18. Juni 2026
Was haben Schach und Tischkickern gemeinsam? Mehr, als man denkt und Linh Tran weiß das besser als die meisten. Als Deutsche Vizemeisterin U16 mit einer Elo über 2100 verbrachte sie fast ein Jahrzehnt am Schachbrett, bevor sie die 64 Felder gegen den Kickertisch tauschte. Was folgte, ist eine der bemerkenswertesten Sportkarrieren, die Deutschland in den letzten Jahren hervorgebracht hat: fünf Weltmeistertitel im Tischfußball, ein Profiweg, den es so noch nie gab und eine Stimme, die im Gespräch über Frauen im Sport nicht mehr wegzudenken ist.
Genau diese Stimme ist am 17. Juli beim Schachgipfel 2026 in Dresden zu erleben. Die Abschlusskonferenz Mädchen- und Frauenschach (17.–19. Juli, JOYNEXT Arena: jetzt anmelden) bildet den Höhepunkt des gemeinsamen Projekts vom Deutschen Schachbund und Deutscher Schachjugend zur Förderung von Mädchen und Frauen im Schach. Den Auftakt macht eine Podiumsdiskussion mit vier Persönlichkeiten, die das Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten: Neben Linh Tran diskutieren Bundesligaspielerin WFM Sarah Hund, Podcasterin und Kommentatorin WCM Katharina Reinecke sowie DSB-Vizepräsident Jannik Kiesel darüber, wie es gelingt, mehr Mädchen und Frauen dauerhaft für den Schachsport zu begeistern. Vorgestellt werden außerdem die Ergebnisse des seit 2025 laufenden Projekts sowie konkrete Maßnahmen für die Zukunft.
Als Frau, die beide Welten kennt und die aus eigener Erfahrung weiß, warum Mädchen aufhören und was sie zum Bleiben bringen könnte, bringt Linh Tran eine wertvolle Außenperspektive mit. Wir haben vorab mit ihr gesprochen: über Wettkampfpsychologie, Role Models, männerdominierte Spielräume und die Frage, was der Deutsche Schachbund von der Kickerwelt lernen kann. (fe)
Moin Linh, du hast von 9 bis 18 Jahren Schach gespielt, warst Deutsche Vizemeisterin U16 und hattest eine Elo über 2100. Was hat dich damals am Schach fasziniert – und warum hast du aufgehört?
Schach war mein Zufluchtsort in meiner Jugend. Ein Ort, an dem ich einfach sein konnte. Es gab nur das Schachbrett und die Figuren. Nichts anderes war wichtig. Es war mein zweites Zuhause. Nicht wie eine Location, sondern da wo das Turnier, da wo das Brett war, war mein Zuhause. Mit meinen Schachfreundinnen und -freunden. Schach hat mir gegeben, was ich Zuhause nicht so richtig finden konnte. 64 Felder, in denen ich mich erfolgreich und erfüllend bewegen durfte und ein Zuhause mit Gleichgesinnten.
Ich habe damals aufgehört, weil mit dem Übergang zum Erwachsen werden, die Magie für mich verloren gegangen ist. Je älter ich wurde, desto mehr Schachfreund:innen sind gegangen. Haben etwas anderes angefangen. Ein Leben nach der Schule. Ein Leben „im echten Leben“. Ich habe mich dann auch einfach gefragt: „Was ist denn jetzt mit mir? Gut genug bin ich jetzt irgendwie doch nicht, um weiter zu machen, oder?“ Vielleicht ist es jetzt auch gut mit dem Schach spielen. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, oder? So war es damals für mich. Dankbar für den Zufluchtsort in meiner Jugend, dankbar für die Entwicklung, die ich dort machen durfte. Aber bereit, weiterzuziehen.
Du sagst selbst, du hast viel Wettkampfmentalität vom Schach ins Tischkickern mitgenommen. Kannst du das konkret machen: Was genau hast du aus dem Schach mitgebracht, das andere Kickerinnen nicht hatten?
Durch das Schach spielen hatte ich bereits die Disziplin entwickelt, sich gegen die Gegnerin / den Gegner vorzubereiten und nachzubereiten. Die analytische Herangehensweise vom Schach spielen hat meine Herangehensweise und Professionalität beim Tischfußball definitiv geprägt und mir einen großen Vorteil verschafft.
Kickern ist für dich wie „Hochgeschwindigkeitsschach“. Was meinst du damit?
