigkeiten von der Rochade entfernt ist. Das kann niemals gut gehen}) 11... Nd4 12. Ne3 (12. Bxe5 $2 Nxc2+ 13. Qxc2 Bxf2+ 14. Kxf2 Ng4+ 15. Ke1 (15. Kg1 Qb6+ $19) 15... Nxe5 $17) 12... a5 13. b5 a4 $19) 11. e3 $1 {Nun kann endlich der Königsläufer ins Spiel miteingreifen und auch die Rochade rückt am Horiziont näher heran} (11. e4 $6 {Wäre antipositionell, weil es völlig unnötig ein riesiges Loch auf d4 zurücklassen würde. Zumal keine Notwendigkeit für diesen Zug besteht. Weiß kann auch zu jeder Zeit später e3-e4 ziehen, falls das mal notwendig sein sollte}) 11... Be6 12. Be2 Rc8 13. Bh4 {Positionell ergibt das sehr viel Sinn. Denn wie zuvor bereits erläutert, würde Weiß am Ende des Tages gerne das Feld d5 ausnutzen. Am besten in einem Szenario "guter Springer" vs. "schlechter Läufer", sprich weißer Sd5 gegen schwarzer Lb6. Um dieses Szenario wahr werden zu lassen, beginnt Elisabeth, ihre "überflüssigen" Figuren (ein Springer und das Läuferpaar" für die gegnerischen Figuren (Springerpaar und weißfeldriger Läufer) zu tauschen} Nb8 $6 {Positionell gesprochen ist der Zug absolut verständlich. Schwarz möchte unter Umständen bereit sein, den gefesselten Springer auf f6 mittels ...Sbd7 zu stützen. Konkret muss sich Weiß nun auch noch um c4 kümmern. Was also tun?} ({Stark wäre es gewesen, hier das listige} 13... h6 {einzustreuen. Nun droht ....g5! gefolgt on ...Se7, wonach der Befreiungsstoß ...d6-d5 nicht mehr zu verhindern wäre. Und dann würde wieder zu Tage treten, dass der vermaledeite Gaul auf c2 nicht gut steht. Der hätte nämlich kein Feld, wohin er gehen könnte. Und falls Weiß} 14. Bxf6 {spielz} Qxf6 {droht immer noch ...Se7 gefolgt von ...d6-d5, während man es sich wohl nie erlauben kann, auf d6 zuzugreifen. Man siehe:} 15. Qxd6 Rfd8 $1 {mit Damenfang!}) 14. Nd5 {Weiß nutzt sogleich die Chance, das wunderschöne Feld d5 zu besetzen. Es droht unter anderem ein Doppelbauer auf f6} Bxd5 {Dieser Zug löst das Problem auf f6 radikal} ({Listiger hingegen wäre vielleicht} 14... Nbd7 $5 {, denn nun droht ...Lxd5 cxd5 und ...Dc7!, wonach c2 hängt und ein Überfall auf der c-Linie auf der Agenda stände} 15. e4 (15. O-O $2 Bxd5 16. cxd5 Qc7 17. Rc1 Ne4 $1 $17 {und die schwarzen Figuren sind extrem aktiv}) 15... h6 16. Qd3 $14) 15. Bxf6 Qxf6 16. Qxd5 $16 {Positionell hat Elisabeth nun alles erreicht, was sie haben möchte. Das Feld d5 ist weiterhin schwach und auch das Problem mit der Entwicklung hat sie zufriedenstellend lösen können. Der schwarze Bauer auf d6 ist ein rückständiger Bauer auf der halboffenen d-Linie und kann leicht mit Zügen wie Td1 belagert werden, während schwarzes Gegenspiel erst einmal nicht in Sicht ist. Ein Spiel auf ein Tor also - was möchte man mehr?} Nc6 17. Rd1 Rfd8 18. O-O Qe6 19. Qb5 $1 {Weiß weicht dem Damentausch aus, damit sich die Nachziehende nicht mit dem befreienden ... d6-d5 ihrer Schwäche auf d6 entledigen kann. Die Alternativen wären grundfalsch} (19. Bf3 $2 Qxd5 20. Bxd5 {sieht auf den ersten Blick nicht so schlecht aus - der Läufer steht doch top auf d5. Oder etwa nicht? Tja, eher nicht, denn nach} Ne7 $1 {droht ...Sxd5!} 21. Bxb7 Rxc4 {und plötzlich bekäme die Schwarze mächtiges Gegenspiel entlang der c-Linie. Mal wieder auch, weil der Sc2 nicht gut steht. Sagte ich das bereits?