Schachwochenende im Taiwan-Kultursaal in Berlin

23.06.2019 01:16
Gruppenfoto mit dem Botschafter und den Teilnehmern vom Gustafsson-Simultan
Frank Hoppe
Gruppenfoto mit dem Botschafter und den Teilnehmern vom Gustafsson-Simultan

Taiwan ist ein Inselstaat im Pazifik rund 200 km südöstlich vom chinesischen Festland entfernt. Offiziell gehört Taiwan zur Republik China, doch seit Jahrzehnten schwelt ein Konflikt um die Unabhängigkeit. Das gestiegene Selbstbewußtsein demonstriert Taiwan mit einer eigenen diplomatischen Vertretung in Deutschland. Und die lud vom 14. bis 16. Juni zu einem Schachwochenende nach Berlin ein, was an sich schon sehr ungewöhnlich ist, denn in China ist Xiangqi eigentlich das deutlich populärere Brettspiel.

Als Gäste hatte die taiwanesische Vertretung vier prominente Schachmeister und den deutschen Politikwissenschaftler Prof. Dr. Martin Wagener eingeladen. Unterstützung hatte man sich auch beim Berliner Schachverband geholt, der u.a. die Schiedsrichter und das Spielmaterial stellte.

Vortrag und Blindschach mit GM Stefan Kindermann

Das dreitägige Programm begann am Freitag mit einer taiwanesischen Musikgruppe. Das Ultrasonic Sax Ensemble, bestehend aus 12 Musikern, spielte vier taiwanische Evergreens. Nach der Begrüßung durch den Botschafter und Germanistikprofessor Jhy-Wey Shieh, hielten GM Stefan Kindermann und Prof. Wagner Vorträge vor den etwa 100 Zuhörern. Beim anschließenden Blindschach trat Kindermann gegen Ching-Wei Yang und Po-Yen Min an. Die beiden Spieler eines taiwanesischen Teams waren kurz vorher 13 Stunden aus Südostasien mit dem Flugzeug angereist. In der von Elisabeth Pähtz kommentierten Partie zogen die beiden Taiwanesen abwechselnd - und am Ende den Kürzeren. An den beiden folgenden Tagen zeigten sie im Simultan dagegen schon ihr bestes Schach: Keiner der drei Simultangeber konnte die beiden besiegen!

Als Schiedsrichter agierte am Freitag Bernhard Riess vom Spielausschuss des Berliner Schachverbandes.

Vortrag von Stefan Kindermann
Michaela Kindermann
Vortrag von Stefan Kindermann
-
B21

„Intelligente Intuition-Menschlicher Trumpf im digitalen Zeitalter“

Stefan Kindermann
Privat
Stefan Kindermann

Impulsvortrag von Schachgroßmeister Stefan Kindermann

Alle Entwicklungen deuten darauf hin, dass strategisch-strukturelle Planungen und Prozesse mehr und mehr von hochentwickelter künstlicher Intelligenz übernommen werden. Wie wird die Rolle des Menschen dann aussehen? Wo liegen seine eigentlichen Stärken und sein Alleinstellungsmerkmal? Wie gelingen kritische Entscheidungen in einem immer komplexeren Umfeld?
Tatsächlich wurde der entscheidende menschliche Trumpf über rein rational geprägte Jahrhunderte hinweg sträflich vernachlässigt! Erst heute wissen wir, dass die lange als „Esoterik“  abgetane menschliche Intuition bei all unseren Planungen, Entscheidungen und auch kreativen Lösungen die absolut zentrale Rolle spielt. In Wahrheit ist es das herausragende Bauchgefühl, das den Unterschied ausmacht und auch die Qualität einer guten Führungskraft bestimmt.

Doch ist auch die Intuition keinesfalls unfehlbar. Unser Bauchgefühl hat klare Einschränkungen bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten und ist Verzerrungen durch Gier oder Angst ausgesetzt. Erst in der rechten Kombination mit unserer Ratio entfaltet es seine volle Kraft. Schachmeister haben seit 1500 Jahren ihren Umgang mit ihrer Intuition entwickelt und perfektioniert. Sie haben gelernt, sehr genau auf ihr  spontanes Bauchgefühl zu achten, es systematisch weiter zu entwickeln und es mit logisch strukturiertem Denken zu verbinden. Nur so gelingen ihnen optimale Entscheidungen in einem unvorstellbaren Ozean von Möglichkeiten, auch unter Zeitdruck und Stress. Es ist höchste Zeit, dass wir uns systematisch mit diesem im digitalen Zeitalter überlebenswichtigen Bereich beschäftigen und das volle Potential unserer Intuition nutzen. Im Zentrum stehen die folgenden praktischen Fragen:

  • Was bedeutet Intuition?
  • Wie können wir unsere Intuition besser verstehen, sie stärken und weiter entwickeln?
  • In welchen Bereichen ist der Intuition zu misstrauen?
  • Wie schützen wir uns vor intuitiven Fehlleistungen?
  • Wie kombiniert man Ratio und Intuition im Planungs-und Entscheidungsprozess?
  • Wie können wir unsere Intuition überzeugend kommunizieren?

