20. März 2026
Im ersten Teil sprach er über Dresden - wie es damals, 2008 beim Schachgipfel war, den er als Vizepräsident des DSB organisiert hat. Auf diesen Part, kabelte Matthias Kribben gestern Abend von seinem Zweitwohnsitz auf Gran Canaria mit einem Smiley, habe er viele positive Reaktionen bekommen: "Selbst von den kritischen Schachspielern." Heute geht es im großen Interview mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit um weitere Leidenschaften des Berliner Unternehmers: Fernschach, Schulschach - aber auch Pokern. Was zeigt: Der Mann ist mit allen Wassern gewaschen.
Matthias, Ich habe ein Foto von Dir im Netz entdeckt: Es zeigt Dich mit einem Blatt von vier Königen in der Hand - darunter die Meldung, dass du gerade 4.000 Dollar gewonnen hast. Was hat es damit auf sich?
Ja, das ist eins meiner vielen Hobbys. Ich spiele gerne Poker und bin auf der Tour unterwegs. Ich lerne auch auf diese Weise, wie auch durch das Schachspiel, viele neue Länder und neue Menschen kennen. Und trotzdem muss ich sagen, dass mir die Schachspieler über die Jahrzehnte insgesamt doch vertrauter und verbundener sind.
Warum?
Weil Pokerspieler tendenziell eher impulsiv sind und nicht so objektiv. Zumindest nicht so objektiv wie Schachspieler. Ein Schachspieler weiß ziemlich genau, wie stark er ist - aufgrund seiner Elo-Zahl oder DWZ. Während der Pokerspieler grundsätzlich meint, er ist sowieso immer der Beste. Er hat halt nur meistens ganz viel Pech. (lacht)
Ich habe gelesen, dass du mittlerweile ein Gesamtgewinn von 658.000 Dollar erzielt hast? Würdest du sagen, dass du mittlerweile ein besserer Pokerspieler als Schachspieler bist?
Oh, das ist schwer zu vergleichen, denn insbesondere im Fernschach bin ich ja seit fast zwei Jahrzehnten in den Top Ten der Welt. Aber es mag sein, weil ich an das Pokern sehr mathematisch herangehe. Ich liebe es einfach, Berechnungen durchzuführen. Das zieht sich durch mein Leben. Und beim Pokern kann ich mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten jonglieren. Beim Schach kann ich nicht wirklich rechnen. Da gibt es nur Züge und Kombinationen - und keine konkreten Zahlen. Und ich liebe halt die Zahlen.
Vermutlich ist beim Pokern der Glücksfaktor höher als beim Schach. Beim Pokern kann vielleicht jeder mal gewinnen. Um aber 24 Poker-Turniere zu gewinnen, so wie Du, muss man schon was können. Das kann nicht nur Glück sein, oder?
Das mag durchaus sein. Ich sage es mal so: Man kann in einem kurzen Intervall, einen Tag oder drei Tage lang, mit Glück sehr viel Erfolg am Pokertisch haben. Auf lange Sicht gleichen sich aber Glück und Pech aus. Jeder hat mal gute Karten, mal schlechte Karten. Das nivelliert sich so, dass auf lange Sicht wahrscheinlich doch die Spielstärke entscheidend ist. Und mein Vorteil ist außer der Rechenfähigkeit vermutlich meine auch durch das Schach erreichte Nervenstärke und mir wird eine sehr große Geduld nachgesagt. Und ich merke halt auch fast immer, wenn ein Pokerspieler blufft (lacht).
Themenwechsel. Du bist Fernschach-Großmeister, Vize-Weltmeister, mehrfacher deutscher Meister und auch Teamkapitän der deutschen Fernschach-Olympiade-Mannschaft. Vier mal warst Du Mannschafts-Weltmeister, hast sechs Medaillen geholt, bist immer noch die Nummer eins der deutschen Fernschach-Rangliste und hast in diesem Jahrhundert erst zwei Partien verloren. Ich muss dich mal ganz offen fragen: Was ist aus dem Fernschach geworden? Macht es dich ein bisschen traurig?