}) (19. Qxe6 $2 { wäre auch keine gute Idee, denn nach} fxe6 {hat Weiß kein Feld auf d5 mehr für seine Leichtfiguren. Im Gegenteil, an einem guten Tag könnte Schwarz selbst zu ...d6-d5 greifen. In der Zwischenzeit tut auch die Belagerung des d6-Bauern entlang der c-Linie nicht mehr sehr weh, weil es sich Schwarz ohne Damen auf dem Brett häufig bereits leisten kann, d6 mittels ... Kf7-e7 "günstig" zu decken}) 19... Rd7 {Und hier haben wir eine kritische Stellung par excellence. "Kritische Stellungen" definiert Jonathan Rowson (der Autor der "Sieben Todsünden im Schach" und von "Schach für Zebras" - beides hochgelobte Bücher und zwar völlig zu Recht!) als Stellungen, in denen einem spontan viele logische Züge einfallen, die allesamt scheinbar gleich gut zu sein scheinen oder zumindest an der grundsätzlichen Stellungsbewertung nicht viel zu ändern drohen. Das ist hier denke ich auch der Fall. Viele Züge ergeben Sinn, was auch daran liegt, dass Schwarz zu gewisser Passivität verdammt ist. Sei es Lf3 (Kontrolle von d5), Se1 oder gar Sa1 (um den Springer auf bessere Felder, am besten über d2, e4, c3 nach d5 überführen), natürlich auch 20.Td2, um auf der d-Linie zu verdoppeln. Das Problem an diesen kritischen Stellungen ist aber häufig: Entscheidet man sich falsch und findet man keinen stringenten Plan, weil ja "alles" so verlockend aussieht, läuft man Gefahr, den Faden zu verlieren. Und dann kann sich das Schlachtenglück auch irgendwann wie von Zauberhand umkehren. Elisabeth findet allerdings eine scheinbar hässliche Fortsetzung, die konkret aber sehr stark ist und Josefine vor große Probleme stellt. Manchmal hilft es halt doch, bei der Variantenberechung der goldenen Faustregel zu folgen, welche Art von Zügen in welcher Reihenfolge geprüft werden sollten: Schach! Schlagen! Drohen! Probieren wir es einfach mal aus: Schach gibts keine, Schlagen kann man auch sinnvoll nicht viel, aber drohen geht super!} 20. c5 $1 {Nun hängt der schwarze Läufer und der Nachziehenden bleibt wenig übrig außer} dxc5 { , aber warum auch nicht. Immerhin geht das ja auch auf Kosten der weißen Bauernstruktur. Was soll das also?} 21. bxc5 Bd8 $6 {Schach! Schlagen! Drohen! Schach gibts wieder keine, aber Schlagen kann man ja mal prüfen...} ({Im Nachhinein würde Josefine vielleicht den Läufer lieber nach a5 stellen, damit das Feld d8 für den Turm freigeblieben wäre. Würde Weiß nämlich die Partiefortsetzung} 21... Ba5 22. Rxd7 Qxd7 23. Rd1 $6 {spielen, so stellt} Qe7 24. Bg4 Rd8 $1 {gar keine Probleme mehr für Schwarz dar}) 22. Rxd7 Qxd7 { Und nun wieder: Keine Schachs, kein Schlagen, aber Drohen - das geht} 23. Rd1 Qe7 {Schach? Nein. Schlagen? Nein. Drohen? Auf jeden Fall} 24. Bg4 $1 {Weiß droht lästig Td7. Da bleibt als Verteidigung also wohl nur} Rc7 { hätten wir damit als Nachziehende alles abgewehrt? Mitnichten. Denn Weiß macht in der Variantenberechnung weiter, als sei nichts gewesen. Schach? Nein. Schlagen? Nein. Aber drohen kann man wieder etwas} 25. Nb4 $1 {Pfui, nun droht die hässliche Gabel auf d5. Da bleibt auch wenig übrig als} Nxb4 26. axb4 {Die ganze Abwicklung nach 20.c5 ist bis hierhin also mehr oder weniger forciert, wenn wir einmal von 21... La5!? absehen. Doch Elisabeth hatte auch hier gesehen, dass es mit den weißen Drohungen noch nicht vorbei ist. Nun droht ganz unangenehm 27.Dd3, wonach der Ld8 gar nicht mehr zu decken wäre! Es bleibt nur das etwas traurige} Qf8 $8 { als Verteidigung. Die Stellung hingegen hat eine Transformation erfahren, wonach der weiße Vorteil offensichtlich ist. Der weiße Läufer ist nämlich