3. September 2026
Als Linh Tran am 17. Juli beim Schachgipfel in Dresden auf dem Podium saß und über Mädchen- und Frauenschach diskutierte, kannten die meisten im Saal sie als das, was sie heute ist: fünffache Tischfußball-Weltmeisterin, Unternehmerin, eine der bekanntesten Stimmen, wenn es um Frauen im Sport geht. Nur wenige wussten, dass sie fast zehn Jahre lang etwas ganz anderes war – eine der stärksten Nachwuchsspielerinnen Hessens, Deutsche Vizemeisterin U16, Elo über 2100.
Beim Gipfel hat sie diese beiden Welten selbst zusammengebracht: mit einem Kicker-Charity-Event, bei dem 1.300 Euro für das Mädchen- und Frauenschach zusammenkamen, und mit einem sehr offenen Gespräch darüber, warum Mädchen im Schach oft aufhören – und was sie zum Bleiben bringt.
Am 2. September erscheint nun ihre Autobiografie „Aus dem Handgelenk – warum ich Weltmeisterin im Tischkickern werden musste". Ein gutes Stück davon spielt am Schachbrett, und eine Szene daraus passt genau zu dem, was auf dem Podium in Dresden verhandelt wurde.
Linh Tran sitzt bei einem Jugendturnier ihrem Gegner gegenüber. Der blickt sie an, als könne er nicht fassen, wer ihm da gegenübersitzt, seine Kumpels feixen im Hintergrund. Sie gewinnt die Partie. Ihr Gegner starrt weiter stur an ihr vorbei – seine Freunde johlen trotzdem los:
„Wie doof bist du denn, Junge? Lässt du dich von der abziehen? Einem Mädchen?"
Im Buch beschreibt sie, wie sie beim Aufstehen vom Tisch die Blicke und Finger auf sich spürt, "wie kleine Feuermale auf der Haut" – und wie sie sich auf der Heimfahrt fragt, warum manche automatisch glauben, gegen ein Mädchen müsse man einfach gewinnen. Eine Antwort findet sie in diesem Moment nicht. Aber ein Gefühl bleibt: Solchen Jungs kann sie es nur zeigen, indem sie weiter gewinnt.
Dass solche Situationen keine Einzelfälle aus vergangenen Jugendturnieren sind, bestätigt auch Nationalspielerin Lara Schulze: „Das ist eine interessante Geschichte und kann ich auch nachvollziehen." Auch sie erinnert sich an einen Moment, in dem sie unterschätzt wurde – nicht von einem Gegner am Brett, sondern vom Schiedsrichter: „Ich hatte auch schonmal erlebt, dass der Schiedsrichter davon ausgegangen ist, dass ich als Frau an den letzten Brettern des B-Turniers spiele, statt an den vorderen Brettern des A-Turniers."
Für Lara Schulze ist trotzdem klar, wie man mit solchen Momenten umgeht: „Wenn man die Leistung bringt und trotzdem den Spaß nicht dran verliert, dann kann man es allen zeigen."
Wer beim Schachgipfel dabei war oder das Thema Mädchen- und Frauenschach verfolgt, findet in Linh Trans Buch keine reine Sportbiografie, sondern eine sehr persönliche Antwort auf die Frage, die in Dresden im Mittelpunkt stand: Was braucht es, damit Mädchen im Schach – oder in jedem anderen männerdominierten Sport – bleiben? Ihre eigene Antwort darauf, im Interview vor dem Gipfel:
„Wenn du die Einzige am Brett bist, dann zeig es den anderen – damit du ganz schnell nicht mehr die Einzige bist."
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// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37125