Nein, nein, das macht mich nicht traurig, das ist eine kontinuierliche Entwicklung. Wir waren ja die ganzen Jahre, Jahrzehnte froh, als die Engines immer stärker geworden sind. Als wir in den Achtzigern gespielt haben, Anfang der Neunziger, hat man halt noch zu 100 Prozent Handarbeit gemacht. Das heißt, es gab noch keine brauchbaren Engines, keine Maschinen, die dabei helfen konnten. Dann ging es los in den Neunzigerjahren, dass man die Maschinen benutzt hat, um gewisse Sachen zu überprüfen, ob man vielleicht einen Fehler gemacht hat, was übersehen hat. Da war das Verhältnis 90 Prozent Eigenarbeit, zehn Prozent Engines. Das hat sich im Laufe der Jahre dann immer weiter verschoben. 80-20, 70-30 und dann war es noch vor zehn bis 15 Jahren halbe-halbe. Mit dem Trompovsky-Angriff (1.d4 Sf6 2.Lg5) habe ich vor zehn Jahren noch 3,5 aus 4 beim Olympia-Finale geholt. Inzwischen haben die Engines das Ruder übernommen, seit zwei, drei Jahren kann man sagen, seit AlphaZero, dass vielleicht 97 Prozent die Maschinengewalt ist - und die eigene Leistung nur noch mit drei bis vier Prozent gewertet wird.
Was dazu führt, dass inzwischen die meisten Partien fast alle unentschieden ausgehen.
(lacht) Ja, was mir persönlich einen Vorteil bringt, denn ich bin weit oben in der Weltrangliste, sogar Platz zwei in der neuen Weltrangliste – ich werde nicht verdrängt, weil keiner mehr Partien gewinnt und mich einholen kann.
Ist es richtig, dass du erwägst über 22 Fernschach-Olympiaden ein Buch zu schreiben?
Ja, Fernschach-Olympiaden gibt es noch nicht so lange wie Nahschach-Olympiaden. Erst seit dem Zweiten Weltkrieg, Seit Ende der 40er Jahre gibt es Fernschach-Olympiaden. Deutschland war zuerst nicht dabei, wie auch bei der Fußball-WM 1950. Aber es wurde von Anfang an einfach ein gigantisch hohes Niveau produziert, erst Recht dann in den 60er und 70er Jahren. Dazu kommt das Phänomen mit der deutschen Teilung und Wiedervereinigung, dass wir zuerst ein deutsches Team hatten, dann hatten wir zwei deutsche Mannschaften - und dann kam diese legendäre 10. Schach-Olympiade. 1995 ging die zu Ende, als die DDR noch eine Medaille gewonnen hat, Bronze. Und seit der 11. Schach-Olympiade haben wir nur noch ein deutsches Team, die Besten aus Ost und West. Ich bin seitdem Team-Captain und wir haben bei den letzten 11 Olympiaden achtmal Gold und dreimal Silber geholt. Das ist eine Bilanz, die hat Deutschland in keiner anderen Sportart aufzuweisen. Es nehmen immer 50 bis 60 Nationen an den Vorrunden teil und wir haben nicht nur sämtliche Finals erreicht, sondern standen elfmal in Folge auf dem Treppchen, wozu unglaublich viel Fleiß gehörte. Bei uns im Team hat jeder Spieler mindestens 2-3 Stunden täglich analysiert, an Wochenenden oft noch wesentlich länger, wir tauschten uns fast täglich aus und trafen uns - meist in München - zu intensiven Wochenend-Analyse-Sitzungen.
Ich merke schon: Bei so viel Historie lohnt es sich, ein Buch zu schreiben. Hast Du schon angefangen?
Nein, noch ist es in der Überlegungsphase. Ich habe noch so viele andere Projekte gerade, aber ich habe es fest vor.
Du hast eine hohe Schach-960-Affinität. Erste Frage, wirst du in Dresden mitspielen? Da gibt es ein attraktives 960er Turnier.
Ja, würde ich gerne spielen. Ich bin leider zu der Zeit noch bei der Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas, deswegen kann ich da leider nicht mitmachen. Aber ich werde mir einen Besuch beim Gipfel nicht nehmen lassen. Ich will das natürlich sehen.
Was findest du an dieser Freestyle-Variante, wie sie modern heißt, so gut?
