6. Januar 2026
Beschwerdeführer ist der Ukrainische Schachverband, der Englische Schachverband, der Estnische Schachverband, der Norwegische Schachverband und der Deutsche Schachbund haben sich angeschlossen. In der Nacht von Montag auf Dienstag reichten diese fünf Schachverbände Klage beim Internationalen Sportgerichtshof CAS in der Schweiz ein. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die Verbände sich wehren – gegen die Art und Weise, wie die Entscheidungen bei der Mitgliederversammlung des Weltverbandes FIDE zustande kamen, die russischen Mannschaften mit Flagge und Hymne wieder zu großen Turnieren wie der Olympiade 2026 in Usbekistan zuzulassen. Die Weichen hierfür hatte FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich, russischer FIDE-Präsident seit 2018, am 14. Dezember bei der Generalversammlung der FIDE am 14. Dezember gestellt. Eine chaotische Veranstaltung, bei der nach Ansicht zahlreicher internationaler Verbandsvertreter mehrfach das Versammlungsrecht gebeugt worden sei. Darauf hatten mehrere Mitgliedsverbände sofort verwiesen, wurden aber übergangen.
Was war passiert? Bei der FIDE-Generalversammlung wurde im Grunde die Wiederzulassung russischer und belarussischer Teams beschlossen. Bei der online – und in geheimer Abstimmung (nur für Wahlen, Misstrauensanträge und Olympiade-Vergaben üblich und nicht zulässig) - durchgeführten Vollversammlung stimmten 61 Verbände für den Antrag des russischen Schachverbands bei 51 Gegenstimmen. Bei Jugendturnieren sind nach aktuellem Stand die nationalen Symbole Russlands wieder zugelassen. Der Streitpunkt: Ob auch bei internationalen Wettbewerben erwachsener Athleten die russische Fahne gezeigt und die russische Hymne gespielt wird, soll in Abstimmung mit dem Internationalen Olympischen Komitee IOC geklärt werden – das sich aber für nichtolympische Sportarten kaum verantwortlich fühlen dürfte.
Die Haltung des IOC ist unterdessen klar: Es verweigert grundsätzlich Russland und Belarus wegen des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine weiterhin die Rückkehr als Sportnationen auf die große Bühne. So ist eine Olympia-Teilnahme an den Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo (6. bis 22. Februar 2026) wie schon bei den Sommerspielen in Paris 2024 nur für Einzelathleten unter neutraler Flagge möglich. Schach soll nun nach Ansicht der FIDE einen anderen Weg gehen. Das ist nicht angemessen, so die fünf Nationalverbände. Die Klageschrift wurde dabei fristgerecht eingereicht.
Rückblende: Die FIDE-Generalversammlung verlief nicht nur turbulent, sondern auch im Stil einer Scharade: So wurde der Antrag auf vollständige Aussetzung der Sanktionen (keine Flagge, keine Hymne, Antritt nur als neutrale Athleten) durch eine „unabhängige Stellungnahme“ eines Schweizer Anwaltes begründet. Diese Kanzlei hatte aber das russische Olympische Komitee in der Vergangenheit mehrfach vertreten – auch im Kampf gegen das IOC. Der angeblich neutrale Jurist wollte den Delegierten vermitteln, der Ausschluss aller russischen Sportlerinnen und Sportler von den Team-Wettbewerben sei diskriminierend. Tatsächlich ging dieser erste Antrag mit 54 Prozent der Stimmen durch. Widersprüchlich dann, dass danach 60 Prozent der Delegierten auf einen Antrag des FIDE-Councils hin dafür votierten, vor der Rückkehr an die Bretter mit dem IOC darüber zu sprechen, ob auch die russische Flagge und Hymne wieder erlaubt sein sollen.
Viele Kritiker kamen bei der Versammlung gar nicht erst zu Wort. Mancher Verbandschef sprach von der schlimmsten Versammlung, die er je erlebt habe. Und so endete alles mit Beschlüssen samt fataler Formulierungen, die aus dem Protokoll der Versammlung hervorstechen – und den Schachsport in einem unschönen Licht erscheinen lassen. Das Destillat: Es seien „alle bestehenden Beschränkungen in Bezug auf die Schachverbände Russlands und von Belarus aufzuheben“, ferner „Spielern aus den vorgenannten Ländern die Teilnahme an allen FIDE-Veranstaltungen, sowohl im Einzel- als auch im Mannschaftsbereich, unter Verwendung aller nationalen Symbole zu gestatten“, zudem „die uneingeschränkte Teilnahme russischer und belarussischer Mannschaften an offiziellen FIDE-Turnieren zu gestatten“.
