1. August 2026
Am frühen Abend kabelte Tatjana Melamed euphorisch aus Parbubice in Tschechien: „Wir sind Europameister!“ Die Begeisterung hatte sich bei der Trainerin der DSB-U12-Mädchen auch noch zwei Stunden später nicht gelegt, als sie im Telefonat sagte: „Das war wirklich der Hammer, was heute passiert ist. Wir sind sehr, sehr glücklich.“ In der siebten und letzten Runde traf am heutigen Samstag Team Germany 1 ausgerechnet auf Team Germany 3. Psychologisch, so Melamed, sei diese Auslosung schwierig für die Mädchen gewesen. Aber Team 1 mit Yuefan Chen und Tiffany Tu meisterte die Hürde, siegte in zwei engen Duellen 1,5:0,5 gegen Isabella Artemenko und Sara Vignesh. Weil zeitgleich Polen gegen die Türkei verlor, „was wir niemals erwartet hatten, weil die Polinnen Favoritinnen und so stark waren“, sagte Melamed, blieb am Ende Gold für die jüngste deutsche Nationalmannschaft. 11 Mannschafts-Punkte - und somit einer mehr als die Silber-Mädchen aus der Ukraine. Aus deutscher Sicht war dieser erste Titelgewinn bei einer Junioren-WM seit 2019 (damals im U18-Open) nicht der einzige Grund zum Jubeln: Das Schwestern-Team Dora Peglau und Charis Peglau holte Bronze bei der weiblichen U18.
Der Erfolg für Tiffany Tu und Yuefan Cheng - erste Früchte vom Baum der U12-Förderung, die bei DSB-Frauenschachreferentin Nadja Jussupow und Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler hohe Priorität genießt? „Ja“, sagt Melamed – und war mit den Gedanken schon weiter: „Jetzt müssen wir sehen, dass wir auch gute Nachfolgerinnen für die beiden finden.“ Bernd Vökler sagte, ihn habe der Titelgewinn von Tu/Chen nicht wirklich überrascht. „Das sind wirklich sehr starke Spielerinnen, die besten in dieser Altersklasse, die wir haben“, sagte er, „Mädchen mit sehr viel Ehrgeiz und Biss.“
Yuefan Chen reiste eigens für das Turnier aus Peking an, nimmt auch immer – trotz Zeitverschiebung - an den Extra-Trainingseinheiten für die U12-Mädchen mit Tatjana Melamed teil. „Das alles ist ihr nicht hoch genug anzurechnen“, sagt Vökler. Ähnliches gilt für Tiffany Tu, die sehr viel Zeit ins Training investiert und dabei von NRW-Auswahltrainerin Carmen Voicu-Jagodzinsky unterstützt wird. "Nach der Niederlage in der ersten Runde wollten wir einfach gute Partien spielen und aus unseren Fehlern lernen", sagten die beiden Mädchen.
Gemeinsam mit den Girls Super Tuesdays, dem Projekt von Nadja Jussupow, scheint jedenfalls die spezielle U12-Förderung talentierte Mädchen weiter voranzubringen. Auch Germany 2 mit Olivia Lukas und Sarah Ito, letztlich auf Rang 12, zeigten sehr viele gute Ansätze. Gerade Ito, Jahrgang 2015, gehöre die Zukunft, sagt Melamed: „Dieses Talent ist ja quasi für uns vom Himmel gefallen, wir haben sie über unser Programm entdeckt. Und weil sie weiter U12 spielen kann, setzen wir große Hoffnungen in sie.“
Die Hoffnungen des DSB ebenfalls voll erfüllt haben die U18-Mädchen Charis und Dora Peglau. Doch ihr Medaillengewinn verlief kaum weniger dramatisch. Denn obwohl sie nach eigener Aussage „gut drauf“ waren und „die Sache locker angingen“, erwiesen sich in der letzten Runde die Tschechinnen als zu harter Brocken. Bei Sieg wäre der ganz große Wurf gelungen, nun reichte es trotz Niederlage dank der besseren Wertung vor Rumänien und hinter der Ukraine und Tschechien immerhin noch zu Bronze. „Die eine oder andere Partie war sehr eng. Sie haben gekämpft und sind ihrem Status, zu den Top-Favoritinnen zu gehören, letztlich auch gerecht geworden“, so Bernd Vökler. Vielleicht war am Ende auch einfach der Akku leer, denn die Zwillinge hatten ja auch noch in Dresden mitgespielt – und waren direkt vom Schachgipfel nach Pardubice weiter gereist. Germany 3 mit Alicia Kovalskyy und Yueyi Chen kam auf Rang zwölf, das Schwestern-Team Tamila Trunz und Michelle Trunz landete auf Rang 15. Alle Erfolge, so Melamed, seien gar nicht hoch genug einzuschätzen, weil die Rahmenbedingungen nicht gut gewesen seien: „So eine schlechte Unterkunft, eine Pension drei Kilometer vom Spielort entfernt, teilweise mit Schimmel auf den Zimmern, habe ich noch nie erlebt.“
Noch in Blick zu den männlichen DSB-Talenten: Die beiden Teams litten unter Aufstellungssorgen, so Bernd Vökler. Kurzum: Im U18-Open kam das Ensemble mit Mykola Korchynskyi, Johannes von Mettenheim, Leon Philipp Klaska, Philipp Mester und Gregoire Nunez auf Rang zwölf. Die Mannschaft wurde von Alexander Krastev trainiert, der übrigens einer der U18-Europameister von 2019 war.
Im U12-Open musste sich das von Sergey Galdunts trainierte Ensemble am Ende mit einem siebten Rang bescheiden. Konstantin Müller, Peter Steinbrenner, Toshiya Aguike und Daniil Gusev hätten sich – ebenso wie die U18 – natürlich mehr erhofft, sagte Vökler. Der Bundestrainer wollte aber nicht hadern: „Es war insgesamt eine sehr erfolgreiche EM-Mission. Glückwunsch an alle, die den DSB wirklich sehr gut vertreten haben.“ (mw)
Offizielle Turnierseite | Ergebnisse bei Chess-Results (deutsche Mannschaften): U18, U18w, U12, U12w
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11785