Ich denke, durch das Freestyle-Spielen haben wir die Chance, Schach noch einmal neu zu erfinden. So wie im 19. Jahrhundert diese eine Stellung, die wir jetzt immer spielen. Das ist die Nummer 518. Die wurde beginnend mit dem 19. Jahrhundert stark erforscht, mit Königsgambit und Angriffspartien und so weiter. Inzwischen ist es ein bisschen ausgelutscht, kann man sagen. Bei unserem klassischen 518-Schach haben wir immer dieselben Motive letztendlich. Wir haben diese Springerfesselung, Läufer b5 fesselt den Springer auf c6, Läufer g5 fesselt den anderen Springer und dann gibt es die Fianchetto-Motive, und die sind immer sehr ähnlich. Peter Heine Nielsen hat ja letztens auch in einem Interview gesagt, eigentlich ist Schach in der Form gelöst. Er ist Sekundant gewesen, jahrelang von Anand und von Carlsen - und muss die Partien vorbereiten. Er sagt, er kann gar nicht mehr den Spielern die besten Züge empfehlen, weil die sind praktisch ausgerechnet, so dass das Remis gehalten werden kann. Er muss jetzt zweite und drittbeste Züge suchen, um die Partie offen zu halten. Im Fernschach hat man es eben schon länger erlebt, dass die Partien sich dann ausgleichen, dass einfach zu sehr alles bekannt ist. Und bei chess960 haben wir die Möglichkeit nochmal Schach neu zu erfinden.
Gerne mehr Details...
Es gibt eine Vielzahl von neuen Motiven. Es gibt dann teilweise ungedeckte Bauern in der Anfangsstellung, es gibt kuriose Königsstellungen. Der Läufer, wenn er sich normalerweise nach c4 oder f4 entwickelt, kann nie angegriffen werden vom Springer. Da stehen die Springer dann vielleicht anders und dann kann man nicht so ohne weiteres Läufer c4 oder Läufer f4 spielen. Und ich denke, auch fürs Gehirn ist es einfach besser, wenn man Freestyle spielt, weil man ab dem ersten Zug sich selbst was ausdenken muss. Man muss überlegen, wie man in die Partie reingeht, wie man sich aufbaut und so weiter und spielt nicht das nach, was andere vorgemacht haben oder was man auswendig gelernt hat. Zehn, zwölf, fünfzehn Züge auswendig gelernte Varianten spielen ist ja nicht gerade kreativ. Also man ist einfach wesentlich kreativer beim Freestyle Schach
Du hast viele Leidenschaften im Schach. Also ich glaube, auch Schulschach ist dir eine Herzensangelegenheit, in der du dich sehr engagierst im Prinzip. Erzähl uns da noch was drüber. Du hast da auch vieles aus der Taufe gehoben. Und dann würde sich die Frage anschließen, wie um alles in der Welt vereinbart sich das alles noch mit deinem Berufsleben, wo du ja auch noch eine eigene Finanzberatungsgesellschaft betreibst.
Zum Zweiten kann ich ganz einfach sagen: Ich glaube, ich kann ganz gut organisieren und auch delegieren. Ich bin da sehr effizient in den Dingen, die ich mache. Was Schulschach betrifft: Das war mir immer eine Herzensangelegenheit. In den Jahren, als ich in Berlin Präsident war, in den Nullerjahren, habe ich auch stark dafür gesorgt, dass wir da einen großen Aufschwung hatten. Wir haben Lehrer installiert in Schulen und gerade jetzt geht der Trend zu Ganztagsschulen, da wird das Thema immer aktueller. Das bringt ja den Vorteil, dass man einfach auch die Chance hat, in jeder Schule eine AG zu installieren, wo die Kinder spielen können und ich freue mich unheimlich, dass wir eine ganze Reihe von guten Schachspielern haben, wie hier unser Großmeister Robert Rabiega, die jetzt im Schulschach aufgegangen sind und sogar davon leben können, Schülern das Schach beibringen.
Wie oft schaffst du selber noch für Zitadelle Spandau deinen Verein zu spielen?
Ich versuche schon dabei zu sein, wenn ich in Berlin bin. Und ja, ich hoffe schon, dass es das ein oder andere Rahmenevent in Dresden beim Gipfel gibt, wo ich auch mitspielen kann.
Interview: (mw)
Hier geht es zum ersten Teil des Interview: Zwischen Dresden 2008 und Dresden 2026. "Ein wunderbarer Ort, um neue schöne Schachgeschichten zu schreiben."
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36953