22. Juli 2026
In unserer schnelllebigen Zeit ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass sich Alireza Firouzja bei der Bukarester Etappe der Grand Chess Tour im Mai den Knöchel verletzte, was einen Gehstiefel erforderte. Er spielte noch zwei Partien vom Bett eines Hotelzimmers aus, trat dann aber vom Turnier zurück.
Das rief in den Schachmedien nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen, entfernt vergleichbaren Fotos Erinnerungen an Tilburg 1985 wach. Tony Miles bestritt damals wegen Rückenproblemen den Großteil seiner Begegnungen auf einer Massagebank liegend und wurde trotz dieses Handicaps geteilter Turniersieger.
Beide Turniere waren mit Weltklasse besetzt und hinsichtlich ihrer sportlichen Wertigkeit durchaus vergleichbar. Das hat mich dazu angeregt, anhand dieser beiden Turniere die Entwicklung des Schachs in den letzten 41 Jahren nachzuzeichnen. Dabei geht es mir nicht darum, die Vergangenheit zu romantisieren. Vielmehr versuche ich, die tiefgreifenden Veränderungen des Spitzenschachs differenziert zu betrachten.
Mir ist bewusst, dass ich viele Punkte trotz der Aufteilung in zwei Teile nur streifen kann. Aber da die sich daraus ergebenden Fragen in den Medien so gut wie gar nicht und selbst in der Schachszene meiner Wahrnehmung nach zumindest auf höchster Ebene nur sporadisch diskutiert werden, ließ ich mich von der Komplexität der Aufgabe nicht abschrecken.
An viele Veränderungen haben wir uns längst in einem Maße gewöhnt, dass uns das Vergangene oft fast unkenntlich erscheint. Der Wandel des Schachs spiegelt in vielem den unseres Daseins und unserer Gesellschaft wider. Umso reizvoller ist es, sich diese Veränderung am Beispiel des Schachs bewusst zu vergegenwärtigen. Ein Aspekt, der bereits in der Überschrift anklingt und der sich am plastischsten an der Anpassung der Bedenkzeit festmachen lässt, berührt dabei auch philosophische Fragen: Können oder sollten wir von einer „Metamorphose“ oder von einer „McDonaldisierung“ des Schachs sprechen?
1) Unter „Metamorphose“ – Umgestaltung – soll hier nicht nur ein Wandel verstanden werden, sondern ein tiefgreifender Strukturwechsel, in dem ein System seine alte Gestalt abstreift und in neuer, qualitativ anderer Form auflebt. Aus der Biologie kennen wir das Beispiel der Raupe, die sich zum Schmetterling wandelt. So wie aus der vergleichsweise unscheinbaren Vorstufe ein neues Wesen hervorgeht, so hat sich auch das Schach zwischen 1985 und 2026 verwandelt. „Modernisierung“ greift dafür zu kurz; treffender ist die Vorstellung einer neuen kulturellen Gestalt – digital, global und medial allgegenwärtig.
2) „McDonaldisierung“ meint nach dem amerikanischen Soziologen George Ritzer die Übertragung der Organisationsprinzipien von Fast-Food-Ketten auf immer mehr Lebensbereiche. Sie wird durch vier Grundprinzipien charakterisiert: Effizienz, Kalkulierbarkeit, Standardisierung und Kontrolle.
Das Spitzenschach ist zu einem massentauglichen Produkt geworden. Was einst von der Brillanz individueller Prägung lebte, wird heute in schnell konsumierbare Formate gepresst. Dramatisierung schlägt Substanz, Reichweite ersetzt Tiefe. Der Preis dieser Entwicklung ist die Verflachung: Aus dem Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft wird ein normiertes Unterhaltungsformat. Früher galten Schachspieler als Denker, häufig auch als Sonderlinge; heute immer öfter als Protagonisten eines Betriebs, der Sichtbarkeit und Verwertbarkeit über alles stellt.
Argumente, die häufig auch ineinander greifen, finden sich für beide Lesarten.
Die Metamorphose des Schachs zeigt sich unter anderem darin, dass es nicht mehr nur als sportlicher Wettstreit, sondern zunehmend als kulturelles und pädagogisches Instrument verstanden wird. In Schulen, Online-Kursen und Communities dient es der Förderung strategischen Denkens, der Entscheidungsfindung, logischer Analyse und kritischer Urteilskraft.
