21. Dezember 2025
Weihnachten ist das Fest der Familie. Und klar, da holt auch mancher mal das Brett und die Figuren raus und spielt im Kreis der Liebsten eine Partie Schach. Aber gleich ein ganzes Turnier? Beim SC Zitadelle Spandau in Berlin haben Weihnachtsturniere Tradition. Gespielt wird auch in diesem Jahr am 23. Dezember, dann weiter an den Tagen vor Neujahr – beim Weihnachts-Festival. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen teilweise von weit her, das Turnier ist bekannt für seine familiäre Atmosphäre. Womit sich der Kreis schließt: Weihnachten, Familie, Schach. Hinzu kommt eine internationale Note. Man könnte sagen: Die Schach-Weisen aus dem, nun ja: erweiteren Morgenland... In diesem Jahr gibt es beispielsweise Starter aus Sri Lanka, von den Philippinen, aus Frankreich, Polen, Österreich und Dänemark. Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit hat dazu Reinhard Giese einige Fragen gestellt. Er ist seit 2019 Vorsitzender des SC Zitadelle Spandau und bildet mit Manfred Strzeletz, Andreas Kötz und Alexander Heimann das Kern-Organisationsteam für das Spandauer Weihnachtsturnier, das übrigens nicht das einzige ist. Bundesweit gibt es weitere. Und warum sie so beliebt sind – bei der Beantwortung dieser Frage wird Giese dann auch mal sehr besinnlich. Denn es kommen auch Menschen ans Brett, denen sonst daheim die Decke auf den Kopf fallen würde.
Herr Giese, wie weihnachtlich ist Ihr Weihnachts-Festival? Wie ist das Ambiente? Gibt`s Plätzchen und Glühwein – oder Schach pur?
Weihnachtlich dekoriert haben wir nicht. Aber vielleicht sollten wir die etwas schummrige Beleuchtung im Bürgersaal erwähnen und als besonders weihnachtlich ausgeben. Spaß beiseite - kleine schokoladige Aufmerksamkeiten gibt es für jede Spielerin und Spieler schon beim Start, schließlich ist ja Weihnachten. Aber das war es auch schon. An Plätzchen haben wir noch gar nicht gedacht. Wir nehmen das als Anregung gerne mit und werden uns etwas überlegen. Alkohol bieten wir nicht an, denn es spielen auch Kinder mit.
2025 ist die dritte Auflage. Wie hat sich das Turnier entwickelt – und welche Höhepunkte gab es?
Korrekt gesagt: Es ist zwar unser drittes Weihnachts-Festival, aber unser achtes Open. Wäre die Coronazeit nicht gewesen, würden wir sogar schon die zehnte Ausgabe feiern. Wir hatten zunehmend so einen hohen Zuspruch, dass wir uns überlegt haben, den Aufwand zum Aufbau zu nutzen - und gleich noch ein Schnellturnier und ein Blitzturnier zum Abschluss anzubieten. Der Aufwand ist fast der gleiche. Ein Ereignis hervorzuheben, fällt mir schwer. Wir sind stolz, wenn es Anfragen von Spielern aus aller Welt gibt. Wir haben keinen so hohen Preisfonds und zeitgleich gibt es sicherlich schon noch Turnier-Alternativen. Wenn die Wahl dann auf unser Turnier fällt, freuen wir uns und macht uns stolz. Es ist sicher eine Herausforderung, dem Andrang gerecht zu werden und die Kapazität an Brettern zu erhöhen. Daran arbeiten wir.
Wer hatte die Idee, ausgerechnet diese Zeit für ein Turnier zu nutzen?
Die Hauptidee hatte Manfred Strzeletz, damals Vorstandsmitglied vom SC Zitadelle Spandau und heute noch ein wichtiger Baustein im Organisationsteam. Einmal so ein großes Turnier zu organisieren, das war sein Ansporn. Darüber plauderten wir immer wieder - bis wir einfach mal gesagt haben: Jetzt machen wir es. Wir fanden schnell ein engagiertes Team. Wenn ein Team sich verlässlich die Arbeit aufteilt, geht vieles erfolgreich. Ein, zwei Menschen müssen eben immer erst die Initiative ergreifen und dann auch beharrlich bleiben. So ging es los. Und der Termin ergab sich aus rein logistischen Gründen. Den Bürgersaal im Rathaus Spandau als Spielort können wir nur in der sitzungsfreien Zeit bekommen. Bereits Anfang Januar könnte das Bezirksparlament wieder tagen. Dann stört das, wenn auch leise, Schieben der Klötzchen. Sitzungsfrei ist in erster Linie die Zeit rund um Weihnachten. Andere Räume hingegen wären gerade um die Weihnachtszeit herum unverhältnismäßig teuer und wären ohne Großsponsoren kaum finanzierbar. Wir haben keinen. Das Turnier finanziert sich aus den Startgeldern. Zudem haben viele zwischen den Feiertagen frei.
Das Schnellschachturnier wird ja am Nachmittag des 23. Dezember ausgetragen – kam es auch schon vor, dass mancher in der benachbarten Fußgängerzone noch schnell ein paar Geschenke besorgen musste?
Das mag sicher so sein. Die Gelegenheit wäre wirklich gegeben. Aber ob das vorkommt, dazu haben wir natürlich keine Nachforschungen betrieben.
