25. Juli 2026
Ein Remis gegen Dmitrij Kollars reicht dem 18-jährigen Großmeister in der Schlussrunde zum Titel. Leonardo Costa ist Deutscher Meister 2026. Im Siegerinterview spricht er über sein bestes Turnier, mentale Stärke, die Nationalmannschaft und seinen möglichen Weg zum Schachprofi. Die Anspannung wich erst, als das Remis endgültig feststand. Leonardo Costa hatte in der neunten und letzten Runde der Deutschen Meisterschaft gegen Dmitrij Kollars genau das Ergebnis erreicht, das er für den Titel benötigte. Nach neun intensiven Turniertagen beim Schachgipfel in Dresden darf sich der 18-Jährige Deutscher Meister 2026 nennen. „Sensationell“, sagte Costa unmittelbar nach der Partie. „Ich bin sehr glücklich. Egal, wie gut man sich auf ein Turnier vorbereitet: Man kann so einen Sieg nie fest einplanen. Es gehört immer auch ein Quäntchen Glück dazu.“ Vor der Schlussrunde hatte Costa gemeinsam mit Luis Engel an der Tabellenspitze gelegen. Den Grundstein dafür legte er am Vortag mit einem wichtigen Schwarzsieg gegen den bis dahin führenden Bennet Hagner. Das Remis gegen Kollars brachte Costa schließlich auf sechs Punkte aus neun Partien und über die Ziellinie.
Von großem Jubel war in den ersten Minuten nach dem Erfolg noch wenig zu spüren. Zunächst überwog die Erleichterung.„Ich bin erst einmal sehr erleichtert, dass ich das Remis heute gehalten habe“, erklärte Costa. „Natürlich freue ich mich jetzt auf den Galaabend. Ich habe auf jeden Fall einen wichtigen Meilenstein in meiner Schachkarriere erreicht.“
| 9. Runde am 25.07.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | GM Luis Engel | 2588 | 0:1 | GM Alexander Donchenko | 2635 |
| 2 | GM Dennis Wagner | 2589 | ½:½ | GM Niclas Huschenbeth | 2586 |
| 3 | GM Leonardo Costa | 2540 | ½:½ | GM Dmitrij Kollars | 2634 |
| 4 | IM Tobias Kügel | 2361 | ½:½ | IM Bennet Hagner | 2451 |
| 5 | FM Georg Braun | 2374 | 0:1 | GM Rasmus Svane | 2624 |
| Pl. | Name | Elo | Pkt. | DV | SoBe | Siege | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | GM Leonardo Costa | 2540 | 6,0/9 | 0,0 | 25,50 | 4 | x | 1 | 1 | 0 | ½ | ½ | ½ | 1 | ½ | 1 |
| 2 | IM Bennet Hagner | 2451 | 5,5/9 | 0,5 | 22,25 | 3 | 0 | x | ½ | 1 | ½ | ½ | 1 | ½ | ½ | 1 |
| 3 | GM Luis Engel | 2588 | 5,5/9 | 0,5 | 20,75 | 4 | 0 | ½ | x | 0 | ½ | ½ | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 4 | GM Alexander Donchenko | 2635 | 5,0/9 | 1,0 | 24,00 | 3 | 1 | 0 | 1 | x | ½ | ½ | 1 | ½ | ½ | 0 |
| 5 | GM Dmitrij Kollars | 2634 | 5,0/9 | 1,0 | 21,50 | 2 | ½ | ½ | ½ | ½ | x | ½ | 0 | 1 | 1 | ½ |
| 6 | GM Rasmus Svane | 2624 | 5,0/9 | 1,0 | 21,00 | 1 | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | x | ½ | ½ | ½ | 1 |
| 7 | GM Niclas Huschenbeth | 2586 | 4,0/9 | 0,5 | 16,00 | 2 | ½ | 0 | 0 | 0 | 1 | ½ | x | ½ | ½ | 1 |
| 8 | GM Dennis Wagner | 2589 | 4,0/9 | 0,5 | 14,75 | 2 | 0 | ½ | 0 | ½ | 0 | ½ | ½ | x | 1 | 1 |
| 9 | IM Tobias Kügel | 2361 | 3,0/9 | 0,0 | 13,75 | 0 | ½ | ½ | 0 | ½ | 0 | ½ | ½ | 0 | x | ½ |
| 10 | FM Georg Braun | 2374 | 2,0/9 | 0,0 | 9,00 | 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | ½ | 0 | 0 | 0 | ½ | x |