Schach hat seine Bühnen vervielfacht: Was 1985 primär auf Brettern in Turniersälen, Klubräumen und Trainingszentren stattfand, existiert heute parallel auf Online-Plattformen, auf Live-Streams und sozialen Medien. Darin liegt einerseits ein Zeichen der Öffnung und kulturellen Erweiterung, andererseits aber auch ein Moment der McDonaldisierung, weil Teilhabe und Wahrnehmung zunehmend über standardisierte, technisch vermittelte und auf Aufmerksamkeit getrimmte Formate organisiert werden.
Engines, Datenbanken und digitale Trainingsmethoden haben den Zugang zu schachlichem Know-how radikal demokratisiert. Schach hat sich von einer elitären Disziplin zu einer globalen, vielfältigen Popkultur entwickelt. Während sich die Weltelite 1985 noch aus einer relativ geschlossenen Gruppe vorwiegend sowjetischer, aber auch einiger ost- und westeuropäischer sowie US-amerikanischer Spieler rekrutierte, ist sie heute deutlich internationaler und kulturell pluraler aufgestellt. Die Landkarte des Spitzenschachs hat sich grundlegend verändert: Indien, China und Usbekistan zählen heute zu den prägenden Schachnationen.
Ein positiver Effekt des erleichterten Zugangs zu Schachwissen ist auch, dass die früher häufig anzutreffende Turnierstrategie von Topleuten, mit Gleichstarken zu remisieren und Schwächere zu schlagen, nicht mehr oder allenfalls noch bedingt funktioniert. »Schwächere« sind zumindest in einer Partie nicht mehr zwingend schwächer, was häufig auch die Topgesetzten aufeinander losgehen lässt, damit für mehr Kampfgeist sorgt und klassische Turniere deutlich interessanter macht. Die vor zehn, fünfzehn Jahren noch leidigen Kurzremisen sind fast völlig von der Bildfläche verschwunden, wozu auch neue Regularien beitragen, die Remisangebote erst nach (meist) 40 Zügen erlauben.
Sportlich überwiegen die Vorteile dieser Entwicklung eindeutig. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass das heutige Spitzenschach internationaler, dynamischer und attraktiver geworden ist. Anders fällt die Bilanz allerdings aus, wenn man die kulturellen Folgen betrachtet. Hier setzt die eigentliche Fragestellung dieses Beitrags an.
Digitale Medien haben Schach zu einem interaktiven kulturellen Ereignis gemacht. Was einst in erster Linie eine passive Zuschauererfahrung war, ist heute ein Format, in dem kommentiert, analysiert, gestreamt und direkt mit Spielern oder Kommentatoren interagiert wird. Gleichzeitig hat Schach dadurch gesellschaftlich und pädagogisch an Bedeutung gewonnen, ist aber auch stärker in die Logik medialer Verwertung eingebunden. Gerade deshalb lassen sich diese Entwicklungen je nach Blickwinkel als Ausdruck einer Metamorphose und/oder als Symptom der McDonaldisierung lesen.
Der nötige Zuschnitt auf ein Massenpublikum und die Anpassung an die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne des digitalen Zeitalters haben ihren Preis. Auf Spitzenniveau fallen dabei vor allem die stetig schrumpfende Bedenkzeit und der damit verbundene Qualitätsverlust ins Gewicht. Kritische Stimmen sprechen deshalb von einer bewussten Trivialisierung des Spiels. Der tiefe philosophische Sinn des Schachs werde dem Showcharakter geopfert, im Mittelpunkt stehe die kommerzielle Verwertung.
Dass die großen Plattformen diese Entwicklung positiv darstellen, überrascht nicht. Ihr Geschäftsmodell beruht auf Reichweite, Verweildauer und Nutzerzahlen. In dieser Logik erscheinen kürzere Formate, stärkere Emotionalisierung und niedrigere Einstiegshürden nicht als kultureller Verlust, sondern als unternehmerischer Erfolg.
