Malmö, Bukarest & Oslo - die Kolumne von GM Raj Tischbierek

15. Juni 2026

Rameshbabu Pragnanandhaa, Vincent Keymer und Magnus Carlsen

Im Mai und Juni gingen drei Höhepunkte des klassischen Schachs in unmittelbarer Folge über die Bühne:

  1. TePe Sigeman in Malmö (1.-7. Mai),
  2. Romania Classic als Bestandteil der Grand Chess Tour in Bukarest (14.-23. Mai),
  3. Norway Chess in Oslo (25. Mai – 5. Juni).

TePe Sigeman in Malmö (1.-7. Mai)

Das schwedische TePe-Sigeman-Turnier gehört mit seiner 31. Austragung zu den traditionsreichsten Turnieren und die Teilnahme von Magnus Carlsen macht noch jedes Event zu einem besonderen.

In den Monaten zuvor hatte er seiner Sammlung drei WM-Titel – Schnell- und Blitzschach plus Freestyle – hinzugefügt, sowie online die Speed Chess Championship und das Chess.com-Open gewonnen. Größer hätte seine Dominanz kaum ausfallen können; was fehlte, war klassisches Schach. Gemutmaßt wurde, dass er sich in Malmö für die 26er Auflage von Norway Chess einspielen wollte, wo er ein Jahr zuvor seinen letzten Auftritt mit längerer Bedenkzeit (und dem Kontrollverlust von Magnus Carlsen: SLAMS Table After Losing To Gukesh) gehabt hatte.

Mit Sigeman verbinden ihn nostalgische Gefühle: 2004 spielte er hier als 13-Jähriger sein erstes Turnier als Großmeister und wurde Dritter hinter den sich den Sieg teilenden Dänen Peter Heine Nielsen und Curt Hansen. Ersterer war als sein Sekundant auch 22 Jahre später dabei, Magnus war diesmal mit 35 Jahren der älteste Teilnehmer.

Der Start verlief mit 2/4 – darunter eine Niederlage gegen Ex-Sekundant Jorden van Foreest – zäh. Sein Klassik-Comeback wäre nicht erfolgreich ausgefallen, wenn die Begegnung der fünften Runde gegen die einzige Frau im Teilnehmerfeld nicht diese Wendung genommen hätte:

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[Raj Tischbierek]

Anschließend rang Magnus die beiden Youngster Andy Woodward (USA) und Yagiz Kaan Erdogmus (Türkei) nieder und besiegte im fälligen Blitz-Stichkampf um den Turniersieg den Inder Arjun Erigaisi.

Pl. Spieler Land Elo Pkt. 1 2 3 4 5 6 7 8
1 Magnus Carlsen 2840 5,0 * ½ ½ 1 0 1 1 1
2 Arjun Erigaisi 2751 5,0 ½ * ½ ½ 1 ½ 1 1
3 Nodirbek Abdusattorov 2780 4,0 ½ ½ * ½ ½ ½ 1 ½
3 Yagiz Kaan Erdogmus 2708 4,0 0 ½ ½ * ½ ½ 1 1
5 Jorden van Foreest 2735 3,5 1 0 ½ ½ * ½ ½ ½
6 Andy Woodward 2635 3,0 0 ½ ½ ½ ½ * 0 1
7 Jiner Zhu 2546 2,0 0 0 0 0 ½ 1 * ½
8 Nils Grandelius 2662 1,5 0 0 ½ 0 ½ 0 ½ *

Die größte mediale Aufmerksamkeit wurde neben Carlsen dem 14-jährigen (inzwischen 15, * 3. Juni 2011) Erdogmus zuteil, der im April in einem Match den bulgarischen Ex-Weltmeister Veselin Topalov, 51, mit 5:1 beherrscht und damit als jüngster Spieler der Schachgeschichte die 2700er Schallmauer erklommen hatte.