In Hinblick auf die weitere Entwicklung der Künstlichen Intelligenz ist die zentrale Frage, welche Werte wir ihr vorgeben. Hier bietet das Schach eine mächtige Metapher: Zwar gibt es hier viele wichtige Faktoren wie z.B. Material, Raum, Zeit und Harmonie der Figuren, die bei der Bewertung einer Position bedeutsam sind, doch sie alle sind einem zentralen Wert untergeordnet, nämlich dem Schicksal des Königs als oberstem „Königswert“.

Analog wird es ganz entscheidend sein, die wirklich wichtigen menschlichen „Königswerte“ zu klären und über sie Konsens zu gewinnen. Diese Werte sind der Leitfaden für Ethik und Ziele, die wir der KI vorgeben müssen. Gelingt dies nicht, so kann die KI tatsächlich zum neuen Herrscher werden, der die  Menschheit eines Tages vielleicht als überflüssig erachten wird. Oder die KI kann zur schrecklichen Waffe in den Händen eines totalitären Regimes werden, wie es sich in manchen Staaten tatsächlich schon abzeichnet.

Gelingt es uns aber, die KI in die richtigen Bahnen zu lenken, so kann sie zum mächtigsten Werkzeug werden, über das die Menschheit jemals verfügte und es uns ermöglichen, scheinbar unmögliche Probleme zu lösen und das Leben auf diesem Planeten ein großes Stück voranzubringen!

Stefan Kindermann

Simultan mit Jan Gustafsson

Am Sonnabend war der Andrang schon etwas größer. Bis zu 120 Schachinteressierte drängten zum Simultan mit Jan Gustafsson und Elisabeth Pähtz. Jeweils 30 von ihnen ergatterten einen der begehrten Plätze. Geleitet wurden beide Simultans vom Vizepräsidenten des Berliner Schachverbandes, Christian Kuhn. Botschafter Jhy-Wey Shieh, der selbst kein Schach spielt, eröffnete jeweils am ersten Brett die Wettkämpfe, indem er energisch den Bauer nach d4 setzte. Aber nicht ohne sich vorher zu vergewissern, das mit seinem Zug alles in Ordnung ist.

Brett Name Vorname DWZ Farbe Ergebnis
Σ         +25 =1 -4
25½:4½
1 Yang Ching-Wei - W 0:1
2 Min Po-Yen - W 0:1
3 Lin Chung-Yu - W 1:0
4 Wagener Prof. Dr. Martin 1137 W 1:0
5 Allgaier Erik - W 1:0
6 Ellert Oliver 1523 W 1:0
7 Beuster Michael - W 0:1
8 Bédé Maxime - W 1:0
9 Buschmann Tim 1750 W 1:0
10 Chen Tsung-Hsi 1177 W 1:0
11 Date Ashwin 1500 W 0:1
12 Ellert Stefan 1664 W 1:0
13 Engelmann Jan 1673 W 1:0
14 Gottschling Lisa - W 1:0
15 Held Momme 1604 W 1:0
16 Jugert Ole - W 1:0
17 Keller Josef 1294 W 1:0
18 Lange Prof. Dr. Bernd-Peter - W 1:0
19 Mahler Sonja 1411 W 1:0
20 Missala Joel 1358 W 1:0
21 Niese Holger 2064 W 1:0
22 Pöltelt Dr. Helmut 1604 W 1:0
23 Wehrmann Jens - W 1:0
24 Fitzke Ulrich 1716 W 1:0
25 Rennspieß Jens 1720 W ½:½
26 Köhn Michael - W 1:0
27 Tryfon Konstantin 1339 W 1:0
28 Vachkov Temi 1674 W 1:0
29 Wittig Immo 1074 W 1:0
30 Petereit Ulrich - W 1:0
-
D37[Frank Hoppe]

Simultan mit Elisabeth Pähtz

Elisabeth Pähtz' Einsatz verzögerte sich um eine gute Stunde, da Jan Gustafsson noch erbitterten Widerstand zu brechen hatte und am Ende gleich viermal dem Gegner gratulieren mußte. Deutschlands beste Schachspielerin nutzte die Zeit für ein ausgiebiges Interview.