Dass in Dresden etwas Besonderes entstehen könnte, spürte Costa schon früh. Nach einem Remis gegen Niclas Huschenbeth zum Auftakt besiegte er in den folgenden beiden Runden Luis Engel und Dennis Wagner. „Im Prinzip habe ich schon nach Runde drei gemerkt, dass es etwas Großes werden kann“, sagte Costa. „Ich bin extrem gut in das Turnier gestartet, habe sehr gutes Schach gespielt und wirklich keine großen Fehler gemacht. Taktisch war ich auf einem hohen Level und körperlich noch relativ fit.“ Eine Niederlage gegen Alexander Donchenko in Runde vier brachte ihn nicht aus dem Konzept. Costa blieb stabil, schlug Dr. Georg Braun und setzte in der vorletzten Runde mit seinem Sieg gegen Bennet Hagner das entscheidende Ausrufezeichen. Dabei überzeugte ihn nicht allein das Ergebnis. Auch mit der Qualität seines Spiels war der Münchner hochzufrieden. „Ich würde sogar sagen, dass es das beste Turnier war, das ich bisher gespielt habe – gerade in diesem starken Umfeld“, erklärte Costa. „Ich habe ziemlich scharf gespielt, und darauf bin ich stolz.“
Seinen Erfolg führt Costa auch auf eine intensive Vorbereitung zurück. Dabei ging es nicht nur darum, möglichst viele Eröffnungsvarianten auswendig zu lernen. „Ich habe mich vor dem Turnier sehr gut vorbereitet – nicht nur eröffnungsmäßig, wie viele vielleicht denken“, sagte er. „Ich habe vor allem sehr viel Variantenberechnung trainiert. Schon vor dem Turnier war ich deshalb ziemlich zuversichtlich, dass es ein gutes Turnier werden könnte.“Unterstützt wurde er dabei von seinen Trainern Pawel Eljanow und Wojciech Moranda. Gemeinsam analysierten sie mögliche Eröffnungen, trainierten konkrete Berechnung und beschäftigten sich intensiv mit den unterschiedlichen Spielweisen der Gegner. „Ich habe versucht, eine möglichst große Bandbreite an Eröffnungen abzudecken“, erklärte Costa. „Vor dem Turnier wusste man schließlich noch nicht, mit welcher Farbe man gegen welchen Gegner spielen würde. Deshalb habe ich versucht, mir zu jedem Spieler Notizen zu machen und passende Partien anzuschauen.“ Pawel Eljanow begleitet Costa bereits seit mehreren Jahren. Der ehemalige Weltklassespieler ist ein entscheidender Baustein in seiner Entwicklung. Ermöglicht wird diese Zusammenarbeit auch durch die Unterstützung von Roman Krulich, der Costa auf seinem Weg fördert.
Bemerkenswert war während des gesamten Turniers auch Costas Ruhe. Obwohl es um den größten nationalen Einzeltitel ging, wirkte der 18-Jährige fokussiert und selbstbewusst. Doch auch er kennt Phasen, in denen Gedanken an Ergebnisse und Elozahlen das eigene Spiel belasten. „Ich glaube, jeder hat schon die Erfahrung gemacht, zu sehr an das Ergebnis zu denken“, sagte Costa. „Wenn man während einer Partie denkt, man müsse unbedingt gewinnen, um eine bestimmte Anzahl an Elo-Punkten zu holen, kann das sehr ablenkend wirken. Gerade gegen vermeintlich schwächere Spieler kann das zu schlechteren Entscheidungen führen.“ Diese Denkweise habe ihn vor einigen Jahren selbst beschäftigt. Mittlerweile versucht er, sich während des Turniers vollständig auf die jeweilige Stellung zu konzentrieren. „Ich versuche, die Ergebnisgedanken wegzustecken und mich auf die Partie selbst zu fokussieren. Nach dem Turnier analysiere ich dann, was schiefgegangen ist und woran ich arbeiten muss. Ich möchte möglichst objektiv bleiben. Am Ende zählt der Prozess – und nicht die eine oder andere Partie.“Zu diesem Prozess gehört für Costa auch, ohne Angst ans Brett zu gehen. Wer sich zu sehr vor Fehlern oder Niederlagen fürchte, könne sein Potenzial kaum abrufen. In Dresden gelang es ihm, genau diese Freiheit mit hoher taktischer Präzision zu verbinden.