Um solche Beschlüsse zu erreichen, habe Dvorkovich alle Register gezogen, so die Kritiker. Auch zweifelhafte. So hätten schwerwiegende Verfahrensmängel bei der Generalversammlung am 14. Dezember vorgelegen - wie die rechtswidrige Anordnung einer geheimen Abstimmung, die gegen die FIDE-Charta verstoßen würden. Die Charta schreibt eine öffentliche Abstimmung vor. Oder, ein weiterer Punkt: Die Änderung der Tagesordnung der Generalversammlung kurz vor der Sitzung, erst am 12. Dezember. Hier aber gilt eigentlich eine Frist von vier Wochen. Somit seien die Mitgliedsverbände ihres Rechts beraubt worden, die vorgeschlagene Resolution gebührend zu prüfen und angemessen gehört zu werden. Außerdem fiel als zentraler Punkt auf, dass Dvorkovich als Präsident zur Neutralität verpflichtet sei - sich aber recht schnell auf die Seite von Russlands Verband geschlagen hat. Interessenskonflikte seien offenkundig geworden. Diese Mängel erfordern aus Sicht der fünf Nationalverbände, dass die angefochtenen Entscheidungen aufgehoben und für nichtig erklärt werden sollten.
Wie geht es nun weiter? Der Internationale Sportgerichtshof CAS, 1984 gegründet, trifft seine unparteiischen Entscheidungen durch Schiedsverfahren und Mediation. Diese können jedoch teilweise über Jahre andauern. „Es wäre unseriös, eine Zeitangabe zu machen. Wir können nun hoffen“, so DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach, „dass wir möglichst schnell eine Entscheidung bekommen, zumal dieser Fall ja eine gewisse Dringlichkeit hat.“ (mw)
6. Januar 2026. Die nationalen Schachverbände der Ukraine, Englands, Norwegens, Estlands und Deutschlands haben am Montag, dem 5. Januar, beim Schiedsgericht für Sport (CAS) eine Berufungsschrift eingereicht, in der sie die Beschlüsse der Generalversammlung der Fédération Internationale des Échecs (FIDE) vom 14. Dezember 2025 zur Teilnahme russischer und belarussischer Nationalmannschaften an internationalen Schachwettbewerben anfechten.
Die Berufung wurde gemeinsam vom ukrainischen Schachverband, dem englischen Schachverband, dem norwegischen Schachverband, dem estnischen Schachverband und dem deutschen Schachverband eingereicht, die als Mitberufungskläger an dem Verfahren beteiligt sind.
Die Berufungskläger machen geltend, dass die angefochtenen Beschlüsse nach schwerwiegenden Verfahrensunregelmäßigkeiten gefasst wurden, darunter Verstöße gegen die FIDE-Satzung und gegen grundlegende Prinzipien der transparenten und rechtmäßigen Entscheidungsfindung innerhalb der internationalen Sportverwaltung. Mit dieser Berufung beantragen die Berufungskläger eine unabhängige rechtliche Überprüfung des Verfahrens, mit dem die Beschlüsse der Generalversammlung gefasst wurden, durch das CAS.
In diesem Zusammenhang weisen die Berufungskläger auch darauf hin, dass die Beschlüsse der Generalversammlung vor dem Hintergrund langjähriger Empfehlungen des Internationalen Olympischen Komitees gefasst wurden, die erstmals im März 2023 ausgesprochen und vom IOC-Exekutivkomitee und dem Olympischen Gipfel am 11. Dezember 2025 bekräftigt wurden. Diese Leitlinien legen Bedingungen hinsichtlich Neutralität und Nichtvertretung fest, darunter Beschränkungen für die Teilnahme russischer und belarussischer Nationalmannschaften und die Verwendung von Nationalflaggen, Hymnen und anderen staatlichen Symbolen, insbesondere auf Erwachsenenebene.
Die Berufungskläger begrüßen die Unterstützung durch andere Verbände und die breitere internationale Schachgemeinschaft. Andere FIDE-Mitgliedsverbände, die nicht als Mitkläger auftreten, werden aufgefordert, ihre Unterstützung durch schriftliche Erklärungen zum Ausdruck zu bringen, die im Rahmen des CAS-Verfahrens eingereicht und herangezogen werden können.
Diese Berufung spiegelt die gemeinsame Position der Berufungskläger im internationalen Sport wider: Aggression darf nicht durch nationale Vertretung legitimiert werden, und internationale Sportinstitutionen müssen die Grundsätze der Neutralität, Fairness, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit wahren.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36889