Mit der geplanten Einführung des Wertungsportals tritt zeitgleich auch eine neue Wertungsordnung für die Spielstärkebewertung von Schachspielern in Deutschland in Kraft. Der Verantwortliche für die DWZ-Systemkontrolle, Berthold Plischke, hat die wichtigsten Neuerungen in der demnächst gültigen Wertungsordnung für alle Interessenten zusammengefasst.
Das Wertungsportal soll nach derzeitiger Planung seinen Betrieb zum 1. Juli 2026 aufnehmen. Die Inbetriebnahme kann sich aber aufgrund von Arbeiten und Tests verzögern. (fb)
Die neue Wertungsordnung 2026
Nachdem Reformpläne jahrelang nicht umsetzbar waren und sich aufgestaut haben, ist das DWZ-Berechnungsverfahren gegenüber der noch geltenden Wertungsordnung 2022 nun gründlich revidiert und stärker internationalen Elo-Standards sowie der DSGVO angeglichen worden. Dabei wird aber Bewährtes wie Jugendbeschleunigung und Abbremsungsregelung, auch die Sonderwertung, in z.T. modifizierter Form beibehalten.
Für die Kernformel Rn = R0 + K·(W-We) wird der Entwicklungsfaktor K eines Spielers direkt und neu definiert [siehe WO 3.5.1 & Anhang 1.3], nicht mehr über K = 800 / (E + n). Das beinhaltet zwei wichtige Konsequenzen:
Die frühere Abhängigkeit des K-Werts von der Partienzahl n war ein unglückliches Relikt aus dem bis 1991 geltenden INGO-System. Auswertungen mit einem niedrigen n, besonders mit 1-2 Partien, bewirkten eine unangemessen hohe DWZ-Änderung, Turniere mit vielen Runden dagegen eine vergleichsweise geringe. - Jetzt hängt das DWZ-Gewicht einer Partie nicht mehr davon ab, wieviele Partien man sonst noch im Turnier gespielt hat. Z.B. war die Aussage „Mein Sieg gegen einen um 700 P. Schwächeren hat mich einige DWZ-Punkte gekostet“ früher gar nicht so falsch, wenn man es mit dem Wegfall dieser Partie verglich. Nunmehr schadet ein solcher Sieg keinesfalls. [Siehe dazu auch die Tabelle in WO-Anhang 2.4.]
Der alte K-Faktor hing zudem stark von der DWZ eines Spielers ab. Bei niedrigeren DWZ und bei Anfängern wurden deren ohnehin normalen Leistungsschwankungen durch hohe K-Faktoren noch künstlich verstärkt. Die DWZ-Starken, die i. Allg. ohnehin stabiler spielen, wurden durch relativ niedriges K vor größeren DWZ-Sprüngen zusätzlich bewahrt – beides eine Art von self-fulfilling prophecy. Nunmehr hängt der Grundwert K0 i.W. nur noch von der Altersstufe ab (sowie z. T. vom Index), bei nur wenig Konzessionen an die alte „Logik“, so dass es vor allem am Spieler selbst liegt, wie sein Auf-und-Ab aussieht. Zwar ist das Spektrum der K-Werte insgesamt reduziert, wir haben aber noch immer eine höhere Dynamik als z.B. die FIDE, Österreich oder als das bzgl. K noch stärker vereinfachte neue englische System.
Weitere Neuerungen sind:
Im Zusammenhang mit 2. werden „Stellgrößen“ [WO-Anhang 1.2] eingeführt, mit denen die Wertungskommission die Gesamt-Entwicklung und die Gesamt-Statistik der DWZ aller Spieler steuernd beeinflussen kann.
Bei 100%-Ergebnissen von Spielern mit DWZ und bei 100% von Wertungslosen wird die Turnierleistung bzw. die Erst-DWZ mit Hilfe eines fiktiven Remis gegen den Gegnerschnitt berechnet. Dies führt jeweils zu angemessenen Ergebnissen. [WO 3.6.2 & 3.4.1.2]
Die Sonderwertung wird nicht mehr auf Erst-DWZ-Erwerber angewandt [WO 3.6.3], dies hatte u. a. unbeabsichtigte Rückkopplungseffekte auch auf die etablierten Spieler. Im Gegenzug gilt:
Das Ergebnis der sogen. Gesamtiteration für DWZ-Neulinge, wird in erweiterter Form zu ihrer Erst-DWZ „geliftet“, abschmelzend bis DWZ 2000 [WO 3.4.4.2]. Dies soll vor allem einer Unterbewertung dieser Anfänger vorbeugen, wovon ihre Gegner im Turnier und ihre zukünftigen Gegner insgesamt profitieren.
Für die Auswertungsreihenfolge von Turnieren mit gleichem Enddatum zählt jetzt das frühere Startdatum. Das verbessert die Chronologie der Auswertungen: ältere Partien zuerst [WO 2.2.3].
Einige redaktionelle Überarbeitungen/Präzisierungen gibt es auch. Hier sind neben dem neu strukturierten Abschnitt 2.5 „Schlichtungen“ zu erwähnen: - in den Auswertungsdarstellungen sollen diejenigen Werte von Nicht-DSB-Mitgliedern angezeigt werden, die für deren Gegner relevant sind, insbesondere die Turnierleistungen wegen der Sonderwertung. - Zu beachten ist ferner Artikel 4.2.3.2, wenn die Wertung von Auslandsturnieren gewünscht wird.
Spieler, die nicht Mitglieder im DSB sind oder waren, werden DSGVO-gemäß nicht mehr mit ihren Daten und Turnierhistorien in einer Datenbank geführt, sondern zu nur „textuellen Teilnehmern“ in den Auswertungen. Für ehemalige Mitglieder werden DWZ-Daten nur noch für 5 Jahre vorgehalten [WO 4.1.1].
Last not least: Auch wenn die o.g. Punkte 1. und 2. von grundlegender Bedeutung sind, wird wohl das Folgende die größte allgemeine Beachtung finden:
Anhang 4 „DWZ-Umstellung“ (Seite 36). Diese einmalige Anhebung schiebt die auseinandergedrifteten DWZ-Differenzen von unten her Richtung 2110 zusammen (mit einer neuen Mindest-DWZ von 1100), so dass wieder realistische Gewinnerwartungen entstehen. Dies erfolgt aus den gleichen Gründen und ganz analog zur Elo-Anhebung vom 1. März 2024 durch die FIDE. Damit werden DWZ und FIDE-Ratings (ab 1400) das gleiche allgemeine Niveau haben, was oberhalb 2100 schon vorher in etwa der Fall war. Nicht-DSB-Mitglieder können nun wieder problemlos mit ihrer Elo-Zahl gewertet werden [WO 4.1.2].
Alle Änderungen sollen vorbehaltlich des Übergangsprozesses zur ebenfalls neuen Auswertungssoftware ab ca. Juli 2026 wirksam sein, die neuen Wertungszahlen können aber wegen dieses Prozesses erst einige Wochen später veröffentlicht werden.
Im Auftrag der Wertungskommission Berthold Plischke Wesel, im Mai 2026