11. März 2026
Es ist seine Heimatstadt. Hier wurde Silvio Baier 1978 geboren, hier lebt er bis heute mit seiner Familie – und hier findet nun auch der Schachgipfel statt. Für den zweifachen Familienvater hat das große Schachfestival in Dresden (16. bis 26. Juli) daher eine besondere Bedeutung. Silvio Baier wird ein besonderer Teil des Programms sein. Man könnte sagen: Beim Schachgipfel ist er der Feingeist in Sachen Schach. Als Botschafter der Problemschachvereinigung Die Schwalbe wollen der Dresdner und einige Mitstreiter mehrere Programmpunkte begleiten. Dazu aber später mehr aus dem Gespräch eines ungewöhnlichen Weltmeisters mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit.
Zunächst ein Blick auf das, was Silvio Baier weltweit bekannt gemacht hat. „Bei allem, was ich als Schachkomponist tue, zeigt Schach seine künstlerische Seite“, sagt er. Längst hat er sich vom allgemeinen Kernziel des Schachspiels – zwei Parteien wollen Matt setzen – ein Stück weit entfernt. „Wenn man sich etwas Schönes ausdenkt, dann ist das so ähnlich wie das Komponieren eines Liedes.“
Silvio Baier ist begeistert vom Problemschach – und darin ein wahrer Meister. Weltweit beschäftigen sich laut seinen Schätzungen rund 10.000, in Deutschland mehrere hundert Problemschachfreunde intensiver mit dieser besonderen Seite des Spiels. Seit 1998 werden im Komponieren von Schachproblemen auch Weltmeisterschaften ausgerichtet. Den Titel holte der Dresdner gleich dreimal in Serie. Bei diesen Welt-Titelkämpfen können Schachkomponisten aus ihren in einem Drei-Jahres-Zyklus veröffentlichten Schachproblemen in acht Abteilungen jeweils bis zu sechs Aufgaben einreichen. Diese werden dann von einem international besetzten Preisrichter-Gremium mit Punkten bewertet; ähnlich wie beim Skispringen bleiben dabei die höchste und die niedrigste Bewertung unberücksichtigt. Die Punkte der vier bestbewerteten Aufgaben eines jeden Komponisten werden addiert – der Komponist mit der höchsten Punktzahl ist in seiner Abteilung Weltmeister. Bei der neunten Weltmeisterschaft für die Jahre 2022 bis 2024 konnte Silvio Baier seine Titel von 2016 bis 2018 sowie 2019 bis 2021 erneut verteidigen – und wurde damit zum dritten Mal in Folge Weltmeister in der Retro-Abteilung. „Retro“ bedeutet in diesem Genre: Es muss geklärt werden, wie die Stellung auf dem Brett überhaupt entstanden ist.
Prinzipiell, so Silvio Baier, gelte fürs Problemschach: Jede Figur habe eine Funktion, keine stehe sinnlos herum. Der Komponist wolle stets eine „künstlerische Idee“ umsetzen. Kreative Köpfe wie er denken sich Aufgaben aus – und veröffentlichen sie in Problemschachzeitschriften oder reichen sie bei entsprechenden Turnieren ein. Gelegentlich erscheinen solche Aufgaben auch in Partieschachzeitschriften wie „Schach“, die eine eigene Problemschachrubrik haben. Das Ganze könne man „sowohl als Rätsel als auch als Kunstwerk sehen“, sagt Silvio Baier. Je nach Geschmack – und je nach Genre ist einmal mehr und einmal weniger Realität im Spiel.
Denn neben Retro gibt es zahlreiche weitere Abteilungen, die teilweise einer kleinen Erklärung für all jene bedürfen, die sich jetzt fragen: Wie bitte? „Ja“, sagt Silvio Baier, „es werden teilweise Dinge auf dem Brett dargestellt, die es eigentlich gar nicht gibt.“ Die Fantasy-Varianten des Schachs.
