17. August 2026
Viele der Reaktionen auf Teil 1 meines Artikels "Von Tilburg 1985 nach Bukarest 2026: Metamorphose oder McDonaldisierung?" ähnelten sich: Dem bruchstückhaften Verständnis nach kurzem Anlesen folgte das von einem schmunzelnden »Ja, der Tischbierek ...« begleitete Abhaken.
Normalerweise ist das nicht das, was sich ein Autor wünscht, aber im konkreten Fall glich es einer (Achtung! Ironie!) Offenbarung: Mein Bemühen um eine differenzierte Darstellung und Tiefe korrespondierte auf bemerkenswert stimmige Weise mit der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne des digitalen Zeitalters. Mein Text wurde verstanden und dessen Aussage untermauert – ohne ihn wirklich zu lesen. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten: Hat man sich erstmal einen Ruf erarbeitet, reichen künftig eine knackige Überschrift, eine kurze Einleitung sowie die namentliche Zeichnung, den Rest »denkt« sich der Konsument.
Darf ich das Erfolg verbuchen? Oder muss ich ernüchtert registrieren, dass ich den Zeitgeist gänzlich unbewusst aufs Trefflichste verinnerlicht habe?
Je tiefer ich in die Materie eindrang, desto klarer wurde mir, dass das verbleibende Material nicht abschließend in einen zweiten Teil zu pressen ist, ohne wesentliche Aspekte zu opfern. Die Entwicklung des Schachs ist zu facettenreich, um sie solchen umfänglichen Restriktionen zu unterwerfen. Ich habe mich daher entschieden, aus diesem Text eine Trilogie zu machen.
Der für damalige Verhältnisse üppige Preisfonds betrug in Tilburg 1985 86.500 Gulden, was einer Kaufkraft von 39.000 Euro entsprach. Die geteilten Sieger – Miles, Hübner und Korchnoi – erhielten jeweils 16.000 Gulden.
Gleichermaßen üppig war Bukarest 2026 mit 475.000 US-Dollar dotiert, ca. 435.000 Euro. Keymer wurde für seinen Turniersieg mit 131.250 Dollar (120.000 Euro) fürstlich entlohnt. Hinzu kamen 13 Punkte für die Gesamtwertung der Tour; mit ihnen besitzt er vorzügliche Chancen, sich für das Final Four Ende August in St. Louis zu qualifizieren, wo noch einmal 450.000 Dollar ausgeschüttet werden.
Wer legt solche Summen fest? Im Schach stellt wie in vielen anderen Sportarten in erster Linie der Veranstalter den Preisfonds bereit – finanziert durch Sponsoren. Tilburg wurde vom niederländischen Versicherungskonzern Interpolis getragen, ein früher Vorläufer dessen, was Superbet (Sacha Dragic) und der Saint Louis Chess Club (Rex Sinquefield) heute für die Grand Chess Tour sind. Verbände wie die FIDE schreiben bei offiziellen Wettbewerben – was weder das eine noch das andere war bzw. ist – zwar Mindeststandards vor und kassieren einen festen Anteil vom Preisfonds, über die konkrete Höhe entscheiden aber Attraktivität und Vermarktbarkeit eines Events: Standort, Feld, Format, Reichweite.
Was auf den ersten Blick wie eine Preisgeldexplosion aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine überschaubare Kurve. 41 Jahre sind vergangen, in denen sich die Kaufkraft erheblich verändert hat. Setzt man eine durchschnittliche Inflation von etwas über zwei Prozent pro Jahr an, entsprechen die 39.000 Euro von 1985 heute rund 90.000 Euro.
Hinzu kommt die damals gängige Praxis der Startgelder. So wird von 100.000 Gulden berichtet, die Kasparov für seine Teilnahme am Hoogovens-Turnier 1999 in Wijk aan Zee erhielt – das Fünffache des ersten Preises von 20.000 Gulden. Kasparov hatte nie zuvor in Wijk gespielt, als Nabel der Schachwelt galt Linares. Die Investition der Veranstalter lohnte sich: er dominierte das Turnier und spielte seine »Jahrhundertpartie« gegen Topalov.