Mit seinem zweiten deutschen Meistertitel hat Costa seinen Anspruch unterstrichen, sich dauerhaft in der deutschen Spitze zu etablieren. Den Blick in Richtung Nationalmannschaft scheut er nicht.„Ich glaube definitiv, dass ich das Potenzial zum Nationalspieler habe“, sagte Costa. Sein nächstes konkretes Ziel sei es, die Marke von 2600 Elo zu überschreiten. „Das wäre der nächste Meilenstein und würde meinen Weg in Richtung Nationalmannschaft ebnen. Ich weiß aber auch, dass die Konkurrenz groß ist. Es ist nicht leicht, dort hinzukommen und am Ball zu bleiben.“ Der Großmeistertitel wurde Costa 2025 verliehen. Aktuell wird er mit einer Elozahl von 2540 geführt.
Zunächst wartet auf Costa noch ein weiteres Schuljahr. Nach dem Abitur möchte er sich ab Sommer 2027 für ein Jahr fast vollständig auf Schach konzentrieren. Dieses sogenannte Schachjahr soll ihm zeigen, wie sein Alltag als Profi aussehen könnte. Für Costa besteht die Planung aus zwei zentralen Bereichen: intensivem Training und möglichst vielen hochwertigen Turnieren. „Ich werde auf jeden Fall sehr viele Trainingseinheiten mit Pawel machen“, erklärte er. „Das ist ein Grundbaustein, damit ich mein Potenzial ausschöpfen kann. Der andere Teil sind die Turniere. Wichtig ist, starke Wettbewerbe und starke Gegner zu haben.“ Konkrete Ausschreibungen für das kommende Jahr stehen teilweise noch aus. Turniere wie das grenke Open und andere stark besetzte offene Wettbewerbe hat Costa jedoch bereits im Blick. Sein ambitioniertes Ziel: rund 100 klassische Partien innerhalb dieses Jahres. „Das sollte ich schon schaffen“, sagte er lächelnd. Eine offizielle Vorgabe sei diese Zahl nicht: „Die ist einfach aus dem Himmel gegriffen.“
Nach diesem Jahr möchte Costa eine fundierte Entscheidung über seine berufliche Zukunft treffen. Eine Profikarriere im Schach ist für ihn inzwischen eine ernsthafte Möglichkeit – aber noch keine beschlossene Sache.„In diesem Schachjahr werde ich erleben, was es wirklich bedeutet, Schachprofi zu sein“, sagte er. „Ich kann mich dann sehr fokussiert mit dem Spiel beschäftigen und anschließend besser entscheiden, welchen Weg ich gehen möchte.“Selbst wenn er sich danach gegen das Leben als Profi entscheiden sollte, wäre das Jahr für ihn nicht verloren.„Dann wäre ich trotzdem froh, dass ich versucht habe, mein Potenzial auszuschöpfen und herauszufinden, wo die Grenzen meiner schachlichen Entwicklung liegen.“ Auch abseits des Brettes besitzt Costa klare Interessen. Besonders Mathematik und Physik faszinieren ihn. Ein Studium im Bereich Elektrotechnik wäre eine mögliche Alternative.Vorerst darf die Zukunft allerdings warten. Am Abend wird Costa bei der Abschlussgala des Schachgipfels als Deutscher Meister geehrt. Danach soll gefeiert werden. Wie genau? „Das weiß ich noch nicht“, sagte Costa – und lachte.Fest steht: Einen besseren Anlass hätte er kaum finden können.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37093