25. Juli 2026
Mit einem Sieg gegen Kateryna Dolzhykova sichert sich Jana Schneider beim Schachgipfel in Dresden ihren zweiten deutschen Meistertitel. Die 24-Jährige beendet das Turnier ungeschlagen mit sieben Punkten aus neun Partien. Im Siegerinterview spricht sie über die dramatische Schlussrunde, ein neues Gefühl der Leichtigkeit, ihre Masterarbeit und den Rückenwind für die Schacholympiade. Als Kateryna Dolzhykova ihre Hand zur Aufgabe ausstreckte, fiel die Anspannung von Jana Schneider ab. Die Schlussrundenpartie war entschieden – und Schneider wusste, dass sie zumindest den geteilten ersten Platz und damit ein mögliches Stechen sicher hatte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Am Nachbarbrett gewann Lara Schulze gegen die punktgleiche Dinara Wagner. Damit stand fest: Jana Schneider ist alleinige Deutsche Meisterin 2026.Mit sieben Punkten aus neun Partien setzte sie sich einen halben Zähler vor Lara Schulze durch. Sarah Papp wurde Dritte, Dinara Wagner belegte aufgrund der Feinwertung den vierten Platz. Schneider blieb während des gesamten Turniers ungeschlagen und kam auf fünf Siege und vier Remis. „Es hört sich noch ein bisschen unreal an“, sagte Schneider wenige Minuten nach ihrem Triumph. „Ich kann es noch gar nicht richtig glauben.“
Die Ausgangslage vor der letzten Runde war kompliziert. Schneider und Wagner führten das Feld mit jeweils sechs Punkten an. Dahinter lauerten Lara Schulze und Kateryna Dolzhykova mit einem halben Punkt Rückstand. Vier Spielerinnen besaßen noch realistische Chancen auf den Titel. Schneider wusste deshalb genau, worauf es ankam: Sie durfte sich nicht mit den anderen Brettern beschäftigen, sondern musste ihre eigene Partie gewinnen. „Ich hatte nicht mitbekommen, wie die Partie zwischen Dinara und Lara ausgegangen war“, erklärte sie. „Ich hatte nur gesehen, dass Lara eine Figur mehr hatte. Aber während der gesamten Partie wusste ich: Ich muss mich auf mein eigenes Spiel konzentrieren. Wenn ich gewinne, erreiche ich mindestens das Stechen.“ Die Partie gegen Dolzhykova entwickelte sich zu einem wechselhaften Kampf. „Es ging auf und ab und war sehr spannend. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich die Partie am Ende gewinnen konnte.“ Als ihre Gegnerin schließlich aufgab, mischten sich Freude und Erleichterung. „Ich war natürlich sehr glücklich, aber auch erleichtert. In diesem Moment ist einfach sehr viel Spannung abgefallen.“ Neun Jahre nach ihrem ersten Triumph ist Schneider damit erneut Deutsche Meisterin. Bereits 2017 hatte sie im Alter von 14 Jahren den nationalen Titel gewonnen. Wenige Tage vor ihrem 15. Geburtstag wurde sie damals zur zweitjüngsten Deutschen Meisterin der Geschichte.