Ein solches Modell fand auch jenseits von Kasparovs Dimensionen Anklang, vor allem bei den führenden sowjetischen Spielern der Nachkriegsgenerationen. Sie wurden zu Hause mit einem staatlichen Gehalt und in der Spitze auch mit Extras wie Datscha oder Auto entlohnt, was ihnen einen vergleichsweise hohen Lebensstandard sicherte. Doch Devisen standen so hoch im Kurs, dass um die Westreisen bzw. -turniere häufig erbittert gekämpft und intrigiert wurde. Korchnoi und Sosonko haben davon in ihren Büchern berichtet.
Wijk hat die »Antrittsgeld-Strategie« im Gegensatz zu vielen anderen Topturnieren bis heute beibehalten. Offizielle Angaben über die so geflossenen Gelder existieren nicht; sie wurden und werden privat zwischen den Organisatoren und den Teilnehmern verhandelt und unterlagen und unterliegen in aller Regel der Geheimhaltung.
Auch in Tilburg 1985 wurden Antrittsprämien gezahlt, über deren Höhe sich nur spekulieren lässt. Von den drei noch lebenden Spielern – Ljubojevic, Dzindzichashvili und Romanishin – konnte ich letzteren, mit dem ich einst zusammen in Kreuzberg spielte, per Mail erreichen. Er erinnert sich zwar an ein Handgeld, nicht aber an die konkrete Summe, zumal diese nicht von ihm, sondern von sowjetischen Funktionären ausgehandelt wurde.
Teuer wären zu diesem Zeitpunkt vor allem Karpov und Kasparov geworden, die die Weltrangliste vom Juli 1985 – sie erschien damals halbjährlich – mit 2720 bzw. 2700 Elo anführten. Aber die kämpften parallel zu Tilburg in Moskau um den WM-Titel.
Die anderen Teilnehmer lagen, beginnend mit Timman (2640) bis hin zu Miles (2560), zwischen Rang 3 und 30 der Weltrangliste. Das höchste Startgeld könnte Korchnoi (2630, Platz 5 der Welt) kassiert haben, der zwar über seinen Zenit hinaus war, den beiden WM-Matches gegen Karpov und seinem politischen Hintergrund jedoch einen großen Marktwert verdankte. Andererseits galt er nicht als gierig.
Geht man vorsichtig davon aus, dass auf die acht Teilnehmer verteilt noch einmal halb so viel Antritts- wie Preisgeld floss – also 43.250 Gulden, umgerechnet auf heute 45.000 Euro –, ergeben sich zusammen mit den 90.000 Euro Preisgeld kaufkraftbereinigt insgesamt 135.000 Euro.
In 41 Jahren hat sich der Preisfonds also etwas mehr als verdreifacht. Verglichen mit anderen Sportarten ist das eine bemerkenswert flache Kurve.
Beim Tennis in Wimbledon stieg die Vergütung von knapp £2 Mio. auf £64,2 Mio. – Faktor 33 –, beim Golf, dem Masters in Augusta, von 1,26 auf 22,5 Mio. Dollar – Faktor 18. Die Snooker-WM liegt mit einem Anstieg von £0,25 auf £2,4 Mio. – Faktor 10 – immer noch deutlich vor dem Schach (mir ist bewusst, dass hier historische Beträge und aktuelle Summen nicht durchgängig inflationsbereinigt sind; die Zahlen verstehen sich als Skizze, die vor allem Größenordnungen und Tendenzen sichtbar machen soll).
Ein ähnliches Bild bietet sich in Nischen: Das Fechten genießt, wenn man von den Olympischen Spielen alle vier Jahre absieht, kaum Fernsehpräsenz und erfreut sich ebenso wenig nennenswerter Ticketeinnahmen. Lange Zeit gab es überhaupt keine Preisgelder, aber seit 2025 schüttet die FIE, der Fecht-Weltverband, bei Weltmeisterschaften eine gute Million US-Dollar für Medaillengewinner aus.
Auf Sportarten wie Basketball, Baseball oder Fußball habe ich bewusst verzichtet, hier sind die Dimensionen noch ganz anderer Natur.
