17. April 2026
»... erwies sich als richtungsweisend für den weiteren Turnierverlauf« ist eine im Schach gern und häufig gebrauchte Metapher. Kaum einmal bestätigte sie sich jedoch im Nachhinein so treffend wie beim wichtigsten Turnier des Jahres nach Runde 1:
Zuvor sahen wir einen nervös zappelnden Javokhir Sindarov und einen ruhigen, abgeklärt wirkenden Andrey Esipenko. Weiß waren 6:39 min für 13 Züge bis zur Zeitkontrolle auf der Uhr verblieben (keine Zeitboni vor Zug 41), Schwarz thronte noch auf einer halben Stunde.
Nicht nur Körpersprache und Chronometer, auch die Lage auf dem Brett sprach für den Russen. Die Engines sehen ihn nach 27. … Ta8 gefolgt von La5-b6 oder La5-b4 klar in der Vorhand, da nicht ersichtlich ist, wie Weiß die gegnerische Damenflügelmajorität kompensieren will.
27… Lxf3+?
In der anschließenden Pressekonferenz sagte Esipenko, dass er damit De2-b2 gefolgt von ggf. b3xc4 verhindern wollte und glaubte, sich alsbald den Bauern d4 einverleiben zu können – jedoch die Riposte im 29. Zug übersah.
28. Dxf3 Lb6
28. … Ld2 29. Te2 c3 war die Alternative, aber auch dann kann nach 30. Txd2! cxd2 31. Dd3 keine Rede mehr von schwarzem Vorteil sein.
29. Ta6!
Das spielte Sindarov à tempo und verließ trotz seiner Zeitknappheit das Brett! Vollkommener Wechsel der Szenerie – auch auf der Uhr, wo Esipenko nun vorbei zog.
29. … Sxd4
29. … Lxd4 30. Txc6! Lxe5 (30. … Lxe3? 31. Tc7+-) trifft auf 31. Tc5! mit Fall des Bauern d5.
30. Dh5!
Wo gerade noch ein gegnerischer Läufer stand, macht die Dame plötzlich Druck gegen den eben noch bombensicheren schwarzen König.
30. … Txe5!
Die beste Chance, da der Turm nach etwa 30… Dd8? 31. T:b6! D:b6 32. L:d4 D:d4 33. T:e8 verloren gehen würde.
31. Txe5
31. … Dc6?
Nicht besser ist 31. … Db7?, das Motiv 32. Dg6! Dxa6? 33. Te7+- begegnet uns zwei Züge später noch einmal, aber nun kommt mit entscheidender Kraft auch die letzte weiße Figur ins Spiel.
Daran änderte auch 31. … Ld8? (der Läufer strebt nach f6) 32. Lf3! nichts (32. … Sxf3 33. Dxf3 d4 34. Ta8 Lf6 35. Td5+-). Nur der Einschub von 31. … Lc7! 32. Te3, und nun 32. … Ld8! (nach 33. Lf3 hängt dann der Bauer d5 nicht) hielt die Stellung in der Waage. Um dieses dieses subtile Manöver zu finden, fehlte Esipenko jedoch inzwischen die Zeit.
32. bxc4 bxc4
32. … dxc4+ 33. Lf3 Sxf3 34. Dxf3 Dxf3+ 35. Kxf3 ergibt ein verlorenes Endspiel.
33. La4 Dc5 34. Dg6 La7 35. Te8 T:e8 36. D:e8+ Kh7 37. Dg6+ Kg8
38. Ld7 c3 39. De8+ Kh7 40. Dg6+ Kg8
Weiß hat die Zeitkontrolle mit noch vier Sekunden auf der Uhr geschafft (Schwarz neun) und seine Stellung ist total gewonnen.
41. Te6!
41. … Sxe6 42. Lxe6+ Kh8 43. De8+ Kh7 44. Lxf5+ (und matt) ließ er sich nicht mehr zeigen.
1-0
Bezogen auf die Eingangs-Metapher: zweieinhalb Wochen später hatte Sindarov zehn Punkte, Esipenko viereinhalb!