um Längen besser als sein schwarzer Gegenspieler. Während Weiß den eigenen Läufer beispielsweise nach e4, d5 oder auch c4 bringen kann, ist der schwarze Läufer zu größter Passivität verdammt. Das liegt vor allem auch daran, dass der Bauer e5 der Schwarzen nun im Wege steht. Mit einem Bauern auf e6 wäre das alles kein so großes Drama, weil dann auch der weiße Läufer eingeschränkt wäre und von c4 aus auf Granit beißen würde. So jedoch ist Schwarz nicht zu beneiden. Denn bei ungleichfarbigen Läufern ist häufig die Partei mit dem besseren Läufer in großem Vorteil - einfach, weil auf einem Farbkomplex praktisch mit einer Mehrfigur gespielt werden kann} 27. Bf3 { Das war auch mein Kandidat während der Partie und ich fragte mich, wie Josefine hier wohl reagieren wollen würde. Immerhin: b7 hängt und ...De7 scheitert wieder an Dd3. Erzwungen ist daher wohl der Partiezug, der aber wieder einen Bauern auf die Farbe stellt, auf der ihn der Lf3 irgendwann abgrasen könnte} (27. Rd5 $5 {Engines weisen darauf hin, dass dieser geradlinige Zug Schwarz vor die überraschend knifflige Frage stellt, wie denn eigentlich der e-Bauer gedeckt werden soll. Das geht überraschend schlecht. Man siehe:} f6 {Das will man so gar nicht machen, weil nun der Ld8 noch schlechter und der Lg4 noch stärker wird. Zum Beispiel spielt Weiß einfach} ( 27... Bf6 {Ent"deckt" man den schwarzen Turm zeigt sich plötzlich, dass das gleichzeitige Verteidigen der Bauern b7 und f7 auf weißen Feldern unmöglich wird} 28. Rd7 Rxd7 29. Qxd7 Qb8 $6 30. Be2 $1 $18 {und Lc4 macht den Ofen aus}) (27... Re7 28. Bd7 $1 $18 {sperrt einfach den schwarzen Turm von der Verteidigung des b7-Bauern ab, wonach Weiß Material gewinnt}) (27... Qe7 $4 28. Qd3 $19) 28. h4 $5 {gefolgt von h4-h5 und Lg4-f5-c2. Dann droht nicht nur bösartig Dd3 mit Mattangriff auf h7, sondern gegebenenfalls auch der Wechsel der Läuferdiagonalen mittels Lc2-b3}) 27... a6 28. Qd3 Bf6 29. Qf5 {Bei knapper werdender Bedenkzeit darf man durchaus mal den sofortigen Gewinn mittels Le4 drohen} Qe7 $1 {Pariert. In der Folge verbessern beide Seiten erst einmal ihre Stellung so gut wie möglich, indem sie sich Luftlöcher schaffen und so viele eigene Bauern wie mögliche auf die Farbe des gegnerischen Läufers stellen, damit der eigene Läufer "gut" bleibt} 30. g3 g6 31. Qd3 Kg7 32. Kg2 h5 33. h4 Qe6 34. Qe4 {Weiß würde hier vermutlich schon gerne Td5 und Dd3 spielen, um die Aufstellung von Turm und Dame in der d-Linie zu tauschen. Auch Td6 liegt natürlich in der Luft. Häufig stellt sich in Stellungen, in denen man positionell "massiert" wird die Frage, ob man versuchen soll, die Massage einfach auszuhalten, weil man doch solide genug steht. Oder ob man nicht doch lieber aktiv nach Gegenspiel sucht. Meist ist es richtig, nach Gegenspiel zu suchen, alleine schon, weil das Verteidigen über viele Stunden schwierig ist und Kräfte raubt. Doch hier geht der Versuch, sich aus der weißen Umklammerung zu befreien, ein wenig nach hinten los} a5 $2 {Die Idee ist richtig, aber wohl zu früh - wenngleich der Grund dafür kaum ohne die Hilfe von Maschinen nachzuweisen ist} (34... Qe8 35. Rd5 Qc8 {würde den in der Partie gespielten Befreiungsstoß mit etwas mehr Umsicht vorbereiten, denn nach beispielsweise} 36. Qd3 a5 37. bxa5 Rxc5 38. Rd7 { kann sich Schwarz mit} Rc7 {auf die Hinterbeine stellen und die siebte Reihe und damit auch die "weißfeldrigen Schwächen" b7 und f7 