3. September 2026
Eines vorneweg: Ihr Deutsch ist perfekt. Kein Wunder, denn Yuefan Chen besucht eine deutsche Schule. Gemeldet ist sie für den Düsseldorfer Schachverein 1854. Auch das soweit ganz gewöhnlich. Aber, und jetzt kommt es: Die Zwölfjährige wohnt in Peking, spielt aber mit voller Leidenschaft für den Deutschen Schachbund. Und das immer erfolgreicher. 2024 holte sie bei der Jugend-EM in Prag Silber bei der U10. 2026 gewann sie erst den Deutschen Meistertitel U12 in Willingen – und im August Gold im Team mit Tiffany Tu bei der EM in Pardubice, Tschechien. Es war der erste EM-Triumph für den DSB seit sieben Jahren. Zeit für die DSB-Öffentlichkeitsarbeit, mit dieser jungen Spielerin mal in Kontakt zu treten – Luftlinie 7.300 Kilometer. Lest selbst, wie spannend und aufregend ein Schachleben auch in jungen Jahren schon sein kann.
Yuefan, es sind jetzt einige Wochen seit Pardubice vergangen: Wie groß ist noch die Freude über Deine Goldmedaille bei der Jugend-EM?
Ich freue mich natürlich immer noch sehr darüber! Direkt nach einem Turnier denke ich aber oft eher: „Wie, schon vorbei? Ich habe doch noch gar nicht genug gespielt.” Während des Turniers denkt man jeden Tag an die nächste Partie - und manchmal vergeht die Zeit dann unglaublich schnell. Jetzt, ein paar Wochen später, merke ich erst richtig, wie besonders diese Goldmedaille eigentlich ist. Ich bin sehr glücklich, dass ich Deutschland bei der Europameisterschaft vertreten durfte, und ich bin natürlich auch sehr dankbar für die Unterstützung, die ich bekommen habe.
Du hast - wieder einmal - große Mühen auf Dich genommen, um für Deutschland in Tschechien zu spielen. Wie sah das logistisch aus? Wie lange bist Du aus Peking unterwegs? Wie groß ist der Stress?
Die Reise von Peking nach Europa ist natürlich ziemlich lang. Man muss viele Stunden fliegen, manchmal umsteigen - und danach noch weiter zum Turnierort fahren. Nach einer langen Reise braucht man natürlich ein bisschen Zeit, um wieder in einen guten Rhythmus zu kommen, vor allem wegen der Zeitverschiebung, Aber ich bin inzwischen daran gewöhnt und versuche, alles gut zu planen. Wenn man nur denkt „Oh, das ist aber weit und anstrengend”, dann fühlt es sich wahrscheinlich auch so an. Aber wenn ich vielmehr daran denke, dass ich zu einem schönen Turnier fahre, gleichzeitig auch lokale Sehenswürdigkeiten am Turnier-Ort anschauen kann, dann freue ich mich darauf und bin gespannt. Deshalb ist die lange Reise für mich nicht so schlimm.
Die Zeitverschiebung nach Peking beträgt sechs, im Winter sogar sieben Stunden. Trotzdem nimmst Du regelmäßig an den Trainingseinheiten des DSB teil. Musst Du dafür mitten in der Nacht aufstehen?
Nein, zum Glück nicht. Die Trainingseinheiten des DSB finden immer Freitag abends nach Pekinger Zeit statt. Für mich ist es dann noch nicht so spät, außerdem habe ich am nächsten Tag keine Schule. Deshalb lässt sich das eigentlich ganz gut organisieren. Manchmal wird es etwas später, das stimmt - aber ich finde es sehr schön, dass ich durch das Online-Training weiterhin am Training des DSB teilnehmen kann, obwohl ich in Peking lebe.
Warum ist Dir der DSB so wichtig?