Relativ „normal“ klingen noch die Abteilungen Matt in zwei Zügen, Matt in drei Zügen und Studien. Schwieriger wird es für Otto-Normalschachspieler bei Hilfsmatt (Ziel von Weiß und Schwarz ist es, so zu kooperieren, dass der schwarze König mattgesetzt wird), Selbstmatt (Matt dem eigenen König – gegen den Widerstand des Gegners), Märchenschach (andere Figuren, Bretter und/oder Bedingungen – Schwarz zieht zum Beispiel mehrfach hintereinander) und Beweispartien.
Silvio Baier, promovierter Physiker, gilt seit vielen Jahren weltweit als einer der führenden Spezialisten für Beweispartien. In einer solchen Aufgabe – im Grunde eine ganz normale Partie, wie sie auch stattfinden könnte – soll eine vorgegebene Stellung in einer bestimmten Zügezahl aus der Partieanfangsstellung gemäß den Schachregeln erspielt werden. Beweispartien bilden eine Untergruppe der retroanalytischen Probleme, bei denen es nicht um die „Zukunft“ einer Schachstellung geht (etwa: Matt in drei Zügen, Weiß gewinnt), sondern um deren Geschichte. Weiß und Schwarz erspielen dabei kooperativ die Stellung. Schon kleinste Abweichungen, etwa in der Zugreihenfolge, würden die Eindeutigkeit der Lösung zerstören. Über den Rätselcharakter hinaus geht es darum, ungewöhnliche Manöver zu zeigen, die in einer normalen Schachpartie kaum vorkommen – etwa Umwandlungsthemen, bei denen ein Bauer umwandelt und später wieder geschlagen wird.
Mit der nebenstehenden Beweispartie, veröffentlicht in "Die Schwalbe" von 2020, holte Silvio Baier mit 10½ Punkten die höchste Einzelpunktzahl bei der Weltmeisterschaft 2019-21. Das bedeutete zugleich Titel Nummer zwei.
Kommentar in der Veröffentlichung der WFCC: "Die erste Beweispartie mit zwei Zickzack-Bauern, die vier Ceriani-Frolkin-Figuren schlagen."
Und was reizt Silvio Baier persönlich so sehr am Problemschach? „Mich fasziniert das, weil ich Dinge auf dem Brett sehe, die ich sonst nicht sehe. Schach in seiner vollen Schönheit.“
Der Dresdner hat früher auch aktiv Turnierschach gespielt und es bis in die Bundesliga geschafft – eine sehr zeitintensive Angelegenheit. Heute folgt seine Leidenschaft auch einem modernen Zeitgeist: Für Problemschach muss man kaum reisen. Kompositionswettbewerbe finden auf nationaler und internationaler Ebene statt, aber das Komponieren und Einschicken der Aufgaben kann man von überall erledigen. Lediglich die meisten Löseturniere – insbesondere die Löseweltmeisterschaft – werden vor Ort ausgetragen, in diesem Jahr beispielsweise in Magdeburg.
Und damit zurück zum Schachgipfel in Dresden. Die Problemschachvereinigung Schwalbe plant dort mehrere Programmpunkte und wird unter anderem mit einem Werbestand vertreten sein. Gemeinsam mit der Abteilungsleiterin Schach des USV TU Dresden, Ina Gottschall, ist zudem ein K.-o.-Löseturnier vorgesehen, bei dem immer zwei Personen gegeneinander antreten. Auch interessierte Besucherinnen und Besucher können dabei selbst ihr Können zeigen. Dieses „Battle“ soll für das Publikum gut auf einer Leinwand zu verfolgen sein.
Zudem ist unter dem Motto „8 Tage, 8 Kompositionen, 8 Genres“ eine Aufgabe geplant, die Besucherinnen und Besucher über den gesamten Gipfel hinweg ganz ohne Zeitdruck lösen können – über einen Briefkasten im Congress Center.
Schon jetzt steht für Silvio Baier fest: „Für mich als Dresdner ist es etwas Besonderes, dass ein solches Schachereignis in meiner Heimatstadt stattfindet.“ (mw)
Silvio Baier in der Wikipedia | YouTube-Kanal der Schwalbe | Weltproblemschachvereinigung (WFCC): Wie man Titelträger wird / Regeln der Löse-WM / Regeln der Kompositions-WM | Problemschachvereinigung Schwalbe | Löseweltmeisterschaft 2026
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