Kandidatenturnier 2026 - die Kolumne von GM Raj Tischbierek

28. März 2026

Seit der WM-Herausforderer in einem Rundenturnier mit Hin- und Rückrunde ermittelt wird, ist das Kandidatenturnier mein absolutes Highlight! Unvergessen bleibt die Dramatik des letzten Durchgangs bei der Premiere 2013 in London mit den parallelen Niederlagen von Carlsen und Kramnik. Auch wenn klassische Turniere durch die kämpferische Einstellung der nachrückenden Generation zuletzt an Attraktivität gewonnen haben: das Kandidatenturnier bildet noch einmal eine eigene Kategorie – hier geht es wirklich um etwas! Erst recht, seitdem auf den Sieger nicht mehr Magnus Carlsen wartet, was das Unternehmen »Weltmeisterschaft« stets zu einem nur bedingt erfolgversprechenden Unterfangen machte. Diesmal wird der Herausforderer aller Wahrscheinlichkeit nach als Favorit in das anstehende Titelmatch gegen den zuletzt formschwachen Gukesh gehen.

Nerven und Turnierglück

Entsprechend dem, was auf dem Spiel steht, ist die Anspannung hoch wie bei keinem anderen Event. Nervenstärke ist gefragt. Wer dem Druck nicht standhielt, war beispielsweise Levon Aronian, den viele während seiner besten Jahre gern in einem Zweikampf mit Carlsen gesehen hätten. Eine SCHACH-Umfrage vor Berlin 2018 sah ihn als klaren Favoriten – er wurde jedoch mit »-5« Letzter. Davon profitierte u. a. Sieger Fabiano Caruana, der ihn mit 2:0 schlug.

Ein wichtiger, aber nicht zu beeinflussender Faktor kann es sein, im Turnier schwächelnde Spieler zum »richtigen Zeitpunkt« zu bekommen. Das Ziel eines jeden Teilnehmers ist es, möglichst lange im Rennen um den ersten Platz zu bleiben – als Zweiter gehört man bei einem Kandidatenturnier de facto schon zu den Verlierern. Wer nach vorgeschalteten Niederlagen aus dem Kampf um den ersten Platz ausscheidet, dessen Motivation leidet. Von Vorteil kann es im fortgeschrittenen Verlauf ebenso sein, auf Kontrahenten zu treffen, die aufgrund der Turniersituation zum Siegen verdammt sind. Sie werden höhere Risiken als unter anderen Umständen eingehen, was die eigenen Chancen mehrt. Erfahrungsgemäß benötigt man für den Turniersieg »+3« oder »+4«.

Boris Gelfand über die FIDE-Kandidaten 2026 (englisch)

Sicherheitsbedenken

Im Vorfeld des am morgigen Sonntag beginnenden Turniers wurde nach dem Verzicht der Inderin Humpy Koneru – die Frauen spielen parallel zu den Männern, was überdenkenswert ist, da ihnen nur vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil wird – auch die Sicherheitslage diskutiert. Seitdem Anfang März im Rahmen des Nahostkonflikts die britische Militärbasis Akrotiri auf Zypern von einer Drohne getroffen wurde, besteht ein gewisses Sicherheitsrisiko. Der Austragungsort, das edle Cap St Georges Hotel & Resort, im Südwesten an der Mittelmeerküste der kleinen Insel gelegen, ist nur gut 50 km Luftlinie entfernt. Eine akute Bedrohungslage besteht nicht, aber ebenso wenig gilt Nullrisiko.
Erinnerungen an 2020 werden wach, als Teimur Radjabow seine Teilnahme am Kandidatenturnier in Jekaterinenburg COVID-bedingt absagte, was allgemein auf Unverständnis traf. Dann wurde die Veranstaltung nach der Hälfte der Distanz abgebrochen und erst ein Jahr später beendet.

Von FIDE-Seite verlautete nichts über eine evtl. Verlegung. Emil Sutovsky sagte ChessBase India, dass dafür keine Gründe vorliegen würden. Das Angebot von Wadim Rosenstein, das Turnier unter Übernahme sämtlicher Kosten nach Deutschland zu holen (am 19.3. auf X), kommentierte die FIDE nicht.

Finden die FIDE-Kandidatenturniere wie geplant in Zypern statt? Der FIDE-CEO antwortet. (englisch)

Wadim Rosenstein am 19. März auf X:

Liebe Schachfreunde,

ich verfolge die aktuelle Lage in Zypern aufmerksam und weiß, dass sie sich zunehmend zuspitzt.

Da Humpy Koneru angeblich eine Teilnahme am Kandidatenturnier erwägt, ist es umso wichtiger, dass alle Spieler in einem sicheren und stabilen Umfeld antreten können. Die FIDE wurde bereits über unsere Bereitschaft informiert, Unterstützung zu leisten und bei Bedarf umgehend eine Lösung anzubieten. Wir sind bereit, sofort zu handeln, falls erforderlich. Wir können das Kandidatenturnier in Deutschland ausrichten und dabei maximale Sicherheit und Zuverlässigkeit für alle Teilnehmer und Offiziellen gewährleisten. Deutschland bietet eine erstklassige Infrastruktur und Sicherheit – unerlässliche Voraussetzungen für ein Event dieser Bedeutung. WR Chess übernimmt alle organisatorischen und logistischen Kosten mit vollem Engagement und Verantwortungsbewusstsein.

Unsere Priorität ist klar: die Spieler zu schützen, die Integrität des Wettbewerbs zu wahren und sicherzustellen, dass das Turnier unter bestmöglichen Bedingungen stattfinden kann.