Das Finale der dramatischen 2. Partie:

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[Raj Tischbierek]

Vereinzelt wurde die schwindende Klasse Topalovs ins Feld geführt, der in den letzten Jahren kaum noch aktiv war. Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner 2700 hatte Erdogmus jedoch schon im Januar in Wijk aan Zee (»+1«) und nun auch in Malmö nachhaltig zerstreut. Bis zur letzten Runde spielte er um den Turniersieg mit und gab sich Carlsen nach lange exzellenter Verteidigung eines unangenehmen Endspiels erst unter Zeitdruck geschlagen. Aktuell notiert er bei Elo 2713 und wird von vielen als der kommende Weltmeister gehandelt.

Romania Classic in Bukarest (14.-23. Mai)

Bei den Romania Classic feierte Vincent Keymer sein Debüt bei der Grand Chess Tour, der jüngst noch lukrativsten und damit begehrtesten Turnierserie des Zirkus. Sein Einstand verlief grandios: Vincent gewann das Turnier.

Pl. Titel Name Land Elo Pkt. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
1 GM Vincent Keymer 2759 6,0 * ½ 0 ½ 1 1 ½ ½ 1 +
2 GM Fabiano Caruana 2788 5,5 ½ * ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 1
3 GM Javokhir Sindarov 2776 5,0 1 ½ * ½ 1 ½ ½ 0 ½ ½
4 GM Wesley So 2754 5,0 ½ ½ ½ * ½ ½ ½ ½ ½ +
5 GM Jorden van Foreest 2735 4,5 0 ½ 0 ½ * 1 ½ ½ ½ +
6 GM Bogdan-Daniel Deac 2650 4,5 0 ½ ½ ½ 0 * 1 ½ ½ +
7 GM Anish Giri 2767 4,5 ½ ½ ½ ½ ½ 0 * ½ ½ 1
8 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2733 4,5 ½ 0 1 ½ ½ ½ ½ * ½ ½
9 GM Maxime Vachier-Lagrave 2717 4,5 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ * 1
10 GM Alireza Firouzja 2759 1,0 - 0 ½ - - - 0 ½ 0 *

Alireza Firouzja fiel in Bukarest von der Bühne, brach sich einen Knöchel und trat zur vierten Runde gegen Caruana nicht an. Gegen Sindarov spielte er dann jedoch auf einem Bett eines Hotelzimmers liegend. Die Partie gegen Caruana holte er ebendort am spielfreien Tag nach, verlor sie und trat danach, bei 1/5 liegend, endgültig zurück. Da er bereits mehr als die Hälfte des Turniers bestritten hatte, wurden seine Partien gemäß Reglement gewertet. Keymer, So, van Foreest und Deac bekamen kampflose Siege gegen Firouzja gutgeschrieben.

Firouzja bei seiner Partie gegen Sindarov

Nach dem umkämpften Auftaktremis gegen Wesley So schlug er Lokalmatador Bogdan-Daniel Deac, remisierte gegen Pragg und gewann auch seine nächste Weißpartie gegen Maxime Vachier-Lagrave – die besondere Aufmerksamkeit erheischt. Vincent hatte mit dem ins Repertoire aufgenommenen 1. e4 seinen ersten klassischen Najdorf auf dem Brett, und das gegen den führenden Spezialisten dieses Systems. Bei der Vorbereitung leistete Sekundant Peter Leko, e4-Spieler von kleinauf, unschätzbare Hilfe.

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[Raj Tischbierek]

Zu einer Einbahnstraße gestaltete sich das Turnier jedoch nicht für Keymer. Es folgte ein Schwarzremis gegen Anish Giri; bei seiner Praxis-Premiere der Berliner Mauer sah Vincent dabei nicht gut aus. Dann der kampflose Sieg gegen Firouzja und eine Niederlage gegen WM-Herausforderer Javokhir Sindarov. Man habe die Vorbereitung übergewichtet und sein Schützling sei nicht frisch gewesen, resümierte Leko später. Schwer erkämpft das anschließende Schwarzremis gegen Fabiano Caruana, mit dem er sich vor der Schlussrunde die Führung teilte. Dann das Happyend gegen Jorden van Foreest, gegen den er zuvor drei klassische Partien verloren hatte.