Dass Schneider in Dresden um den Titel spielen würde, war vor dem Turnier keineswegs selbstverständlich. In den Monaten zuvor hatte sie ein umfangreiches Programm absolviert und zahlreiche Turniere gespielt. Bis zur Europameisterschaft lag ihr Fokus stark auf dem Schach. Danach entschied sie sich bewusst für eine kurze Pause.„Ich habe dieses Jahr bis zur Europameisterschaft sehr viel Schach gespielt“, berichtete sie. „Dann kam die Olympiade-Nominierung, über die ich mich sehr gefreut habe. In den vergangenen Monaten habe ich aber ein bisschen Schachpause gemacht. Ich habe zwar trainiert, aber nicht besonders viel, weil ich das Gefühl hatte, erst einmal wieder Kraft sammeln zu müssen.“ Parallel arbeitete Schneider an ihrer Masterarbeit. Die Deutsche Meisterschaft ging sie deshalb ungewöhnlich entspannt an. „Ich habe mir gedacht: Die Olympiade-Nominierung habe ich schon, jetzt gibt es nichts mehr zu verlieren.“Diese Leichtigkeit sollte sich als Stärke erweisen. Bereits in der ersten Runde traf Schneider auf Lara Schulze. Die spätere Vizemeisterin erhielt zeitweise eine aussichtsreiche Stellung, Schneider kämpfte sich jedoch zurück und rettete das Remis.„Das war ein guter Start, obwohl sogar noch mehr für Lara drin gewesen wäre. Danach habe ich einfach versucht, ein solides Turnier zu spielen. Dass es jetzt für den deutschen Meistertitel gereicht hat, freut mich natürlich sehr.“
In der Vergangenheit hatte Schneider immer wieder mit größeren Schwankungen ihrer Elozahl zu kämpfen. Phasen mit starken internationalen Ergebnissen wechselten sich mit Rückschlägen ab, insbesondere in den Mannschaftsligen.In diesem Jahr habe sich das Gefühl jedoch verändert.„Natürlich habe ich auch ein schlechtes Turnier gespielt“, sagte sie. „Aber ansonsten hatte ich dieses Jahr vor allem gute Turniere. Elo habe ich eher in der Liga verloren. Deshalb war ich vor der Deutschen Meisterschaft eigentlich schon optimistisch.“ Hinzu kam, dass ihr das Format der Meisterklasse liegt. In den vergangenen Jahren spielte sie regelmäßig um die vorderen Plätze. „Ich habe hier eigentlich immer ganz gut gespielt. Es hat zwar nie für den Titel gereicht, aber ich war zweimal Zweite und im vergangenen Jahr Vierte. Deshalb hatte ich ein gutes Gefühl, als ich in das Turnier gegangen bin.“Einen einzelnen Wendepunkt auf dem Weg zum Titel kann Schneider dennoch nicht ausmachen.„Ich habe einfach versucht, das Turnier Runde für Runde und Partie für Partie anzugehen. Sobald man einige Partien gewonnen hat, wird man natürlich optimistischer.“ Drei Runden vor dem Ende wurde sie erstmals darauf aufmerksam gemacht, dass sie auf dem Papier das vermeintlich leichteste Restprogramm besaß. Doch statt sich mit möglichen Szenarien zu beschäftigen, blieb sie bei ihrer Linie. „Man versucht, sich von solchen Aussagen nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Auch vor der letzten Runde war noch alles offen. Wenn ich gewinne, bin ich mindestens geteilte Erste. Wenn ich verliere, werde ich vielleicht nur Vierte. Deshalb war wirklich alles möglich.“
