Schach und Inklusion: "Es muss mehr passieren. Wir machen das jetzt mal."

30. Juli 2026

Michael Becker in Dresden

Michael Becker ist nicht nur neuer deutscher Meister der Spieler mit Behinderung - er kämpft auch für mehr Barrierefreiheit im Schachsport.

Anruf in Halle an der Saale, im Haus Becker. Die Freude, die die ganze Familie erfasst hat kriecht förmlich durchs Telefon. „Wir sind natürlich in die Knie gegangen vor dem deutschen Meister“, sagt Katharina Becker, die Gattin von Michael Becker – und lacht. „Schon toll, was er da geschafft hat.“ Ihr Mann, 69 Jahre alt, hat die Deutsche Einzelmeisterschaft der Schachspieler mit Behinderung gewonnen. 5,5 Punkte aus sieben Partien. Dank besserer Wertung landete er in Dresden vor dem punktgleichen Reza Mohammed Ghadimi. Es ist wahrlich nicht Beckers erster Titel, die Wohnung ist voll mit Pokalen, die das bezeugen – aber diesmal ist etwas anders als sonst. „Der Pokal ist so schön, dass er ihn im Wohnzimmer stehen lassen darf“, sagt Katharina Becker. Da muss auch Michael Becker schmunzeln: „Ja, das ist schon eine besondere Ehre. Wobei ich sagen muss, dass viele der anderen Pokale, die ich gewonnen habe, auch wirklich potthässlich und somit nichts fürs Wohnzimmer sind.

"Ich sage oft Turniere ab, weil sie nicht barrierefrei sind."

Michael Becker, zweifacher Vater, dreifacher Opa (zwei Enkel, vier und fünf Jahre alt, spielen auch schon Schach gegen ihn) ist in der Szene ein bekannter Mann. „Schach hat mich mein ganzes Leben begleitet und geprägt“, sagt er. Und seit er vor elf Jahren aufgrund einer neurologischen Erkrankung zum Rollstuhlfahrer wurde, hat Schach noch eine besondere Komponente bei ihm. „Trotz meiner Behinderung kann ich durch Schach weiter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, Freundschaften pflegen – das macht den Sport so wertvoll für mich.“ Aber, und hier kommt die Einschränkung: Nur mit viel Aufwand. Er ist auf einen Fahrdienst angewiesen, den diesmal seine Frau übernommen hat – hin zum Turnier in Dresden. Zurück brachte ihn sein Freund Jörg Schmidt, der auch im Seniorenturnier gestartet ist. Schmidt war auch seine Begleitperson (ohne die geht nichts) im Rahmen des Turniers. Hinzu kam ein Pflegedienst, der ihn morgens „fit macht für den Tag“, wie Michael Becker sagt.

Längst wählt er seine Turniere danach aus, ob sie barrierefrei sind, ob es – wie in Dresden – im Zweifel einen Shuttleservice vom Hotel zum Spielsaal gibt. Bei dieser Meisterschaft im Rahmen des Schachgipfels war das der Fall, sagt er. Aber generell bestehe in diesem Bereich in Deutschland hoher Nachholbedarf: „Ich sage oft Turniere ab, weil sie nicht barrierefrei sind. Oder weil nicht alles in einem Haus stattfindet oder sich im Umkreis kein barrierefreies Hotel finden lässt.“ Bei dem Thema ist er sich mit Gert Schulz, dem Inklusionsbeauftragten des DSB, einig: Da gibt es noch jede Menge Nachholbedarf in der deutschen Turnierszene. Ehrensache, dass Michael Becker deshalb auch Gründungsmitglied beim neuen Inklusions-Förderverein wurde, der in Dresden von Gert Schulz aus der Taufe gehoben wurde. „Es muss mehr passieren für die Behinderten. Wir machen das jetzt mal“, sagt er, voller Tatendrang.