verteidigen, wenngleich nach} 39. Rd6 {es nur die Weißspielerin ist, die in dieser Stellung Spaß haben kann}) 35. bxa5 Be7 36. Rd5 {Der menschliche Zug und aus technischer Sicht auch ein sehr guter. Nicht nur, dass wie oben bereits angerissen die Verdopplung in der d-Linie mit dem Turm voran möglich wird, auch der Bauer e5 wird weiter unter Druck gesetzt. Um e5 zu retten, ist Schwarz zu weiteren Lockerungsübungen verpflichtet, was die Königssicherheit des schwarzen Monarchen nicht sonderlich verbessern} (36. c6 $5 {ist eine trickreiche Empfehlung des Computers mit dem Argument, dass viele Endspiele wegen des entfernten Freibauern von Weiß wohl verloren sein sollten - ungleichfarbige Läufer hin oder her. Als Mensch hingegen ist einem das so gar nicht klar - zumindest nicht mir auf Anhieb. Und vor allem: Warum sollte ich mich hierauf einlassen, wenn ich doch auch so einen guten Zug wie den Partiezug zur Hand habe?} Qxc6 (36... bxc6 37. Rc1 c5 38. a6 $18) (36... Rxc6 37. Rd5 Bd6 38. Rb5 $18) 37. Qxc6 bxc6 38. Rc1 c5 39. a6 $18 {und Weiß gewinnt wegen Lb7, Ta1 und a6-a7-a8D}) 36... f6 {Das sorgt für mehr weißfeldrige Schwächen um den eigenen König, aber die Alternativen waren rar gesät} 37. Qb4 Qc8 38. Qd2 Bxc5 (38... Rxc5 {würde zwar verhindern, dass der weiße Turm auf d8 eindringen kann, aber dafür ginge b7 verloren} 39. Rxc5 Bxc5 40. Qb2 $18) 39. Rd8 Qe6 40. Bd5 $1 {Jetzt wirds langsam eng für den schwarzen König. Denn mit dem weißen Königsläufer im Angriff kann die Nachziehende auf den weißen Feldern keine Gegenwehr mehr leisten. Bis hierhin ist das strategisch brillant gespielt von Elisabeth.} Qe7 41. Bb3 {Macht Platz für die Dame} f5 42. Qd5 Qf6 {Die vorliegende Stellung stellt den Kulminationspunkt der Partie dar. Schwarz droht Damentausch mit ...Dc6, allerdings fühlt es sich schon irgendwie fischig aus schwarzer Sicht. Immerhin: Weiß ist am Zug und auf den weißen Feldern völlig dominant. Nur ein klarer Ausmacher fehlt, denn nach 43.Dg8+ Kh6 ist nicht ersichtlich, wie es weitergehen soll. Dennoch steht jede weiße Figur aktiver als ihr Gegenpart, sodass das Gefühl, "hier geht was" sicherlich viele starke Schachspieler sofort ereilt. Mit Sicherheit auch Elisabeth, die hier lange an ihrem Zug nachdachte (über 15 Minuten).} 43. f3 $2 {Dass der Zug aus vielen Grunden sich nicht richtig anfühlt, das wird Weiß sicherlich während der Partie auch gewusst haben. Immerhin: Es schwächt den eigenen König (weil es die zweite Reihe öffnet) und macht den Lc5 stärker (weil nun e3 wacklig wird). Aber der Zug hat nunmal den Vorteil, dass nun die Damen nicht getauscht werden können. Und wenn man keinen konkreten Gewinn sieht, ist der Zug an sich auch durchaus ein legitimer Versuch. Ich kenne das ja selbst: Man fühlt, hier müsste etwas gehen - nur man sieht halt einfach nicht, wie es gehen soll. Und dann verfällt man auf Züge, von denen man eigentlich selbst fühlt und weiß, dass sie es eigentlich nicht sein können} ({Der taktische Killer wurde von Klaus Bischoff während der Übertragung auf Schachdeutschland TV erwähnt, doch nach} 43. Rc8 $3 {schwelgte Klaus in der irrigen Annahme, dass hier bereits alles vorbei sei. Aber dem ist mitnichten so!