Schneider überzeugte in Dresden nicht nur mit ihren Ergebnissen. Auch mit der Qualität ihrer Partien war sie zufrieden.Nach dem schwierigen Auftaktremis gegen Schulze stabilisierte sie sich zunehmend. In den folgenden acht Runden gab sie keine Partie mehr aus der Hand und fügte ihrer Bilanz fünf Siege hinzu. „Es war auf jeden Fall eines meiner besten Turniere“, sagte Schneider. „Ob es wirklich mein bestes war, würde ich jetzt noch nicht festlegen. Aber ich hatte das Gefühl, sehr gutes Schach gespielt zu haben.“ Vollkommen zufrieden ist sie dennoch nie. „Es geht immer noch besser und es war natürlich nicht alles perfekt. Aber es hat für den Titel gereicht – und insgesamt war es trotzdem ein sehr gutes Turnier.“
Der Meistertitel kommt für Schneider zu einem besonderen Zeitpunkt. Im September wird sie bei der Schacholympiade im usbekischen Samarkand wieder für Deutschland antreten. Bundestrainer Zahar Efimenko nominierte sie gemeinsam mit Dinara Wagner, Elisabeth Pähtz, Hanna Marie Klek und Lara Schulze für das deutsche Frauenteam. Die Olympiade findet vom 15. bis 28. September 2026 statt. Schneider hatte die Meisterschaft in Dresden daher auch als wichtigen Test für den internationalen Höhepunkt betrachtet. „Ich habe das Turnier ein bisschen als Vorbereitung auf die Olympiade gesehen“, erklärte sie. „Ich wollte schauen, welche Eröffnungen gut funktionieren. Gleichzeitig hatte ich hier sehr starke Gegnerinnen.“Den Titel möchte sie nun als Bestätigung mit nach Samarkand nehmen. „Ich hoffe natürlich, dass ich dieses Gefühl mitnehmen kann. Ich weiß, dass ich hier gut gespielt habe. Deshalb hoffe ich, dass mir das auch für die Olympiade Rückenwind gibt.“
| 9. Runde am 25.07.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | IM Sarah Papp | 2282 | 1:0 | WFM Lisa Sickmann | 2016 |
| 2 | FM Lara Schulze | 2326 | 1:0 | IM Dinara Wagner | 2409 |
| 3 | WGM Jana Schneider | 2277 | 1:0 | WGM Kateryna Dolzhykova | 2290 |
| 4 | WGM Josefine Safarli | 2267 | 1:0 | WFM Charis Peglau | 2169 |
| 5 | WFM Dora Peglau | 2070 | 1:0 | WGM Olga Babiy | 2294 |
| Pl. | Name | Elo | Pkt. | DV | SoBe | Siege | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | WGM Jana Schneider | 2277 | 7,0/9 | 0,0 | 27,75 | 5 | x | ½ | 1 | ½ | 1 | ½ | ½ | 1 | 1 | 1 |
| 2 | FM Lara Schulze | 2326 | 6,5/9 | 0,0 | 24,50 | 5 | ½ | x | 0 | 1 | ½ | 1 | ½ | 1 | 1 | 1 |
| 3 | IM Sarah Papp | 2282 | 6,0/9 | 0,5 | 21,25 | 5 | 0 | 1 | x | ½ | 0 | ½ | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 4 | IM Dinara Wagner | 2409 | 6,0/9 | 0,5 | 20,50 | 5 | ½ | 0 | ½ | x | 0 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 5 | WGM Kateryna Dolzhykova | 2290 | 5,5/9 | 0,0 | 23,00 | 3 | 0 | ½ | 1 | 1 | x | ½ | ½ | ½ | 1 | ½ |
| 6 | WGM Josefine Safarli | 2267 | 4,5/9 | 0,0 | 15,25 | 3 | ½ | 0 | ½ | 0 | ½ | x | 0 | 1 | 1 | 1 |
| 7 | WGM Olga Babiy | 2294 | 3,5/9 | 0,0 | 15,50 | 1 | ½ | ½ | 0 | 0 | ½ | 1 | x | 0 | ½ | ½ |
| 8 | WFM Dora Peglau | 2070 | 3,0/9 | 0,0 | 8,50 | 2 | 0 | 0 | 0 | 0 | ½ | 0 | 1 | x | 1 | ½ |
| 9 | WFM Lisa Sickmann | 2016 | 1,5/9 | 1,0 | 3,25 | 1 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | ½ | 0 | x | 1 |
| 10 | WFM Charis Peglau | 2169 | 1,5/9 | 0,0 | 6,00 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | ½ | 0 | ½ | ½ | 0 | x |
Die Darstellung der Reihenfolge Platz 9/10 ist derzeit falsch. Es zählte der direkte Vergleich als Zweitwertung, wodurch Sickmann Neunte ist.
