[Event "German Masters"] [Site "?"] [Date "2022.08.22"] [Round "7"] [White "Svane, Frederik"] [Black "Fridman, Daniel"] [Result "1-0"] [ECO "C10"] [WhiteElo "2547"] [BlackElo "2606"] [Annotator "k.hoegy"] [PlyCount "75"] [SourceVersionDate "2022.08.14"] {Nachdem Frederik mit 3/3 mit mächtig Dampf ins Turnier gestartet war, liefen die letzten drei Runden mit 1/3 nicht mehr ganz so nach Wunsch. Von daher durfte man gespannt sein, wie er gegen den soliden Daniel Fridman zu Werke gehen würde. Offenes Visier oder kontrollierte Offensive?} 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 dxe4 {Rubinstein-Französisch - eine Spezialität des ehemaligen deutschen Nationalspielers Georg Meier, der mittlerweile für Uruguay auf Punktejagd geht. Zuletzt bei der Schacholympiade in Chennai} 4. Nxe4 Bd7 { Dem Offensivdrang des jungen Lübeckers wollte Daniel mit der Fort-Knox-Verteidigung den Zahn ziehen. In vielen Varianten tauscht Schwarz ähnlich der Caro-Kann-Verteidigung seinen weißfeldrigen Läufer ab, hier via d7-c6-xf3. Die Stellungen sind dann gegen das weiße Läuferpaar ein wenig passiv, aber dennoch fest und ohne Schwächen.} (4... Nd7 5. Nf3 Ngf6 {ist die schwarze Alternative und stellt die große Hauptvariante im Rubinstein-Franzosen dar}) 5. Nf3 Bc6 6. Bd3 Nd7 {Die moderne Interpretation der Fort-Knox-Variante. Schwarz wartet mit dem Abtausch des französischen Läufers so lange, bis es gar nicht mehr anders geht, als diesen abzutauschen. Dadurch erhofft sich Schwarz, dass der Anziehende nicht die bestmögliche Aufstellung einnehmen kann, weil Weiß immer mit dem Abtausch auf e4 rechnen muss} ({Die alten Meister würden sich vielmehr für das statisch-solide} 6... Bxe4 7. Bxe4 c6 8. O-O Nf6 {entscheiden. Klar, Weiß besitzt Raumvorteil und das Läuferpaar, aber Schwarz hat die Capablanca-Regel bestmöglich umgesetzt. Bei nur noch einem schwarzfeldrigen Läufer postiert Schwarz seine Bauern auf den weißen Feldern, insbesondere seine Zentralbauern, um den fehlenden Läufer zu "imitieren" und dem verbliebenen Läufer so viel Bewegungsfreiheit wie möglich zu verschaffen} 9. Bd3 $14 {0-1 (74) Pereira,R (2449)-Wegerle,J (2472) Vila Nova de Gaia 2010}) 7. O-O Ngf6 8. Ng3 {Sehr vernünftig! Bei Raumvorteil gilt der Grundsatz, dass die Seite mit mehr Raum tendentiell keine oder zumindest wenige Figuren tauschen möchte. Der Grund ist leicht verständlich: Wer wenig Raum hat, dessen Figuren stehen sich häufig auf den Füßen. Weniger Figuren wären daher für die Seite mit Raumnachteil leichter zu koordinieren.} g6 9. b3 Bg7 10. Ba3 $1 {Ein nützliches Intermezzo, das de facto ein Tempo gemacht. Weiß verhindert die Rochade, möchte aber eigentlich sowieso seinen Läufer fianchettieren. Schwarz bleibt nichts anders übrig, als nochmal ...Lf8 zu spielen, um den La3 von der Diagonalen zu vertreiben} Bf8 11. Bb2 (11. Bxf8 Kxf8 {Das Rochaderecht so aufzugeben, tut nicht weh. Schwarz kann problemlos "künstlich rochieren", indem er im nächsten Zug den König nach g7 bringt.}) 11... Bg7 12. c4 O-O 13. Re1 $5 {Ein nützlicher Zug - und ein sehr cleverer. Türme gehören nun mal auf (halb-)offene Linien! Schwarz hat nicht mehr so viel produktives zu tun und sollte womöglich langsam über das Schlagen auf f3 nachdenken. Einziges Problem: Das wäre viel attraktiver gewesen, hätte Weiß 13.De2 gespielt - denn dann hätte die Stellung mit der weißen Dame auf f3 den Anziehenden zwei Tempi gekostet. Nach 13.Te1 Lxf3 14. Dxf3 käme die Dame in einem Zug nach f3} (13. Qe2 Bxf3 14. Qxf3 c6 $16 { ist natürlich wegen Läuferpaar und Raumvorteil sicherlich etwas besser für Weiß, aber Schwarz hat andererseits keine offensichtlichen Schwächen und einen wirklich guten Läufer und einen sicheren König. Die schwarze Dame wird über a5 in die Verteidigung des Königsflügels bei Bedarf eingreifen können. 