11. November 2025
Der Deutsche Schachbund hat heute Strafanzeige gegen einen Facebook-Nutzer gestellt. Dieser hatte in der Nacht von Samstag auf Sonntag einen Kommentar unter einem DSB-Post zum Vielfaltskongress der Deutschen Schachjugend (bei dem es einen Workshop zum Thema „Rechtsextremismus im Schach“ geben wird) mit Grafik hinterlassen, auf der er einen Springer ein Hakenkreuz schlagen lässt. Dazu kommentierte er: „Heil Springer!!!“ Hätte man als Polizei den Vorgang selbst entdeckt, wäre man als Ermittlungsbehörde verpflichtet, dieses Delikt zu verfolgen, teilte auf Nachfrage der DSB-Öffentlichkeitsarbeit ein Mitarbeiter des Staatsschutzes mit. Es geht um die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Paragraph 86a StGB. Der Vorgang hat aus Sicht des DSB-Präsidiums und der DSB-Geschäftsstelle eines gezeigt: Nie war der Workshop der DSJ wichtiger als heute. Dieser Ansicht ist auch Niklas Rickmann. Der 43-Jährige ist der Referent beim Vielfaltskongress zu diesem Thema. Er engagiert sich politisch in der SPD, war lange Jahre Vorsitzender des Stadtverbandes Stralsund und ist heute stellvertretender Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Vorpommern-Rügen. Von 2021 bis 2024 war er Vorsitzender der DSJ, zuvor bis 2016 auch Präsident des Landesschachverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Seit kurzem hat der ehemalige Vizepräsident des DSB (2011 bis 2013) dieses Amt wieder inne. Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit sprach mit ihm über rechte Auswüchse im Internet.
Niklas, auf unsere Ankündigung zum Vielfaltskongress der DSJ, wo Du als Referent auftreten wirst, gab es teilweise heftige Reaktionen aus der rechten Ecke. Vor allem auf Facebook. Viele hat das geschockt.
Mich nicht. Ich war, ehrlich gesagt, nicht überrascht. Ich komme aus einer Region, Mecklenburg-Vorpommern, wo es seit mehreren Jahren Gang und Gäbe ist, Menschen, die das Problem Rechtsextremismus offen ansprechen, hart anzugehen. Viele Kommentare haben mich nicht mehr erschüttert, ich bin sie leider längst gewöhnt
Wir mussten viele Kommentare mit Nazi-Gedankengut löschen. Einer hat ein Schachbrett mit Hakenkreuz und „HEIL SPRINGER !!!“ gepostet…
… das fand ich dann doch auch sehr heftig. Darauf kann es nur eine Reaktion geben: Strafanzeige.
In diesem Fall ging es lediglich um einen Workshop zum Thema „Rechtsextremismus im Schach“. Nicht um eine Initiative, wie es sie in anderen Sportarten längst gibt, zum Beispiel im Fußball: „Nazis raus aus den Stadien.“ Deshalb haben uns die Reaktionen teilweise geschockt.
Ja, aber allein bei dem Schlagwort kommen sie doch alle schon aus den Löchern. Klar, auch Trolle und gesteuerte Bots sind darunter – aber auch reale Personen. Das Netzwerk funktioniert. Und man sieht an diesem Vorgang, wie wichtig es ist, drüber zu sprechen. Wir haben nicht die massiven Nazi-Probleme wie in Massensportarten. Im Fußball oder auch Kampfsport ist es teilweise richtig schlimm – aber die Probleme sind auch im Schach da. Es geht beim Workshop während des Vielfaltkongresses in Hildesheim um die Sensibilisierung des Themas und um die Prävention. Aber schon das ruft Reflexe und teilweise Beschimpfungen hervor. Wir haben im Schach auch Probleme in Vereinen – ich habe es selbst erlebt.
Nenne mal bitte ein Beispiel.
