28. August 2026
Zu den von Herrn Timur Turlov eingereichten Beschwerden und den gegen den Deutschen Schachbund erhobenen Vorwürfen
Angesichts der von Timur Turlov bei der FIDE-Wahlkommission eingereichten Beschwerde sowie weiterer gegen den Deutschen Schachbund und seine Organe gerichteter Vorwürfe sieht sich der Deutsche Schachbund e.V. (DSB) veranlasst, öffentlich Stellung zu nehmen.
Der DSB hat sich bislang bewusst zurückhaltend verhalten. Angesichts der Art, Häufigkeit und Tragweite der inzwischen erhobenen Vorwürfe halten wir es jedoch für erforderlich, den Sachverhalt klarzustellen und die institutionelle Unabhängigkeit und Integrität unseres Verbandes zu verteidigen.
Wadim Rosenstein und WR Events unterstützen den Schachsport seit Jahren sowohl in Deutschland als auch international. Die jüngst bekannt gegebene Sponsoringvereinbarung mit dem Deutschen Schachbund ist keine im Zusammenhang mit der FIDE-Präsidentschaftswahl entstandene Vereinbarung, sondern die Fortsetzung und formale Erweiterung einer bereits bestehenden Zusammenarbeit. Die entsprechenden Gespräche und Verhandlungen wurden Monate vor Beginn des offiziellen FIDE-Wahlzeitraums aufgenommen und waren bereits weit fortgeschritten, bevor Herr Rosenstein die Entscheidung über eine Kandidatur für das Amt des FIDE-Präsidenten getroffen hatte.
Die zwischen dem DSB und WR Events geschlossene Vereinbarung ist ein kommerzieller Sponsoringvertrag zur Förderung des Schachsports in Deutschland, insbesondere des Frauenschachs und der Jugendförderung. Es bestehen keinerlei vertragliche oder sonstige Verpflichtungen hinsichtlich einer FIDE-Präsidentschaftswahl, einer Nominierung, eines Abstimmungsverhaltens oder einer sonstigen politischen Unterstützung. Den Eindruck zu erwecken, diese über einen längeren Zeitraum vorbereitete Partnerschaft sei als Gegenleistung für politisches oder wahlbezogenes Verhalten geschlossen worden, entbehrt aus Sicht des Deutschen Schachbundes einer sachlichen Grundlage.
Wadim Rosenstein ist deutscher Staatsbürger und offizieller FIDE-Delegierter des Deutschen Schachbundes.
Der DSB trifft seine Entscheidungen im Rahmen seiner Satzung und seiner institutionellen Autonomie. Dazu gehören sowohl die Bestellung seiner Vertreter als auch Entscheidungen über kommerzielle Partnerschaften und die Förderung des deutschen Schachs. Wir weisen daher jeden Versuch zurück, ordnungsgemäß getroffene Entscheidungen unserer Verbandsorgane ohne hinreichende Grundlage unter den Verdacht unzulässiger Einflussnahme zu stellen.
Unternehmerische Unterstützung nationaler Schachverbände ist ein wichtiger und anerkannter Bestandteil der Finanzierung und Entwicklung des internationalen Schachs. Auch Timur Turlov und Freedom Holding unterstützen den Kasachischen Schachverband in erheblichem Umfang. Der Deutsche Schachbund bewertet ein solches Engagement grundsätzlich positiv. Seriöses Sponsoring ist für die nachhaltige Entwicklung unseres Sports notwendig.
Gerade deshalb müssen für alle Beteiligten dieselben Maßstäbe gelten.
Es wäre nicht nachvollziehbar, die finanzielle Unterstützung eines nationalen Verbandes im einen Fall als legitimes Engagement für den Schachsport anzuerkennen, eine vergleichbare Unterstützung im anderen Fall jedoch als vermeintliche unzulässige Einflussnahme darzustellen.
Besonders befremdlich ist für uns, dass sich die Vorwürfe inzwischen nicht mehr allein gegen Wadim Rosenstein oder dessen Sponsoringengagement richten. Timur Turlov hat im Rahmen einer weiteren Beschwerde auch Vorwürfe gegen den Deutschen Schachbund selbst erhoben. Dabei wurde unter anderem die Ordnungsmäßigkeit von Beschlüssen unseres Präsidiums infrage gestellt.