Das ist so lustig, denn diesen Vergleich habe ich schon erfahrene Kickerspieler:innen ziehen hören, als ich selbst noch neu dabei war. Gemeint ist, dass Kickern – ähnlich wie Schach – ein komplexes Spiel mit einer enormen Bandbreite an Analysen, Taktiken und Strategien ist. Nur mit dem Unterschied, dass es deutlich schneller abläuft. Man muss also in der Lage sein, die Situation blitzschnell zu erfassen und ebenso schnell die richtige Entscheidung zu treffen.
Da ich aber selbst lange intensiv Schach gespielt habe, ist es mir wichtig zu betonen, dass Schach auf eine ganz andere Art komplex ist als Kickern. Keins von beidem ist besser oder schlechter – sie stehen einfach für sich.
Im Schach wie im Kickern spielst du „eins gegen eins" – du kannst die Gegnerin beobachten, lesen, unter Druck setzen. Wie wichtig ist dir diese psychologische Komponente, und wie hast du sie trainiert?
Dieses direkte Duell hat mich schon immer fasziniert. Diese psychologische Komponente ist für mich die mentale Seite des Spiels. Ich habe schon früh angefangen mit einem Mental Coach zu arbeiten und mich parallel viel mit Tennis beschäftigt, weil mich der Sport selbst sehr interessiert und ich sehr viele Duell-Parallelen zwischen Tennis und Kickern sehe. Ich finde, dass mentale Stärke nicht nur im Spitzensport unverzichtbar und extrem wichtig ist, sondern auch im privaten und beruflichen Leben.
Du arbeitest mit einem Mentaltrainer und hast klare Rituale vor Wettkämpfen. Welchen Rat würdest du jungen Schachspielerinnen geben, die lernen wollen, Druck standzuhalten?
Ich arbeite mit Ritualen und Ankern – die sind von Person zu Person unterschiedlich. Das ist super individuell. Bei mir fängt es z.B. schon beim Tasche packen an vor der Abreise. Das ist meine Zeit, um in den Turniermodus zu kommen. Zu überlegen, was mich erwartet, was für Game Plans ich habe, mir Szenarien vorzustellen usw. Ich habe selbst auch schon mit einem Mantra gearbeitet, bei dem ich fünf Wörter zu mir selbst sage vor wichtigen Momenten. Jedes Wort erinnert mich an etwas, was ich mir mental schon erarbeitet habe. Dadurch habe ich mehr Fokus und versuche mich damit selbst in einen Tunnel zu bringen.
Du hast im Hamburg Journal einmal von einer ‚psychologischen Schlacht' beim Kickern gesprochen. Schach gilt ja als das Spiel der reinen Logik, aber wie viel Psychologie steckt eigentlich auch dort drin?
Schach ist ebenfalls ein extrem psychologischer Sport. Durch die sehr starke logische Komponente muss man es meiner Meinung nach aber nochmal anders betrachten. Beim Schach gibt es oft sehr klare „gute" und „schlechte" Züge – die Engine zeigt dir das ja auch direkt an. Man kann beim Schach so viele Züge im Voraus berechnen, zum Teil forciert. Wenn man sich das mal so vor Augen führt, ist das wirklich verrückt.
Aber diese Berechnungen unter Druck alle korrekt abrufen zu können – da steckt nicht nur „hard Skill“ dahinter, sondern auch extrem viel mentaler Skill.
Gerade auf Spitzenniveau macht die mentale Seite einen enormen Unterschied. Den Druck, den du spürst, wenn du gegen Magnus Carlsen spielst, muss man erst einmal aushalten, um seine Leistung überhaupt im Ansatz abrufen und eine Chance gegen ihn haben zu können. Da muss man mental stark sein und daran glauben, ihn besiegen zu können – um mal ein extremes Beispiel zu nennen.
Im Kickern wie im Schach gibt es eine offene Klasse, die von Männern dominiert wird. Du hast dir in der offenen Kickerklasse Respekt erkämpft. Wie war das, und was brauchte es dafür – außer sportlichem Können?
Als Mädchen oder Frau brauchst du vor allem Mut. Es kann schnell einschüchternd und erschreckend sein, wenn du in einen stark männerdominierten Sport kommst, der nicht zwingend geschlechtergetrennt ist. Es gibt jede Menge Klischees, jede Menge Vorurteile und viele Charaktere unter den Männern, die sehr Alpha sind und es darauf anlegen, lieber unter sich zu bleiben.
Da muss schon ein gewisser Wettkampfgeist in dir stecken, damit du dich durchsetzt und dabei bleibst – gerade dann, wenn du es eigentlich voll draufhast. Und / oder du brauchst Support aus deinem Umfeld und am besten hast du auch noch weibliche Vorbilder, die zeigen, dass es geht! Durchsetzungskraft, der Wille und der Glaube daran, dass du dich durchkämpfen kannst. Mut eben.