Normalerweise ist ja die Weihnachtszeit, und die Tage danach (Ihr Turnier geht ja vom 27. bis 30.12. weiter), ein fester festlicher Rahmen für die Familie. Warum kann es auch ein Fest für die Schach-Familie sein?
Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Diese alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Zwei möchte ich dennoch erwähnen. Zum einen haben wir unter den Teilnehmern viele Familienmitglieder, die gemeinsam Zeit verbringen wollen. Ähnlich verhält es sich mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus demselben Verein kommen oder schlicht befreundet sind. Während der Festtage bleiben wir doch in der Regel im Kreis der Familie. Die Zeit danach bietet sich an, sie im Freundeskreis zu verbringen. So werden Partien gemeinsam analysiert, die nächsten Runden vorbereitet und sicherlich wird am Ende eines Spieltages auch in einen der vielen Kneipen noch gemeinsam ein Bier gezischt. Wir haben auch viele, die extra nach Berlin reisen. Ein gemeinsamer Trip, der dann auch die Sylvester-Partys einzuschließen vermag, ist sicherlich auch ein gutes Argument. Und Berlin, wozu nun mal auch Spandau gehört, ist immer eine Reise wert. Der zweite Grund ist einer, der nachdenklich stimmt: Wir haben auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die entweder fern von ihren Familien sind, keine haben - oder dort nicht willkommen sind. Was auch immer der Grund dafür sein mag, für die ist ein Turnier vielleicht eine Möglichkeit, ihre mögliche Einsamkeit zu vergessen. Wir haben für alle nette Worte und empfangen sie mit viel Herzlichkeit. Das ist nicht daher gesagt, sondern kommt vom ganzen Herzen! Wir sind authentisch und fair, das kann jeder spüren.
Gibt es vielleicht auch viele Teilnehmende, die sagen: Mensch, mal weg vom x-ten Weihnachtsessen im Kreis der Verwandtschaft – ich will mal wieder was tun und Spaß haben? Sprich: Schach spielen.
Die gibt es bestimmt. Man kennt das ja. In der Zeit zwischen den Jahren haben viele Urlaub. Und irgendwann wird Besinnlichkeit vielleicht auch mal langweilig. Da bietet sich doch so eine sinnvolle und lohnende Alterative wie das Schachspielen regelrecht an…
Ihr Turnier ist immer sehr schnell ausgebucht, in diesem Jahr haben Sie kurzfristig noch Plätze geschaffen – wie ist dieses Interesse erklärbar angesichts eines insgesamt sehr vollen Schach-Turnierkalenders?
Berlin ist groß - und
zusammen mit dem Umland verfügen wir über ein hohes Potenzial an Schachinteressierten, die gerne die Gelegenheit nutzen, mit kurzen Wegen ein kompaktes Turnier zu spielen. Vielleicht liegt es auch an den ausgewogenen Preisen. Wir sehen zu, dass die Leute auch in der breiten Spielstärke Preise gewinnen können- und denken nicht nur an die Starken. Der Kern unseres Teilnehmerfeldes stammt aus dem nahen räumlichen Umfeld. Als es noch ein anderes Turnier, eher im östlichen Teil der Stadt gelegen, gab, konnten wir beobachten, dass wir uns keine wirkliche Konkurrenz gemacht haben. Jedes Turnier war gut besetzt. Und ob der Schachkalender wirklich so prall gefüllt ist, gerade zu diesem Zeitpunkt im Jahr, dürfen wir durchaus bezweifeln. Wir haben viele Anmeldungen bereits im Vorfeld, weil es offenbar wenige vergleichbare Angebote gibt. Die Wahl für unser Turnier nur unserer tollen Herzlichkeit zuzuschreiben, wäre wohl zu viel der Ehre. Aber den Spielerinnen und Spielern gefällt es bei uns. Somit fühlen wir uns bestärkt, genau das Richtige anzubieten.
Gibt es Leute, die jedes Jahr dabei sind?
In der Tat sind zwei Spieler im Turnier, die jedes Jahr mitgespielt haben und auch diesmal wieder gemeldet sind. Viele haben schon öfter als einmal teilbenommen und manche kommen sogar aus dem Ausland.
Hand aufs Herz: Wieviel an Weihnachtsruhe - es soll ja die besinnlichste Zeit des Jahres sein - geht für Sie und das Organisationsteam verloren?
Wir haben so viele Turniere inzwischen organisiert und sind ein super Team. Jeder weiß, was er zu tun hat, wir stimmen uns ab und somit läuft vieles automatisch wie am Schnürchen. Der Aufwand hält sich für jeden Einzelnen in Grenzen. An den Spieltagen selbst hat das Schiedsrichterteam die Hauptaufgabe, der Rest wechselt sich ab - so dass genug Freiraum bleibt, sich auch einfach mal für eine Weile dem Turnier zu entziehen. Unser Team besteht neben dem Schiedsrichtergespann in erster Linie aus einem Kern von vier Personen. Zu einzelnen Aufgaben wie Bewirtschaftung, Auf- und Abbau, Preise besorgen ziehen wir dann noch einige fleißige Helfer dazu. Dafür sind wir doch auch ein Verein.
So läuft das Weihnachts-Festival in Spandau
Und es gibt weitere Turniere:
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36864