Kolumne: Historisches in Samarkand, Hoffnungsvolles in Batumi

24. September 2025

Matthias Blübaum und Anish Giri (Niederlande) qualifizierten sich für das Kandidatenturnier

Raj Tischbierek über Blübaum, Keymer und Co.

Unser Kolumnist GM Raj Tischbierek beschäftigt sich in diesem Monat - natürlich - mit GM Matthias Blübaum. Aber nicht nur ihm.

»Blübaum oder Keymer?« lautete am Ende eines denkwürdigen Grand Swiss die Frage aller Fragen. Einer der zwei Deutschen würde sich für das Kandidatenturnier 2026 qualifizieren! Wäre ich im Vorfeld mit diesem Szenario konfrontiert worden, hätte ich es ungläubig beklatscht. Aber dann stimmte es mich auch etwas wehmütig, als Vincent Keymer seine Partie der letzten Runde nach großem Kampf remis geben musste. Er war »raus« und Matthias Blübaum »drin«. Neben dem Gold bei der Mannschafts-EM 2011 mit ähnlich sensationellem Anstrich der größte deutsche Erfolg in diesem Jahrtausend!

Man könnte es darauf herunterbrechen, dass es unsere Nr. 1 und 2 in Durchgang 10 untereinander ausgefochten haben. Beide waren Teil des sich aus Blübaum, Firouzja, Keymer und Giri rekrutierenden Spitzenquartetts (6½/9), das um die zwei Plätze an der Sonne stritt. Letztere brauchten wertungsbedingt noch einen Sieg. Was Giri glückte (gegen Niemann), Keymer nicht. Obgleich Samarkand ein in dieser Qualität nie gesehenes Schaulaufen der ganz jungen Generation bot, triumphierten so mit Giri und Blübaum ein 31- und ein 28-Jähriger!

Springen wir unter Auslassung von Prolog und den dramatischen Akten direkt zum Epilog des deutschen Duells:

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[Raj Tischbierek]
Matthias Blübaum zieht gleich 35. ... Lc7 gegen Henriquez

Blübaum hatte bis dato eine schier unglaubliche Vorstellung abgeliefert. Wobei sich »unglaublich« nicht in erster Linie auf seine Punkteausbeute bezieht, sondern auf die Qualität seines Spiels. Die Engine bezichtigt ihn, die Partie gegen Keymer ausgenommen, nur eines einzigen gravierenden Fehlers, nach dem die Stellungsbewertung auf »Remis« kippte: 35… Lc7? gegen Henriquez.

Schauen Sie sich seine accuracy an, die computerberechnete Zuggenauigkeit mit 100 als Maximum:

R. Erg. Gegner Elo Genauigkeit
1 ½ Predke 2609 98,9
2 ½ Lagarde 2609 99,2
3 1 Hammer 2618 96,9
4 1 Henriquez 2594 94,9
5 1 Praggnanandhaa 2785 97,2
6 ½ Mishra 2611 98,4
7 1 Erigaisi 2771 94,6
8 ½ Nihal Sarin 2693 98,8
9 ½ Abdusattorow 2748 96,5
10 ½ Keymer 2751 91,8
11 ½ Firouzja 2754 98,5
Matthias Blübaum bei seiner zweitschlechtesten Partie, links sein Gegner Arjun Erigaisi

Auffällig der Abfall gegen Keymer, tags darauf zeigte sich Matthias gegen Firouzja jedoch wieder voll auf der Höhe und steuerte eine optisch schwierige Stellung souverän in den Remishafen.

In seiner »zweitschlechtesten« Partie luchste er der Nr. 2 der Setzliste eine Figur ab:

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[Raj Tischbierek]

Auch die Gewinnbestrebungen Praggs waren gegen eine Blübaumsche Gummiwand geprallt. Bis es im Endspiel der an 1 gesetzte Inder war, der patzte, und keine Gelegenheit mehr bekam, seinen Fehler auszumerzen. Matthias zeigte auch gegen die absolute Weltelite keine Nerven! Mit Ausnahme der Partie gegen Keymer, nach der er nicht müde wurde, sein Glück zu betonen. Ebenso offen bekannte er, gegen Pragg & Erigaisi nicht auf Gewinn gespielt, sondern von deren Fehlern profitiert zu haben.

Kam er bisher gänzlich ohne Trainer/Sekundant aus(!), wird es beim Kandidatenturnier 2026 kompetenter Hilfe bedürfen, was allein schon aus seinen vier bereits (mehr oder weniger) feststehenden Gegnern im nächsten Jahr erhellt: Caruana, Giri, Nakamura und Praggnanandhaa!

