Traumhaftes Cannes bringt mir erste Frauen-Großmeisternorm

24.02.2012 17:45
Der spätere Turniersieger Jewgenij Romanow und Hanna Marie Klek
Der spätere Turniersieger Jewgenij Romanow und Hanna Marie Klek

Von Hanna Marie Klek, Vizeweltmeisterin U16

Traumhaft - anders lassen sich die Bedingungen beim Open „Pierre et Vacances“ (13. - 22. Februar) im südfranzösischen Cannes nicht beschreiben. Gespielt wurde in einem Saal des riesigen „Palais des Festival“ mit wunderschönem Ausblick auf die Bucht von Cannes. In dem weitläufigen Turniersaal hatten neben den 256 Schachspielern im A-, B- und C-Turnier auch noch ein Dame-Turnier ausreichend Platz. Im Rahmen des 26. Festival des Jeux fanden ein Stockwerk tiefer außerdem Turniere in Bridge, Backgammon, Shogi, Scrabble, Go, ... statt.

Traumhaft, wie soll man es von Cannes auch anders erwarten, war natürlich auch das Wetter. Während man sich in Deutschland mancherorts noch überlegte, ob man sich auch mit Handschuhen, Schal und Mütze ausgestattet überhaupt vor die Tür trauen kann, stellte sich an der Côte d’Azur bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um 15° eher die Frage, ob man überhaupt noch eine Jacke anziehen sollte.

Vielleicht nicht traumhaft, aber auf jeden Fall hervorragend war die Besetzung des A-Opens (Elo >2100). Angeführt von der französischen Nr. 1 Etienne Bacrot (2704) fanden sich unter den 61 Teilnehmern allein 23 mit einer Elo über 2400, fünf davon sogar über 2600. Nur die Anzahl der Titelträger war im Vergleich zum exzellenten Elo-Durchschnitt relativ gering: Der FM-Titel scheint unter Franzosen unbeliebt zu sein. Wie erwartet und auch gewünscht fanden sich Filiz Osmanodja (2124) und ich, Hanna Marie Klek (2185), im unteren Viertel der Setzliste wieder.

Dies hinderte mich jedoch nicht daran, einen traumhaften Start hinzulegen: Drei Remisen und ein Sieg gegen allesamt Gegner über 2400, eine Performance von 2529, es lief einfach. Zur Belohnung durfte ich in Runde 5 gegen Jewgenij Romanow (2628) antreten, Nr.4 der Setzliste. Nicht ganz überraschend musste ich jedoch mit Schwarz meine erste Niederlage hinnehmen. Im Anschluss daran war bei mir etwas die Luft raus und einem Remis gegen meinen, für die Norm so wichtigen, 5. Titelträger (es sollte kein weiterer folgen) folgte meine zweite Niederlage gegen Sebastien Midoux (2315). Mit einem Sieg über meinen einzigen schwächeren Gegner (Akexandre Roubaud/2072) fand ich in der vorletzten Runde zurück in die Spur und konnte mich außerdem für die Schlussrunde über Doppel-Weiß freuen. Die WIM-Norm schon in der Tasche, lehnte ich ein frühes Remisangebot meines französischen Kontrahenten Manuel Valles (2282) ab. Dankenswerter Weise schnappte dieser sich bald darauf einen vergifteten Bauern, sodass ich in ein gewonnenes Turmendspiel abwickeln konnte. Mit diesem Sieg kam ich auf 5/9 (Platz 21) und eine Performance von 2402. Damit sicherte ich mir sogar meine erste WGM-Norm, die bei 2401 liegt. Zusätzlich gewann ich dank der deutlich besseren Wertung auch noch den Frauenpreis.

Auch für Filiz lief es mit zwei Remisen zu Beginn - unter anderem gegen die viermalige französische Meisterin Sophie Milliet (2404) - ausgezeichnet. In Runde 3 und 4 jedoch konnte sie zwar zunächst ihre stärker eingeschätzten Gegner Sebastien Abello (2324/Frankreich) und Fabrizio Molina (2311/Italien) überspielen, verpasste dann aber jeweils in Zeitnot klare Gewinnmöglichkeiten. Ein souveräner Sieg in der 5. Runde brachte leider nicht die erhoffte Initialzündung, ungenaue Züge verdarben in Runde 6 eine gute Stellung. Auch in Runde 7 war sie lange am Drücker, ehe sie ausgekontert wurde. Ein hübscher Damenfang in der vorletzten Runde gegen den Schweden Felix Nordstrom (2185) lies auf einen versöhnlichen Turnierabschluss hoffen, doch mit dem abschließenden Remis war Filiz nicht ganz zufrieden. Mit 3,5/9 (Platz 50) erzielte sie aufgrund der sehr starken Gegnerschaft trotzdem ein leichtes Elo-Plus, mit etwas mehr Glück und vor allem der nötigen Bedenkzeit wäre auf jeden Fall mehr drin gewesen.

Im Kampf um den Turniersieg sorgte vor allem der junge Italiener IM Axel Rombaldoni (2441) für Furore. Von Anfang an vorne dabei, erzielte er 6,5/9, holte sich mit einer Performance von 2651 locker eine GM-Norm und belegte am Ende Rang 3.

Der Turnierfavorit Etienne Bacrot verlor krankheitsbedingt in Runde 5 kampflos, kämpfte sich allerdings zur letzten Runde zurück an Brett 1. Ein Kurzremis und ebenfalls 6,5 Punkte reichten trotz der höchsten Wertung nur zu Platz 2. Denn Jewgenij Romanow, der nach seinem Sieg gegen mich nur noch ein Remis abgab, gewann auch in der letzten Runde mit Schwarz gegen Sebastien Feller und sicherte sich mit 7/9 den alleinigen Turniersieg.

Blick aus dem Turniersaal
Blick aus dem Turniersaal
Turnierwerbung
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