Brett Name Vorname DWZ Farbe Ergebnis
Σ         +24 =5 -1
26½:3½
1 Yang Ching-Wei - W ½:½
2 Min Po-Yen - S ½:½
3 Lin Chung-Yu - W ½:½
4 Wagener Prof. Dr. Martin 1137 S 1:0
5 Alegre Fierro Alejandro - W 1:0
6 Ettel Ralf 1418 S 1:0
7 Galert Josef - W 1:0
8 Geilmann Ulrich 1848 S 1:0
9 Gmerek Henning 1268 W 1:0
10 Grob Gerhard - S 1:0
11 Hottelet Ulrich - W 1:0
12 Janke Karsten - S 1:0
13 Kälker Kevin - W 1:0
14 Hammer Stefan 1239 S 1:0
15 Maiwald Gunar 1189 W 1:0
16 Nestmann Peter - S 1:0
17 Rouditser Benjamin 1784 W 1:0
18 Victor Thomas 1925 S ½:½
19 Praus Pia-Rosa 1194 W 1:0
20 Alvarez Gil - S 1:0
21 Ryndine Salazar Vladimir - W 1:0
22 Schick Eduard - S 1:0
23 Sperr Johannes 2029 W ½:½
24 Tryfon Konstantin 1339 S 1:0
25 Vogel Constantin 2198 W 1:0
26 Zoabi Dr. Adi 1853 S 0:1
27 Wehrmann Jens - W 1:0
28 Kellner Konstantin - S 1:0
29 Wittig Immo 1074 W 1:0
30 Mahler Sonja 1411 S 1:0
-
D15

Simultan mit Fiona Sieber

Der Sonntagvormittag lockte nicht mehr ganz so viele Besucher in den Taiwan-Kultursaal am Gendarmenmarkt. Rund 80 Simultanspieler und Gäste wurden gezählt. Diesmal stellte sich Fiona Sieber, U16-Europameisterin von 2016 und German-Masters-Siegerin 2018, der Konkurrenz. Die bestand zum Teil aus sehr jungen Mädchen und Jungen von den Schachpinguinen Berlin, die von ihrer Trainerin Julia Richter begleitet wurden. Schiedsrichter war Lothar Oettel, der zu Beginn als bester bzw. höchstrangigster Refereé Berlins vorgestellt wurde. Nicht unerwähnt soll bleiben, das es natürlich noch einige weitere schachkundige Berliner mit dem Titel Internationaler Schiedsrichter gibt.

Begleitet wurde Fiona Sieber übrigens von ihrem Vater, der selbst kein Schach spielt und seine Tochter viel zu selten sieht, seit sie in Magdeburg studiert.

Brett Name Vorname DWZ Farbe Ergebnis
Σ         +27 =1 -2
27½:2½
1 Yang Ching-Wei - S 0:1
2 Min Po-Yen - W ½:½
3 Lin Chung-Yu - S 0:1
4 Wagener Prof. Dr. Martin 1137 W 1:0
5 Bauer Sophia 980 S 1:0
6 Goebel Alexander 917 W 1:0
7 Belkina Elisabeth 1037 S 1:0
8 Graßhoff Daniel - W 1:0
9 Bossert Konstantin - S 1:0
10 Yuan Zixi - W 1:0
11 Braun Angelo - S 1:0
12 Köhn Michael - W 1:0
13 Chuge Xun - S 1:0
14 Lai Chun-Kuei - W 1:0
15 Fitzke Ulrich 1716 S 1:0
16 Malyy Andrey - W 1:0
17 Grigorian Naré 826 S 1:0
18 Malyy Fedor - W 1:0
19 Ivanov Platon - S 1:0
20 Marianovski Robert - W 1:0
21 Liu Leo - S 1:0
22 Petereit Ulrich - W 1:0
23 Schumacher Barbara - S 1:0
24 Schneider Roland - W 1:0
25 Snoek Coco - S 1:0
26 Späte Ute 1916 W 1:0
27 Thümler Floris 927 S 1:0
28 Völschow Andreas 1777 W 1:0
29 Sigbatulin Artur 916 S 1:0
30 Terekhin Maria 930 W 1:0
-
E15

Die Taipeh-Vertretung wurde in den drei Tagen in ein Schachmekka verwandelt. Praktisch das gesamte Personal war auf den Beinen und hat sich um die schachspielenden und -schauenden Gäste rührend gekümmert. An zahlreichen bereitgestellten Brettern konnten die Besucher, die gerade nicht beim Simultan zuschauen wollten oder aktiv waren, selbst ein Spielchen wagen.
Neben kostenlosen Snacks, warmen Mahlzeiten und Getränken gab es zudem an allen drei Tagen in einer Verlosung taiwanesische High-Tech-Produkte, wie USB-Sticks, WLAN-Kopfhörer und Tablets zu gewinnen.

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 10054

Zurück

Unsere Partner