Schachclub Bamberg wird 150 - und viel Prominenz kam zum Gratulieren

02.07.2018 15:45
Ramona und Thomas Öhrlein bei der Präsentation des gehäkelten Bamberger Vereinslogos
Peter Krauseneck
Ramona und Thomas Öhrlein bei der Präsentation des gehäkelten Bamberger Vereinslogos

Was am 12. Februar 1868 in der Brauerei "Wilde Rose" in der Keßlersgasse in Bamberg hoffnungsvoll begann, geriet nicht einmal einen Monat später in eine bedrohliche Schieflage. Der von "zwölf würdigen" Herren (Festschrift "100 Jahre Schachclub Bamberg 1868 - 1968") gegründete Schachclub hatte aufgrund der noch geringen Mitgliederzahl nicht genug Geld um Spielmaterial zu kaufen. Deshalb wurden am 6. März 1868 30 Aktien zum Preis von je 30 Kreuzern ausgegeben um den erhöhten finanziellen Bedarf zu decken. Im Oktober desselben Jahres folgten weitere 48 Aktien, elf Jahre später noch einmal 50 Stück für je 2 Mark (die Mark wurde 1871 eingeführt). Günter Lossa und Bernhard Schmid schreiben in ihrer Chronik zum 150-jährigen Jubiläum: "Diese Methode, Geld durch Aktienverkauf zu besorgen, ist einzigartig in der Geschichte der Schachvereine."

Der Schachclub Bamberg hat erfolgreich die Schwierigkeiten nach der Vereinsgründung überwunden, wie wir heute wissen. Er ist der 13-älteste noch bestehende Schachverein in Deutschland und feiert sein 150-jähriges Jubiläum in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen. Der Auftakt fand just auf den Tag genau am 12. Februar 2018 mit einer "Gründungsgedenkfeier" in der Brauereigaststätte "Wilde Rose" statt. Praktisch am gleichen Ort, nur das die Adresse jetzt Keßlerstraße 7 ist.

Die Hauptveranstaltung folgte jetzt zur Jahresmitte mit einem Festwochenende am 29./30. Juni mit etwa 70 Ehrengästen, darunter auch Peer Steinbrück, dem ehemaligen Bundesminister für Finanzen.

Der Politprofi und passionierte Schachspieler hielt einen sehr kurzweiligen Festvortrag zum Thema "Schach und Politik", worin er auch einige Sticheleien zum aktuellen politischen Geschehen in Berlin unterbrachte. Dabei zog er interessante Parallelen zum Abschneiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften und dem Erfolg der jeweiligen Regierung:

  • 1954 WM-Titel - Adenauer auf dem Höhepunkt
  • 1962 Ausscheiden im Viertelfinale - Adenauers Rückzug
  • 1970 Erfolg in Mexiko - Willy Brandt auf dem Höhepunkt
  • 1974 Weltmeister - Helmut Schmid ante portas
  • 1990 Weltmeister - Helmut Kohl auf dem Höhepunkt
  • 1998 Ausscheiden im Viertelfinale - Kohls Rückzug
  • 2014 Weltmeister - Merkel auf dem Höhepunkt
  • 2018 Aus in der Vorrunde - Auswirkungen noch unklar

Nach dem Vergleich der Fußball-Nationalmannschaft mit der Politik, verglich er Politiker mit Schachspielern: "Gute Schachspieler sind selten gute Politiker, umgekehrt gilt dies schon eher." Ob diese These auch für das falsch aufgebaute Schachbrett auf dem berühmten Foto von ihm mit Helmut Schmidt gilt, klärte er mit einer Anekdote.


www.schachclub-bamberg.de

Neben Steinbrück waren u.a. auch Dr. Helmut Pfleger, die Witwe von Lothar Schmid (1928 - 2013) und dessen Sohn Bernhard (Karl-May-Verleger) und die Witwe von Hans-Günter Kestler (1939 - 2013) unter den Ehrengästen. Pfleger, der wie Schmid und Kestler auch Ehrenmitglied des SC Bamberg ist, brachte in seiner Rede einen sehr ausführlichen Rückblick auf die glorreiche Vergangenheit des Vereins mit vielen Anekdoten zu den beiden vor fünf Jahren Verstorbenen. Er lobte außerdem die Arbeit des Vorsitzenden Prof.Dr. Peter Krauseneck, unter dessen Führung der Verein seit 2013 eine sehr gute Entwicklung nahm.
Grußworte an die Anwesenden wurden von Krauseneck, Bürgermeister Andreas Starke, dem Vizepräsidenten des Bayerischer Schachbundes Ingo Thorn und DSB-Präsident Ullrich Krause gerichtet.

