13. August 2025
In wenigen Tagen startet das Inklusionsfestival in Baden-Württemberg. Mehrere Schachturniere an einem Ort sorgen beim „Württembergischen Schachsommer“ für eine bunte Mischung. Eingebettet in das Festival findet zum zweiten Mal die Offene Deutsche Einzelmeisterschaft der Schachspieler mit Behinderung (ODBEM) statt. Nachdem bereits von Simon Smits berichtet wurde, stellen wir heute einen weiteren Teilnehmer der ODBEM vor. Denn eines ist sicher: Das Teilnehmerfeld ist vielfältig.
Der DSB-Referent für Inklusion und Turnierleiter Gert Schulz sagt dazu: „Wir wollen Schachspieler mit den unterschiedlichsten Behinderungen zueinander bringen“. Füreinander da sein und gemeinsam voneinander lernen, das ist hier das Motto.
Die ODBEM soll Sichtbarkeit schaffen und eine Möglichkeit bieten, sich untereinander kennenzulernen und zu vernetzen. Auch kann die Meisterschaft für andere Turnierleiter als Vorbild dafür dienen, wie auf unterschiedliche Belange eingegangen werden kann. Gert Schulz möchte Ansprechpartner für Teilnehmer, Schiedsrichter und Organisatoren sein. Inklusive Turniere sollten selbstverständlich sein, denn: „Wir sind Bestandteil des ganz normalen Turniergeschehens“.
Teilnehmer Uwe Röhrig teilt im folgenden Interview seine ganz eigenen Erfahrungen, die er als Schachspieler mit Behinderung gemacht hat. Er spricht über die Bedeutung des Schachsports für sich selbst, erlebte Hürden auf Turnieren und den Spaß, sich mit anderen für das Schach zu engagieren. Zuletzt folgt ein freudiger Blick in die Zukunft: auf die Schaffung einer Kommission für Inklusion.
Wie lange spielst Du schon Schach und wie hast Du damit angefangen?
Ich war etwa 5-6 Jahre alt, als mir mein Vater die Regeln beibrachte. Schon damals sah ich auf einem Auge sehr schlecht. Um das zu korrigieren, wurde mein gesundes Auge tagsüber zugeklebt. Ich kann mich noch gut erinnern: Wenn ich eine Figur anfasste und oben war eine Vertiefung, dann war es ein Turm. Erst mit 12 Jahren trat ich einem Verein bei.
Was bedeutet Dir der Schachsport? Welche Rolle nimmt er in Deinem Leben ein?
Seit ich Ende 2023 im Ruhestand bin, spielt Schach für mich eine wesentliche Rolle. Meine Frau hat mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ein Tag ohne Schach ist wie … Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?“ zum Geburtstag geschenkt. Das trifft es genau! Ich beschäftige mich täglich mit Schach. Man kann dabei herrlich „abtauchen“. Ich habe mal gelesen: „Lass deine Sorgen zu Hause und spiel eine schöne Partie Schach!“
Beim Schachspielen lernt man: Wenn ich die Eröffnung misshandelt oder im Mittelspiel gepatzt habe, muss ich ein schlechteres Endspiel hinnehmen und das Beste daraus machen. Diese Einstellung hat mir in meinem Leben mehr als einmal sehr geholfen. Mein Ziel ist es, Kindern den Spaß am Schachspielen näherzubringen. Dazu betreue ich zwei öffentliche Schachtreffs und biete in einigen Meißner Schulen GTA-Schach an. Beim Kunst- und Kulturfest der Stadt Meißen sowie dem Kinderfest des Stadtsportbundes Meißen war ich mit einem Schachstand vertreten. Dieser wurde sehr gut angenommen.
Du bist nun zum zweiten Mal bei der Offenen Deutschen Einzelmeisterschaft für Schachspieler mit Behinderung dabei. Was erhoffst Du Dir von der diesjährigen Meisterschaft?
Durch solche Turniere kann das Thema Inklusion weiter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Menschen ohne Behinderung werden mehr sensibilisiert. Das Besondere ist, dass es keine Besonderheit gibt: Jede Behinderung wird als normal angesehen und Lösungen unkompliziert gefunden.
Ich persönlich wünsche mir von jedem Turnier gute Gespräche und schöne Partien. Das Resultat ist zweitrangig, obwohl ich gerne meine DWZ wieder steigern würde.
Wie sieht die aktuelle Realität für Schachspieler mit Behinderung aus? Erlebst Du viele Hürden? Vor welche Schwierigkeiten siehst Du Dich gestellt?
Meine eigenen Behinderungen sind derzeit sehr gering. Ich habe „nur“ mit dem Stoffwechsel und anderen kleineren Problemen (Gangunsicherheit, Gleichgewicht, …) zu kämpfen, kann mich aber noch sehr gut an die Zeit im Rollstuhl erinnern. Damals war ich auf die Hilfe Dritter angewiesen.
Besonders die Barrierefreiheit von Spiellokalen ist nicht immer gegeben. Oft ist der Spielbereich oder die Toilette nur über Treppen erreichbar. Die Einplanung von genügend Assistenten und ausreichend Platz am Brett sind noch nicht bei allen Veranstaltern angekommen. Hier gibt es noch Einiges zu tun.
Wie fühlst Du Dich innerhalb der Schachcommunity und wie bist Du vernetzt?
Seit einigen Jahren bin ich 1. Vorsitzender des Vereins „Schach macht fit e.V.“ Wir organisieren jährlich mehrere Turniere für Kinder und Jugendliche. Ein besonderes Highlight ist das Schülerschachturnier im Meißner Ratssaal. Initiiert wurde es durch die Stadt Meißen. 120 Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zum Gymnasium kämpften in 7 Gruppen um Pokale, die von den Meißner Künstlern Kay Leonhardt und Daniel Bahrmann speziell für dieses Turnier entworfen und gefertigt werden. Auch das regionale Fernsehen berichtet regelmäßig hiervon.
Es gibt immer viel zu tun. Aber unter Gleichgesinnten macht das enorm viel Spaß.
Gibt es noch etwas, was Du gerne loswerden willst?
Ich habe im Internet den Bundeskongress verfolgt und freue mich über die breite Zustimmung zur Schaffung einer Kommission Inklusion. Das ist besonders wichtig und notwendig, um die umfangreichen Arbeiten auf mehrere Schultern zu verteilen.
Der Referent für Inklusion, Gert Schulz, stellte auf dem diesjährigen Bundeskongress seine Vorstellungen für die Schaffung einer Kommission für Inklusion vor. Diese soll einen offenen Raum mit unterschiedlichen Perspektiven auf Inklusion bieten. Wichtig ist ihm, dass von authentischen Standpunkten aus Themen kooperativ angegangen werden. Beispielsweise soll ein „Förderverein Inklusion“ Schachspielern mit Behinderung eine finanzielle Unterstützung für die Teilnahme an weiteren Turnieren ermöglichen. Diese und weitere Ideen sollen auch in Ruit (Ostfildern) besprochen werden. Das Inklusionsfestival bietet einen Raum, sich über diese größeren Themen auszutauschen. Ziel des Festivals ist es in Kontakt zu treten und sich offen zu begegnen. Hier wird die Vielfalt des Schachsports zelebriert. Wer daran teilhaben möchte, ist in den kommenden Tagen in der Landessportschule Ruit herzlich willkommen! (lb)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11638