Durch die schleppende Entwicklung der Preisgelder können deutlich weniger Schachspieler allein vom Turnierschach leben als etwa im Tennis oder Golf. In Wimbledon 2026 bekamen die Akteure, die in der ersten Runde ausschieden, umgerechnet rund 95.000 Euro – allein für das Erreichen des Hauptfeldes (Sieger: 4,2 Mio. Euro). Beim Masters 2026 in Augusta erhielten die 37 Spieler, die den Cut verpassten, die also nicht den Einzug in die beiden Finalrunden schafften, immerhin noch jeweils rund 23.000 Euro (Sieger: 4,1 Mio. Euro). Der »Klub der Millionäre« reicht hier bis zu dreistelligen Weltranglistenplätzen. Im Schach kann außerhalb der absoluten Elite – jenseits der ersten dreißig, vierzig der Welt – nur ein sehr kleiner Kreis allein von seinen Einnahmen als Spieler eine Familie ernähren. Die meisten sind auf zusätzliche Einkünfte durch Trainertätigkeit, Streams, Kommentieren oder andere schachspezifische Jobs angewiesen.
Mit der fehlenden Fernsehpräsenz ist ein wesentlicher Punkt benannt. Das Schach müht sich sichtlich; wenn das norwegische Fernsehen bei Top-Events auftaucht, wird ihm zwar ein roter Teppich ausgerollt – doch das ist einzig der Marke »Carlsen« zu verdanken und nicht dem Schach selbst. Die Szene ist zerklüftet und marketingtechnisch nicht vernetzt; das Gros der Turniere wird von lokalen Sponsoren getragen. Selbst Eingeweihten fällt es zunehmend schwerer, die verschiedenen Formate und Serien und die dort angewandten Bedenkzeitregelungen auseinanderzuhalten.
Die FIDE organisiert lediglich den WM-Zyklus, der für die Bewahrer der Schachkultur immer noch das Premiumprodukt ist, das jedoch mit dem Ausscheren Carlsens an Wertigkeit verloren hat. Es fehlt an konsequenter Markenbildung, an einem klar identifizierbaren Produkt für Zuschauer und Sponsoren. Auch bei den Übertragungsformaten als idealem TV-Ersatz ist noch Luft nach oben; selbst beim Marktführer Chess.com gibt es seit geraumer Zeit keine spürbare Entwicklung mehr.
Die Kommerzialisierung des Schachs – und damit auch seine »McDonaldisierung« – steckt noch in den Kinderschuhen. Die ökonomische Entwicklung fällt gegenüber der kulturellen deutlich ab. Schach wird medial künstlich aufgepumpt; uns wird ständig von einem Boom erzählt, aber die Marketingprofis tummeln sich auf anderen Spielwiesen. Dem Schach fehlen bislang die Strukturen, die anderenorts professionelles Marketing anziehen.
Dass ganz oben genügend Fleisch am Knochen ist, bewies Firouzja just mit seinem Ausstieg aus der Grand Chess Tour. Er verzichtete sowohl auf die Teilnahme beim Rapid & Blitz als auch auf den anschließend im klassischen Format ausgetragenen Sinquefield Cup in St. Louis und bevorzugte den parallel stattfindenden Esport-Welt Cup in Paris mit der für Dramen sorgenden Bedenkzeit von 10+0. Der Preisfonds von 1,55 Mio. Dollar bietet bei 250.000 Dollar für den Sieger ein besseres »Preis-Leistungsverhältnis« als St. Louis – gemessen an Preisgeld und dafür aufgewendeter Zeit. Ein Ausdruck dafür, dass Turnierplanung zunehmend als Optimierung der Einnahmen verstanden wird – ein Schritt, der den Übergang vom klassischen Wettkampf zum strategisch gesteuerten Schachbetrieb illustriert.
Dabei sollte man nicht der Versuchung erliegen, die älteren Generationen als Idealisten und die heutige als reine Einnahmeoptimierer zu zeichnen. Hätten Korchnoi & Co. 1985 ein höher dotiertes Parallelangebot gehabt, hätten sie Tilburg möglicherweise den Rücken gekehrt. Der Unterschied liegt hier nicht in den Charakteren der Akteure, sondern in der Struktur des Systems. Heute erlaubt die Vielzahl hochdotierter Events eine stärkere strategische Steuerung der Turnierplanung und macht die Spannung zwischen sportlichem Wettkampf und ökonomischer Kalkulation sichtbarer.