Der DSB hat zunächst bewusst darauf verzichtet, hierauf öffentlich zu reagieren. Die Häufung der Beschwerden und Vorwürfe hat inzwischen jedoch eine Dimension erreicht, die nach unserer Auffassung über eine gewöhnliche wahlpolitische Auseinandersetzung hinausgeht.
In der Gesamtschau entsteht für uns zunehmend der Eindruck, dass versucht wird, den Deutschen Schachbund institutionell zu destabilisieren, seine Organe infrage zu stellen und Zweifel an der Legitimität ordnungsgemäß getroffener Entscheidungen zu erzeugen.
Wir betrachten diese Entwicklung mit großer Sorge.
Kritik und die Einreichung von Beschwerden bei den zuständigen Organen sind legitime Bestandteile eines demokratischen Wahlprozesses. Dies setzt jedoch voraus, dass solche Instrumente verantwortungsvoll und auf einer nachvollziehbaren Tatsachengrundlage eingesetzt werden.
Ein nationaler Mitgliedsverband darf nicht zum Instrument eines internationalen Wahlkampfes gemacht werden.
Wenn wiederholt Vorwürfe gegen einen Verband, seine Präsidiumsentscheidungen und seine internen Prozesse erhoben werden, kann dies geeignet sein, Misstrauen gegenüber seinen Organen zu erzeugen und seine institutionelle Autorität zu beschädigen. Der Deutsche Schachbund ist ein unabhängiger Sportverband. Seine Entscheidungen werden auf Grundlage seiner Satzung und der dafür vorgesehenen Verfahren getroffen.
Wir werden nicht akzeptieren, dass die institutionelle Stabilität des DSB, die Legitimität seiner Organe oder die Integrität seiner Entscheidungsträger zum politischen Druckmittel innerhalb eines FIDE-Wahlkampfes werden.
Wer Verantwortung an der Spitze des Weltschachverbandes übernehmen möchte, muss auch in einem kontroversen Wahlkampf die Autonomie, Integrität und Würde der nationalen Mitgliedsverbände respektieren. Vor diesem Hintergrund werfen die wiederholte Einbeziehung des Deutschen Schachbundes und die Infragestellung seiner internen Entscheidungen aus unserer Sicht grundlegende Fragen hinsichtlich des Verständnisses von institutioneller Verantwortung auf.
Wie soll ein Kandidat künftig Verantwortung für die Stabilität und Einheit der FIDE und ihrer Mitgliedsverbände übernehmen, wenn im Wahlkampf selbst der Eindruck entsteht, dass ein nationaler Mitgliedsverband durch wiederholte Beschwerden gegen seine internen Organe destabilisiert werden soll?
Der Deutsche Schachbund hat deshalb erhebliche Zweifel daran, ob das von Herrn Turlov in diesem Zusammenhang gezeigte Verhalten mit den Anforderungen vereinbar ist, die an die Ausübung eines verantwortungsvollen Führungsamtes innerhalb der FIDE zu stellen sind. Diese Bewertung treffen wir nicht leichtfertig. Die jüngsten Vorgänge machen es aus unserer Sicht jedoch erforderlich, unsere Position öffentlich und unmissverständlich darzulegen.
Der Deutsche Schachbund wird seine Entscheidungen weiterhin unabhängig, satzungsgemäß und ausschließlich im Interesse des deutschen Schachs treffen. Unsere Sponsoringvereinbarung mit WR Events ist die Fortsetzung einer langjährigen Zusammenarbeit im deutschen Schach und wurde unabhängig von der FIDE-Präsidentschaftswahl ausgehandelt. Jede Darstellung dieser Förderung als Gegenleistung für ein bestimmtes Wahlverhalten weisen wir entschieden zurück. Gleichzeitig werden wir Versuche zurückweisen, die ordnungsgemäße Arbeit unserer Verbandsorgane ohne hinreichende Grundlage zu diskreditieren.
Der Wahlkampf um die Führung der FIDE darf hart geführt werden. Er darf jedoch nicht auf Kosten der Integrität, Unabhängigkeit und institutionellen Stabilität ihrer nationalen Mitgliedsverbände geführt werden. Aus Sicht des Deutschen Schachbundes ist der Zeitpunkt gekommen, öffentlich und unmissverständlich an diese Grenze zu erinnern.
Das Präsidium des Deutschen Schachbundes
Deutscher Schachbund e.V.
Berlin, 28. August 2026
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11788