Ein charakteristisches Beispiel dafür ist das von Marktführer Chess.com während der Pandemie 2020 eingeführte Format PogChamps, bei dem Streamer und Internetgrößen online gegeneinander antreten; bislang kam es auf sechs Ausgaben. Mit „richtigem“ Schach hat das nur eine entfernte Ähnlichkeit, im Vordergrund stehen Unterhaltung, Inszenierung und der niedrigschwellige Einstieg für Anfänger, die durch ihnen häufig bekannte Prominenz angelockt werden.
Stellvertretend für diese Entwicklung ist auch die Präsentation heutiger Live-Kommentare schachlicher Großereignisse, in denen Emotionen und Drama stärker betont werden als früher. Es begann mit hochkarätigen Großmeistern, wurde dann häufig auf zwei Teams für unterschiedliche Spielstärkegruppen erweitert und geht heute mit deutlicher Influenzer-Note in Richtung Amateure. Ein prominentes Beispiel dafür ist Tania Sachdev, die die Dramatisierung der Ereignisse besonders betont. Ob man das gut findet oder nicht, hängt nicht zuletzt von der Spielstärke des Betrachters ab; ist letztlich aber auch schlicht eine Frage des Geschmacks.
In Tilburg wurden 1985 doppelrundig 14 Runden gespielt, beim Rundenturnier in Bukarest 2026 neun, was den Unterschied in der Teilnehmerzahl erklärt. Generell sind Turniere kürzer geworden, da sich mediale Aufmerksamkeit nicht unbegrenzt aufrecht erhalten lässt. Man könnte auch argumentieren, dass die Belastung der Spieler zugenommen hat. Zwar ist die Dauer der Partien wegen der Verkürzung der Bedenkzeit gesunken, aber die Zahl der Ruhetage wurde reduziert und die Intensität der Vorbereitung hat auch während eines Turniers zugenommen. So führte Keymers Sekundant Peter Leko am Rande des Turniers in Bukarest die einzige Niederlage seines Schützlings gegen Sindarov auf eine überbordende, energieraubende theoretische Vorbereitung zurück.
Hinzu kommen die früher fast gänzlich fehlenden medialen Herausforderungen wie Interviews, öffentliche Partieanalysen und gegebenenfalls auch das Studieren und Bedienen der sozialen Medien. Wenn ich in meiner Funktion als Berichterstatter der Zeitschrift SCHACH einst zu einem großen Event reiste, war die Begrüßung Boris Gelfands und dessen anschließendes »Wir reden nach dem Turnier« fast ein Ritual. Alle Aktivitäten, die nicht dem Spiel selbst galten, wurden von ihm und vielen anderen Topspielern während des Turniers als Störung empfunden. Während heute für das Publikum alles in Echtzeit übertragen wird und der Interpretation bedarf, war man 1985 darauf beschränkt, der SCHACHWOCHE einmal wöchentlich frische Partien zu entnehmen. Anfang der 1990er Jahre quälten sich lange Faxschlangen mit den aktuellen Notationen durch die Redaktionsstuben.
Auch die Analysen beendeter Partien, die unter Beteiligung Garri Kasparows mitunter sozialen Happenings glichen, gehören der Vergangenheit an. Hier trafen nicht selten unterschiedliche Meinungen aufeinander, und der Nachweis dessen, wer besser gerechnet, wessen Intuition ihn nicht getrügt und wer die Stellung besser verstanden hatte, nahm nicht selten ein, zwei Stunden in Anspruch. Ich kann es nicht in Titeln oder Ratingpunkten bemessen, vermute aber, dass ich bei der einst fast obligatorischen Analyse mit dem Gegner viel gelernt habe.
Heute gibt es meist nur einen kurzen verbalen Austausch von Varianten, dann eilen die Akteure zu ihren Laptops, um die Engines zu befragen.
