21. Juni 2026
Es ist sehr heiß in Montesilvano. Seit Turnierbeginn täglich konstant über 30 Grad. Das Ausflugsangebot des Veranstalters, Busfahrten nach Rom und San Marino, fand deshalb bei den deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Junioren-WM nur ein überschaubares Echo. „Seele baumeln am Strand“ war denn auch für den heutigen Ruhetag angesagt, wie Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler berichtet. Nachdem am Samstag in einer Sportsbar viele aus der deuten Delegation das WM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Elfenbeinküste (2:1) genossen - mit Originalkommentar im Land des ehemaligen Weltmeisters, der gar nicht dabei ist... Ab dem morgigen Montag warten noch fünf spannende Runden auf viele DSB-Talente. Vorneweg marschiert einer der größten Medaillenkandidaten, Bennet Hagner. Er geht in seinem letzten U18-Jahr mit fünf Punkten aus sechs Partien „relativ zufrieden“, wie er es in gewohnt zurückhaltender Art formuliert, in die Schlussphase: „Leider ist meine Buchholz-Wertung nicht gut, weil ich die erste Runde nur Remis gespielt habe, deshalb versuche ich viele volle Punkte zu holen, um am Ende unter die Top drei zu kommen.“
Am Samstag besiegte der an Nummer sieben gesetzte Hagner den Usbeken Akobirkhon Saydaliev in einmal mehr überzeugender Manier. „Ich habe in der Anfangsphase meinen Gegner überrascht und stand die ganze Zeit ein bisschen besser. Dann wurde es kompliziert und mein Gegner hat ein Qualitätsopfer gespielt“, berichtet er, „doch wir beide waren unter starker Zeitnot und dann war er nicht in der Lage, die richtigen Züge zu finden um das Minusmaterial zu rechtfertigen und zu kompensieren.“ Nun liegt Hagner nur einen halben Punkt hinter dem Führungsduo Louis Vallee (Frankreich) und Vache Hovakimyan aus Armenien. Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler sagt: Das Turnier verläuft derzeit in typischer Hagner-Manier. Er gehe nur überschaubare Risiken ein und habe deshalb auch beide Remis akzeptiert. „Remis ist für ihn Remis. Punkt.“ Eröffnungsvorschläge von Vökler hat Hagner sogar teilweise abgelehnt, weil er seine Ideen besser fand. „Er hat seinen eigenen Kopf“, sagt der Bundenachwuchstrainer, „aber ich vertraue ihm voll. Er macht das sehr gut und ist ganz klar ein Medaillenkandidat.“
Der oberste deutsche Talentschmied reist immer mit sehr hohen Erwartungen zu solchen Top-Turnieren – in Bundestrainer-Manier halt. Weshalb er den aktuellen Zwischenstand, der auf den ersten Blick gut ist, nicht überbewerten will: „Es könnte besser sein.“ Runde vier hielt einige negative Überraschungen bereit. Aber nach wie vor sind einige Spielerinnen und Spieler voll auf Kurs.
Das gilt in der U18 leider nicht mehr für Hussain Besou, der sich schon eine Altersklasse höher gewagt hat, „um von Stärkeren zu lernen“, wie er sagt. Er unterlag in dieser Runde vier dem Spanier Javier Habans Aguerrea unnötigerweise, auch am Samstag war gegen den Kanadier Emanuel Kot, der rund 100 Elopunkte weniger als er hat, mehr drin – aber die erneute Niederlage warf ihn zurück. Vökler: „Im Unterschied zu Bennet Hagner ist Hussain kein Spieler, der ein Remis abklammern will – er ist kein Betonspieler und geht immer voll drauf.“ Kurzum: „Er will immer Feuer versprühen und wird teilweise bestraft.“ So ist nun mit 3,5 Punkten eine Medaille in weiter Ferne. Einen halben Punkt mehr hat mit Alberto Atoyan ein weiterer DSB-Spieler.
In der U16 gibt es weitere DSB-Kandidaten, die auf Edelmetall hoffen. Mit jeweils 4,5 Zählern sind das Nikita Nechitaylo und der amtierende Europameister Mykola Korchynskyi. Beide trafen in Runde sechs aufeinander und spielten Remis. Von beiden ist Vökler sehr angetan. „Das sind richtig gut Jungs, ehrgeizig und fokussiert“, sagt er. Korchynskyi lernt er in Montesilvano zum ersten Mal so richtig kennen – und hat einen Vorgeschmack bekommen, was den Bundesligaspieler des SV Erkenschwick auszeichnet. Das geht soweit, dass der Spieler sagt: „Wenn ich hier nur Zehnter werde, dann denken alle, der EM-Titel war nur Zufall.“ Kurzum: Auch er will was Zählbares mitnehmen. Diese Einstellung gefällt Vökler ebenso wie die von Nazar Tarasenko, der in der U14 schon vier Zähler erobert hat. „Das sind drei Talente, die aus der Ukraine kommen, alle sehr gut sind – und von deren weiteren Entwicklung wir bestimmt noch einiges erwarten dürfen.“
Bei den Mädchen U14 gibt es ebenfalls eine Spielerin, die Vökler mit Begeisterung beobachtet. Alicia Kovalskyy hat ebenfalls vier Punkte auf der Habenseite – und ist das Projekt Montesilvano beeindruckend akribisch angegangen. Zu den Analysen von Bettina Trabert vor Ort kommt die Eröffnungsunterstützung online aus der Heimat – von Carmen Voicu-Jagodzinsky. „Das funktioniert gut, wie man dann auch im Turnier sieht“, sagt Vökler.
Ein bisschen mehr erhofft sich der Bundestrainer hingegen noch von Charis Peglau. Sie steckte in Runde sechs eine weitere Niederlage gegen Sofia Mayorga Araya ein, die mehr als 200 Elopunkte weniger auf dem Konto hat. „Charis Selbstbewusstsein ist zwar nicht zu erschüttern und sie setzt auf einen Schlussspurt mit lauter Siegen, den sie tatsächlich schon oft gezeigt hat“, so Vökler, „aber ob das immer so funktioniert, wage ich zu bezweifeln.“ Zu viel läuft derzeit schief. In Runde vier stand sie gegen Narmin Abdinova kurz vor der Damenumwandlung, also klar auf Sieg – und verspielte binnen zwei Zügen alles durch Fehlgriffe der besonderen Art. Das macht dann auch einen Bundestrainer schonmal fassungslos. Mit einem halben Zähler besser postiert als Turnier-Mitfavoritin Charis Peglau (an Nummer sechs gesetzt) sind in der U18 mit vier Punkten ihre Schwester Dora Peglau und Michelle Trunz.
Mal sehen, was nach der Seele-baumeln-Pause passiert, ob am Strand neue Kraft getankt wird. Insgesamt, betont Vökler, sei das Turnier top organisiert – mit einem Makel: die Zimmerpreise. So müsste im Dreibettzimmer jeder Teilnehmer schlappe 115 Euro bezahlen. „Das ist mehr als grenzwertig“, sagt Vökler: „Das wollen wir anders machen, falls wir die Jugend-WM 2028 ausrichten dürfen.“ (mw)
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