Grußwort von DSB-Präsident Ullrich Krause

Ullrich Krause
Frank Hoppe
Ullrich Krause

Lieber Peter Krauseneck, liebe Schachfreunde,

ich bedanke mich für die Einladung zu Ihrer Jubiläumsfeier und für die Möglichkeit, ein Grußwort zu sprechen.

Ich möchte Ihnen im Namen des Deutschen Schachbundes zum 150-jährigen Jubiläum gratulieren. Ich komme aus Lübeck, und mein Verein wurde im Jahr 1873 gegründet. Ich weiß nicht, wann Sie mit den Planungen für das Jubiläumsjahr begonnen haben, aber wir haben jetzt schon eine entsprechende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um unser Jubiläum im Jahr 2023 gebührend zu feiern. Lübeck und Bamberg haben noch eine andere Gemeinsamkeit: In beiden Städten gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO, und in diesem Fall hat Lübeck übrigens einen Vorsprung von sechs Jahren: 1987 im Vergleich zu 1993.

2018 ist auch für den Deutschen Schachbund ein Jubiläumsjahr: Wir feiern den 150-ten Geburtstag des einzigen deutschen Schachweltmeisters Emanuel Lasker, und es gab im Lasker-Jahr neben diversen Veranstaltungen zu seinen Ehren auch einige bemerkenswerte schachliche Ereignisse, von denen ich nur das Kandidatenturnier und das GRENKE-Open mit dem überragenden Erfolg von Vincent Keymer nennen möchte. Ich bin sehr gespannt, was die zweite Hälfte des Lasker-Jahres mit sich bringen wird.

Für einen Schachverein sind 150 Jahre ein erstaunliches Alter, das nur dann erreicht wird, wenn man sich immer wieder anpasst an die Veränderungen, die das Leben und insbesondere das Schachleben mit sich bringen. Wenn man sich die Geschichte des SC Bamberg in den letzten 50 Jahren anschaut, erkennt man eine Dreiteilung: Die 70er Jahre, als der Verein einer der stärksten Deutschlands war und als drei Bamberger den Kern der deutschen Mannschaft bei der Schach-Olympiade bildeten. Die 80er und 90er Jahre, als der Verein in der ersten Bundesliga gespielt hat. Und die Zeit danach, als man sportlich nicht mehr ganz an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen konnte. Ich gehe davon aus, dass das ein echter Einschnitt für den Verein war und dass man sich in dieser Zeit vollkommen neu orientieren musste.

Der SC Bamberg ist allerdings nach wie vor mit aktuell 166 Mitgliedern ein sehr mitgliederstarker Verein, und man kann der Webseite entnehmen, dass einer der Schwerpunkte dabei auf der Jugendarbeit liegt. Das bedeutet, dass die Neuausrichtung sehr gut gelungen ist und ich bin deswegen sicher, dass der Verein auch in Zukunft eine sehr gute Rolle spielen wird!

Lieber Peter Krauseneck, ich wünsche Dir und Deinen Vorstandskollegen weiterhin viel Erfolg und das berühmte glückliche Händchen bei der Führung des Vereins.

Jetzt freue ich mich auf den weiteren Verlauf des Abends und bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

Der SC Bamberg bei SAT1

SAT1 Bayernsport stellte im Juli 2017 den Verein in seinem Regionalfernsehen vor und veröffentlichte dazu den folgenden Trailer auf YouTube. Den vollständigen Beitrag, der auch bei der Festveranstaltung gezeigt wurde, kann man auf sat1.de anschauen.

Mitgliederentwicklung

Mitgliederentwicklung, entnommen dem Buch von Günter Lossa und Bernhard Schmid, ergänzt mit weiteren Werten aus den 2000er Jahren
diagrammerstellen.de
Mitgliederentwicklung, entnommen dem Buch von Günter Lossa und Bernhard Schmid, ergänzt mit weiteren Werten aus den 2000er Jahren