Trotz der überwiegend positiven Rückschlüsse war es ein Turnier mit Ecken und Kanten. Die wichtigste Erkenntnis: Seine Erfolge und der damit einsetzende Geldsegen haben Vincent nicht satt gemacht. Er bleibt hungrig und will mehr! Die nunmehr fast zehnjährige Zusammenarbeit mit Peter Leko trägt auch jenseits der 2750 Früchte, wie die obige Partie gegen MVL eindrucksvoll belegt. Keymer gehört zur kleinen Schar jener, für die der klassische WM-Titel das höchste und gleichzeitig ein realistisches Ziel ist.

Norway Chess in Oslo (25. Mai – 5. Juni)

Alireza Firouzja (mit Unterschenkelfußprothese) gegen Magnus Carlsen

Der Höhepunkt des zurückliegenden Schachmonats war Norway Chess, das von Stavanger nach Oslo gewechselt ist. Und das nicht nur, weil Magnus Carlsen – bei seinem Heimturnier ist er stets am Start und hat es bereits siebenmal gewonnen – und Vincent Keymer dabei waren. Auch der Weltmeister war mit von der Partie. Gukesh hat sich aus der Grand Chess Tour ausgeklinkt, um Zeit für die Vorbereitung seines am Jahresende anstehenden Titelmatches gegen Sindarov zu gewinnen. Aufgefüllt wurde das doppelrundig aufeinandertreffende Sechserfeld mit Praggnanandhaa, Firouzja, der im Rollstuhl auf die Bühne gefahren wurde und sein lädiertes Bein während der Partien auf einem zweiten Stuhl ruhen ließ, und Wesley So. Mit Ausnahme des Letzteren durchweg aggressiv gestimmte Akteure.

Besonderer Erwähnung bedürfen die Norway Chess eigenen Regularien: Gespielt wird mit 2 Stunden für die gesamte Partie, ab dem 41. Zug gibt es 10 Sekunden Bonus/Zug. Ist man einmal knapp an Zeit, ändert sich daran bis zum Ende der Partie nichts mehr. Endet die klassische Partie remis, wird nach einer 20-minütigen Pause ein Armageddon-Entscheid ausgetragen. Weiß bekommt 10, Schwarz 7 Minuten (1 Sekunde Bonus/Zug ab Zug 41), Weiß muss gewinnen, Schwarz reicht ein Remis.
Für einen Sieg in der klassischen Partie gibt es 3, für eine Niederlage 0, für ein Remis plus Armageddon-Sieg 1½ und für ein Remis plus Armageddon-Niederlage 1 Punkt.
Die Runden beginnen erst 17 Uhr – eine Konzession an das norwegische Fernsehen, das das gesamte Turnier live überträgt.

Auffällig war, dass – obwohl alle Teilnehmer außer Keymer Erfahrung mit diesem Format hatten – mit Ausnahme des Risiken konsequent minimierenden So keiner einen guten Umgang damit fand. War es auf das ungewöhnlich hohe Aggressionspotenzial zurückzuführen? Zeitnotschlachten mit wechselnden Opfern waren an der Tagesordnung.
Sehen Sie zur Untermauerung dieser Aussage einen Rollercoaster aus Runde 3:

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[Raj Tischbierek]

Trotz dieses Sieges zierte der 20-jährige Inder, der zuletzt eine Durststrecke durchlaufen und ein enttäuschendes Kandidatenturnier gespielt hatte, nach sechs Runden das Tabellenende. Dann gewann er jedoch sensationell seine letzten vier klassischen Partien – 4 x 3 = 12 Punkte – und damit das Turnier! Wie Keymer ist er in die Garde der potenziellen Weltmeister einzureihen.