Besonders deutlich werden die Entwicklungen auch an den Protagonisten selbst, an ihrer Persönlichkeit und ihrer öffentlichen Wahrnehmung.
| | Tilburg 1985 | Bukarest 2026 | |
|---|---|---|---|
| 1 | Viktor Kortschnoi (54) | 1 | Maxime Vachier-Lagrave (35) |
| 2 | Lew Polugajewski (50) | 2 | Fabiano Caruana (33) |
| 3 | Roman Dzindzichashvili (41) | 3 | Wesley So (32) |
| 4 | Robert Hübner (36) | 4 | Anish Giri (31) |
| 5 | Ljubomir Ljubojevic (34) | 5 | Jorden van Foreest (27) |
| 6 | Jan Timman (33) | 6 | Bogdan-Daniel Deac (24) |
| 7 | Oleg Romanischin (33) | 7 | Alireza Firouzja (22) |
| 8 | Tony Miles (30) | 8 | Vincent Keymer (21) |
| 9 | Rameshbabu Praggnanandhaa (20) | ||
| 10 | Javokhir Sindarov (20) |
Wenig überraschend kommt der gewaltig gesunkene Altersdurchschnitt von knapp 39 Jahren in Tilburg auf 26,5 in Bukarest. Ernsthaft Schach zu spielen begann man früher etwa zwischen dem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr, heute deutlich früher. Mit 40 befand man sich einst noch im besten Schachalter; heute trifft das nur noch auf Ausnahmen wie etwa Levon Aronian, 43, zu. Bei seinen beiden letzten klassischen Auftritten in Malmö und Oslo war Magnus Carlsen mit 35 Jahren jeweils der älteste Teilnehmer, was sich mit Vachier-Lagrave in Bukarest deckt. Setzt sich dieser Verjüngungsprozess linear fort, lägen wir 2067 bei einem Altersdurchschnitt von 14 Jahren in Topturnieren.
Auch, aber nicht ausschließlich altersbedingt, sondern von ihren Biographien geprägt, ist der Unterschied in den Persönlichkeiten der Schachelite. Kortschnoi (* 1931) und Firouzja (* 2003) kehrten ihrer Heimat, der Sowjetunion und dem Iran, den Rücken, um ungestört Schach spielen zu können. Aber dass es unterschiedliche Auswirkungen auf die Formung des Charakters hat, als Kind die Belagerung Leningrads zu erleben oder von früh an in geordneten Verhältnissen an seiner schachlichen Vervollkommnung zu arbeiten, liegt auf der Hand.
Oder Hübner (* 1948), der neben John Nunn letzte Weltklassespieler mit Doktortitel, an dessen Individualität sich die deutsche Presse rieb. Bezeichnend ist seine jüngst erschienene Biographie »Ein Leben in vielen Welten.« Dzindzichashvili (* 1944), der Zocker, Timman (* 1951), der Bohemien, Miles (* 1955), der Provokateur – eigensinnig, teils exzentrisch, widersprüchlich, kreativ, sprich: Originale.
Spitzenschachspieler waren streitbare Antipoden des Mainstreams, heute sind sie in Kommunikations- und Vermarktungslogiken eingebunden und Teil einer Szene, in der Professionalität, Medienaffinität und kontrollierte Selbstdarstellung gefragt sind.
Hier verblassen die Konturen nicht, weil die Akteure austauschbar wären, sondern weil das System ihre Eigenheiten nivelliert. Die stetig zunehmende Spezialisierung gepaart mit dem massiv gewachsenen Turnieraufkommen, lässt kaum noch Nebenbeschäftigungen zu.
Der exzentrische Einzelkämpfer früherer Jahrzehnte wird zunehmend durch den dauerhaft sichtbaren, glattgeschliffenen Typus des Content-Creators verdrängt. Auf Konformität getrimmt, werden Kontroversen intuitiv vermieden; die Gefahr eines Shitstorms ist zu groß. Einzig Carlsen konnte sich als viele Jahre lang unangefochtene Nr. 1 der Welt offene Konflikte leisten, ohne sichtbaren Schaden zu nehmen. Inzwischen steht er bei so vielen Firmen unter Vertrag, deren Interessen er wahren muss, dass auch er vorsichtiger geworden ist.
Als es Miles 1985 erlaubt wurde, im Liegen zu spielen, intervenierten Kortschnoi, Hübner, Ljubo und Dzindzi beim Turnierkomitee. Als ihr Protest abgewiesen wurde, fanden sie ihren eigenen Umgang mit der Situation. Dzindzi spielte im Stehen, Ljubo an einem anderen Tisch, Hübner bestand als Schwarzer auf einem absurden Remis: 1. d4 e5 2. dxe5 Dh4 3. Sf3 Da4 4. Sc3 Da5 5. e4 ½. Damit machte er deutlich, dass die Partie nicht wirklich gespielt wurde.