} Qc6 $1 {So kann sich Schwarz noch in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel retten} (43... Qe7 $2 {scheitert nun eben doch an} 44. Qg8+ Kh6 45. Qh8+ Qh7 46. Qxh7+ $1 Rxh7 47. Rxc5 $18) 44. Qxc6 $5 {Das ist technisch vielleicht die sauberste Lösung, aber auch nur, wenn man sauber spielt. Dass dieses ungleichfarbige Läuferendspiel trickreicher ist, als man denkt, möchte ich hier kurz demonstrieren. Ich hatte mir zur Aufgabe gesetzt, dieses Endspiel gegen Stockfish zu gewinnen - und das kam dabei heraus } Rxc6 45. Rxc6 bxc6 46. Ba4 Kf6 47. Bxc6 e4 48. Be8 {soweit, so gut. Weiß hat einen Mehrbauern und der schwarze König ist an den Bauern g6 gebunden, weil sonst der weißfeldrige Läufer den gesamten Königsflügel abräumt. Jetzt muss nur noch der weiße König zum a-Bauern laufen, die Umwandlung des Bauern drohen, so den Lc5 abräumen und dann langsam mit dem Mehrläufer gewinnen. Klingt nicht so schwierig oder? Naja... es gibt noch Klippen zu umschiffen} Bb4 49. a6 Bc5 50. Kf1 Ba7 51. Ke2 Bb6 52. Kd2 Ba7 53. Kc3 Bb6 54. Kc4 Ba7 {Bis hierhin funktioniert das oben vorgestellte Schema gut, doch hier kann man immer noch zu meiner Überraschung fehlgreifen. Denn wie gewinnt Weiß nun: Kb5 oder Kd5? Oder ist es egal?} 55. Kb5 $2 {So geht es jedenfalls nicht wegen des studienartigen Rettungswegs} (55. Kd5 $1 $18) 55... g5 $1 56. Bxh5 gxh4 57. gxh4 f4 $1 58. exf4 Kf5 {Schwarz wird beide f-Bauern gewinnen, seinen Läufer für den a-Bauern opfern, mit dem König nach h8 eilen und dann darauf reklamieren, dass Weiß den falschen Läufer besitzt. Herrje - Schach kann so schwierig sein, wenn doch so "leicht gewonnene Stellungen" so schwer zu gewinnen sind. Und genau das ist das Problem: +3, +4 sieht für den Zuschauer immer nach so "glasklarem" Sieg aus. Aber was sich dahinter versteckt und wie präzise man dafür spielen muss, das bleibt dann doch häufig verborgen und wird den Spielerinnen und Spielern nicht gerecht. Wie schwer dieses königliche Spiel sind, wissen wir doch schließlich alle selbst, wenn wir selbst in der Bütt stehen.} 59. Kc6 Bxf2 $11) ({Ob das forcierte Endspiel nach} 43. Rb8 Qc6 44. Qxc6 bxc6 45. a6 $16 {gewonnen ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, vermutlich eher ja. Dank der ungleichfarbigen Läufer gäbe es noch Hoffnung für Schwarz. Aber sich darauf einzulassen, wenn nicht mehr viel zum Mattsetzen der Gegnerin fehlz, das ist auch nicht jedermanns bzw. jederfraus Cup of Tea}) 43... e4 $1 {Nach langer Zeit der Verteidigung nutzt Josefine die rettende Möglichkeit auf Gegenspiel gegen den weißen König!} 44. f4 Qb2+ {nun rächt sich der Aufzug des f-Bauern!} 45. Kh3 Qa1 {Nun droht sogar Schwarz matt!} 46. Bd1 (46. Qg8+ {bringt auch gar nichts} Kh6 47. Rd1 Qg7 $11) 46... Qf6 47. Bb3 Qa1 48. Bd1 Qf6 49. Re8 {Elisabeth probiert noch ein wenig, aber mit dem wackligen, potentiell ebenso ungeschützten König auf h3 ist hier nichts mehr zu holen} Be7 50. Bb3 Qa1 51. Bd1 Qf6 52. Rb8 Qf7 53. Bb3 {Und so trennen sich zwei unserer Topspielerinnen nach intensivem Kampf unentschieden. Was bleibt, ist ein mustergültiges Mittelspiel von Elisabeth und bis kurz vor Schluss eine absolut glänzende Vorstellung in der Behandlung von Stellungen mit Schwerfiguren bei ungleichfarbigen Läufern. Das war richtig stark! Aber auch Josefine muss man ein großes Kompliment machen. Eine so unangenehme Stellung so lange zusammenzuhalten, ohne dass "offensichtlich" irgendwo eine Abwicklung sofort gewinnt, ist gegen ein solch starke Gegnerin aller Ehren wert. Und wenn man dann im rechten Moment die Gelegenheit zum halben Punkt am Schopfe packt, hat man sich selbigen auch redlichst verdient.} 1/2-1/2