0-1 (55) Sarana,A (2656)-Rapport,R (2763) Chess.com INT 2021}) 13... a5 { Daniel entscheidet sich dafür, am Damenflügel aktiv zu werden. Es droht das Konzept des faulen Turms: ...a5-a4-xb3 mit Öffnung der a-Linie, wonach der Turm entwickelt wäre, ohne gezogen zu sein} (13... Bxf3 14. Qxf3 c6 {War eine Chance für Schwarz, sich für die klassische Fort-Knox-Strategie zu entscheiden. Nach typischen Zügen wie} 15. Rad1 Qa5 16. Bb1 Rfe8 {steht Schwarz solide: ½- (62) ½ (62) Salimova,N (2370)-Rapport,J (2379) Budva 2019} ) 14. a4 b6 15. Qe2 Qb8 $6 {Klaus Bischoff beschrieb das Manöver ...Db8-b7 als interessant. Und natürlich, wenn auf der anderen Seite des Brettes nichts passiert, ist das ein gutes Manöver. Schwarz würde mächtig Druck entlang der langen Diagonalen machen und Frederik müsste sich zumindest damit befassen, inwiefern ...Lxf3 mit Verdopplung der Bauern eine Drohung darstellen könnte. Ich befürchte nur, dass Schwarz diese Zeit nicht wirklich hat} ({ Hier war die letzte Möglichkeit für Schwarz, die Partie sicherer zu gestalten und im klassischen Fort-Knox-Prinzip mit} 15... Bxf3 {den weißen Springer rauszuprügeln} 16. Qxf3 c5 $1 {nur in Verbindung hiermit ergibt das schwarze Konzept Sinn. Der Nachziehende wird auf d4 schlagen und somit das Feld c5 für den Springer räumen} 17. Ne2 cxd4 18. Nxd4 Nc5 $14 {Damit haben die schwarzen Figuren zumindest alle vernünftige Felder gefunden. Weiß hat auch nicht völlig freie Hand, denn b3 wird konstant gedeckt bleiben müssen}) 16. Ne5 {Frederik marschiert gleich vorweg und verhindert damit die Fianchettierung der schwarzen Dame} ({Auch mit} 16. Rad1 $5 Qb7 17. Nh4 Rfe8 18. Qd2 {hätte Frederik die schwarze Stellung mächtig unter Druck setzen können. Falls Schwarz nun mit} Rad8 $2 {einen natürlichen Zug spielt, der die letzte Figur entwickelt und ein latentes vis-a-vis in der d-Linie beginnt, kracht es sofort im schwarzen Lager:} 19. d5 $1 {öffnet die Diagonale für den fianchettierten Damenläufer. Weiß befolgt den Grundsatz, der für jeden erfolgreichen Angriff beachtet werden sollte: Alle (Figuren) zur Party einladen! Darüber hinaus wird der schwarze Bauer von e6 abgelenkt, was die folgende Kombination ermöglicht} exd5 20. Nhf5 $1 {Kasparov hat ja schon früh proklamiert, dass ein Springer auf f5 immer einen Bauern wert ist. Aber manchmal ist ein Springer auf f5 auch einfach einen ganzen Springer wert! Jetzt sieht man auch, warum sich die weiße Dame auf d2 postiert hat. Gemäß dem Angriffsmotto "Drei Figuren, ein Matt" marschieren die drei Musketiere (Lb2, Sf5, Dg5) gleich triumphierend in die schwarze Festung ein.} gxf5 (20... Bf8 21. Nh6+ Bxh6 22. Qxh6 Rxe1+ 23. Rxe1 Re8 24. Rd1 d4 25. Nf5 $1 gxf5 26. Qg5+ Kh8 27. Bxd4 $18) 21. Nxf5 {gefolgt von Dg5 überlebt man nicht}) 16... Nxe5 $8 (16... Qb7 17. f4 $1 {Deckt nicht nur g2, sondern ermöglicht auch fxe5, falls ...Sxe5 käme. Das betoniert faktisch den Springer auf e5 ein, weil sich Schwarz die Öffnung der f-Linie für Weiß eigentlich nicht erlauben darf}) 17. dxe5 Nd7 18. Be4 $1 {Auch das ergibt viel Sinn. Frederik tauscht die Weißfelder und bekommt damit für seinen Sg3 Zutritt zum Feld e4} (18. Rad1 {wäre ein wenig schematisch. Nach den natürlichen Zügen} Nc5 19. Bc2 Qb7 20. f3 Rad8 $14 {Bekommt