16. März 2026
Der Mann ist ständig unterwegs – auch und vor allem in Sachen Schach. Gerade hat er zum Beispiel ein dreitägiges Seminar im Schwarzwald für die baden-württembergischen Blinden- und Sehbehindertenvereine organisiert. Zudem läuft schon die Vorbereitung zur Deutschen Behindertenmeisterschaft in Dresden (im Rahmen des Schachgipfels), seine geplante Gründung einer Inklusionskommission im DSB, und, und, und. Besonders am Herzen aber liegt dem DSB-Inklusionsreferenten Gert Schulz ein Projekt, das er akribisch seit rund einem Jahr vorbereitet: Er möchte einen Förderverein für Inklusion im Schach aus der Taufe heben. Sein Traum ist es, auch einige Prominente aus der Schachszene zur Mitgliedschaft bewegen zu können. Zum aktuellen Stand hat Gert Schulz der DSB-Öffentlichkeitsarbeit ein Interview gegeben. (mw)
Gert, im Rahmen des Schachgipfels soll ein Förderverein Inklusion gegründet werden. Was verbirgt sich hinter dem Förderverein? Was sind die Ziele des Vereins?
Ich fange mal chronologisch an: 2016 wurde ich Behindertenbeauftragter des DSB, 2019 wurde hieraus der Referent für Inklusion – und dann wurde ich durch Corona eingebremst. Da es im Deutschen Schachbund nirgendwo ein Kennzeichen für Schwerbehinderung ooder Ähnliches gibt, hatte ich gerade einmal Kontaktdaten von rund zehn Schachspielerinnen und Schachspielern mit Behinderung. Dank Artur und Nadja Jussupow konnten dann 2024 und 2025 die ersten beiden „ODBEM“, die Offenen Deutsche Behinderten-Einzelmeisterschaften, ausgetragen werden. Die habe ich zum Netzwerken genutzt. Wir konnten so sehr viele Behinderte animieren, sich ganz offiziell gegenüber dem DSB, ich benutze den Begriff bewusst: zu outen. Durch diese beiden Meisterschaften haben wir also viele Kontakte knüpfen können und viele Erkenntnisse gewonnen.
Nenn uns mal bitte die wichtigsten…
… es gibt sehr vielfältige Formen von Behinderung, aber sie haben eines gemeinsam: Die Einschränkungen, die wir am Schachbrett ausgleichen können, wirken sich im Alltag sehr wohl aus. Wir stoßen immer wieder auf Barrieren. Und solange unsere Gesellschaft nicht inklusiv ist, brauchen wir Geld, um uns trotz dieser Barrieren unserem eigentlich inklusiven Hobby Schach widmen zu können. Mit dem Förderverein wollen wir uns an die Öffentlichkeit wenden und Schachspieler mit Behinderung organisatorisch und finanziell unterstützen.
Du kämpfst seit vielen Jahren für noch mehr Inklusion in einem bereits sehr inklusiven Sport – was willst Du, vielleicht auch mit Hilfe des Fördervereins, erreichen?
Ich weiß von vielen Schachfreunden, dass sie eine Schwerbehinderung haben, die sie nicht nach außen zeigen wollen. Die Schwierigkeiten, die sie dadurch haben, sind für sie so „normal“ geworden, dass sie ihnen überhaupt nicht mehr bewusst sind. Und trotzdem kostet die Überwindung dieser Schwierigkeiten Kraft und Energie, die ihnen beim Schach dann wieder fehlen kann. Und da diese Probleme nirgendwo thematisiert werden, weiß ein Großteil unserer Gesellschaft nichts davon - und so müssen diese Schachspieler und Schachspielerinnen ganz alleine damit fertig werden, obwohl oft ganz kleine Hilfen eine unheimlich große Wirkung entfalten könnten.
Wo finden sich auch im Bereich des Schachbundes noch Inklusionslücken? Vor allem in der Infrastruktur, dass es zu wenig barrierefreie Spielorte gibt?
Die Lücken sind riesig. An dieser Stelle möchte ich an das Verbandsprogramm erinnern, das der DSB sich – ich meine, es war 2019 - selbst gegeben hat. Dort heißt es unter Punkt neun, Inklusion, Vision: „Jeder Schachverein bietet Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zum Schach spielen und zur Teilhabe am Schachsport. Alle Schachvereine entwickeln eine Willkommenskultur in diesem Sinne und arbeiten mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zusammen. Alle Vereine haben barrierefreie Spiellokale.“
Klingt gut.