Pl. Spieler Land Elo Pkt.
1 Rameshbabu Praggnanandhaa 2733 18,0
2 Wesley So 2754 17,0
3 Alireza Firouzja 2759 15,5
4 Magnus Carlsen 2840 13,0
5 Vincent Keymer 2759 11,0
6 Gukesh Dommaraju 2732 8,0

Praggs Lauf begann in Runde 7 mit einem überraschenden Turmzug:

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[Raj Tischbierek]

Für Vincent war es nach einem kräfteraubenden Turnier mit vielen von häufigen Ausschlägen auf der Bewertungsskala garnierten Zeitnotschlachten die einzige Niederlage. Nimmt man nur die klassischen Begegnungen, war sein Turnier mit 50 Prozent völlig in Ordnung:

Pl. Spieler 1 1 2 2 3 3 4 4 5 5 6 6 Pkt.
1. Praggnanandhaa * * ½ 0 0 1 1 1 ½ 1 0 1 6,0
2. So ½ 1 * * ½ ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ 6,0
3. Firouzja 1 0 ½ ½ * * 1 0 ½ ½ ½ 1 5,5
4. Carlsen 0 0 0 ½ 0 1 * * ½ ½ 1 1 4,5
5. Keymer ½ 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ * * ½ 1 5,0
6. Gukesh 1 0 ½ ½ ½ 0 0 0 ½ 0 * * 3,0

Er verlor jedoch alle acht Armageddons. Das klingt katastrophal, hat aber mit Sicherheit nicht in erster Linie mit seinem Schach zu tun. Hat er zuviel Energie auf die Vorbereitung verwandt und fehlte ihm ob des späten Spielbeginns bei den Entscheidungsschlachten die Kraft? Leko und er werden es analysieren.

Deutlich problematischer stellt sich die Lage für Gukesh dar, der keinen Schlüssel findet, an alte Leistungen anzuknüpfen (was angesichts dessen, dass er Ende Mai 20 wurde, merkwürdig klingt). So hoch, wie er das Risiko mitunter schon in der Eröffnung schraubt, könnte man denken, dass er es zwingen will – aber es lässt sich nicht zwingen. Eine spannende Frage bleibt, wie er damit bei der Vorbereitung auf seine Titelverteidigung umgeht. Herausforderer Javokhir Sindarov war vor Ort und pushte seine Freundin Bibisara Assaubayeva zum Sieg in der Damenkonkurrenz.

Magnus Carlsen
Norway Chess
Magnus Carlsen

Aber das große Thema war natürlich Carlsens »Versagen«: vier Niederlagen der Nr. 1 in einem Turnier! Es begann mit einer Null gegen Firouzja, der in Durchgang 3 die obige gegen Pragg und eine weitere gegen So in Runde 5 folgte. Hoffnung auf ein »Malmö-Finish« keimte auf, als er zum Rückrundenstart Firouzja schlug, aber die Konkurrenz war diesmal stärker und die Siebenmeilenstiefel angelte sich Pragg.
Magnus wirkte schlecht vorbereitet, schien häufig am Brett zu improvisieren und erstaunte mit seinem schlechten Zeitmanagement.
Sekundant Peter Heine Nielsen fand im NIC-Podcast keine wirklich schlüssige Erklärung für das schwache Turnier seines Schützlings. Wir erfahren, dass Magnus als frischgebackener Familienvater zu für ihn früher nachtschlafener Zeit – vormittags – mit seinem Sekundanten Golf spielt, um »den Kopf freizukriegen«. Nielsen betont, dass Magnus trotz der sichtlichen Probleme weiter hohe Risiken einging. Lobenswert, ja – aber was sonst? Ein schlechtes Turnier mit Remisen ausklingen lassen? Das wäre eine Bankrotterklärung gewesen.
Ein schlechtes Turnier darf sich jedoch jeder leisten – zumal Norway Chess nie Magnus’ ganz große Liebe war. Schon 2015, 2017 und 2023 blieb er hier deutlich unter seinen Möglichkeiten. Ich würde es angesichts seiner Verweigerung des WM-Zyklus’ durchaus begrüßen, wenn Zeus den Olymp räumen müsste. Nach einem einzigen schwachen Resultat jedoch bereits den Abgesang auf Carlsens inzwischen 15-jährige Herrschaft als Nr. 1 der Schachwelt anzustimmen, erscheint mir mindestens verfrüht. (rt)

// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 11761

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