In meinem Verein hatten wir vor einiger Zeit eine Diskussion, als ein Mann zu uns kam, der früher in der NPD und in einer rechtsextremen Kameradschaft war. Heute ist er bei der rechtsextremen Splitterpartei „Der Dritte Weg“. Er kam zum Spielabend – und ich war dagegen, dass er weiterhin kommt. Andere Mitglieder waren der Ansicht, wir seien doch unpolitisch, lass den doch mitspielen. Ich habe gewarnt, dass er natürlich den Verein nutzen will, um seine Propaganda breitzutreten. Und genau so kam es. Beim zweiten Mal erschien er schon mit einer Weste, darauf war unter anderem eine rechte Runensymbolik, die verboten ist. Da hatte ich dann die Handhabe für einen Rausschmiss. Aber das fanden immer noch nicht alle unserer Mitglieder richtig.
Was hast Du sonst schon zu diesem Thema erlebt?
In manchen Usernamen auf diversen Schachservern tauchen nationale und/oder internationale rechtsextreme Codes auf, wie zum Beispiel die Zahl 88 (Anm. der Red. Doppeltes H für Heil Hitler) oder WpWW - white pride world wide, das bedeutet weißer Stolz weltweit.
Du sprichst von einer deutlichen Zunahme des Problems.
Unsere Gesellschaft hat sich durch die Flüchtlingskrise und der Corona-Pandemie verändert. Früher fand Rechtsextremismus auch statt, aber häufig hinter vorgehaltener Hand. Die Positionen treten immer enthemmter im Netz und auch im Alltag auf. Meinungen, die früher als extrem galten, werden durch Tabubrüche immer gesellschaftsfähiger. Antworten auf schwierige Fragen werden gern mehr und mehr in Schwarz/Weiß beantwortet. Das WIR und DIE tritt hervor und erzeugt einen verzerrten Diskurs. Diese gesellschaftliche Entwicklung macht vor dem Sport und auch vor unserer Schachwelt keinen Halt. Warum sollte das auch so sein? Schon in der „Flüchtlingskrise“ 2015 gab es eine Diskussion, dass zum Beispiel syrische Asylbewerber es am Brett nicht immer ehrlich meinen würden. Die Neiddebatte hinsichtlich Unterstützung beim Vereinsbeitrag etc. flankierte die Debatte. Man entwickelte das Gefühl: DIE gegen UNS.
Woran liegt das?
Wenn eine Partei, wie in meiner Region, auf die 40 Prozent zusteuert, dann heißt das für viele: Das Gedankengut wird mehrheitsfähig. Tabus werden gebrochen und die noch vor ein paar Jahren extremen Gedanken rücken in die Mitte unserer Gesellschaft. Schach ist da keine Insel, sondern ebenfalls ein Querschnitt der Gesellschaft.
Wie gehst Du nun Deinen Workshop an? Macht dieser Vorgang was mit Dir und den anderen Ehrenamtlichen der DSJ?
Ich glaube, dass viele in der DSJ über die Reaktionen im Netz überrascht waren. Ich wünsche mir, dass das zu einer Jetzt-erst-recht-Reaktion führt und sich die Ehrenamtlichen der DSJ nicht entmutigen lassen. Es ist richtig, dass ein Verband politisch neutral sein muss. Aber er darf sich aktiv für die Einhaltung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung einsetzen. Diese bedeutet Vielfalt - Das zeichnet unsere Zivilgesellschaft aus.
Wie geht Ihr mit der Thematik um?
Mein Vortrag wird sich weiterhin um das Erkennen von rechtsextremen Tendenzen im Allgemeinen und im Schachsport drehen. Präventionsarbeit ist hierbei ein wichtiges Element – die DSJ leistet hier seit 2023 sehr viel. Wenn wir das Thema totschweigen, dann wird es nicht gelöst, sondern in der Regel größer. Ich möchte, dass wir als Zivilgesellschaft etwas gegen den Rechtsextremismus auf allen Ebenen unternehmen und nicht wie 1933 es einfach ohne nennenswerte Gegenwehr passieren lassen. Die letzten zwei Tage haben gezeigt, dass auch im Schachsport das Thema ernst genommen werden sollte.
Bis zum 16. November sind noch Anmeldungen zum Vielfaltskongress möglich. Danach kann nicht garantiert werden, dass es noch verfügbare Zimmer gibt.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36837