2. Juli 2026
„Schach-Wunderkind“ nannte ihn der Bayerische Rundfunk vor einem Jahr, für die Süddeutsche Zeitung war er das größte deutsche Schach-Talent. Leonardo Costa brillierte damals bei den Deutschen Meisterschaften in seiner Heimatstadt München – und er holte sich, wenn auch unter aufregenden Umständen, im Sommer 2025 seinen GM-Titel. Er brauchte vier statt drei Normen, weil er in die Fänge der Bürokratie gelangt war. Nun gibt es weitere Neuigkeiten vom mittlerweile 18-Jährigen. Vor dem Schachgipfel in Dresden, wo er wieder in der Meisterklasse starten wird, bekundet er nun erstmals auf die Fragen der DSB-Öffentlichkeitsarbeit doch großes Interesse an einer möglichen Profikarriere. Das hatte er vor Jahresfrist noch ausgeschlossen. Zumindest wird er mal seine Chancen im Wettbewerb mit den stärksten Großmeistern austesten, wenn er im kommenden Jahr das Abitur in der Tasche hat.
Leonardo, zuerst die Frage aller Fragen an einen 18-Jährigen: Was macht die Schule?
Naja, Schach und Schule auf diesem Niveau sind nicht einfach zu kombinieren. Ich bin mit meinen Schulnoten in diesem Jahr zufrieden. Natürlich hatte ich viele Fehltage und musste oft Stoff nachholen, aber am Ende hat alles gut geklappt.
Vor etwas mehr als einem Jahr hast Du bei den Deutschen Meisterschaften in München – ausgerechnet in Deiner Heimatstadt – Deine entscheidende Großmeister-Norm erreicht. Inmitten eines Top-Teilnehmerfeldes mit mehreren Nationalspielern hast Du stark gespielt und nur gegen Vincent Keymer verloren. Welche Erinnerungen hast Du noch daran?
Ich war natürlich sehr froh über meine Leistung und auch darüber, die notwendige vierte GM-Norm in diesem Turnier geschafft zu haben. Gegen Nationalspieler mithalten zu können, ist gar nicht einfach, da jeder kleine Fehler auf diesem Niveau fast immer sofort bestraft wird.
Damals interviewte Dich die Süddeutsche Zeitung und nannte Dich „das größte Schachtalent Deutschlands“. Wie hast Du das damals aufgenommen?
Natürlich fand ich das super, da ich im Jahrgang 2008 und jünger lange zu den Top 10 der Welt gehörte und aktuell auf Rang 14 liege. Dabei muss man aber auch sagen, dass viele andere Top-Talente deutlich mehr Zeit in Schach investieren und regelmäßig mehr Unterstützung erhalten als ich. Natürlich war es eine große Ehre, als das größte Schachtalent Deutschlands bezeichnet zu werden. Mir ist aber viel wichtiger, dass ich bereits seit fünf Jahren in der Schachbundesliga spiele. Dafür reicht Talent allein nicht aus, denn man muss auch oft mit enormem Leistungsdruck umgehen können.
In dem Artikel stand auch, Du seist auf dem Weg in die Weltspitze – die Frage sei nur: „Möchte Costa das überhaupt?“ Denn Du hast damals gesagt, Du willst kein Schachprofi werden, eher etwas in Richtung Elektrotechnik studieren. „Wenn ich mit Schach mein Geld verdienen muss, geht der Sinn verloren.“ Das war damals ein beeindruckender Satz von Dir. Kannst Du ausführen, was Du damals gemeint hast? Ist das immer noch Deine Denke – oder hat sich da etwas geändert?
Ich meinte damit nur, dass für mich die schachliche Entwicklung und die damit verbundenen Herausforderungen immer im Vordergrund standen und nicht das Geld. Was die Frage betrifft, ob ich Schachprofi werden möchte, habe ich nach wie vor viele Interessen außerhalb des Schachs - etwa Mathematik, Physik, Elektrotechnik, Künstliche Intelligenz und Wirtschaft. Deshalb fällt es mir schwer, schon heute alle Karten auf eine Schachkarriere zu setzen. Natürlich spielt der sportliche Erfolg eine wichtige Rolle für die endgültige Entscheidung. Mir ist aber auf jeden Fall sehr wichtig herauszufinden, wie weit ich mein Potenzial im Schach tatsächlich entfalten kann. Deshalb freue ich mich sehr auf das Schachjahr, das mir mein Sponsor Roman Krulich ermöglicht.