Im klassischen Turnierschach der 1980er Jahre war der Rauch nicht Folklore, sondern Infrastruktur. Er gehörte zur Organisation der Konzentration: Wer dachte, rauchte; wer rauchte, dachte weiter. Dass man am Brett beherzt und ausdauernd zur Zigarette griff – volle Aschenbecher waren kein seltenes Bild –, sagt weniger über Rücksichtslosigkeit als über die Vorstellung von geistiger Arbeit aus. Ein Schachspieler war ein Denker, kein Sportler. Aus heutiger Sicht wirkt diese Selbstverständlichkeit fast brutal: Ein Spiel, das höchste Präzision verlangt, wurde in einer Umgebung gespielt, die die eigene Gesundheit und die anderer systematisch verschliss.
Die Langsamkeit passte zu dieser Haltung. Die Bedenkzeit war großzügig bemessen, und wenn sie nicht ausreichte, erfand man keine schnelleren Formate – es gab die Hängepartien. Komplexität braucht Zeit, also bekommt sie Zeit. Der verschlossene Umschlag mit dem Abgabezug war kein romantisches Ritual, sondern die administrative Verlängerung eines Denkprozesses.
Hängepartien waren kein mediales Problem. Wurde eine Partie vertagt, warteten die wenigen Zeitungen, die dem Schach Platz einräumten, eben auf deren Fortsetzung – und die Leser warteten mit.
Die Medien richteten sich nach dem Schach, nicht – wie heute – das Schach nach den Medien. Die Logik des Spiels bestimmte den Takt der Berichterstattung; heute bestimmt die Logik der Berichterstattung den Takt des Spiels.
In Tilburg gab es 1985 bei 14 Runden einen spielfreien und fünf Hängepartietage, macht zusammen eine Dauer von 20 Tagen. Bukarest kam 2026 bei neun Runden und einem Ruhetag mit der Hälfte der Zeit aus. Am deutlichsten wird damit – Stichwort »McDonaldisierung« – die gestiegene Effizienz. Berechenbar war Tilburg dank der Hängepartietage bis zu einem gewissen Grad ebenfalls, allerdings ließ sich das Ende der einzelnen Partien nur bedingt vorhersagen.
Auch die Atmosphäre im Spielsaal veränderte sich spürbar. Bei der Olympiade 1990 in Novi Sad war Rauchen am Brett bzw. im Spielsaal das erste Mal bei einer FIDE-Veranstaltung strikt verboten. Damit folgte das Schach – gegen alle Widerstände, Zigaretten waren für viele ein »Arbeitsinstrument« – einer gesellschaftlichen Trendwende, die in den USA in den 1980er-Jahren und damit früher als in den meisten Ländern Europas Gestalt annahm. Es wurden separate Raucherbereiche eingerichtet – schwere Zeiten für Raucher, die ihre Bedenkzeiteinteilung den neuen Gegebenheiten anpassen oder ihrer Sucht abschwören mussten.
Noch 2004 fand das WM-Match Kramnik-Lékó im schweizerischen Brissago im Centro Dannemann statt, einer historischen Produktionsstätte für edle Rauchwaren. Zigarrenkistchen fanden sich im Begrüßungspaket für Journalisten, wie ich kürzlich beim Ausmisten feststellte; heute kaum noch vorstellbar. Schach war längst rauchfrei und verabschiedete sich von dieser Kulisse, dem letzten Echo einer Kultur, die gerade abgedankt hatte.
In den 1990er Jahren wurde auch mit der Vorstellung aufgeräumt, die menschliche Dominanz im Schach sei unangreifbar. Mit dem Aufstieg der Engines verschob sich das Bild; aus dem anfänglichen Hilfsmittel wurde schrittweise die letzte Instanz, die festlegt, was »objektiv richtig« ist.
1985 waren Computer zwar schon existent, spielten im Schach aber noch keine Rolle. Gespielt wurde mit einer anfänglichen Bedenkzeit von 2½ h für 40 Züge, nach fünf Stunden wurden die Partien abgebrochen. Wer eine Hängepartie hatte, brauchte ein Brett, einen freien Kopf, eine gute Physis – analysiert wurde nachts – und, falls vorhanden, einen hilfreichen Sekundanten sowie passende Literatur, meist Endspielbücher. Bei WM-Matches oder anderen hochrangigen Wettbewerben hatten Spieler häufig Analyseteams, die des Nachts für sie arbeiteten und ihre Erkenntnisse dann dem »Chef« übermittelten. Die Option, eine Maschine in Sekunden mehr Varianten prüfen und bewerten zu lassen als ein Mensch in einer Nacht, stand schlicht nicht zur Verfügung.
