7. November 2025
Das Programm ist so vielfältig wie die Teilnehmer des Vielfaltskongresses der Deutschen Schachjugend vom 5. bis 7. Dezember. Die Organisatoren mit Najat Tabakh, Bundesjugendsprecherin bei der Deutschen Schachjugend, und Niklas Mörke, DSJ-Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit, haben viel Zeit und Energie darauf verwendet, um aus dem zweiten Kongress der DSJ ein sport- und gesellschaftspolitisches Event zu machen. Ein Beweis dafür, dass der organisierte Schachsport nicht nur aus Turnieren besteht, sondern auch klare Kante zeigt – zu Themen die auch unseren Sport umtreiben. „Es war wirklich super, wenn sich noch viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer anmelden“, sagt Niklas Mörke, „auch gerne aus dem DSB-Bereich.“ Der 26-Jährige, Student für VWL und Politik, hatte sich im Rahmen einer DSJ-Vorstandsitzung zur Organisation bereit erklärt. „Ich kann es ja mal machen“, hatte er im ersten Moment eher lapidar gesagt – und dann rasch Feuereifer entwickelt. Für ihn war klar: Dieser Kongress, der muss auch kritisch sein, bisweilen weh tun, deutlich machen: Die Schachwelt ist keine heile Welt, es gibt hier Probleme wie überall. Niklas Rickmann, langjähriger DSJ-Vorsitzender und mittlerweile Präsident des Landesverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, wird zum Beispiel zum Thema Rechtsextremismus im Schach referieren. Ein heißes Eisen. Mörke hat ihn interviewt und eine ganz einfache Frage gestellt: „Was hat Schach mit Rechtsextremismus zu tun?“ Die Antwort von Rickmann: leider sehr viel.
„Rechtsextremismus ist dabei kein neues Phänomen, sondern war immer vorhanden – manchmal lauter, manchmal leiser. Seit der Corona-Zeit merken wir jedoch, dass rechtsextreme Tendenzen und Äußerungen wieder zunehmen und auch im Schach sichtbarer werden“, sagt Rickmann. Er wird über subtile Meinungen, Symbole oder Aussagen sprechen – und wie Vereine und Verbände damit umgehen können. „Viele Verantwortliche wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn etwas passiert. Ich möchte zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt – damit man nicht wegschaut, sondern handlungsfähig bleibt.“
Rickmann sagt zum Kongress: „'Tue Gutes und rede darüber' – das passt hier perfekt. Wir können die Gesellschaft nicht verändern, aber wir können die Chancen, die sich durch Vielfalt ergeben, für unseren Sport aktiv nutzen.“ Schon am Freitag, 19 Uhr, wird es mit einer Auftaktveranstaltung beginnen, bei der das Thema „Transgender im Schach“ im Mittelpunkt stehen soll. Die Haupttage sind dann Samstag und Sonntag mit zahlreichen Workshops. Das Konzept lässt Schach-Insider schwärmen. Walter Rädler, in der Schachszene vielfältig aktiv und bekannt wie ein bunter Hund, bringt es beim Schachkicker so auf den Punkt: „Hier gibt es wieder viele Highlights.“ Seine Rädler-Foundation hilft einer Person und bezahlt alle Ausgaben (Anreise und Teilnahmegebühr). Bewerbungen gehen hier an wraedler@aol.com.
Warum lohnt sich die Teilnahme? „Ich finde das Konzept des Vielfaltskongresses großartig. Es gibt erstmals einen Raum, in dem Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion und Migration gemeinsam betrachtet werden – nicht als Randthemen, sondern im Mittelpunkt“, sagt Rickmann. Und in der Tat: Dass Vielfalt im Schach einen eigenen Kongress bekommt, ist wahrhaft ein starkes Signal. Ein Statement. Vor zwei Jahren gab es die erste Auflage, damals noch mit massiver finanzieller Unterstützung aus der Politik – diesmal hat die DSJ selbst viel Geld aufgewendet, um über wichtige Themen zu diskutieren.
Mit dabei ist auch Gert Schulz, DSB-Referent für Inklusion. Er, der selbst blind ist, spricht darüber: Worauf muss ich achten, damit mein Turnier – oder prinzipiell mein Verein - barrierefrei organisiert ist. Er weiß um die Schwierigkeiten, in einem prinzipiell sehr inklusiven Sport wie Schach letztlich auch allen den Zugang zu ermöglichen. „Da liegt bei vielen Schachclubs noch sehr viel Argen“, sagt er, „und meist fängt es beim Spiellokal an, das nur über Stufen zu erreichen ist.“ Er möchte in seinem Workshop den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zeigen, wie vielfältig das Thema „Behinderung und Schach“ ist.
„Schach für alle“ – so lautet die Überschrift zum Workshop von Michael Nagel vom SC Leipzig, Gewinner des Goldenen Chesso der DSJ fürs Ehrenamt, und der Silbernen Ehrennadel der DSJ. Sein Credo: Jeder kann Schach erlernen. Michael Nagel hat Kinder kennen gelernt, die in ihrer Entwicklung hinterherhinkten und trotzdem erfolgreich Schach spielten. Sein Traum ist eine Deutsche Schulschachmeisterschaft für Behinderte im Inklusionsbereich.
Wie wichtig das geschlechter- und zielgruppenspezifische Angebot ist – darüber referiert Laura Schalkhäuser. Sie kam mit dem Trainer ihres Sohnes darauf, zum Frauentraining beim Schachclub Schweinfurt zu gehen. Jetzt ist sie Mädchenschachexpertin der DSJ. Arndt Kohlmann spricht darüber: Was darf ich und was darf ich nicht im Verein oder Verband? Und ein Vertreter des Landessportbundes Niedersachen referiert zum Thema: Der lange Weg zu einem Safe Space. Es geht also um Missbrauch im Sport – auch hiervon ist der Schachsport nicht frei.
Veranstaltungsort ist die Jugendherberge Hildesheim. Die Teilnahme kostet 60 Euro. Falls ein Einzelzimmer gewünscht ist, wird ein Aufschlag von 20 Euro fällig. Ohne Übernachtung kostet die Teilnahme nur 20 Euro pauschal. In den Kosten sind auch die Mahlzeiten enthalten. Die DSJ erstattet im Nachgang allen Teilnehmenden Reisekosten für die Anreise mit der Bahn, die 50 Euro übersteigen. Trainer und Trainerinnen sammeln auf spannende Weise Lerneinheiten. Niklas Rickmann bringt es so auf den Punkt: „Der Vielfaltskongress ist keine Weltreise, die Teilnahmegebühr ist niedrig – und die Themen sind wichtiger denn je.“ Es lohnt sich also. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36832