Bis zur Abreise nach Usbekistan wartet auf Schneider jedoch ein anspruchsvolles Programm. Neben dem Training und der Turniervorbereitung muss sie ihre Masterarbeit weiter voranbringen. „So ist das, wenn man viel Schach spielt und gleichzeitig studiert: Man macht irgendwie immer alles gleichzeitig.“ Vor der Europameisterschaft hatte sich Schneider stark auf das Schach konzentriert. In den Wochen danach rückte das Studium in den Vordergrund. „Seit der Europameisterschaft lag der Fokus ungefähr einen Monat lang ziemlich deutlich auf meiner Masterarbeit. Jetzt wird es wieder ein Zwischending.“Nach der Deutschen Meisterschaft möchte sie zunächst noch einmal intensiv an ihrer Arbeit schreiben. Anschließend soll die Olympiade wieder Priorität erhalten. „Ich werde mich jetzt bestimmt noch ein oder zwei Wochen stärker mit meiner Masterarbeit beschäftigen. Im August und Anfang September soll dann aber genügend Zeit bleiben, um mich auf die Olympiade vorzubereiten.“ Ende August und Anfang September steht zudem ein gemeinsames Trainingslager der Nationalmannschaft auf dem Programm. „Dann bin ich hoffentlich gut vorbereitet für die Olympiade.“
Auf dem Weg zum Titel konnte sich Schneider nicht nur auf ihr eigenes Spiel verlassen. Besonders wichtig waren für sie die Menschen, die sie während der neun Turniertage begleiteten. „Hier vor Ort möchte ich vor allem Josi und Sarah danken“, sagte sie über Josefine Safarli und Sarah Papp. „Wir waren jeden Morgen gemeinsam frühstücken und abends zusammen essen. Weil wir schon relativ früh im Turnier gegeneinander gespielt hatten, konnten wir uns danach gegenseitig unterstützen.“Auch ihrer Familie, ihren Vereinen und ihrem Trainer Michael Prusikin gilt ihr Dank. „Mit Michael hatte ich während des Turniers gar nicht so viel Kontakt. Aber wir haben uns vorher gemeinsam vorbereitet. Natürlich bin ich außerdem meiner Familie und meinen Vereinen sehr dankbar.“ Prusikin begleitet Schneider bereits seit längerer Zeit als Trainer. Der Großmeister wurde vom Deutschen Schachbund mehrfach für seine Arbeit im Nachwuchs- und Leistungssport ausgezeichnet.
Zum Abschluss des Interviews war es Schneider wichtig, nicht nur über ihre eigene Leistung zu sprechen. Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Organisatorinnen und Organisatoren des Schachgipfels. „Ich hatte hier ein tolles Turnier und fand es sehr gut organisiert“, sagte die neue Deutsche Meisterin. „Ich weiß, dass sehr viele Personen daran beteiligt waren – allen voran Bernd Vökler, der das alles möglich gemacht hat.“ Vökler verantwortete als Organisationschef einen Schachgipfel mit 13 Deutschen Meisterschaften, 27 zu vergebenden Titeln und mehr als 1.000 erwarteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Internationalen Congress Center Dresden. Schneider hob insbesondere die Bedingungen für die Spielerinnen der Meisterklasse hervor. „Ich möchte mich bei allen für die guten Bedingungen bedanken. Wir hatten hier wirklich Top-Spielbedingungen.“Am Abend wird Jana Schneider bei der Abschlussgala als Deutsche Meisterin geehrt. Das Gefühl, den Titel tatsächlich gewonnen zu haben, dürfte bis dahin vielleicht ein wenig realer geworden sein. Ganz angekommen war es unmittelbar nach der entscheidenden Partie noch nicht. „Noch ein bisschen unreal“, sagte Schneider. Nach neun Runden, fünf Siegen, vier Remis und ihrem zweiten deutschen Meistertitel darf sie sich daran nun langsam gewöhnen.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37094