Es geht noch weiter. Die Rede ist auch von taktischen Zielen, bis zum Jahr 2021: 20 Prozent aller Vereine jedes Landesverbandes erfüllen die Vision. Dann bis 2023: 50 Prozent aller Vereine jedes Landesverbandes erfüllen die Vision. Und dann gibt es die Agenda 150, gemeint war hier bis 2027: 80 Prozent aller Vereine jedes Landesverbandes erfüllen die Vision.
Und wie lautet die Realität?
Genaue Zahlen gibt es aktuell nicht. Aber wir hinken hinterher, so viel ist klar. An dieser Stelle geht es hauptsächlich um bauliche Barrieren, die vor allem Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte betreffen. Hier muss erst einmal ein Bewusstsein geschaffen werden. Und: Welcher Schachverein hat schon die finanziellen Möglichkeiten, sein Spiellokal barrierefrei umzubauen?
Für wen und was soll also das gesammelte Geld verwendet werden?
Viele Menschen mit Behinderung sind auch im Berufsleben eklatant benachteiligt und haben aufgrund ihrer Behinderung ohnehin schon größere finanzielle Aufwendungen zu stemmen. Nun kommt noch ihr Hobby dazu, das teuer werden kann. Denn oft brauchen sie auch noch eine Begleitperson, deren Kosten zusätzlich noch zu übernehmen sind. Und man muss schon froh sein, wenn jemand sich einfach nur die Zeit nimmt, um als Begleitperson mitzukommen. Hier soll der Förderverein helfen, Unterstützung leisten.
Wie weit seid Ihr schon mit der Gründung? Da hängt ja auch eine Menge Papierkram dran…Und habt Ihr als Verein ein Vorbild? Es gibt im Sport ja einige Beispiele, wo über Fördervereine viel bewegt werden konnte. Selbst Olympiastützpunkte wie in Berlin haben einen Förderverein…
Als Vorlage haben wir die Satzung des „Förderkreis der Senioren im DSB e.V.“ genommen. Diese haben wir an unsere Bedürfnisse angepasst und Klaus Deventer, der auch die Gründungsversammlung leiten wird, hat seine Anmerkungen dazu gemacht. Wenn diese eingearbeitet sind, werde ich den aktuellen Stand an die Leute weitergeben, die sich bereits für eine Mitgliedschaft im Förderverein Inklusion entschieden haben. Die Gründungsversammlung ist im Rahmen des Schachgipfels für Montag, den 20. Juli 2026 geplant.
Kannst Du bereits Namen nennen, wer alles dabei sein wird?
Weitere Namen möchte ich noch nicht nennen – denn ich habe bislang nur Namen gesammelt, aber noch nicht abgefragt, ob ich diese Namen auch öffentlich machen darf. Es ist aber eine gewisse Prominenz aus dem DSB dabei: verschiedene Funktionsträger, Landesvorsitzende bzw. -präsidenten und mehrere Schachfreunde, die im Referat Inklusion bereits aktiv mitarbeiten.
Wie wird die Struktur des Vereins aussehen?
Der Förderverein soll eine sehr schlanke Struktur haben: Ein Vorstand bzw. Präsidium, bestehend aus drei Personen: Präsident, Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit, Vizepräsident Finanzen. Und ich träume von 1000 Mitgliedern – dann könnten wir unheimlich viel bewegen. Und ich finde, träumen muss erlaubt sein, oder?
Für Interessenten: Was kostet die Mitgliedschaft? Was müssen Interessenten tun?
Wer Interesse an einer Mitgliedschaft hat, darf sich jederzeit gerne an mich wenden. Beim Mitgliedsbeitrag haben wir an 30 Euro im Jahr gedacht. Selbstverständlich soll der Verein gemeinnützig sein. Wenn die Gründungsvorbereitungen abgeschlossen sind, nehmen wir Schwung – und dann richtig Fahrt auf.
Interessenten zum Thema Förderverein wenden sich bitte an: inklusion@schachbund.com
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36954