Wer fehlt

Kritisiert wurden angesichts dessen, wer auf Zypern nicht dabei ist, die Qualifikationskriterien. Neben Nodirbek Abdusattorow, der zuletzt in London, Wijk aan Zee und Prag drei hochrangige klassische Turniere in Folge gewonnen hat, Alireza Firouzja und Arjun Erigaisi wurde häufig auch Vincent Keymer genannt. Hikaru Nakamura äußerte gegenüber ChessPulse, dass unsere Nr. 1 »… in den letzten zwölf Monaten abgesehen vom Magnus wahrscheinlich der beste Spieler war.«

Blick in die Glaskugel: Klassiker vs. Next Generation

Ungebrochen ist die Beliebtheit von Umfragen und Prognosen über den Ausgang des Turniers. Obwohl elomäßig hinter Nakamura an 2 gesetzt, gilt Caruana als Favorit – er ist der kompletteste Spieler.

Kandidatenturnier der Männer

Nr. Name Alter Land Elo Bild
1 Hikaru Nakamura 38 2810
2 Fabiano Caruana 33 2795
3 Wei Yi 26 2754
4 Anish Giri 31 2753
5 Javokhir Sindarov 20 2745
6 Rameshbabu Praggnanandhaa 20 2741
7 Matthias Blübaum 28 2698
8 Andrey Esipenko 23 2698

Kandidatenturnier der Frauen

Nr. Name Alter Land Elo Bild
1 Zhu Jiner 23 2578
2 Tan Zhongyi 34 2535
3 Aleksandra Goryachkina 27 2534
4 Anna Muzychuk 36 2522
5 Bibisara Assaubayeva 22 2516
6 Kateryna Lagno 36 2508
7 Divya Deshmukh 20 2497
8 Rameshbabu Vaishali 24 2470

Bei mir schwingt Sympathie mit. Seit »Fabi« beim Sinquefield Cup 2014 gegen die Weltelite mit sieben Siegen startete, gilt er als titelreif. Zwölf Jahre später wartet er, inzwischen 33-jährig, immer noch auf den ganz großen Wurf. Erst im Februar verpasste er es im Freestyle in Weissenhaus, den Bann zu brechen und endlich seine erste WM-Krone zu holen.
Mit der Kombination aus dünnem Oberlippenbart, großer Brille und gelegentlich unvorteilhafter Frisur weckt Caruana mitunter auch heute noch nerdige Assoziationen. Dabei ist er einer der wenigen Spitzenspieler, die sich regelmäßig reflektiert zum eigenen Erleben und zum Schachgeschehen äußern. Zuletzt auch zu seiner Vorbereitung auf das Kandidatenturnier:

Fabis ehrliche Meinung zu Gukesh, Betrug und seinem Kandidatenlager (englisch)

Obwohl er massiv an seinen Schnellschach- und Blitzfähigkeiten gearbeitet hat, wirkt Caruana gegen die Spezialisten in den schnelleren Gangarten zuweilen etwas hilflos. Die Regeländerung der FIDE, bei Punktgleichheit an der Spitze keine Wertungskriterien mehr heranzuziehen, sondern einen Stichkampf anzuberaumen, ist begrüßenswert. In einem möglichen Tiebreak wäre Caruana jedoch kein Favorit mehr.

Schwer einzuschätzen sind Nakamuras Chancen. Als Streamer spielt er schon seit Jahren kaum noch klassisches Schach, was ihn indessen nicht daran gehindert hat, bei seinen wenigen Auftritten exzellente Leistungen zu zeigen. Er weiß seine Möglichkeiten realistisch einzuschätzen, nimmt wenig Risiko und glänzt in kritischen Situationen immer wieder mit seiner Resilienz. Aber er ist mit 38 Jahren auch der Turniersenior. Wie lange er seine Fähigkeiten konservieren kann, ist eine Frage, die er am Brett beantworten wird.

Gleich in der 1. Runde kommt es zum Aufeinandertreffen zwischen Caruana und Nakamura. Fabi sah in der jüngeren Vergangenheit gegen seinen Landsmann häufig schlecht aus, sein Naturell verbietet ihm indessen, mit den weißen Steinen aktiv eine Punkteteilung anzustreben – spannend!
Interessant ist, dass Carlsen neben seinen Favoriten Nakamura und Caruana nur noch Pragg in der Lage sieht, das Turnier zu gewinnen. Er wähnt »die Alten« weiter in der Vorhand.

Das i-Tüpfelchen für uns: erstmals seit Robert Hübner 1991 ist wieder ein Deutscher beim Kandidatenturnier dabei! Matthias Blübaum rangiert in den Umfragen ganz hinten. Kaum jemand glaubt, dass er im Konzert der Großen eine Rolle spielen kann, obwohl er beim Grand Swiss und in Wijk aan Zee das Gegenteil bewiesen hat. Im Vorfeld haben wir Matthias zu seiner Vorbereitung und seinen Erwartungen befragt:

Der norwegische »Carlsen-Schatten« Tarjei J. Svensen postete derweil eine Statistik der WM-Kandidaten, bei der Blübaum vorn liegt: aus den bislang acht klassischen Begegnungen gegen seine Kontrahenten holte er »+1«. Gleichzeitig offenbart die geringe Partienanzahl jedoch auch, wie wenig Erfahrung er bislang in diesem illustren Kreis gesammelt hat.

Matthias Blübaum mit dem besten Ergebnis

Auf einen WM-Herausforderer Blübaum zu setzen, wäre sehr optimistisch. Er kann jedoch eine wichtige Rolle spielen und vielleicht sogar das Zünglein an der Waage sein.

Rundenbeginn ist jeweils 14.30 Uhr deutscher Zeit. (rt)

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