29. Juni 2026
Paul Buckermann, 40, ist Soziologe. Und nach eigener Einschätzung „ziemlich schlecht im Schach“. Aber er liebt dieses Spiel. So sehr, dass er eines der ungewöhnlichsten Projekte gegründet hat. Den „Bad at Chess Club“ in Bochum gibt es seit einem Jahr – und im Ruhrgebiet ist er nicht nur einzigartig, sondern auch ein echter Geheimtipp. „Viele Leute spielen sehr gerne Schach“, sagt Buckermann im Gespräch mit der DSB-Öffentlichkeitsarbeit, „die meisten aber nur online. Viele würden gerne auch am Brett sitzen, fürchten aber: Ohje, der Gegenüber zockt mich bestimmt ab.“ Die Angst davor lindern können mehrere Faktoren: Die Gewissheit, dass es dem Gegner ebenso geht, Ungezwungenheit in Sachen Spielatmosphäre – und die Location. Wer würde schon vermuten, dass in einer Bar oder einem Park, bei lauter Techno-Musik, mit DJ und bei einem Bierchen oder einem guten Drink, Hochleistungsschach gespielt wird? Richtig: keiner. Sowas geht ja gar nicht. „Wer zu uns kommt“, sagt Buckermann, „will einfach nur zocken.“ Das Motto, tiiiiiief im Weeeeesten, wo die Sonne verstaubt: Chess, Beats, Drinks.
Paul, die einfachste Frage zuerst: Wie bist Du zum Schach gekommen?
Wie andere auch: über die Schach-AG in der Schule. Dort war es mir aber zu ruhig, zu langweilig, andere Dinge spannender. Dann habe ich 20 Jahre nicht gespielt. Schach habe ich während der Pandemie als schönen Online-Zeitvertreib wiederentdeckt – mir ist es also wie so vielen ergangen. Irgendwann kam bei mir und Arpi Grigoryan, das Ganze ist unser gemeinsames Projekt, die Frage auf: Wie bekommen wir dieses schöne Hobby ins reale Leben? Kostenfrei, für jeden zugänglich? Aber wir wollen nicht, dass da alle ruhig rumsitzen und beim Spielen schweigen. Nichts gegen Schach als Wettkampfsport – aber so sehen wir uns nicht. Es muss Kommunikation stattfinden, Schach muss einfach nur Spaß machen. Dazu laute Musik, gute Drinks und auch gerne mal viel Trashtalk– das könnte eine Mischung sein, die auch Leute einfach bei uns reinstolpern lässt.
Das funktioniert gut, wie man hört.
Ja, immer besser. Alles begann in der Zanke am Westring 41 in der Bochumer Kulkturfabrik, sehr oft sind wir auch in der Oval Office Bar unter dem Schauspielhaus. Dahinter stecken Vereine, beim Oval Office sogar eine für queere Kultur. Mittlerweile kamen weitere Locations dazu. In Dortmund machen wir im August etwas, am 11. Juli ein Festival in der Quartiershalle KoFabrik, mit der Bochumer IM Anna Zatonskhi. Dort spielt sie Blind-Simultan und spricht über Frauen im Profischach. Dazu gibt es Kinderschach, Basteln und mehr. Wir organisieren unsere Events immer an Orten, die man für solche, absolut nicht gewinnorientierte Projekte, buchen kann. Dort können Gruppen die Location kostenfrei nutzen, wenn sie sich selbst um den Barbetrieb kümmern. Bei uns kostet es keinen Eintritt, gibt es das billigsten Bier schon für einen Euro – wenn einer sein Getränk mitbringen will, ist das für uns auch okay. Tee und Wasser gibt es bei uns gratis.
Ihr spielt auch an ungewöhnlichen Orten.
Ja. Immer wieder gehen wir auch auf öffentliche Grünflächen, spielen auf Decken – zum Beispiel fand das schon vor dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum statt. Ob Chess-Bar oder Chess-Picnic - das offene Spiel ist der Grundgedanke bei uns. Mittlerweile kommen zwischen 35 und 100 Leute zu uns, im Schnitt sind es 60. Wir stellen immer 25 Bretter auf, die wir zum Vorzugspreis bei Niggemann bekommen haben. Mittlerweile werden wir auch mit öffentlichen Geldern unterstützt, zum Beispiel vom Bochum-Fonds. So werden wir unser Material noch erweitern und können uns mittlerweile sogar mit Theresa Reitz eine eigene Haus-Schachtrainerin leisten. Das läuft dann so ab, dass von 17 bis 19 Uhr ein niedrigschwelliges Training stattfindet, danach wird im „Open Play“ zu elektronischer Musik bis 23 Uhr gezockt.
Auch international seid Ihr mittlerweile vernetzt.
Wir haben ja ein buntes, internationales Publikum. Kommuniziert wird auf Englisch. Bochum ist Universitätsstadt, viele Studierende kommen zu uns, viele Zugezogene – Menschen, die auf der Suche nach Kontakten sind. Wir bieten die perfekte Möglichkeit, andere Leute kennenzulernen. Und ja, es gibt weltweit ähnliche Projekte, die mit uns vernetzt sind, zum Beispiel in London, Bristol, Los Angeles, Paris, Tokio. Die Leute besuchen sich auch gegenseitig.
Und es heißt, es kommen immer mehr Vereinsspieler. Und das, obwohl manche Eurer Event-Mottos auf, nun ja, seriöse Spieler abschreckend wirken könnten. Wie „Beat and Blunders“ oder „In a toxic Relationship with Chess.“
Ja, aber auch Vereinsspieler wollen mal was Neues erleben. Und manche bleiben hängen. Wir sind ja im Prinzip nur ein Zusatzangebot für solche Spieler. Da schwänzen manche sogar ihren Vereins-Spielabend, weil sie es mal ungezwungener, lauter haben wollen. (lacht) Ich denke, unser Projekt ist vielleicht sogar für manchen, der noch nie im Schachclub gespielt hat, ein Sprungbrett in einen Verein. Wenn er merkt, er ist gar nicht so schlecht im Schach, dann packt ihn vielleicht der Ehrgeiz. Aber für die meisten gilt: Spielen, spielen, spielen – und das alles nicht so ernst nehmen.
Die genauen Veranstaltungsorte und -termine findet Ihr auf dem Instagram-Account @bad_at_chess_club. Zum Bar-Chess und Chess-Picnic kommen auch offene Trainingsangebote, Quiz- und Rätselwettbewerbe zum Thema Schach. Alles offen, kostenlos – ein echtes Community-Format. Gefördert vom Bochum-Fonds – eine der Kernaktivitäten der Bochum-Strategie, die die Stadtentwicklung bis 2030 fördern will und seit 2021 von Bochum-Marketing im Auftrag der Stadt durchgeführt wird. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37069