Dazu gesellen sich die ersten Drei des im November stattfindenen Weltcups, zu denen dann auch …

… Vincent Keymer gehören darf!

Vincent Keymer

Es ist deutlich anspruchsvoller, eine Burg im Sturm zu erobern, als sie zu verteidigen. Insofern könnte man argumentieren, dass er, fast immer auf Gewinn spielend und dabei notgedrungen Risiken eingehend, ein deutlich kräftezehrenderes Turnier als Blübaum spielte. Während der in sechs seiner elf Partien als Elounderdog ging und folglich, einer Punkteteilung nicht abgeneigt, sauberes Schach zelebrieren konnte, traf dies auf Keymer als Nr. 5 der Setzliste nur einmal zu, in der letzten Runde gegen Erigaisi. Wobei er »im Gegenzug« mit Péter Léko einen Topsekundanten an seiner Seite hatte.

R. Erg. Gegner Elo Genauigkeit
1 ½ Gurel 2631 98,1
2 1 Xiong 2640 94,9
3 ½ Erdogmus 2646 91,3
4 1 Svane, F. 2643 90,3
5 0 Maurizzi 2610 88,7
6 1 Howhannisjan 2629 96,0
7 ½ Theodorou 2646 98,4
8 1 Vidit 2712 98,6
9 1 Maghsoodloo 2692 91,4
10 ½ Blübaum 2671 92,0
11 ½ Erigaisi 2771 94,3

In Durchgang 2 musste Vincent den Widerstand von Jeffery Xiong brechen, bis vor zwei Jahren ein 2700er:

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[Raj Tischbierek]

»Waaas? Das war doch total remis!« schallte es aus dem Kiebitzwald, in dem man sich unter Vernachlässigung subjektiver Faktoren gern an der Engine orientiert. Wer vor dem letzten Fehler wie lange Druck ausgeübt hat, ob die diesem ausgesetzte Partei »einzige« Züge finden musste, einen oder mehrere, und das ggf. unter Zeitdruck, all das wird von den Computerprogrammen (noch?) nicht berücksichtigt – die daher häufig mit Vorsicht zu genießen sind. Das ist keine neue Erkenntnis, die uns jedoch selten so plastisch vor Augen geführt wurde wie in den Keymer-Endspielen in Samarkand.

Zunächst gab es Anschauungsunterricht darin, wohin es führen kann, Risiken einzugehen. Der bärenstarke 14-jährige Türke Yagiz Erdogmus ließ gegen Keymer den Marshall-Angriff zu. Damit darf Schwarz gegen einen gut vorbereiteten Gegner nicht auf mehr als ein Remis hoffen. Vincent wich ab. Ob bzw. ab wann er improvisierte, erschloss sich nicht, alsbald saß er vor einem Trümmerhaufen. Es bedurfte heroischer Anstrengungen, einen halben Zähler zu retten.

In Runde 4 das erste deutsche Drama gegen Frederik Svane. Was ausgangs der Eröffnung nach einem schnellen Sieg aussah, mündete in ein hochkomplexes Endspiel – mit dem besseren Ende für Keymer.

Fünfte Runde, fünfter Jüngling. Gegen Marc’Andria Maurizzi saß er diesmal auf der falschen »0.00er«-Seite: nach zwei groben Endspielböcken kassierte Vincent seine einzige Niederlage.

Ein frühes Ende der WM-Hoffnungen? Nein! Mit Siegen gegen Howhannisjan und Vidit, wiederum in von ihm diktierten Partien mit »0.00er« Endspielen (erstaunlich die Endspiel-Schwäche der Inder, auch bei Gukesh und Pragg), hievte er sich auf »+3«.

Aber das reichte nicht, auf der Zielgeraden musste Vincent auch mit Schwarz auf Gewinn spielen. Was gegen Maghsoodloo glückte und in der Schlussrundenbegegnung kulminierte:

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[Raj Tischbierek]

Beeindruckend, wie sich Keymer nach der Niederlage gegen Maurizzi zu steigern und welche Energiereserven er zu mobilisieren vermochte, wie er trotz keineswegs fehlerfreien Spiels immer wieder Mittel und Wege fand, seine Gegner vor Probleme zu stellen! Am Ende fehlte das nötige Quäntchen Glück.

Angesichts der Galavorstellungen von Blübaum & Keymer rückte das Auftreten der anderen deutschen Teilnehmer in den Hintergrund. Frederik und Rasmus Svane sowie Dmitrij Kollars, die bei der Mannschafts-EM unser Aufgebot komplettieren, spielten kein gutes Turnier. Aber keiner von ihnen brach ein. 

