... und nochmals: WM Prag

23. März 2020

ein persönlicher Rückblick von Britta Leib

Als Spielerin und Mannschaftsführerin der 2. deutschen Frauenmannschaft im Wettbewerb 50+ möchte ich einige Eindrücke von der Senioren-Mannschafts-WM 2020 in Prag wiedergeben. Unsere Mannschaft war im Prinzip eine „ursächsische“. Alle Spielerinnen spielen oder spielten einmal in Sachsen in einem Verein. Daher kannten wir uns natürlich auch ganz gut.

Unsere Anreise verlief mit dem EC von Kiel nach Prag problemlos. Ich stieg in Neumünster ein, Katja kam in Berlin dazu; Kerstin und Martina stiegen in Dresden zu. Petra hatte den „Luxus“, von ihrem Mann direkt nach Prag gefahren zu werden. Wir hatten uns im Hotel „Olympik Congress“ mit Vollverpflegung einquartiert. Das Hotel war ca. 5km vom Stadtzentrum entfernt; mit der kostengünstigen Metro- (ca. 1€ für 30 Minuten, alle 3 Minuten) bzw. Bahnanbindung war das kein Problem. Das Hotel war eine gute Entscheidung, wenn auch das Turnier 50+ im nahe gelegenen Hotel „Olympik“ stattfand. Gleich in der ersten Runde spielte ich 5,5 Stunden lang und wir schafften es noch vor 21 Uhr zum gemeinsamen Abendessen zu gehen. Ansonsten hätten unsere Mägen wohl sicherlich noch eine Stunde länger warten müssen.
Das 4-Sterne-Hotel entsprach erwartungsgemäß nicht unserem deutschen 4-Sterne-Niveau, aber alles war sauber und ordentlich, das Essen gut und abwechslungsreich. An der Rezeption sprach man natürlich Englisch; Deutsch ist aber offensichtlich bei der jungen Generation nicht mehr so in.

Das Anmeldeverfahren war vom Ausrichter gut vorbereitet (es gab auch gleich ausreichend Infomaterial für Ausflüge in vielen Sprachen), hätte aber viel einfacher sein können. Erst als ich die Mannschaft anmeldete, erfuhr ich, dass die Anmeldung erst mit der Bezahlung der Hotels aller Spielerinnen abgeschlossen sein wird. Da ich ungern einen 4stelligen Euro-Betrag bezahlen wollte, war ich dann am Abend gleich dreimal im Anmeldebereich zu finden, um den Spielerinnen meiner Mannschaft den Weg zu weisen. Dies hätte man mit der Ausschreibung bekannt geben oder mit der Möglichkeit einer Vorab-Überweisung umgehen können.

Die beiden Turniere fanden in 2 Hotels statt. Leider mit der unschönen Kleinigkeit, dass die Spiele Nr. 22-27 des 50+-Turniers im Turniersaal des 65+-Turniers ausgetragen wurden. Auch hatte unser Turnier keinen Analyseraum. Die FIDE hat offensichtlich die Umsetzung der Anti-Betrugsrichtlinien enorm verschärft. So durften die Spieler keine Uhren tragen (auch keine analogen), am Eingang gab es getrennte Zugänge für Spieler und Zuschauer; Metalldetektoren wurden zur Prüfung eingesetzt. Mobile Geräte jeglicher Art durften selbstverständlich nicht mit in den Turniersaal gebracht werden. Um wenigstens ein einziges Foto von der Mannschaft zu schießen, holte ich mir vom Hauptschiedsrichter die Genehmigung, vor der Partie ein Foto mit meinem Smartphone zu machen. Jegliche noch so kleine Unterhaltung zwischen den Spielern war verboten (also auch: „Hol mir mal bitte ein Glas Wasser“ war nicht erlaubt), lediglich die Frage nach Remis-Angebot bzw. -Annahme durfte an den Mannschaftsführer gerichtet werden. Die Bereiche für die Zuschauer waren extrem klein, man konnte allenfalls ein paar wenige Begegnungen einsehen. Im 50+-Turnier wurde der Zuschauerbereich zur 3. Runde ein wenig vergrößert, so dass man dann wenigstens auf 9 der 21 Begegnungen im Saal einen Blick werfen konnte. Die Spieler hatten an ihrer ID-Karte ein rosa Bändchen hängen, der Mannschaftsführer zusätzlich ein gelbes. Sofort nach Beendigung der Partie wurde das rosa Bändchen entfernt, um den Spieler zum Zuschauer zu deklarieren. Der Blick auf die Bretter der Mannschaft wurde verwehrt, man wurde freundlich zum Ausgang begleitet. Anfangs geschah dies auch mit den Mannschaftsführern selbst, wurde aber nach diversen Protesten eingestellt.
Auffällig (positiv) war, dass das gesamte Team der Schiedsrichter und Helfer sehr jung war. Alle waren mit Freude, Hingabe und Freundlichkeit bei der Sache und sorgten für eine sehr gute Ausrichtung der beiden Turniere. Die Mannschaftsaufstellungen (1 Ersatzspieler/in war erlaubt) konnten zwischen der abendlichen Auslosung und morgens um 10 Uhr online abgegeben werden.

