13. November 2025
Andrey Esipenko ist ein junger Mann, der aus hartem Holz geschnitzt ist. Schon im März 2022 gehörte er zu einer Gruppe russischer Großmeister, die öffentlich klarmachten: Mit diesem Krieg gegen die Ukraine können sie sich nicht identifizieren. Seitdem spielt er unter FIDE-Flagge. Der Mann ist nicht nur politisch bemerkenswert mutig, er ist auch ein wirklich eisenharter Spieler, wie er am heutigen Donnerstag beim World Cup in Goa deutlich machte: Der 23-Jährige Esipenko, der auf großer Bühne auch schon den größten Großmeister Magnus Carlsen (2021 in Wijk aan Zee) besiegt hat, eliminierte GM Vincent Keymer. Der hat im Verlauf des Turniers mehrfach betont, wie schwer es sei, sich gegen Außenseiter zu behaupten – nun erwischte es ihn als Favoriten im Tiebreak, in der zweiten Runde Schnellschach. Endstand 1:3. Wie sehr er sich selbst als Underdog betrachtet habe, sagte der erstaunlich gelassen wirkende Esipenko (rund 100 Elo weniger als Keymer, Nummer 41 der Welt) danach: „Es fühlt sich gut an“, sagte er trocken. Er sei das überhaupt ganz entspannt angegangen, „ich habe mir gedacht, dass es ja nicht so schlimm ist, wenn ich heimfliegen muss.“ Dann das Geständnis: „Ich habe vor der Runde schon die Flugtickets gecheckt, mir mögliche Direktflüge nach Moskau rausgesucht.“ Das ist nun nicht mehr nötig. Noch nicht. Und das gilt, als Trost für alle deutschen Fans, auch für zwei DSB-Akteure: GM Frederik Svane und GM Alexander Donchenko stehen im Achtelfinale.
Die deutsche Nummer eins hatte ihre Chancen auch in dieser Runde - aber er verpasste sie. Und das war letztlich bitter für den sichtlich enttäuschten Keymer nach einem „harten Match, einer komplizierten Partie“, wie es Esipenko nannte: „Vincent ist ein Topspieler – aber ich habe es einfach geschafft, heute sehr gut zu spielen.“ Der Knackpunkt: Partie eins in der zweiten Schnellschach-Runde, ein Turm-Endspiel, in dem irgendwann Esipenkos Bauern-Übermacht nicht mehr zu stoppen war. Fortan stand Keymer mit dem Rücken zu Wand. Er, der 2025 bislang als sein Jahr betrachten konnte. Er eilte zuletzt von Sieg zu Sieg. Doch die Krönung des Erfolgsjahres bleibt nun aus, denn er, dessen Traum der WM-Titel ist, wird nicht beim Kandidatenturnier im Frühjahr auf Zypern dabei sein. Diese Hoffnung erhalten sich aber zwei weitere Deutsche, neben dem bereits qualifizierten GM Matthias Blübaum. GM Frederik Svane setze sich im Stechen schon in der ersten Runde gegen GM Shant Sargsyan durch – Endstand 2,5:1,5.
Der Blick von GM Matthias Blübaum ging am Mittwoch schon kurz nach 14 Uhr regelrecht immer wieder ins Leere. Er spürte, dass er längst keine Chance mehr hatte, nachdem er früh in die deutlich schlechtere Stellung schlitterte. „Eine hoffnungslose Situation.“ Das sagte irgendwann GM Jan Gustafsson, der Bundestrainer, der in Goa für die FIDE als Kommentator arbeitet, über den mit seinem vom Brett abschweifenden Blick irgendwann sehr uninspiriert wirkenden und die Hände vors Gesicht schlagenden Blübaum. Der hat zuletzt wirklich famos gespielt – diesmal wirkte er am Ende müde, überspielt. Natürlich traf das seine immer zahlreicher werdenden Fans mitten ins Herz, aber viele fanden auch rasch Trost: Es war schließlich ein deutsch-deutsches Duell. Ein DSB-Akteur war also weiter. GM Alexander Donchenko warf mit seinem, von Anfang bis Ende überzeugenden Sieg den eigenen Teamkollegen aus dem Wettbewerb - und war damit, historisch betrachtet, der erste Deutsche, der das Achtelfinale eines World Cups erreicht hat. Frederik Svane zog am Donnerstag nach. „Absolutely amazing“ fühle sich das alles an, sagte Donchenko in der Stunde seines Triumphes. Wirklich wundervoll, erstaunlich.
Wie sagen die deutschen Großmeister immer gerne: Man kennt sich zwar in- und auswendig – aber das macht solche direkten Auseinandersetzungen wahrlich nicht leichter. Im Gegenteil. „Wir kennen uns sehr gut und wissen genau, wie man sich auf den anderen vorbereitet“, so Donchenko nach der Partie: „Das hat in diesem Fall für mich besser funktioniert.“ Er sei froh, dass er Blübaum letztlich doch überraschen konnte, nachdem es anfangs eine zutiefst ausgeglichene Partie war. Aber, und das ist es ja, was die Fans seit Wochen elektrisiert: Blübaum ist bereits für Kandidatenturnier qualifiziert, das vom 28. März bis 16. April 2026 auf Zypern stattfinden wird. Deshalb sei, so Gustafsson, sein Ausscheiden „nicht so schlimm“. Und Donchenko nährt nun durch sein Weiterkommen zusätzliche deutsche Schach-Hoffnungen. Eine neue Außenseitergeschichte (Frederik Svane passt da auch dazu) – das wäre ganz nach dem Geschmack vieler in der Schwachwelt. Er selbst betonte, er gehe alles locker an, sei hochmotiviert - und glaube an seine Chance, wie er schon in der Runde zuvor gegen GM Anish Giri bewiesen habe.
Weil am Dienstag alle vier Deutschen den Punkt teilten, war schon der Mittwoch automatisch spannend. Und für alle das Tie-Break sehr wahrscheinlich. Und so kam es auch für zwei. Donchenko fühlte mit den beiden Nationalmannschaftskollegen: „Das ist hier ein sehr ermüdendes Event“, sagte er, „ich bin froh, dass mir der Tiebreak erspart bleibt.“ Und vor allem: Ihm blieb ein trauriges Turnierende erspart, das nun Keymer ereilte. (mw)
Redaktion: Der Artikel wird bis zum Ende der Stichkämpfe am 13. November ständig aktualisiert.
Großmeister, Elo 2773, Nr. 4 der Weltrangliste
Vincent Keymer ist ausgeschieden.
* Nicht offiziell in der Weltrangliste.
Großmeister, Elo 2687, Nr. 41 der Weltrangliste
Matthias Blübaum ist ausgeschieden.
Großmeister, Elo 2641, Nr. 85 der Weltrangliste
Großmeister, Elo 2638, Nr. 88 der Weltrangliste
| Br. | Spieler | Elo | - | Spieler | Elo |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2638 | - | 2771 | ||
| 2 | 2697 | - | 2644 | ||
| 3 | 2689 | - | 2624 | ||
| 4 | 2729 | - | 2641 | ||
| 5 | 2684 | - | 2654 | ||
| 6 | 2611 | - | 2693 | ||
| 7 | 2754 | - | 2698 | ||
| 8 | 2722 | - | 2773 |
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