Schon zuvor hatte er sich im von Gert Schulz initiierten Inklusionsbeirat eingebracht, der Thema mit auf die Schiene brachte – und im Landesschachverband Sachsen-Anhalt berät er auch das Präsidium in Sachen Inklusion. „Das ist durch die Behinderung mein Thema geworden“, sagt er: „Viele ahnen gar nicht, welche Probleme sich auch für behinderte Schachspieler auftürmen.“ So steht im Vorfeld eines Turniers, das ihn interessiert, immer zuerst die Recherche an: Kann ich überhaupt die Hürden meistern, die sich mir dort stellen? „Viele Organisatoren denken immer noch nicht dran, wie wichtig das Thema ist. Es muss mehr getan werden.“ Das gelte auch für den Ligabetrieb. Der, wenigstens, sei in seinem Verein barrierefrei. Michael Becker spielt 2. Oberliga Ost, erstes Brett, für SK Dessau 93. Vier Punkte aus sieben Partien hat er vergangenen Saison geholt, seine Elo-Zahl liegt immer noch bei stattlichen 2240. Er sei schon stolz darauf, dass er oft auf Augenhöhe agiere mit Gegnern, die 40, 50 Jahre jünger sind.

Der FIDE-Meister tut einiges dafür: Er spielt viele Turniere, auch im Schnellschach. Allein für Blitzschach reiche die Feinmotorik der Hände nicht. Aber ansonsten arbeitet er hart daran, sein Niveau zu halten, das ihn 2019 zum deutschen Seniorenmeister Ü50 im Einzel und mit der Mannschaft machte. Zu DDR-Zeiten wurde er im Kinder-, Jugend- und Männerbereich mehrfach Einzelbezirksmeister und mit seinen Mannschaften mehrfach DDR-Meister. Und nun Deutscher Meister der behinderten Spieler. „Neben der deutschen Seniorenmeisterschaft ist das schon mein wichtigster Titel“, sagt er über den Erfolg in Dresden. Und der Pokal sowieso der schönste. (mw)

Endstand

Pl. Titel Name Land Elo Verein/Ort Pkt. Buch Buch SP
1 FM Michael Becker 2240 SK Dessau 93 5,5 28 31,5 3
2 Mohammed Reza Ghadimi 2169 SK Doppelbauer Kiel von 1910 5,5 26,5 30 4
3 Rene Adiyaman 2104 Schachverein Welper 1922 5 28,5 31,5 3
4 Ralf-Peter Stahr 2018 Forster Schachclub 95 4,5 25,5 28 3
5 IM Sergej Salov 2137 Lübecker SV von 1873 4,5 25 28 4
6 Udo Evers 2169 Hohenleipischer SV Lok 4,5 25 28 3
7 Thomas Rudolf 2002 SG Grün-Weiß Dresden 4,5 24,5 27 4
8 David-Andrei Valean 2003 SK 1933 Bad Neustadt 4 26 29 4
9 Hans-Jochen Braun 2100 VfL Sindelfingen 4 23,5 26,5 4
10 Michael Olbrig 1912 Spielver. Ebersbach/SA. 4 22,5 24,5 4
11 Sascha Bernwald 1807 VfB Schach Leipzig 4 22 23 3
12 Moritz Jakob Gronemeyer 1777 KSV Rochade Göttingen 3,5 25,5 28,5 4
13 Bernd Feldmann 1958 Randspringer Bad Salzungen 3,5 25,5 28,5 3
14 Stefan Kewe 1863 SF St.Johannes Spelle 3,5 22,5 23,5 4
15 Nick Kemter 1665 Schachklub Heidenau 3,5 21,5 24 3
16 Klaus-Norbert Münch 2026 Schachges. Augsburg 1873 3,5 19,5 23 3
17 Uwe Röhrig 1721 Schach macht fit 3 24,5 26,5 3
18 Olaf Hoyer 1782 SC Braunschweig Gliesmarode v. 1869 3 22,5 25 3
19 Klaus Brüggemann 1870 SC Dissen-Bad Rothenfelde 3 21 24 3
20 Maren Homfeldt 1434 SC Noris-Tarrasch Nürnberg 1873 3 18 19 3
21 Axel Hoyer 1597 SC Braunschweig Gliesmarode v. 1869 3 17 18 3
22 Marcus Pillath 1581 SF Plochingen 2,5 21 23,5 3
23 Max Leon Knudsen 1437 SK Doppelbauer Kiel von 1910 2,5 20,5 23 3
24 Christine Barbara Grafberger 1400 Sfr. Mörfelden-Walldorf 2 18,5 19,5 3
25 Simon Smits 1400 SK Marktoberdorf 1 18,5 19,5 3
26 Dominik Schurz 1465 Schachfr. Bischofswerda 0 0 0 0

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11784

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