Schwarz zumindest seine Figuren ins Spiel und hält die Partie so einigermaßen in der Waage. Vor allem, da Weiß nicht mehr über e4 mit seinem Springer zum Mattangriff ansetzen kann}) 18... Qb7 19. Qf3 Bxe4 20. Nxe4 Nc5 21. Ba3 $1 { sehr stark! Weiß möchte liebend gern seinen fianchettierten Läufer für den schwarzen Springer abtauschen und dann siegbringend mit dem eigenen Gaul auf f6 einsteigen} Rfb8 $2 {deckt einerseits die ungedeckte Dame auf b7 und macht für den Fall der Schlagfälle auf c5 bereits vorsorglich Druck auf b3. Doch hat diese Idee ein Loch!} (21... Nxe4 $1 {Der einzige Rettungsversuch war das schwer einzuschätzende Qualitätsopfer} 22. Bxf8 Bxe5 23. Rad1 Rxf8 24. Rxe4 Bd6 25. h4 $16 {Auf den schwarzen Feldern steht Schwarz recht solide. Fraglich ist nur, ob Weiß eine Bresche in die schwarze Königsstellung geschlagen bekommt. Ich zumindest würde mich zwar nicht riesig freuen, hier Schwarz spielen zu müssen, könnte mir aber vorstellen, dass man mit einem halben Punkt vorbeikommen kann}) 22. Bxc5 bxc5 23. Rad1 $1 {auf die Pointe dieses "plumpen" Tricks bin ich und sicher viele Leser bereits schon hereingefallen} Qb4 (23... Qxb3 24. Rd8+ {Der schwarze Turm auf b8 darf nicht schlagen, weil dann die Dame verloren ginge. Doch der Röntgenangriff gegen a8 führt nun zu Materialgewinn} Bf8 25. Qxb3 Rxb3 26. Rxa8) 24. Nf6+ Bxf6 25. exf6 {Dieser Pfahl im Fleische wird nun Schwarz die Partie kosten. Ständig droht die Überführung der Dame nach h6 gefolgt von einem Matt auf g7. Ebenso steht Schwarz wegen des f6-Bauern ständig auf Grundreihenmatt} Ra6 26. Qf4 e5 { Schon notwendig, um überhaupt in der Partie zu bleiben} 27. Rxe5 Qxb3 28. Rde1 Qxa4 29. h4 {Der menschliche Zug, das sogenannte "aggressive Luftloch". Der h-Bauer soll auch noch weiter nach h5 gehen, um gegebenenfalls hxg6 spielen zu können. Auch steht der weiße König nun einfach nicht mehr auf Grundreihenmatt und der Zug Kh2 wird möglich} (29. R5e3 $5 {ist der Favorit von Stockfish mit der Idee Dh6 und Th3 zu spielen und dann den Angriff über die h-Linie zum Erfolg zu führen}) 29... Rf8 30. h5 Qc6 $2 {Objektiv verliert dieser Zug, aber auch die von Engines vorgeschlagene Verteidigung, die mit vielen einzigen Zügen gespickt ist, ist alles andere als offensichtlich} ( 30... Rd6 $8 {der Turm auf d6 "vor" der Dame auf c6 ist zwingend notwendig, um ausreichend Druck gegen f6 zu machen. Dies wird deutlich in der Variante} 31. Kh2 Qc6 32. Rf5 Kh8 $3 33. hxg6 $6 (33. Qg5 Re6 34. Rxe6 Qxe6 35. Rxc5 $16) 33... fxg6 $1 34. Re7 Rdxf6 $1 {mit schwarzem Vorteil, weil} 35. Qh6 Qd6+ $1 36. Rfe5 R6f7 $1 $36 {das Matt mit Ach und Krach verhindert, wenngleich Weiß weiterhin eine mächtige Initiative hat}) 31. Rf5 $3 {ein Knallerzug! Deckt f6 und droht unfreundlich Dh6!} Re8 (31... Kh8 {die gleiche Verteidigung wie in der obigen Variante scheitert nun:} 32. hxg6 fxg6 33. Re7 Rxf6 34. Qh6 $18) ( 31... gxf5 $4 32. Qg5+ Kh8 33. Qg7# {geht selbstverständlich gar nicht für Schwarz}) 32. Rd1 Qa4 33. Rfd5 {Nun droht auch noch Td8} Rd6 34. Rxd6 cxd6 35. Rxd6 Qa2 36. Kh2 Qe2 37. Rd5 {deckt das Feld e5 ab, sodass nun Dh6 nicht mehr zu verhindern ist.} Qe4 38. Qxe4 {Ein wichtiger Sieg für Frederik, der nun im Schlussspurt sogar mit Vincent Keymer um den Turniersieg spielen wird! Vincent steht bei 5,5/7, Frederik lauert mit 5/7 knapp dahinter. Die Schachfans dürfen sich bereits auf die letzte Runde freuen, denn dann werden beide im direkten Duell aufeinandertreffen und den Sieger des German Masters 2022 untereinander ausspielen!} 1-0