Pl. Titel Name Elo Land Pkt. Gegner
1 GM Anish Giri 2746 8,0 2668
2 GM Matthias Bluebaum 2671 7,5 2695
3 GM Alireza Firouzja 2754 7,5 2684
4 GM Vincent Keymer 2751 7,5 2668
5 GM Abhimanyu Mishra 2611 7,0 2731
6 GM Arjun Erigaisi 2771 7,0 2687
7 GM Andy Woodward 2557 7,0 2686
8 GM Hans Moke Niemann 2733 7,0 2668
9 GM Sarin Nihal 2693 7,0 2666
10 GM Nodirbek Abdusattorov 2748 7,0 2663
11 GM Awonder Liang 2698 7,0 2659
12 GM Richard Rapport 2711 7,0 2657
13 GM Shakhriyar Mamedyarov 2741 7,0 2649
14 GM Nodirbek Yakubboev 2681 7,0 2645
15 GM Santosh Gujrathi Vidit 2712 7,0 2640
16 GM Maxime Vachier-Lagrave 2738 7,0 2637
17 GM Yangyi Yu 2714 7,0 2634
18 GM Samuel Sevian 2692 7,0 2633
19 GM Andrey Esipenko 2687 7,0 2630
20 GM Shant Sargsyan 2653 6,5 2693
21 GM Alexei Shirov 2616 6,5 2685
22 GM V Pranav 2596 6,5 2679
23 GM Jorden Van Foreest 2692 6,5 2655
24 GM Javokhir Sindarov 2722 6,5 2639
25 GM Ivan Saric 2655 6,5 2627
26 GM Pentala Harikrishna 2704 6,5 2617
27 GM Parham Maghsoodloo 2692 6,0 2701
28 GM Yagiz Kaan Erdogmus 2646 6,0 2701
29 GM Marcandria Maurizzi 2610 6,0 2701
30 GM Aram Hakobyan 2625 6,0 2684
31 GM Nikolas Theodorou 2646 6,0 2683
32 GM Alexandr Predke 2609 6,0 2676
33 GM Jeffery Xiong 2640 6,0 2676
34 GM Vasyl Ivanchuk 2608 6,0 2668
35 GM R Praggnanandhaa 2785 6,0 2666
36 GM M. Amin Tabatabaei 2673 6,0 2663
37 GM Mittal Aditya 2589 6,0 2657
38 GM Ihor Samunenkov 2550 6,0 2654
39 GM S L Narayanan 2591 6,0 2650
40 GM Rauf Mamedov 2651 6,0 2650
41 GM D Gukesh 2767 6,0 2647
42 GM Ian Nepomniachtchi 2742 6,0 2646
43 GM Grigoriy Oparin 2660 6,0 2637
44 GM Vladimir Fedoseev 2731 6,0 2634
45 GM Daniil Dubov 2691 6,0 2616
46 GM Volodar Murzin 2670 6,0 2611
47 GM Alexander Grischuk 2657 6,0 2610
48 GM Raunak Sadhwani 2658 6,0 2607
49 GM Nils Grandelius 2648 6,0 2601
50 GM Shamsiddin Vokhidov 2645 6,0 2592
... ... ... ... ... ... ...
59 GM Alexander Donchenko 2624 5,5 2666
65 GM Frederik Svane 2643 5,5 2621
68 GM Dmitrij Kollars 2647 5,5 2602
104 GM Rasmus Svane 2620 4,0 2659
106 GM Dennis Wagner 2608 4,0 2641

116 Spieler insgesamt

Für den ersten deutschen Paukenschlag hätte in Runde 3 um ein Haar Frederik gesorgt:

-
[Raj Tischbierek]

Rechnerbewehrt hat man leicht reden – aber eigentlich untypisch für den Lübecker, der bekannnt dafür ist, kein Risiko zu scheuen. Ohne Detailkenntnis kann ich nur mutmaßen, dass die zuletzt abfallende Formkurve bei seinem Selbstbewusstsein Spuren hinterlassen hat.

Kleine Sünden bestraft Gott sofort und lässt sich dabei gern von Caissa vertreten; Svanes nächster Gegner hieß Keymer … Erfreulich: aus seinen letzten drei Partien holte Frederik zweieinhalb Punkte und hielt den zwischenzeitlich angerichteten Schaden (1/5 in den Runden 4 bis 8) damit in Grenzen.

"Ich bleibe bei EM-Gold!"