2026 fiel kein öffentliches Wort der Kritik an Firouzja. Auch dann nicht, als er eine Runde zu spät, um aus der Turniertabelle gestrichen zu werden, doch noch zurücktrat, damit für kampflose Siege unter anderem für Keymer sorgte und das Endergebnis verwässerte.
Schach hat sich von einer geistigen Disziplin zu einem Hochleistungssport entwickelt, was sich auch in der Konstitution der Akteure niederschlägt. Alkohol und Tabak sind heute tabu. In einem 400-Meter-Staffellauf hätte Team »2026« vermutlich trotz der zwei zusätzlichen Runden – bei zehn statt acht Teilnehmern – die Nase vorn.
Völlig anders sähe es wohl aus, wenn stattdessen Aufsätze wie im Deutschunterricht abgefragt werden würden. Viele der »1985er« betätigten sich als Autoren: Kortschnoi, Timman, Polugajewski und Hübner haben die Schachliteratur bereichert, Miles schrieb unter anderem einen umfänglichen Bericht über das Tilburger Turnier für das New in Chess Magazine (November 1985).
Die neue Generation beschränkt sich diesbezüglich weitgehend auf sporadische Partiekommentare. Grundsatzdebatten über den Wandel des Schachs oder seine kulturellen Folgen werden von ihr kaum einmal angestoßen.
Eine Diskussion löste WM-Herausforderer Sindarov nach seinem Sieg beim Kandidatenturnier mit seiner Aussage aus, die Klassiker nicht studiert zu haben. Natürlich, Schach ist deutlich konkreter, rechenbasierter geworden, die junge Generation denkt in anderen Dimensionen als »Strategie und Taktik«. Aber ein möglicher Weltmeister ohne intime Kenntnis von Capablanca, Aljechin & Co.? Hier zeigt sich bereits ein Unterschied zur »Generation Carlsen«.
Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Abstecher in die Literatur: Muss ein erfolgreicher Jungautor Shakespeare und Kafka gelesen haben – oder genügt es, sie als kulturelle Bezugspunkte zu kennen?
Ausnahmen bilden auf kulturell-literarischem Terrain die Mitdreißiger Caruana, der sich in seinem Podcast C-Squared vorwiegend schachlichen Themen widmet, und Giri, der auf X auch immer wieder kritisch den kulturellen Wandel beleuchtet, sich dabei als Teil des Systems jedoch häufig in Zynismus flüchtet.
Noch einen Schritt weiter geht Aronian, an dem sich der Wandel der Spielerpersönlichkeiten gut festmachen lässt. Einst ein Rebell, hat er sich spätestens mit seinem Wechsel von Armenien in die USA 2021 chamäleonartig an die veränderten Anforderungen angepasst. Seine frühere Impulsivität, verbunden mit intellektuellem Anspruch, ist einem deutlich glatteren Auftreten gewichen. Sponsoren und Organisatoren werden mit Lob bedacht, Kritik hinter dem Berg gehalten. So ist er überall ein gern gesehener Gast.
Der Erfolg gibt ihm Recht: in einer im Schach noch nicht existenten Geldrangliste der letzten Jahre notiert er weit höher als sein aktueller Weltranglistenplatz 24. Das ist nicht nur seinem nach wie vor großen schachlichen Leistungsvermögen zu verdanken, sondern auch seinem klugen Marketing. Kaum jemand in der Schachszene hat die Mechanismen der auf Gewinnmaximierung ausgerichteten öffentlichen Selbstvermarktung so gut verstanden wie er.
Ob diese Entwicklungen Ausdruck einer notwendigen Modernisierung oder bereits Symptome einer fortschreitenden McDonaldisierung des Spitzenschachs sind, wird in Teil 2 anhand weiterer Beispiele zu diskutieren sein.
Dort werde ich unter anderem auf die aktuell heiß diskutierte weitere Verkürzung der Bedenkzeit beim nächsten Weltcup und die Qualifikationsmodi für das nächste Kandidatenturnier eingehen. (rt)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 11774