Petra Schulz, Katja Sommaro, Kerstin Arnhold, Martina Nobis

Der tägliche Rundenbeginn um 15 Uhr war für ein Seniorenturnier ungewöhnlich. Mannschaften ohne Ersatzspieler hatten somit kaum Zeit, die Stadt zu erkunden.
Unser Turnier startete mit 55 Mannschaften. Erfreulich war die Teilnahme von 7 Frauenmannschaften aus 5 Nationen. In der Auftaktrunde gab es ein erwartetes 0:4 gegen Yamal (Russland), nachdem ich nach langem Kampf ums Remis im Endspiel dann doch die fehlerhafte Fortsetzung fand. Einem Sieg über eine Mannschaft aus Wales folgte eine erneute Niederlage gegen eine Mannschaft aus Tschechien. Anschließend kam Malaysia. Das Besondere an dieser Mannschaft war, dass sie ohnehin nur 3 Spieler gemeldet hatten, wobei dann noch einer krank wurde. Mit einer Sondergenehmigung der FIDE durften sie trotzdem starten und schlugen sich wacker (7,5 Punkte aus 12 Partien). Auch uns gelang nur ein Remis und damit der knappe Sieg. An diesem Tag hatte somit unsere Freispielerin zweifache Begleitung bei der Erkundung der Stadt. In Runde 5 gab es ein spannendes Duell gegen „USA 4 Brothers“. Die 4 Brüder, geboren in Myanmar, haben sogar noch 2 weitere Brüder, die aber nicht so gut Schach spielen ?. Nach aufopferungsvollem Kampf am letzten Brett verloren wir knapp. Der Gegner in Runde 6 war wieder eine tschechische Mannschaft, wobei uns alle Spieler mit einem kleinen Geschenk ihres Vereins überraschten. Nominell sollte es ein Spiel auf Augenhöhe sein, aber wir verloren klar. In der letzten Runde wollten wir unbedingt noch einmal gewinnen. Und es sah auch sehr gut aus. Kerstin startete einen Mattangriff, aber übersah zwischendurch einen Figurenverlust. Ich lehnte Remis ab und sicherte das 1:1. Zu diesem Zeitpunkt standen Katja klar besser und Petra auf Gewinn. Leider kamen beide nicht über ein Remis hinaus. Somit beendeten wir das Turnier mit 5:9 Mannschaftspunkten auf Rang 41 (Startplatz 34). Zu unserem Entsetzen sahen wir später, dass ein halbes Pünktchen mehr zum 3. Platz in der Frauenwertung gereicht hätte. Diese gewann klar das Team aus Russland vor Tschechien. Ab Platz 3 für Lettland (Rang 36) folgten dicht gedrängt die weiteren Frauenteams.

Wie inzwischen allseits bekannt, wurde die WM leider nach 7 Runden abgebrochen. Das Thema “Corona-Virus“ schnellte innerhalb von 2 Tagen in Tschechien von 0 auf 100. Vor der Runde 5 wurden nach einem Erlass der tschechischen Regierung nur noch Veranstaltungen mit maximal 100 Personen erlaubt. Bei 65+ wurde der Turniersaal durch Trennwände in kleinere Räume geteilt; bei 50+ wurde ein zweiter Saal eingerichtet. Für Zuschauer gab es keinen Einlass mehr. Ab da setzten sich die ersten Mannschaften ab, leider nicht unbedingt mit Abmeldung bei der Turnierleitung, so dass es etliche kampflose Ergebnisse gab, die die Tabellen letztlich noch durcheinander wirbelten. Vor der 7. Runde hatte die tschechische Regierung erneut die Bedingungen verschärft. Um 14 Uhr wurde bekannt gegeben, dass (ab Freitag, Runde 8) nur noch 30 Personen je Raum erlaubt sind. Damit war die weitere Austragung des Turniers nicht mehr möglich. Wir wurden kurz vor Rundenbeginn darüber informiert, auch darüber, dass nur die Preisträger zur abendlichen Siegerehrung erscheinen dürfen. Im Laufe des Abends sickerte durch, dass die Grenzen beizeiten geschlossen werden. Also war angesagt, das Land zügig zu verlassen. Petras Mann erreichte die Grenze noch vor Mitternacht. Ab Freitagnacht fuhren die Züge nur noch bis zur Grenze. Für uns Bahnfahrer waren die Online-Infos der Deutschen Bahn recht mau (kostenpflichtiger Storno und (teurerer) Neukauf einer Fahrkarte), so dass ich mich direkt zum Hauptbahnhof begab, um den Tickettausch zu klären. Das klappte dann auch ganz unkompliziert und kostenfrei mit der gewohnten Höflichkeit der tschechischen Kollegin am Schalter. Die Rückfahrt begann zwar mit 30 minütiger Verspätung verlief aber ganz gut. Im Gegensatz zur Deutschen Bahn holte die Tschechische Bahn die 30 Minuten zwischen Prag und Hamburg bis auf 6 Minuten wieder auf!
Prag war wieder mal eine Reise wert, leider mit abruptem Ende.

// Archiv: DSB-Nachrichten - Senioren // ID 23614

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