Am 5. Oktober steigt die erste Runde bei der Mannschafts-EM in Batumi. »Ziel kann nach dem hauchdünn verpassten Titel 2023 nur Gold sein«, habe ich im Juli geschrieben. Auch, wenn ein Deutscher nichts hat, hat er gemäß Kurt Tucholsky Bedenken – davon kann auch ich mich nicht gänzlich freimachen. Erstmals bei einem großen Teamwettbewerb gehen wir an 1 gesetzt an den Start. Wie gehen unsere Jungs damit um?

Am wenigsten Sorge habe ich bei Vincent Keymer, dem ich auf einer Stabilitätsskala von 1 bis 10 eine 9 geben würde. Rasmus Svane hat in Samarkand keine Partie gewonnen, dennoch kriegt er eine 7. Wundertüten waren zuletzt Frederik Svane, 6, und Dmitrij Kollars, 5. Wichtig die ersten Runden: in Tritt kommen, Selbstbewusstsein aufbauen! Und wie verkraftet Matthias Blübaum die merkwürdige Schachspezifik, dass sich »niemand« für einen Doppel-Europameister, aber »alle« für einen WM-Kandidaten interessieren? Gut, denke ich: 8.

Ein wesentlicher Faktor, der erfolgreich gegen den Bedenkenträger ankämpft, ist unser toller Teamgeist! Das motivierende Umfeld kann vorgeschaltete Probleme vergessen machen. Ich bleibe bei Gold!

Grand Swiss der Frauen

Dinara Wagner

Als Einzelkämpferin ging Dinara Wagner bei den Frauen an den Start. Ihre ersten Runden hatten »Blübaum-Format«: 4/5. Geteilte Führung!

Ein hübscher Bauerndurchbruch ebnete in Runde 3 den Weg zum Sieg:

-

Das gewonnene Selbstvertrauen manifestierte sich in einer Punkteteilung aus der Position der Stärke heraus gegen die spätere Turniersiegerin Vaishali (Elo 2452) und einem souveränen Schwarzsieg gegen Irina Bulmaga (2400). 4/5! Ging da was?

Nein. Auch Dinara wurde von dem grassierenden Endspielvirus befallen und verlor nach zäher Verteidigung das Spitzenduell der sechsten Runde gegen Katerina Lagno (2505).

Wenn ich oben von der »Rache« Caissas sprach, so traf Dinara selbige doppelt und dreifach! Als nächste Gegnerin bekam sie Ex-Weltmeisterin Tan Zhongyi (2531) zugelost. Die Gewinnstellung aus der Eröffnung heraus mündete in einem gleichstehenden Endspiel – das ihr neuerlich entglitt. Dann Anna Musitschuk (2535)! Der Ratingschnitt ihrer Kontrahentinnen der Runden 6 bis 11 betrug 2500+! Das war zu stark: 1½/6. In Endspielen wurde ein Klassenunterschied deutlich. Auffällig auch, dass sie in sehr guten bis Gewinnstellungen immer wieder in Zeitnot kommt.

Insgesamt spielte Dinara trotz des schwachen Finishs im Rahmen ihrer Erwartung, sie gewann sogar sechs Elopunkte. Aber ich denke, ihr Anspruch ist ein höherer. Somit kann der deutliche Fingerzeig darauf, woran sie arbeiten muss, sehr hilfreich gewesen sein.

Pl. Titel Name Elo Land Pkt. Gegner
1 GM Rameshbabu Vaishali 2452 8,0 2434
2 GM Kateryna Lagno 2505 8,0 2433
3 GM Bibisara Assaubayeva 2505 7,5 2425
4 GM Zhongyi Tan 2531 7,5 2423
5 IM Yuxin Song 2409 7,5 2411
6 IM Ulviyya Fataliyeva 2385 7,0 2461
7 GM Irina Krush 2366 7,0 2419
8 GM Mariya Muzychuk 2484 7,0 2404
9 IM Qi Guo 2371 6,5 2436
10 GM Olga Girya 2386 6,5 2430
11 IM Mai Narva 2386 6,5 2429
12 GM Anna Muzychuk 2535 6,5 2417
13 IM Stavroula Tsolakidou 2445 6,5 2409
14 GM Harika Dronavalli 2467 6,5 2401
15 GM Alexandra Kosteniuk 2472 6,5 2391
16 IM Miaoyi Lu 2449 6,5 2376
17 IM Khanim Balajayeva 2331 6,0 2439
18 GM Elina Danielian 2405 6,0 2421
19 IM Meruert Kamalidenova 2349 6,0 2414
20 IM Carissa Yip 2458 6,0 2399
21 IM Leya Garifullina 2477 6,0 2381
22 GM Anna Ushenina 2409 6,0 2372
23 IM Lela Javakhishvili 2434 6,0 2343
24 IM Dinara Wagner 2400 5,5 2459

56 Spielerinnen insgesamt

Was von unseren Frauen in Batumi zu erwarten ist, lässt sich ob ihrer schwankenden Leistungen kaum prognostizieren. An 7 gesetzt, würde ich eine Top6-Platzierung als Ziel ausgeben.