Der Usbeke hatte seinen kritischsten Moment im Turnier überstanden und kam anschließend ins Rollen, wie noch niemand seit Einführung des Rundenturniers zur Ermittlung des WM-Herausforderers (2013) gerollt war. Nach seinem Katapultstart von 5½/6 war das Turnier praktisch entschieden. Sindarov bewies eindrucksvoll, dass er die verschiedensten Facetten des Spiels meisterhaft beherrscht: Risiko gehen (Figurenopfer gegen Pragg), aggressive Vorbereitung (Caruana & Nakamura), »normale« Partien (Wei Yi) – alles weitgehend fehlerfrei. Im zweiten Durchgang, da ihm Durchremisieren schon gereicht hätte, versiebte er eine Gewinnstellung gegen Blübaum. Dass er es sich anschließend im Rückkampf gegen Pragg leisten konnte, in der Eröffnung die Züge zu verwechseln und trotzdem seinen sechsten Sieg einfuhr, zeigte: Caissa stand auf seiner Seite. Als eine seiner »besten Verteidigungsleistungen« pries es der Überflieger schließlich, ein schwieriges Endspiel gegen Caruana gehalten zu haben. Sein Coach Roman Vidonyak sprach von einem »universellen Talent«.
Bei alledem wirkte Sindarov stets leicht und locker, keine Spur von Druck, bei Pressekonferenzen und Interviews führte er sein Herz auf der Zunge spazieren, immer zu einem Scherz aufgelegt. Abseits von dem, was er auf den 64 Feldern leistet, ein ganz normaler, eigener Aussage nach einst Counter-Strike-gefährdeter Typ – das ist das Bild, welches er vermittelt. Einen besseren Zeitpunkt für einen Helden dieser Prägung hätten wir uns nach der flachen Carlsen-Niemann-Netflix-Doku Untold: Chess Mates, die alle Klischees von schachspielenden (und -verwaltenden) Verrückten und Unsympathen bedient (und auch keinerlei neue Anhaltspunkte liefert), nicht wünschen können!
Als im Vorfeld die Kandidatenturnier-Erfahrung von Topfavorit Caruana thematisiert wurde (seit 2016 dabei), bemerkte der Amerikaner selbst, dass auch »das erste Mal« seine Vorzüge habe. In diesem Feld gar nicht erst Spannung aufkommen zu lassen, kann ebenso wie Sindarovs Performance von 2908 (Elo +31) nur mit dem Faktor »Jugend« erklärt werden. Zuletzt, 2024 in Toronto, hat mit Gukesh ein 17-Jähriger gewonnen, Sindarov zählt 20 Jahre. Ist die Wachablösung endgültig vollzogen – und das Trio Carlsen, Caruana & Giri verkörpert die letzten Mohikaner der Generation 30+? Nicht zu vergessen der Schachboom in Usbekistan. Während des Turniers war etwa von Billboards an Autobahnen, auf denen Sindarovs Partien live übertragen wurden, Public Viewings usw. die Rede. In die darauf angestimmten Lobgesänge kann ich jedoch allenfalls verhalten einstimmen; auch wenn der Vergleich hinkt (Ideologie & Doping kontra Nationalstolz): Sport als Staatsräson erinnert mich zu sehr an die DDR.
Das »Unheil«, welches Sindarov mit seiner Dominanz anrichtete, habe ich schon gestreift. Er raubte dem Turnier die Spannung! Gleich fünf(!) der acht Teilnehmer fielen frühzeitig als Mitbewerber um den Platz an der Sonne aus, nur Caruana und Giri (der Intelligenteste seiner Zunft, Empfehlung: Video der Pressekonferenz unten) durften sich phasenweise Hoffnungen machen. Es fehlte das Salz in der Suppe, was Diskussionen über die Qualifikationsmodi aufkommen ließ. Richtig ist: schon der Austausch zweier »Ausfälle« gegen das Aggressionspotenzial von Nodirbek Abdusattorov und Vincent Keymer hätte dem Turnier ein ganz anderes Gesicht verliehen – wie man den Modus aber demokratisch reformieren will, bleibt eine offene Frage. Was auch fehlte, waren Partien, die in der Erinnerung haften bleiben.
Damit, Sindarov zum klaren Favoriten für das Ende dieses Jahres anberaumte Titelmatch gegen Gukesh zu erklären, wie vielerorts proklamiert, gehe ich nicht konform. Zunächst wird es interessant sein, zu verfolgen, ob er seine Leistung bestätigen kann. Funfact: Ende März wurde Gukeshs Verzicht auf die Teilnahme an der Grand Chess Tour 2026 bekannt, der Weltmeister will etwas kürzer treten, um auch abseits der Turnierarenen sein Formtief zu bekämpfen. Seinen Platz nimmt … Sindarov ein! Schon Mitte Mai sehen wir ihn so beim ersten klassischen Event der Serie in Bukarest u. a. gegen Caruana, Keymer, Pragg und Firouzja antreten! (Keymer reist aus Rumänien direkt weiter zur Total Chess World Championship nach Oslo, wo er u. a. auch auf Carlsen trifft.)