Wie müssen wir uns dieses Schachjahr vorstellen? Wann geht es los? Wie viele Turniere und wo wirst Du spielen?
Das Schachjahr soll direkt nach dem Abitur beginnen, also ab Juni 2027. Selbstverständlich möchte ich die stärksten europäischen Ligen spielen, an der Europameisterschaft teilnehmen und auch sehr stark besetzte Turniere außerhalb Europas bestreiten. Außerdem stehen die Weltmeisterschaften im Rapid- und Blitzschach auf dem Radar. Ein wichtiger Bestandteil wird auch ein intensives tägliches Trainingsprogramm sein, das während der Schulzeit so nicht möglich war. Insbesondere möchte ich deutlich mehr mit Pawel Eljanow trainieren.
In München ist uns 2025 aufgefallen, dass Du teilweise vor und nach anstrengenden Partien lange Interviews gegeben hast. Das würden andere Spieler nicht tun. Warum ist Dir so etwas durchaus wichtig?
Ich halte es für wichtig, unabhängig vom Ergebnis meine Gedanken zum Spiel mit der Öffentlichkeit zu teilen. Schach lebt von den Menschen, die sich dafür interessieren. Wenn ich Schachfans unterhalten kann und gleichzeitig Menschen, die vielleicht weniger vom Schach verstehen, meine Begeisterung für das Spiel vermitteln kann, dann mache ich das sehr gerne.
Du hast in dieser Saison für den MSA Zugzwang gespielt. Wie zufrieden bist Du nach dieser Saison? Und wie wichtig ist es, dass Ihr nun – dank zweier Rückzüge anderer Teams – doch in der Liga bleibt?
Zunächst einmal bin ich sehr froh darüber, dass unser Team trotz vieler unglücklicher 3,5:4,5-Niederlagen den Verbleib Schachbundesliga irgendwie geschafft hat. Das ist für mich persönlich und schachlich sehr wichtig. Mit meiner eigenen Leistung bin ich ebenfalls zufrieden. Am zweiten Brett habe ich 50 Prozent der möglichen Punkte erreicht. Dazu durfte ich gegen Weltklassespieler wie Jan-Krzysztof Duda und Richard Rapport antreten.
Bei Zugzwang spielst Du mit Pawel Eljanow, der Dich seit zwei Jahren trainiert, in einem Team. Wie wichtig ist er insgesamt für Deine Entwicklung?
Selbstverständlich ist es für meine schachliche Entwicklung enorm wichtig, die Möglichkeit zu haben, mit Pawel zu trainieren, der selbst ein Elite-Großmeister ist. Leider konnten nicht so viele Trainingseinheiten stattfinden – maximal etwa einmal im Monat –, da er nicht nur Trainer, sondern auch aktiver Spitzenspieler ist und es deshalb oft schwierig war, gemeinsame Termine zu finden.
Nun steht der Schachgipfel in Dresden an, Du spielst wieder in der Meisterklasse. Wie sehr freust Du Dich darauf? Wie stark siehst Du das Teilnehmerfeld an? Was ist Dein Ziel für Dresden?
Ich freue mich sehr darauf, dieses Turnier spielen zu können, obwohl man objektiv festhalten muss, dass das Teilnehmerfeld im Vergleich zu den letzten zwei oder drei Jahren deutlich schwächer besetzt ist. Es wäre natürlich fantastisch, unter die ersten Drei zu kommen. Dennoch versuche ich, mich voll und ganz auf die einzelnen Partien zu konzentrieren und weniger auf das Endergebnis.
Und was sind Deine sportlichen Ziele? Du hast vor einem Jahr gesagt, die 2600 Elo willst Du knacken…
Die 2600 Elo bleiben natürlich ein wichtiges Ziel. Gleichzeitig versuche ich, mich nicht zu sehr auf einzelne Zahlen zu konzentrieren. Ich habe das Gefühl, dass mein tatsächliches Spielniveau nicht mehr weit von diesem Ziel entfernt ist - wenn es mir gelingt, in manchen Partien weniger zu überziehen. Langfristig ist mein Ziel, mein Potenzial möglichst vollständig auszuschöpfen und herauszufinden, wie weit ich es im Schach bringen kann.
Interview: mw
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37075