Meine Eltern haben früher wegen ihrer Arbeit in Deutschland gelebt und gearbeitet. Deutschland ist für mich ein ganz besonderer Ort. Ich fliege fast jedes Jahr nach Deutschland, um mit meiner Familie Urlaub zu machen - zum Skifahren oder einfach, um Sehenswürdigkeiten zu besuchen. In den letzten Jahren habe ich das auch immer mit der Deutschen Jugend-Einzelmeisterschaft verbunden. Deshalb habe ich auch heute noch eine besondere Verbindung zu Deutschland. Wir werden vielleicht irgendwann wieder in Deutschland leben - aber das hängt auch von der Arbeit meiner Eltern ab.
Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler sagt, er habe selten ein Talent gesehen, das so ehrgeizig und diszipliniert daran arbeitet, eine noch bessere Spielerin zu werden. Wie nimmst Du so ein Lob an?
Natürlich freue ich mich darüber und bin auch sehr dankbar für dieses schöne Lob. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich noch sehr viel lernen muss. Nach jedem Turnier gibt es eigentlich immer Dinge, die ich noch besser machen möchte. Ich finde, das ist auch das Schöne am Schach: Man kann immer etwas Neues lernen. Deshalb sehe ich so ein Lob vor allem als Motivation.
Aus dem chinesischen Sport kennen wir die Bilder von den Tischtennis-Spielerinnen. Das sieht oft nach sehr harter Arbeit aus. Kann man das auf Schach übertragen? Wie viele Stunden trainierst Du zum Beispiel pro Woche? Und hast Du auch Trainer vor Ort, oder läuft das alles online?
Ich glaube, Schach ist etwas anders als Sportarten, bei denen man jeden Tag viele Stunden körperlich trainieren muss. Für mich ist Schach etwas, das ich sehr gerne mache - aber es ist nicht mein ganzes Leben. Ich gehe zur Schule, habe Freunde und viele andere Interessen. Deshalb möchte ich nicht meine ganze Zeit nur mit Schach verbringen. Ich glaube auch nicht, dass man automatisch besser wird, nur weil man am längsten trainiert. Für mich ist es wichtiger, dass man lange Spaß am Schach hat und immer wieder etwas Neues lernt. Ich spiele auch Klavier, mag Tischtennis und Skifahren, mich mit Freunden treffen. Ich finde es schön, wenn es im Leben nicht nur um eine Sache geht. Wenn ich immer nur Schach machen würde, wäre ich wahrscheinlich irgendwann auch ein bisschen müde davon. Und manchmal ist es auch gut, etwas ganz anderes zu machen. Wenn ich danach wieder Schach spiele, bin ich oft entspannter und habe wieder mehr Lust darauf.
Wer sind Deine Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen in Sachen Schach in Deutschland?
Wenn ich eine Person besonders nennen soll, dann auf jeden Fall Frau Verena Wunderlich (Anm. d. Red: Jugendwartin ihres Vereins Düsseldorfer SV 1854). Wir kennen uns schon lange – da habe ich noch gar nicht in Deutschland Turniere gespielt. Sie hat mir seitdem sehr viel geholfen und sich immer für meine Entwicklung interessiert. Gerade, weil ich heute weit weg in China lebe, bedeutet es mir sehr viel, jemanden in Deutschland zu haben, der mich schon so lange kennt, mit mir in Kontakt bleibt und mich unterstützt. Für mich ist sie nicht nur eine wichtige Ansprechpartnerin im deutschen Schach, sondern auch jemand, der mich schon lange begleitet und unterstützt. Dafür bin ich ihr wirklich sehr dankbar. Ich möchte aber auch Tatjana Melamed (Anm. d. Red.: DSB-Trainerin) danken. Weil ich in Peking lebe, ist Online-Training für mich sehr wichtig. Tatjana hat mir mit ihrem Online-Training sehr geholfen, und dadurch kann ich auch aus China weiterhin mit dem deutschen Schach verbunden bleiben. Und natürlich möchte ich auch Carmen Jagodzinski (Anm. d. Red.: Landestrainerin des Schachbundes NRW) danken, die bei der Mannschafts-EM als Trainerin vor Ort dabei war. Bei einem Turnier ist es sehr wichtig, jemanden wie sie vor Ort zu haben - der einen unterstützt, mit einem spricht und einem Mut macht. Carmen hat mir während des Turniers sehr geholfen und mich unterstützt, und dafür bin ich ihr ebenfalls sehr dankbar. Natürlich gibt es auch viele andere Trainerinnen, Trainer, Spielerinnen, Spieler und Freunde in Deutschland, die mir geholfen haben. Ich freue mich sehr über diese Kontakte und bin ihnen allen dankbar.