Berühmte Hängepartien der Schachgeschichte waren beispielsweise:
1) Botwinnik-Bronstein. Die 23. Partie des WM-Matches in Moskau 1951, die trotz eines Mehrbauern in für Bronstein schwieriger Stellung vertagt wurde. Botwinnik gewann, glich damit den Matchstand aus, blieb Weltmeister und löste in einer Zeit, in der politische Einflussnahme an der Tagesordnung war, lang anhaltende Diskussionen aus, die sich um die Frage »Musste Bronstein verlieren?« rankten.
2) Botwinnik-Fischer, Schacholympiade Warna 1962. Der 19-jährige Fischer brachte den 51-jährigen Immer-noch-Weltmeister an den Rande einer Niederlage, griff jedoch kurz vor Abbruch fehl und Botwinniks Teamkollege Geller fand in der Analyse die rettende Remisidee.
Die Atmosphäre war wegen des Petrosian-Geller-Keres-Remispakts beim vorgeschalteten Kandidatenturnier in Curaçao 1962 vergiftet. Fischer hatte seinen Artikel »The Russians Have Fixed World Chess« veröffentlicht und verschwand nach Warna für geraume Zeit von der internationalen Bühne.
3) Spasski-Fischer. Die 13. WM-Partie in Reykjavik 1972, für viele der Höhepunkt des Matches. Nach einer längeren Schwächephase hatte Spasski in der 11. Partie Fischers Najdorf vernichtet und schöpfte beim Stand von 4½-6½ noch einmal Hoffnung. Die 12. Partie endete Remis und man erwartete seinen nächsten Ansturm mit den weißen Steinen. Fischer überraschte ihn mit der Aljechin-Verteidigung und die Partie wurde nach dem 42. Zug in komplexer Lage vertagt. Der Amerikaner nahm es allein mit der sowjetischen Analyse-Armada auf und beide agierten in der Fortsetzung der Partie lange auf höchstem Niveau. Schließlich hatte Fischer den längeren Atem, baute seinen Vorsprung wieder auf drei Punkte aus und beendete die jahrzehntelange sowjetische Hegemonie.
Die FIDE-WM 1996 mit dem finalen Match zwischen Karpov und Kamsky war die letzte offizielle Veranstaltung, bei der es noch Hängepartien gab. Danach wurde die Bedenkzeit verkürzt, mit digitalen Uhren gespielt und Zugboni eingeführt. Keine Partie dauerte fortan mehr länger als einen Tag.
Damit beugte sich der Weltschachbund nicht medialem Druck, sondern folgte der technologischen Entwicklung. Der in den frühen 1990er Jahren zur Attraktion aufgestiegene Computer – Mensch gegen Maschine – wandelte sich zunehmend vom Berater zum Richter – und Henker. Der symbolische Bruch kam 1996: Kasparov verlor zum ersten Mal eine Partie gegen Deep Blue, den Supercomputer von IBM. Einmal noch schlug der Mensch zurück: Kasparov gewann das Match mit 4-2. 1997 dann der K.o.: 3½-2½ für Deep Blue, nachdem Kasparov in der entscheidenden sechsten Partie ein tödliches Figurenopfer zugelassen hatte, weil er nicht glaubte, dass eine Maschine dynamisch spielen kann, und in 19 Zügen bzw. einer Stunde vom Brett gefegt wurde.
Knapp 30 Jahre später haben die Engines das Schach revolutioniert. Die besten Maschinen spielen heute auf einem Niveau von Elo 3600 und mehr, Carlsen führt die Menschheit seit 15 Jahren mit Zahlen zwischen 2800 und 2900 an. Einige Zeit lang existierte noch so etwas wie eine »Anti-Computerstrategie«, man begeisterte sich daran, Schwächen ausfindig zu machen; alles Geschichte. Als wir im Frühjahr 2026 im Kreise meines Dresdner Bundesligateams zusammen beim Abendessen saßen, wurde zur allgemeinen Erbauung auf dem Handy gegen eine Engine geblitzt. Fünf Minuten für beide Seiten, die Engine gab einen Turm vor. Und gewann die meisten Partien.