Früh schon wurde deutlich, dass das Ziel, so lange wie möglich um den Turniersieg mitzuspielen, zu ambitioniert gesteckt war. Blübaums Gegner taten ihm – anders als beim Grand Swiss und in Wijk aan Zee – nicht den Gefallen, ihn unter Inkaufnahme von Risiken anzugehen und seine dort eindrucksvoll unter Beweis gestellten Konterqualitäten abzurufen. Vielmehr waren sie – als Schwarze – mit relativ inhaltsarmen, schnell verflachenden Stellungen einverstanden, auf denen früh »Remis« draufstand. Zumal gegen ihn niemand gezwungen war, aufgrund der Turniersituation auf Gewinn zu spielen. Kein Königsindisch, kein Ben-Oni, kein Suizid … Vielleicht kam das für Matthias und seinen Betreuerstab überraschend, jedenfalls schien sein stocksolides Repertoire nicht darauf ausgelegt, sich diesen Gegebenheiten anzupassen.
Nach vier ereignisarmen Punkteteilungen im ersten Umlauf rebellierte er in seiner ersten Weißpartie des zweiten Durchgangs gegen Sindarov mit dem zweischneidigen 13. 0-0-0!? – was ins Auge gegangen wäre, hätte der spätere Turniersieger nicht in Gewinnstellung fehlgegriffen. Am Tag dieser 9. Runde saß Ian Nepomniachtchi im Kommentatorenstudio bei Peter Svidler und Jan Gustafsson. Der zweifache Kandidatenturniersieger diskutierte den Sturmlauf Sindarovs und versuchte, Paralellen zu seinem Triumph in Madrid 2022 zu ziehen. Damals hatte ihm Richárd Rapport, in ausgeglichener Lage einer Zugwiederholung aus dem Wege gehend, förmlich einen Punkt hinterhergeworfen. Entfernt Vergleichbares mutmaßte der Russe angesichts der Partie Blübaum-Sindarov und merkte grinsend an, dass Blübaum »wohl zum ersten Mal in seinem Leben lang rochiert habe«. Ob diese respektlose Übertreibung nur seine eigene Meinung oder die der Elite insgesamt zum Ausdruck brachte, wissen wir nicht, aber der Turnierverlauf hatte bis dato gezeigt, dass der Deutsche mit den weißen Steinen nicht imstande war, Druck auszuüben – und dem Versuch, es gegen Sindarov mit der Brechstange zu versuchen, kein Erfolg beschieden war. Mit Schwarz sah er sich dagegen in mehreren Begegnungen erheblichem Druck ausgesetzt, was gegen sein Russisch nach 3. Sxe5 d6 interessanterweise je zweimal mit 4. Sc4!? und 4. Sd3!? eingeleitet wurde (wie überhaupt auffiel, dass Hauptvarianten – das Damengambit ausgenommen – gemieden wurden wie die Pest).
Blübaums Auftritt bis zur vorletzten Runde konnte man unterschiedlich bewerten:
1) 6/13 (»-1«) in einem Weltklassefeld wie diesem sind ein höchst respektables Ergebnis und zeigen, dass der solide Ansatz von Erfolg gekrönt war. Nur eine Partie verloren (Russisch gegen Caruana), was in einem Eloplus resultiert, das ihn aktuell über die Schallmauer von 2700 hievt.
2) Die Teilnahme am Kandidatenturnier könnte der Höhepunkt seiner Karriere gewesen sein. Da will man einen Fußabbdruck hinterlassen! Davon konnte bislang keine Rede sein. Remisen, zumal in der Mehrzahl der Fälle wenig aufregender Natur, bleiben nicht in der Erinnerung haften. Wenigstens eine Partie will – ja muss – man gewinnen! Gegen Caruana, der sich lange seiner Haut erwehren musste, war in Runde 12 zumindest ein gefühlter Ansatz da.
Nun also die 14. und letzte Runde. Sie zeigte uns, dass Matthias ganz klar zu 2) tendierte. Ob der Entschluss dafür von vornherein feststand oder ob er sich in einem Zwiespalt befand (»Ende gut, alles gut« vs. »Fußabdruck«) und es vom Eröffnungsverlauf abhängig machen wollte, wissen wir nicht.
Blübaums Aufbegehren gegen die »Bedeutungslosigkeit« war nicht von Erfolg gekrönt. Statt des ersehnten Nachweises, den Skalp eines Weltklassespielers im Sturm erobern zu können, stand er mit leeren Händen da – und sah sich zudem dem Lästern der Trolle ausgesetzt (Stichwort: lange Rochade).
Ungleich wichtiger jedoch: er hat Charakter bewiesen!
Statt dem Spatz in der Hand wählte er die Taube auf dem Dach. Der Skalp und die 2700 können warten. (rt)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 11735