Eine kurze Chronik

Datum Ereignis
12. Februar 1868 Gegründet in der Brauereigaststätte „Wilde Rose“, Bamberg
1893 Jubiläumsturnier zum 25-jährigen Bestehen. Sieger wird Weber mit der phänomenalen Leistung von 28 Punkten aus 29 Partien.
1899 Buntes Faschingstreiben des Schachclubs wird in der Deutschen Schachzeitung erwähnt. Die Mitglieder sind als Schachfiguren kostümiert.
1959 Lothar Schmid wird der Titel eines Großmeisters verliehen
1959 Der „Log Cabin Chess Club“ ist zu Gast. Bamberg gewinnt den Vergleichskampf mit 6:3. Whitaker quittiert seine Niederlage gegen GM Lothar Schmid mit den Worten: „My erste verloren in Europe.“
1960 Helmut Pfleger erringt am 1. Brett mit Deutschland die Juniorenweltmeisterschaft in Den Haag
1960 Hans-Günter Kestler holt den deutschen Schachpokal „Silberner Turm“ durch seinen Finalsieg über IM Karl Gilg nach Bamberg
1965 Vizemeister bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften in Bamberg, Harmoniesäle. Sieger wird der Schachclub 1836 München.
1966 Erstmals Deutscher Mannschaftsmeister im „Palmengarten“ (als erster Bamberger Sportverein überhaupt) zu Frankfurt. Zweiter wird Königsspringer Frankfurt
11. - 28. April 1968 Zum 100-jährigen Vereinsjubiläum findet ein Internationales Großmeisterturnier mit drei internationalen Gästeturnieren in den Räumen der Bamberger Rudergesellschaft im Bamberger Stadtpark Hain statt. Das Großmeisterturnier gewinnt GM Paul Keres (UdSSR) vor dem Weltmeister GM Tigran Petrosjan (UdSSR) und GM Lothar Schmid.
1969 GM Lothar Schmid erhält die Goldene Ehrenadel des DSB
1969 - 1980 Vereinszeitung „Geschichten aus dem Wienerwald“ (benannt nach dem damaligen Spiellokal) erscheint. Herausgeberin ist Rosemarie Feustel. Die Zeitung erscheint dreimal jährlich bis 1980 in einer Auflage von 1.200 Stück.
1970 GM Lothar Schmid erhält das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland
1972 Vizemeister bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaft, Sieger wird die SG Solingen 1868
1972 Hans-Günter Kestler gewinnt die Deutsche Einzelmeisterschaft
1972 GM Lothar Schmid leitet in Reykjavik als Hauptschiedsrichter den Weltmeisterschaftskampf Bobby Fischer (USA) gegen Boris Spasski (UdSSR)
1974 Mit GM Lothar Schmid, Helmut Pfleger und Hans-Günter Kestler stellt Bamberg die Hälfte des deutschen Teams bei der Schacholympiade in Nizza
1975 Helmut Pfleger wird der Titel eines Großmeisters verliehen
1975 GM Helmut Pfleger erhält für seine Verdienste das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland
24.-26. September 1976 Deutscher Mannschaftsmeister in Hallstadt, Hans-Schüller-Schule. Zweiter wird die SG 1868 Solingen, nach dramatischem Verlauf entscheidet nur ein halber Brettpunkt über den Titel
1976 GM Helmut Pfleger erhält für seine Verdienste die Goldene Ehrennadel des DSB
1976 Hans-Günter Kestler erhält den Titel eines Internationalen Meisters
3. - 5. Juni 1977 Deutscher Mannschaftsmeister in Weißenturm am Rhein. Zweiter wird Königsspringer Frankfurt
1978 GM Lothar Schmid leitet als Hauptschiedrichter den Weltmeisterschaftskampf Anatoli Karpow (UdSSR) gegen Viktor Kortschnoi (Schweiz) in Baguio City
1981 GM Wolfgang Unzicker wechselt vom Schachclub 1836 München nach Bamberg
1983/1984 Bamberg wird Deutscher Mannschaftspokal-Sieger
Herbst 1990 Bobby Fischer zu Gast bei GM Lothar Schmid. Nach Berichterstattung der lokalen Presse wird Fischer von Anvertrauten des Schachclubs in der Fränkischen Schweiz im Hotel- und Speiserestaurant „Pulvermühle“ versteckt, anschließend bei Hans Niedermeier untergebracht. Dem scheuen Fischer gelingt unerkannt die Flucht ins europäische Ausland.
1996 - 2002 Bamberg spielt in der 2. Bundesliga Südost. Beste Platzierungen Rang 3 1997/98 und 2000/01. 1997/98 spielt die georgische Großmeisterin Nana Joseliani für Bamberg, 1999/2000 der tschechische Großmeister David Navara (bis 2005/06)
2005 GM Lothar Schmid erhält die Auszeichnung Schachschiedsrichter des Jahrhunderts bei der Schacholympiade in Novi Sad
18. Mai 2013 Lothar Schmid stirbt im Alter von 85 Jahren in Bamberg (* 10. Mai 1928, Radebeul - † 18. Mai 2013, Bamberg)
1. September 2013 IM Hans-Günter Kestler stirbt im Alter von 73 Jahren in Bamberg (* 12.12.1939 - † 01.09.2013, Bamberg)
2017 Verdopplung der Mitgliederzahl gegenüber dem Jahr 2013

Der Link zum Einleitungsbild: "Vom Vereinsjubiläum beflügelt..."

Frank Hoppe

// Archiv: DSB-Nachrichten - Laskerjahr // ID 22591

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