Eine ganz einfache Frage: Was bedeutet Dir Schach?
Für mich ist Schach ein Hobby, das ich wirklich sehr gerne mag, und ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich mag es, nachzudenken und während einer Partie immer wieder neue Ideen zu finden. Manchmal sieht eine Stellung zuerst sehr schwierig aus und dann findet man plötzlich doch noch einen Weg. Das finde ich spannend. Durch Schach habe ich außerdem viele verschiedene Orte gesehen und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern kennengelernt. Aber, wie gesagt: Schach ist nicht mein ganzes Leben. Ich finde, es gibt auch jenseits des Schachbretts viele schöne und interessante Dinge.
Wie sieht Dein Alltag in China aus? Welche Schule besuchst Du, wie sehr pflegst Du die deutsche Sprache - und auch die Kontakte zu Spielerinnen in Deutschland? Sind das Freundinnen – trotz der großen Entfernung?
Mein Alltag ist eigentlich ziemlich normal. Ich gehe zur Schule, mache Hausaufgaben und habe je nach Zeit Schachtraining oder spiele Turniere. Ich besuche in China eine deutsche Schule. Deshalb haben wir Unterricht auf Deutsch, genau wie Schülerinnen und Schüler in Deutschland. So nutze ich die deutsche Sprache also jeden Tag, sie ist ein ganz normaler Teil meines Lebens. Zu einigen Spielerinnen und Freunden in Deutschland habe ich weiterhin Kontakt. Natürlich ist die Entfernung groß und wir können uns nicht ständig sehen. Aber durch das Internet und bei Turnieren können wir trotzdem immer wieder miteinander sprechen oder uns treffen. Und ja, einige sind für mich wirklich Freundinnen - und nicht nur Gegnerinnen am Schachbrett.
Spielst Du auch in China OTB-Turniere? Und wenn ja, welche?
Ja, wenn es mit der Schule und meinen anderen Terminen passt, spiele ich auch in China Turniere am Brett. Ich kann natürlich nicht jedes Turnier spielen, weil ich auch zur Schule gehe und manchmal für internationale Turniere reise. Deshalb schaue ich immer, was zeitlich gut passt.
Was ist Dein Plan für die Zukunft? Was möchtest Du im Schach erreichen?
Ich möchte mich einfach weiter verbessern. Ich habe im Moment noch kein ganz bestimmtes, sehr weit entferntes Ziel, weil ich denke, dass es im Schach noch so viel zu lernen gibt. Ich möchte Schritt für Schritt besser werden. Und natürlich würde ich mich sehr freuen, Deutschland auch in Zukunft bei wichtigen Turnieren vertreten zu dürfen.
Was liebst Du an Deutschland? Und was liebst Du an China?
Beide Länder sind für mich wichtig, In Deutschland Ich habe viele Freunde und schöne Erinnerungen. China ist der Ort, an dem ich jetzt lebe und zur Schule gehe. Ich mag die Kultur, das Essen und mein Leben hier. Ich finde es schön, dass ich beide Länder und beide Kulturen kennenlernen und erleben kann.
Wann sehen wir Dich wieder für den DSB am Brett?
Ich hoffe, möglichst bald. Wenn sich Schule, Turniere und die Reisen gut miteinander vereinbaren lassen, möchte ich natürlich sehr gerne weiterhin für Deutschland spielen.
Interview: mw
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37130