12. September 2026
Dass viele junge Mädchen sie als Vorbild sehen, freut Dinara Wagner sehr – bedeutet für sie aber auch eine große Verantwortung, der sie mit ihrem Einsatz gerecht werden will. Seit 2022 spielt die in Kalmückien – im südlichen europäischen Teil Russlands – geborene Großmeisterin für Deutschland. Anfangs habe sie sich selbst viel Druck gemacht, mittlerweile ist sie vollständig eingewöhnt: Die Bronzemedaille mit dem Team bei der EM in Batumi habe gezeigt, wie gut eingespielt die Mannschaft inzwischen ist. Nach Chennai 2022 und Budapest 2024 ist Samarkand nun bereits ihre dritte Olympiade. Ihre Rolle im Team hat sich dabei stetig gewandelt: Während sie mit ihrem Verein SC Viernheim in einem Weltklasseteam an einem der hinteren Bretter spielt, führte sie die Nationalmannschaft bereits bei der Team-EM 2025 in Batumi am ersten Brett an. Mit der Olympiade in Samarkand steht nun eine noch größere Bühne an – "das ist nochmal eine andere Dimension", wie sie selbst sagt. Sportlich lief 2026 bislang nicht nach Plan: Die Titelverteidigung bei der Deutschen Meisterschaft in Dresden verpasste sie knapp, es folgte ein enttäuschendes Open in Dortmund. Nach einer bewussten zweiwöchigen Pause ganz ohne Schachfiguren kehrte die Motivation zurück. Seit 2022 hat sie die Deutsche Meisterschaft bzw. das German Masters dennoch bereits drei Mal gewonnen, ihr bisher größter Erfolg bleibt der Gewinn des Frauen Grand Prix in Nikosia.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Es ist mir eine große Ehre, Deutschland bei der Schacholympiade zu vertreten, nach Chennai 2022 und Budapest 2024 ist dies nun meine dritte Olympiade. Die Atmosphäre ist immer etwas ganz Besonderes, Schachspieler aus allen Ecken der Welt versammeln sich und feiern gemeinsam das Schachspiel.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Meine Vorbereitung unterscheidet sich nicht wirklich von anderen Turnieren, ich arbeite an meinen Eröffnungen und löse Taktikaufgaben, um beim Turnier in bestmöglicher Form zu sein.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Ich werde am ersten Brett auf viele starke Gegnerinnen treffen, das ist immer eine besondere Herausforderung. In Budapest und Batumi konnte ich schon einige Erfahrungen mit dieser verantwortungsvollen Rolle sammeln und fühle mich damit wohl.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Ich denke, dass jedes Team in den Top 10 eine realistische Chance auf den Titel hat, dazu gehört auch Deutschland. Bei der Team-EM in Batumi haben wir bereits gezeigt, dass wir Medaillen holen können, daran wollen wir anknüpfen.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
2026 läuft bis jetzt nicht ganz nach meinen Erwartungen, die letzten Turniere waren eher enttäuschend. Ich mache mir aber keine großen Sorgen, Höhen und Tiefen gehören zum Sport dazu.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Der Gewinn des Frauen Grand Prix in Nikosia war bisher definitiv mein größter Erfolg, aber am meisten habe ich mich gefreut, als Dennis und ich gemeinsam das German Masters 2023 in Rosenheim gewonnen haben, das war ein unvergesslicher Moment.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Wir ergänzen uns gut! Jede Spielerin ist anders und hat ihre ganz eigene Spielweise, aber wir alle haben das gleiche Ziel und arbeiten gut zusammen. Auch abseits des Schachbretts verstehen wir uns gut.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Beim Schach lernt man nie aus, bei jeder Partie kann man etwas Neues entdecken!
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Als Nummer 10 der Startliste gehören wir nicht zum engsten Favoritenkreis, von daher können wir befreit und ohne großen Druck aufspielen, das kann ein Vorteil sein. Sobald ich am Schachbrett sitze, denke ich ohnehin nicht mehr über Erwartungen nach, dann zählt es nur noch, die besten Züge zu spielen.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Die Niederlage in der letzten Runde der Deutschen Meisterschaft in Dresden hat mich sehr geärgert.
Eine knappe Woche später ging es für mich weiter nach Dortmund und auch dort lief es nicht wie erhofft. Im Anschluss habe ich dann aber mal für zwei Wochen keine Schachfiguren angefasst und danach war ich wieder voller Motivation.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Samarkand kenne ich bereits von der Blitz- und Schnellschach WM 2024 und dem Grand Swiss 2025, daher weiß ich, was mich erwartet: leckers usbekisches Essen und eine Stadt voller Geschichte mit beeindruckender Architektur!
Du bist in Kalmückien geboren und spielst seit 2022 für Deutschland – was bedeutet dir das Nationaltrikot heute, im Vergleich zu deinen Anfängen?
Heute wie damals ist es mir eine große Ehre und Freude für Deutschland zu spielen. Zu Beginn habe ich mir selbst viel Druck gemacht, da alles neu für mich war, mittlerweile habe ich mich aber voll eingewöhnt. Der 3. Platz bei der Team-EM in Batumi hat gezeigt, dass wir als Team gut eingespielt sind.
Bei der Deutschen Meisterschaft in Dresden hast du den Titel knapp nicht verteidigt – wie hast du dieses Ergebnis für dich eingeordnet, kurz vor der Olympiade?
Die verpasste Titelverteidigung war sehr schade, insbesondere, da ich gut ins Turnier gestartet war und mit der Qualität meiner Partien zufrieden war. Aber letztendlich habe ich seit 2022 die DEM bzw. das German Masters bereits drei Mal gewonnen, von daher ist es nicht das Ende der Welt.
Du warst lange die deutsche Nummer eins der Frauen – wie erlebst du die wachsende Konkurrenz im Team?
Ich habe schon viele Partien gegen meine Teamkolleginnen bestritten, sowohl bei der DEM als auch in der Frauenbundesliga und bei anderen Turnieren.
Bei der Olympiade sind wir aber alle im gleichen Team, da gibt es keine Konkurrenz.
Du wirst oft als Integrationsfigur im deutschen Schach beschrieben – wie siehst du diese Rolle selbst?
Ich habe davon gehört, dass viele junge Mädchen mich als Vorbild sehen, das freut mich sehr, ist aber auch eine große Verantwortung. Ich gebe mein Bestes, um dieser Rolle gerecht zu werden.
Mit dem SC Viernheim hast du mehrfach die Bundesliga gewonnen – was unterscheidet für dich Vereins- vom Nationalmannschaftsschach?
Unterschiede gibt es viele, von Format über Teamgröße bis Turnierdauer. In Viernheim spiele ich in einem Weltklasseteam an einem der hinteren Bretter, bei der Olympiade werde ich die Mannschaft am ersten Brett anführen und das ganze Land schaut zu. Das ist nochmal eine andere Dimension.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37144