Löberitzer Schachtage vom 28. - 30. Juni

26.06.2019 09:04
Titelblatt des Programmheftes
Konrad Reiß
Titelblatt des Programmheftes

mit einer Retrospektive zum Saale-Schachbund

Liebe Schachfreunde,

die „Schachgemeinschaft 1871 Löberitz“ kann im Juni 2019 auf 148 Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken. Nun steht auch bald das 150. Vereinsjubiläum vor der Tür. Die zum Vereinsgeburtstag schon über mehrere Jahrzehnte am letzten Juni-Wochenende stattfindenden „Löberitzer Schachtage“ sollen in diesem Jahr eine Rückbesinnung zu den Wurzeln des Löberitzer Schachlebens in der Übergangszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert sein. Eine der größten und nachhaltigsten Leistungen der Löberitzer bei der Entwicklung des Schachs bestand 1882 zusammen mit den Schachklubs aus Halle und Zörbig in der Gründung des Saale-Schachbundes. Damit wurde die Grundlage für das organisierte Schachleben in der Region zwischen dem Burgenlandkreis und der Altmark, sowie dem Harz und der Elbe bis hin nach Eilenburg gelegt. Eingebunden in dieses Unternehmen wurden nach und nach die großen Metropolen Magdeburg, Halle und Dessau, aber auch solche Städte wie Wittenberg, Bernburg, Bitterfeld oder Schönebeck.

Ansonsten bilden das Nachwuchsturnier, die Offene Löberitzer Blitzmeistschaft und das abschließende Mannschaftsblitzturnier das schachsportliche Grundgerüst. Auch nach und neben diesen Turnieren stehen Spiele im Angebot. Bei schönem Wetter mit dem Ball oder abends, wenn Reyk Schäfer sein überall bekannten Spielkoffer mit bekannten und unbekannten Gesellschaftsspielen auspackt. Bei vielem muss in Löberitz Abstriche gemacht werden. Die ländliche Lage in einer im öffentlichen Nahverkehr, vor allem an den Wochenenden abgehängten Region, das Fehlen von Gaststätten und Hotels sowie ein stetig wachsender Anspruch an die Spiel- und Wettkampfstätten stellt den Verein vor immer größeren Herausforderungen. Das betrifft nicht nur die „Löberitzer Schachtage“, sondern auch das normale Vereinsleben. Da haben es die großen Städte wesentlich leichter. In manchen Details entwickelt diese Situation auch ihren eigenen Reiz mit einem eigenen Charme. Doch das war schon immer so. Also, nehmen Sie uns wie wir sind und seien Sie versichert, der Veranstalter wird sich auch bei den 34. Löberitzer Schachtagen als guter Gastgeber präsentieren. Dafür steht unser Präsident Andreas Daus mit seinen vielen fleißigen Helfern.

Der Saale-Schachbund 1882-1945

Ein Buch zur Schachgeschichte des Landes Sachsen-Anhalt

Der Saale-Schachbund wurde 1882 gegründet und erlebte 1945 mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschen Reiches am Ende des 2. Weltkrieges ein abruptes Ende.
Sein Name bezieht sich auf den die Region durchfließenden Fluss. Trotz einiger Versuche zur Änderung des Namens hielten die Verbandsmitglieder der Saale die Treue. Selbst aus der Tatsache heraus, dass das Verbandsgebiet eine weitaus größere Ausdehnung hatte. Im Norden waren das die Altmark, im Süden der Burgenlandkreis, im Westen reichte es hinein nach Thüringen und den Harz sowie Richtung Osten weit über die Elbe hinweg.

Am Anfang des Buchers sollten unbedingt die Fragen gestellt werden: Warum und für welch Klientel ist es geschrieben worden? Zur Beantwortung muss etwas in die Vergangenheit geschaut werden. Ganz speziell zu dem Verbandsende im Jahr 1945.

Das Verbandsgebiet des Saale-Schachbundes lag in der sowjetischen Besatzungszone; bzw. später auf dem Territorium der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik. Die sportpolitischen Leitgedanken basierten in diesem neuen Gesellschaftssystem auf einer systemnahen Sportentwicklung. Es war eine Abkehr von der bürgerlichen und eigenbestimmten Sportbewegung. Sie akzeptierte wenige Ausnahmen.
Eine freie Sportentwicklung war nur bedingt möglich. Bestes Beispiel ist der staatlich verordnete Verzicht auf eine Teilnahme von Schachsportlern an Schacholympiaden oder Turnieren im westlichen Ausland.
Dass dennoch in der Zeit der DDR gut organisiert und erfolgreich Schach gespielt wurde, steht hier außer Frage.
Die erfolgreiche Geschichte des Saale-Schachbundes verschwand, wie bei allen anderen Sportverbänden, in einer Schublade der Geschichte. Für fast 45 Jahre.
In den drei westlichen Besatzungszonen wurde mit der Tradition des Deutschen Schachbundes und seiner integrierten Landesverbände völlig anders umgegangen. Die 12 Jahre Naziherrschaft wurden einfach ausgespart und man begann auf der Zeit vor 1933 aufzubauen. Sicherlich auch nicht in allen Bereichen optimal. So kamen viele „Nazi-Funktionäre“ und „Mitläufer“ in der westdeutschen Schachorganisation in einflussreiche Positionen.