Vielleicht platzt ja gerade ohne Elisabeth Pähtz der Knoten!? Wenn der Start glückt, sich aus dem Quintett Dinara Wagner, Hanna Marie Klek, Lara Schulze, Kateryna Dolzhykova und Josefine Sarfali ein, zwei Zugpferde aufschwingen und niemand einbricht, ist sogar eine Medaille drin. Nicht geringer ist aber auch die »Chance«, dass nichts läuft und wir die Tabelle heruntergespült werden. Vieles ist möglich. Ich wünsche unseren Frauen, dass sie oben mitspielen und ein Erfolgserlebnis in Form eines Matchsieges gegen eine der topgesetzten Nationen feiern können! Das gab es viel zu lange nicht mehr.

Abschließend einige Worte zu einem Turnier, das mich in seinen Bann gezogen hat. Und das keineswegs nur wegen des Blübaum-Keymer-Spektakels. Es war vielmehr das Aufeinandertreffen aller Gruppierungen, das mein Interesse geweckt hat:

  • Die omnipräsente Elite: Gukesh (+1), Praggnanandhaa (+1), Arjun Erigaisi (+3), Alireza Firouzja (+4), Nodirbek Abdusattorow (+3), Levon Aronjan (-1), Jan Njepomnjaschtschi (+1) und Maxime Vachier-Lagrave (+3).
  • Die Himmelsstürmer, die den o. g. ihre Pfründe streitig machen wollen: Hans Niemann (+3), Jawochir Sindarow (+2), Awonder Liang (+3), Nihal Sarin (+3), Parham Maghsoodloo (+1, nach anfangs 4/4) und deren mehr.
  • Die türkischen und amerikanischen »Wunderkinder«: Yagiz Kaan Erdogmus, 14 (+1), Ediz Gurel, 16 (50%), Andy Woodward (+3), 15, und Abhimanyu Mishra (+3), 16. Letzterer ging mit einer Ungeschlagenserie von 56 Partien ins Turnier und schraubte diese auf 67. Und das, obwohl er mit satten 2725 den höchsten Eloschnitt aller Teilnehmer aufwies! Ich traute meinen Augen nicht, als ich seinen Streichwert (= Gegner mit der schwächsten Elo) sah: Matthias Blübaum mit seinen 2671!
  • Die Routiniers Wasyl Iwantschuk, 56 (+1), und Boris Gelfand, 57 (-2), hatten 35 Jahre zuvor zusammen das Interzonenturnier 1990 gewonnen. Mit von der Partie, und damals mit 17 Jahren vermutlich der jüngste Teilnehmer, war da auch Alexej Schirow, 53, der in Samarkand »+2« holte!
  • Zwei schon für das Kandidatenturnier qualifizierte Frauen, die bei den Männern mitspielten und sich prächtig schlugen: Alexandra Gorjatschkina (Russland) und Divya Deshmuch (Indien), beide »-1«.

Gäbe es mehr von diesen und weniger von den Superturnieren und Serien, würden die Diskussionen um den »Tod des klassischen Schachs« vermutlich schnell verstummen! Apropos: Wann hatten wir das letzte Mal ein Turnier, das Magnus Carlsen nicht mitgespielt hat – und keiner hat ihn vermisst?!

Dem amtierenden Weltmeister gilt meine letzte Beobachtung. Gukesh erwischte ein gruseliges Turnier, das er gar nicht hätte mitspielen sollen/dürfen (da er so theoretisch Einfluss darauf nehmen konnte, wer sein nächster Herausforderer wird). ABER! Dass er trotz dreier Niederlagen en suite nicht »wegen Krankheit« ausstieg, auch nicht, als sich nach einem anschließenden Remis gegen seine Landsfrau Divya Deshmuch online noch mehr Spott über ihn ergoss, verdient höchsten Respekt! Und einmal mehr zeigte sich die heimliche Präsenz Caissas: er gewann seine letzten beiden Partien.

// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 11656

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