Was denkst du: Warum tun sich Mädchen und Frauen oft schwer, in männerdominierten Spielsportarten langfristig dranzubleiben – und was könnte Verbände wie den Deutschen Schachbund dabei unterstützen, das zu ändern?
Es müsste ein Konzept geben, das Mädchen und Frauen zum einen einen Raum unter sich gibt – um sich zu entwickeln, sich zu vernetzen und dabei zu bleiben. Zum anderen muss aber gleichzeitig „die Realität" gezeigt werden. Und die ist aktuell fast überall männlich. Mädchen und Frauen können sich meiner Meinung nach nicht einfach „nur unter sich verstecken" – das hilft langfristig auch nicht unbedingt dabei, sie im Sport zu halten.
Es muss einen Weg geben, auf dem Frauen ihren eigenen Raum bekommen, sich aber gleichzeitig auch in der Realität bewegen und lernen, sich gegenüber dem männlichen Part durchzusetzen. So können sie sich etablieren – und irgendwann ist es dann eben kein männerdominierter Sport mehr, sondern einfach nur noch ein Sport.
Du bist heute Profi, Unternehmerin, Keynote-Speakerin und für viele junge Menschen selbst ein Vorbild. Hattest du als Jugendliche selbst Vorbilder im Schach und wie wichtig sind solche Role Models für Mädchen?
Ich hatte ganz viele tolle Frauen in meinem Schachverein – damals selbst noch Jugendliche, die Mädels zwischen 15 und 18, während ich noch ein Kind war. Ich bin sehr dankbar, dass Fuchsi sich beim SC Ladja Roßdorf so für das Mädchen- und Frauenschach eingesetzt hat.
Leider haben fast alle nach und nach aufgehört, als sie ans Ende ihrer Jugend kamen – und so dann irgendwann eben auch ich. Wenn sie nie aufgehört hätten, wer weiß: Vielleicht wäre ich heute keine 5-fache Weltmeisterin im Tischfußball, sondern immer noch Schachspielerin und würde meiner WGM-Norm hinterherjagen. :-)
Role Models sind so, so wichtig für Mädchen und Frauen – egal ob im Sport oder im Beruf. Es ist unmöglich, „die Welt AUCH weiblich" zu machen, ohne weibliche Vorbilder. Denn wie auch? In der Regel wird man das, was man sieht.
Was würdest du einem 12-jährigen Mädchen sagen, das gerade überlegt, ob Schach „ihr Ding" ist – und Angst hat, als Einzige am Brett zu sitzen?
Wenn du Bock auf Schach hast, dann mach Schach zu „deinem Ding". Niemand anderes entscheidet darüber, ob etwas dein Ding ist oder nicht. Solange du es machst, IST ES dein Ding! Und wenn du die Einzige am Brett bist, dann zeig es den anderen – damit du ganz schnell nicht mehr die Einzige bist.
Wer nach diesem Gespräch Lust bekommen hat, dich auch persönlich kennenzulernen – wo kann man dich am Samstag finden?
Ihr findet mich am Samstag beim Schachfest mit einem Kicker-Showact!
(Uhrzeit, genauer Ablauf usw. ist noch in Planung…)
Und ich werde dann auch noch beim Schachgipfel rumlaufen und dem einen oder anderen altbekannten Gesicht Hallo sagen. :-) Ich freue mich sehr darauf!
Linh, bevor wir dich gehen lassen: Am 2. September erscheint deine Autobiografie „Aus dem Handgelenk – warum ich Weltmeisterin im Tischkickern werden musste“. Was erwartet die Leserinnen und Leser – und warum ist das Buch vielleicht auch für Schachspielerinnen und -spieler interessant?
Mit meinem Buch liegen mir zwei Dinge besonders am Herzen: Menschen mit meiner Geschichte Mut zu machen und sie zu inspirieren – und Tischkickern als Sport sichtbarer zu machen. Dabei geht es um weitaus mehr als nur um Tischfußball. Es geht um die andere Seite der Goldmedaille, um Themen, die – glaube ich – jeder Mensch kennt:
Für Schachspieler:innen ist das Buch definitiv interessant: Es ist eine Biografie, ich bin erst 31 Jahre alt – und rund 10 dieser 31 Jahre habe ich mit dem Schachspielen verbracht. Schach spielt im Buch also abschnittsweise eine wichtige Rolle. Und ich glaube, die oben genannten Themen sind für Schachspieler:innen ohnehin spannend – sportlich betrachtet, aber auch sonst im Leben.
Ich freue mich darüber, wenn ich dadurch auch wieder den Kontakt zu meinen „alten Schachfreund:innen“ finde!
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// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37060