Doch die Geschichte der dortigen Landesverbände lebte weiter und erhielt nach 1945 schnell die Möglichkeit, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Zurück zum Saale-Schachbund.  Erst nach der politischen Wende 1989/90 begab sich das Schach wieder in die Obhut des Deutschen Schachbunds und die neu oder wieder entstandenen Bundesländer gründeten eigenständige oder belebten die früher schon bestehenden Landesverbände.
Leider wurde im Land Sachsen-Anhalt mangels historischer Kenntnisse vieler alter und in der DDR groß gewordener Funktionsträger und im Übereifer eines neuen Aufbruchs nicht wieder der Name „Saale-Schachbund“ für den Landesschachverband verwendet. Der Name war inzwischen schon zu lange aus dem Gedächtnis der Akteure verschwunden.
Eine Fortsetzung der Tradition war also nicht so richtig zu erkennen.

Dieses Buch soll nunmehr die Historie des Saale-Schachbundes von seiner Gründung bis zum Untergang zusammenfassen. Da gibt es vieles zu berichten, aber einiges ist auch im Dunkel der Geschichte verschwunden. Nach jedem Jahr wird bekanntlich die Quellenlage schlechter.
Durch das Buch bietet sich eine gute Gelegenheit, die bisher bestehende Lücke in der Schachgeschichte Sachsen-Anhalts zu schließen und gleichzeitig die in den Saale-Schachbund involvierten Schachspieler, Amtsträger und Vereine zu würdigen.
Viele der Akteure des Saale-Schachbundes beeinflussten generell das schachliche Geschehen in Deutschland, ob als Spieler oder Funktionär. Zu nennen sind hier Siegbert Tarrasch, Bernhard Hülsen, Paul Lipke, Walther Freiherr von Holzhausen, Rudolf L'hermet, Bruno Buchholz, August Preuße, Dr. Fritz Kiok, Hans Platz oder Fritz Herrmann.

Bei der Beantwortung der zweiten Frage sieht es wesentlich düsterer aus, denn es gibt nicht viele, die sich für die regionale oder sogar lokale Schachgeschichte interessieren. Dabei kann Geschichte sehr lehrreich sein, denn dadurch können schon einmal gemachte Fehler aus der Vergangenheit vermieden werden und wiederum könnte auf positiven Aspekten aufgebaut werden.

Ein weiterer wichtiger Grund ist aber die Tatsache, dass das Buch ein auf Papier verewigter Wissensspeicher ist und sich auf lange Zeit in einen Wettlauf mit den Digitalmedien begeben wird, von dem wir heute noch nicht wissen, wer hier den Sieg davonträgt.
So war es mir wichtig, dass in die Geschichte des Saale-Schachbundes auch schachliche Begebenheiten aus dem Verbandsgebiet als Hintergrundinformation erwähnt werden. Dadurch erhält man sogleich einen besseren Blick auf die jeweils beschriebene Zeit.
Eine umfassende Quellenangabe soll der zukünftigen Forschung einen schnellen Zugang zu den primären Informationen ermöglichen.

Titelseite
Konrad Reiß
Titelseite

Schwerpunkte in diesem Buch sind natürlich die Kongresse des Saale-Schachbundes. Hier sind die vorliegenden Quellen und Informationen ganz unterschiedlich, einmal oft lückenhaft und unvollständig und das andere Mal sehr üppig und fundiert.
Neben den vorhandenen Dokumenten des Schachmuseums Löberitz und Bücher der Bibliothek „Theresia v. Avila“ konnten zahlreiche neue Belege und Informationen mit in das Buch aufgenommen werden.

Sehr aufschlussreich waren auch die handschriftlichen Chroniken und Protokollbücher des Bernburger Schachklubs. Sie befinden sich jetzt im Bestand des Schachmuseums Löberitz und werden dort zurzeit digitalisiert.
Hinzu kamen die handschriftlichen Chroniken zweier weiterer Verbandsmitglieder, die der Schachklubs aus Greppin und Holzweißig.

Eine weitere wesentliche Quelle sind die erst 2019 dem Museum von dem Ascherslebener Günter Thormann übergebenen zwei Protokollbücher des Harzer Schachbundes. Diese liegen inzwischen digitalisiert vor und sind somit für jeden Interessenten abrufbar.

Inzwischen erhielt das Schachmuseum Löberitz von dem Brandenburger Alfred Pieske den schachlichen Nachlass seines Vaters Walter Pieske aus Dessau. Ein wunderbarer Fundus alter Akten und Dokumente aus der Zeit zwischen 1884 und 1920. Ein Großteil davon wird in diesem Buch erstmalig veröffentlicht.

Weitere Informationen konnten im Heimatmuseum Zörbig, hier vor allem durch den Nachlass des Schachliteraten Reinhold Schmidt, sowie den Stadtarchiven in Halle, Magdeburg, Dessau und Schönebeck gesammelt werden. 2019 kam als weitere Institution noch das Landesarchiv von Sachsen-Anhalt, Abt. Dessau, hinzu. Alles zusammen auf 356 Seiten + 16 Seiten Titelei komprimiert und reich bebildert.

Es ist ein Weg durch die Geschichte. Beginnend in einer euphorischen Zeit nach der Reichsgründung 1871, geht es zeitlich weiter durch das Wilhelminische Kaiserreich, durch die Zeit des 1. Weltkrieges, durch die Weimarer Republik, die bedrückende Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus bis hin zum 2. Weltkrieg.
Dessen Ende verursachte auch das Ende des Saale-Schachbundes. Im Anschluss und in einer sich vollziehenden politischen Neuordnung gab es weder Zeit noch Raum für eine Würdigung des Saale-Schachbundes.
Diese soll durch dieses Buch für den Vorgänger des zur jetzigen Zeit agierenden Landesschachverbandes von Sachsen-Anhalt erfolgen. Es ist ein Weg durch die Schachgeschichte Mitteldeutschlands im Allgemeinen und die des Landes Sachsen-Anhalt im Speziellen. Ein Gebiet, welches von der Saale, die dem Verband ihren Namen gab, durchflossen wird.

Konrad Reiß

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 10061

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