Die Partievorbereitung ohne Computer ist im Spitzenschach nicht mehr denkbar. Heute geht es immer mehr darum, »spielbare Stellungen« mit einem Wissensvorsprung dank vorangegangener Engineabfrage zu bekommen. Lange Computervarianten werden immer seltener diskutiert, häufig führen sie nach dem Abgleich von Wissen zu Remisstellungen. So etwas wie in der 8. Partie des WM-Matches Kramnik-Lékó, um noch einmal auf Brissago 2004 zurückzukommen, werden wir kaum mehr erleben. Kramniks Vorbereitung in einer messerscharfen Marshall-Variante hatte jenseits des 20. Zuges ein Loch, und er wurde mattgesetzt - was einige Verstimmung in der Arbeit mit seinem Team um den Sekundanten Svidler ausgelöst haben soll.
Entfernt vergleichbar war Nakamuras schmerzhafte Niederlage in Runde 5 des Kandidatenturniers 2026 mit den weißen Steinen gegen den späteren Sieger Sindarov. Nach schlechtem Start war er zum Siegen verdammt, wählte ein scharfes Abspiel und wurde durch eine Wissenslücke ausgebremst – wofür er in einem ersten Reflex nach der Partie seine Sekundanten verantwortlich machte. 22 Jahre nach Kramnik-Lékó ist diesmal alles haarklein dokumentiert. Hier wie da bietet es breiten Interpretationsspielraum und erinnert daran, dass der Mensch trotz aller Technik am Brett mal eher, mal später auf sich allein gestellt ist.
Solche Fälle sind im Zeitalter allgegenwärtiger Enginevorbereitung eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Heute entsteht Eröffnungstheorie im Dialog mit immer stärkeren Programmen, und diese Praxis macht auch vor den Endspielen nicht halt – sie werden vermessen. Die Abschaffung der Hängepartien war nicht nur eine technische Anpassung, sondern auch eine kulturelle.
Doch wie ist diese Entwicklung einzuordnen? Handelt es sich, um auf meine eingangs von Teil 1 gestellte Frage zurückzukommen, um eine »Metamorphose« – eine tiefgreifende Verwandlung des Schachs in etwas grundlegend Neues? Oder um eine »McDonaldisierung« – die Rationalisierung und Standardisierung nach dem Vorbild der Fast-Food-Industrie?
Planbare Protagonisten (→ Teil 1), schnellere Partien, Engine-kontrollierte Eröffnungstheorie und Endspiele, vorhersehbare Abläufe – all das spricht für »McDonaldisierung«.
Ebenso kann man jedoch im Sinne einer radikalen Veränderung = »Metamorphose« argumentieren. Aus dieser Perspektive wäre das Schach ein anderes Spiel geworden. Menschliche Intuition wurde durch maschinelle Präzision ersetzt, kulturelle Praktiken wie Hängepartien durch technische Verfahren.
Nicht unter den Tisch fallen sollen dabei die Finanzen aus Abschnitt 1. Wird der vergleichsweise schleppenden Entwicklung der Preisgelder mit einer weiteren Kommerzialisierung zu Lasten kultureller Facetten zu Leibe gerückt, nimmt der »McDonaldisierungs-Sog« weiter Fahrt auf. Etwa mit einer immer weiteren Verkürzung der Bedenkzeit, oder – malen wir den Teufel an die Wand – mit der Abschaffung der störenden Remisen.
Oder setzt wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch eine Gegenbewegung ein? Am anschaulichsten mit der Slow-Food-Bewegung als direkte Reaktion auf die Eröffnung eines McDonald’s an der Spanischen Treppe in Rom 1986. Weitere Beispiele für Widerstand liefern unter anderem die Kunst, die Bildung und der Tourismus.
Ich bin weder Soziologe noch Kulturhistoriker. Die Antwort vermag ich nicht zu geben. Vielleicht gewinne ich ein klareres Bild, wenn ich mich in Teil 3 abschließend mit der Entwicklung der Bedenkzeit beschäftigt habe.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 37111