Kandidatenturnier in Berlin - Die ersten Eindrücke

12.03.2018 15:20
privat
Andreas Jagodzinsky 2017

Kurzinterview mit DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky

Pressekonferenz, Eröffnungsgala sowie Runde 1 und 2 sind passé. Der Besucher-Andrang war durchweg groß. Doch wie hat es gefallen, wie sind die ersten Eindrücke und vor allem die Einschätzungen für den Turnierausgang? Das wollten wir von denen wissen, die live vor Ort dabei waren. Den Anfang macht Andreas Jagdozinsky (41), Leistungssportreferent, Besucher bei der Eröffnungsveranstaltung am 9. März 2018.

Wie gefällt Dir das doch etwas ungewöhnliche Ambiente im Kühlhaus?

In der Tat ist der Veranstaltungsort ungewöhnlich. Bereits bei der Eröffnungsveranstaltung musste man sich als Schachspieler fragen, ob ohne weitere Maßnahmen, um die Spieler an den Brettern zumindest schalldicht zu isolieren, einem Turnier dieser Bedeutung adäquate Bedingungen herrschen können. Das scheint bislang leider nicht der Fall zu sein.
So begrüßenswert es ist, neue und auch ungewöhnliche Spielorte zu finden, sollte sichergestellt sein, dass die Spieler unter optimalen Bedingungen spielen können.

Wer wird Deiner Meinung nach das Turnier gewinnen?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da hier acht absolute Weltklassespieler am Start sind. Ich denke, dass einige Spieler dann ihre Chancen haben, wenn die Remisqoute besonders hoch ist, so dass ein verhältnismäßig keines Plus ausreichend ist und Nervenstärke in der letzten Runde gefragt ist. Eine solche Entwicklung käme meines Erachtens beispielsweise  Karjakin entgegen.
Spielern wie Caruana, Aronian, Kramnik und Mamedyarow dürfte hingegen auch ein Turnier mit vielen Siegen zuzutrauen sein.
Nach nun zwei gespielten Runden zeigt sich, dass Caruana, Kramnik und Mamedyarow gut aus den Startlöchern gekommen sind und ihre Chancen auf den Turniersieg keinesfalls schlechter geworden sind. Ich vermute, dass diese drei und Aronian die besten Chancen haben, sich für das WM-Match zu qualifizieren.

Es wäre natürlich schön, wenn der Herausforderer ein Spieler wird, den das deutsche Publikum bei der Bundesligaendrunde in Berlin sehen kann, was bei Aronian und Caruana der Fall sein könnte.

Kannst Du einen Besuch beim Kandidatenturnier empfehlen?

Ungeachtet aller Probleme, über die an den ersten beiden Tagen berichtet wurde, ist es immer wieder beindruckend, Weltklassespieler live vor Ort zu erleben. Neben dem Grenke Chess Classic in Karlsruhe und Baden-Baden, der zentralen Bundesligaendrunde in Berlin und dem Dortmunder Sparkassen Chess Meeting ist dies eine weitere Gelegenheit, die man nutzen sollte.

Wie hat Dir die Eröffnungsfeier gefallen?

Die Eröffnungsfeier war in Ordnung. Allerdings hat mir die Eröffnung der Blitz- und Schnellschach-WM 2015 besser gefallen.

Welche Möglichkeiten bietet dieses Turnier für das deutsche Schach?

Sowohl der DSB als auch der Berliner Schachverband sind zwar nicht Veranstalter des Turniers, machen aber zahlreiche Angebote um das Turnier herum, die hoffentlich Schach noch mehr in das öffentliche Blickfeld rücken. Es ist unrealistisch, dass ein solches Turnier unmittelbar dazu führt, dass Kinder oder Erwachsene in die Vereine stürmen. Aber wichtig ist, dass über Schach gesprochen wird und dass auch Menschen, die sich sonst nicht mit Schach beschäftigen in diesen Tagen etwas über Schach hören und sehen.

Warum nimmt kein deutscher Spieler am Kandidatenturnier teil?

Die formale Antwort ist, dass kein Spieler aufgrund seiner Elozahl vorberechtigt war, unsere Weltcupstarter nicht ins Finale gekommen sind und, aufgrund der Elo-Untergrenze von 2750 kein Spieler für die Wildcard in Betracht kam.

Wenn die Frage darauf abzielt, warum wir keinen Spieler haben, der wie die acht Teilnehmer beständig zur Weltspitze gehört und damit in den drei genannten Kategorien über Chancen verfügt, lässt sich diese Frage nicht in wenigen Sätzen beantworten.
Aus meiner Sicht ist es für fast keinen Verband im Deutschen Sport möglich, einzelne Sportler alleine in die Weltspitze zu bringen. In den meisten Sportarten kann der Verband nur Rahmenbedingungen schaffen, während die Hauptarbeit bei Vereinen, Eltern und privaten Sponsoren liegt.

Im Spitzensport müssen wir uns als Verband zunächst auf die Nationalmannschaft konzentrieren. Gerade unsere Männerauswahl hat in den letzten 20 Jahren sehr oft gute und sehr gute Platzierungen zwischen Platz 1 und 10 bei Mannschaftseuropameisterschaften und Schacholympiaden erzielt.

Mit Magnus Carlsen (Norwegen) und Anish Giri (Niederlande) gab es bei den letzten vier Kandidatenturnieren nur zwei Spieler aus Westeuropa, die je einmal qualifiziert gewesen sind.

Und auch die Zahl der knapp an der Qualifikation gescheiterten westeuropäischen Spieler ist überschaubar. Auf diesem Niveau zu spielen bedeutet ungeachtet aller Fragen der Finanzierbarkeit, dass man - wie in jedem Leistungssport - die Zeit und den Willen hat, schon als Kind bzw. Jugendlicher seine gesamte "Freizeit" dem Sport zu widmen. Diese Bereitschaft ist ohne staatlichen Zwang oder den Antrieb, als Weltklassespieler finanzieller Not zu entkommen, in Westeuropa nachvollziehbarerweise nicht sehr ausgeprägt. Und trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, dass es ein solches Ausnahmetalent wie Magnus Carlsen auch in Deutschland einmal gibt.

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 22993

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