25. August 2026
Nur eine Niederlage, 92 Elo-Punkte gewonnen: Die neue württembergische Titelträgerin ist erst 18 Jahre alt, aber längst sehr erfolgreich im Erwachsenenbereich angekommen. Das zeigte Ana-Maria Bursan jetzt bei der Internationalen Offenen Deutschen Frauen-Einzelmeisterschaft (IODFEM) in Ruit, wo sie Sechste wurde – und sich als beste Württembergerin den Landestitel holte. In der Meisterklasse der Württembergischen Einzelmeisterschaft brillierte ein weiteres DSB-Talent: Neil Albrecht, der erst 15 Jahre alt ist und den DSB regelmäßig auch international vertritt. Er gewann das Turnier, holte sich 49 Elo-Punkte und steuert damit auf die 2400 Elo zu. Aber Landesmeister wurde er trotzdem nicht, sondern der Drittplatzierte Georg Braun, der zuletzt beim Schachgipfel in der Meisterklasse für eine faustdicke Überraschung gesorgt hatte. Warum diese Platzierungs-Koruisität? Auflösung folgt.
Der Reihe nach: Die Schwäbische Zeitung brachte es vor kurzem so auf den Punkt: „Von Ana-Maria (18) wird man in Zukunft noch öfter hören. Junges Schachtalent vor dem nächsten Schritt.“ Das war vor den Württembergischen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Ruit. Der Artikel entstand auch und vor allem mit Blick auf Ana-Maria Bursans dritten Platz zuletzt bei den Deutschen Jugendmeisterschaften (U18) in Willingen. Nun hat sie den nächsten Schritt tatsächlich gemacht – und wie. Ein Riesenschritt war das. Nur eine Niederlage erlitt sie bei der Internationalen Offenen Deutschen Frauen-Einzelmeisterschaft (IODFEM) – gegen die Turniersiegerin WGM Ilze Berzina aus Lettland, die 7,5 Punkte holte. Weil Ana-Maria Bursan selbst 5,5 Zähler erreichte und mit Platz sechs die beste Württembergerin war, sicherte sie sich den Landesmeister-Titel – und die Qualifikation für das DSB-Kandidatinnen-Turnier im kommenden Sommer in Stuttgart. Ein Heimspiel. „Ja“, sagt Ana-Maria Bursan, die in diesem Jahr in Dresden von ihrem Abschneiden beim Kandidatinnen-Turnier (Platz 19) enttäuscht war, „das wird bestimmt eine schöne Sache. Da kann ich den Eindruck von Dresden korrigieren.“ Pause. „Mit meinem Abschneiden in Ruit bin ich relativ zufrieden.“
Relativ zufrieden? „Ja, ich stand zweimal gegen eine WIM auf Gewinn – und habe es leider nicht nach Hause gebracht.“ Nach dem Titelgewinn ging sie abends noch mit der Familie essen – nicht, weil euphorisch gefeiert wurde, sondern weil sich gefühlt ein Kreis geschlossen habe, sagt Ana-Maria Bursan. Im vergangenen Jahr hatte sie nur aufgrund der Buchholz-Wertung den großen Wurf in Ruit hauchdünn verpasst. „Es hat schon gutgetan, dass es in diesem Jahr geklappt hat. Ich habe das als beruhigend und auch erleichternd empfunden“, sagt sie. Ein Plus von 92 Elo-Punkten zeigt, wie stark dieses Turnier besetzt war. Vor ihr rangierten im Klassement nur Titelträgerinnen. Das spornt an. „Natürlich möchte ich jetzt auch irgendwann die ersten Normen schaffen. Andere in meinem Alter sind schon FM.“ Zuerst steht für Bursan, die vergangene Saison für die TG Biberach 1847 als einzige Frau im Team in der Oberliga Baden-Württemberg gespielt hat, aber noch die Jugend-EM (ab 2. November) auf Kreta an. Abseits der eigenen Spielerkarriere gibt es auch Bemerkenswertes: So hat die Gymnasiastin aus Ertingen eine Schach-AG ins Leben gerufen – und plant gerade die zweite.
Für viel Furore sorgte in Ruit Neil Albrecht. Er beherrschte die Meisterklasse – das war auch sein großes Ziel. Mit sieben Zählern gewann er das Turnier vor GM Eduardas Rozentalis (6,5). Aber da Neil Albrecht er vor einigen Wochen vom Oberligisten SK Sontheim/Brenz zum Zweitligisten Münchner SC gewechselt ist, konnte er nicht mehr Landesmeister werden. Das aber, hatte er schon im Vorfeld gesagt, war nicht seine Priorität: Es ging um die erste IM-Norm, die er nun im Sack hat. Georg Braun (plus drei Elo-Punkte) verpasste sie einmal mehr knapp, holte sich aber als Turnier-Dritter den Landesmeister-Titel.
Ob dieser Erfolg womöglich Balsam für die Dresden-Wunde ist? Nein. Aber nicht, weil er den Titel als Württembergischer Meister nicht zu würdigen weiß, sondern: „Es gibt gar keine Dresden-Wunde.“ Zwei aus neun Punkten in Dresden, sagt Dr. Georg Braun, seien „okay“ gewesen, „kein großer Erfolg, aber angesichts der Gegner auch kein übermäßig schlechtes Ergebnis.“ Sieben Großmeister, zwei Internationale Meister waren seine Gegner im Juli. Und immerhin hatte er ja als FIDE-Meister und Außenseiter in der Meisterklasse der Deutschen Meisterschaft in Runde acht einen sensationellen Sieg gegen Großmeister Alexander Donchenko errungen – mit Schwarz. „Das kann mir keiner mehr nehmen“, sagt Braun, der jetzt auch zufrieden aus Ruit abreiste. „Mein Ergebnis war ganz gut, auch wenn ich die Norm verfehlt habe“, sagt der 32-Jährige.
Mit acht der neun Partien in der Meisterklasse und Platz drei sei er mit sich im Reinen, sagt er, „einzig nicht mit der Niederlage gegen Neil, dem ich aber seinen Erfolg und die Norm völlig gönne. Wir kennen uns inzwischen auch schon seit ein paar Jahren. Ich finde es toll, wie er sich in den Jahren entwickelt hat.“ Nach ihrer Partie gingen die beiden gemeinsam zum Essen. So muss es sein.
Laut Braun sei es „früh in der Eröffnung in die falsche Richtung“ für ihn gegangen: „Neil spielt seit kurzem eine neue Eröffnungsvariante. Ich hatte seine bisherige Partie in der Vorbereitung nicht gründlich analysiert, und eine ältere Analyse wiederholt, ohne diese erneut mit dem Computer oder Datenbank auf neue Entwicklungen zu prüfen.“ Selbstkritische Sätze vom Mathematiker des SK Bebenhausen, der sonst eigentlich nie etwas dem Zufall überlässt. „Aber während eines Turniers hat man für so etwas auch nur begrenzt Zeit. Neil hat die bessere Stellung aus der Eröffnung dann souverän gegen mich gewonnen.“ Neuer Württembergischer Landesmeister der Schachspieler mit Behinderung wurde Frank Oberndörfer von den SF Ravensburg, das Kandidatenturnier der Württembergischen Einzelmeisterschaft gewann Marius Hurm von der SG Königskinder Hohentübingen.
(mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37116