10. September 2026
Wer sich zu sehr auf Zahlen und Titel versteift, läuft Gefahr, sich selbst im Weg zu stehen – das ist Frederik Svanes Überzeugung, die ihm schon von seinen Eltern und seinem Umfeld in der Jugend mitgegeben wurde. Das Erreichen gesetzter Ziele könne schnell zu Motivationslosigkeit führen und genau daran würden viele Schachspieler in der Praxis leiden. Seine gesündere Alternative: jeden Tag sein Bestes geben, sich stetig weiterentwickeln und sich selbst immer wieder hinterfragen. Wie gut das funktioniert, zeigte sich beim World Cup 2025, als Svane in der dritten Runde den amtierenden Weltmeister Gukesh schlug – unter so vielen Kameras und Blicken, wie er sie zuvor noch nie erlebt hatte, wie er selbst erzählt. Nach seinem Olympia-Debüt 2024 in Budapest reist Svane nun zum zweiten Mal zur Olympiade. Dazwischen lag unter anderem ein monatelanger Einsatz als Sekundant für Matthias Blübaums Kandidatenturnier-Vorbereitung 2026, bei dem er sich vor allem mit Eröffnungsanalyse beschäftigte – bevor er mit einem Turniersieg in Sardinien selbst zurück in alte Form fand. Nach Samarkand reist er nun mit einer ganz besonderen Konstellation: Erstmals fährt er gemeinsam mit seinem Bruder Rasmus zur Olympiade – 2024 war Rasmus noch als Sekundant vor Ort, dieses Mal sitzt er selbst am Brett. Und die beiden Svane-Brüder werden wie schon im letzten Jahr bei der Team-EM in Batumi zusammen für die Nationalmannschaft auflaufen.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Natürlich freut es mich sehr Deutschland bei der diesjährigen Olympiade zu vertreten.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Eigentlich mache ich nicht viel anders als sonst. Vor kurzem habe ich noch in Spanien als Vorbereitung ein Turnier gespielt. Jetzt gilt es sich gut auszuruhen und mit voller Kraft, mental als auch physisch nach Samarkand zu reisen.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Als Team sollte unser Ziel auf jeden Fall sein, unseren Setzlistenplatz zu übertreffen. Eine Medaille wäre natürlich auch sehr schön. Aber die anderen Mannschaften sind so stark, dass dazu auch ein wenig Glück nötig ist.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Das Team der Aserbaidschan könnte für eine Überraschung sorgen. Sie haben einige junge Spieler mit viel Potenzial und mit GM Mamedyarov einen ehemaligen Topspieler, der mit seiner Erfahrung das Team leitet.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
Wechselhaft. Ich habe in diesem Jahr bisher nicht viele Turniere gespielt und wenn mit diversen Ergebnissen. Mir fehlt es seit einiger Zeit an Konstanz - daran muss ich arbeiten.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Der Matchsieg gegen Weltmeister Gukesh in der dritten Runde des World Cups 2025.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Wir verstehen uns alle sehr gut und unterstützen uns so gut wie es nur geht. Hoffentlich können wir dadurch besser mit Krisensituationen umzugehen.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Größtenteils mag ich den sportlichen Aspekt am Schach. Mir gefällt es einfach gegen andere zu konkurrieren. Auch der psychologische Kampf bei der Wahl der Eröffnungen und in den Partien finde ich spannend.
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Wichtig ist sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen und es wie andere Turniere anzugehen. Ich tendiere generell dazu gut bei wichtigen Turnieren abzuschneiden. Ein wenig Druck scheint mich generell nicht negativ zu beeinflussen.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Einen besonders schmerzhaften Moment hatte ich nicht in diesem Jahr bisher. Einige Partien habe ich verloren, das tut natürlich immer etwas weh. Aber es gehört dazu als Sportler gut mit Niederlagen umzugehen. Wichtig für mich ist auch nach Niederlagen eine gute Routine beizubehalten und schnell mental über die Verlustpartien hinwegzukommen.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Der Grand Swiss letztes Jahr wurde ja am gleichen Ort gespielt. Der Spielort und das Hotel sind sehr gut und die Architektur in Samarkand ist natürlich sensationell. Leider wohnen wir etwas außerhalb der Innenstadt. Aber ich bin mir sicher, dass wir auch an einem Tag dorthin fahren werden, um uns einige Sehenswürdigkeiten anzuschauen.
Du warst monatelang gemeinsam mit Dmitrij Kollars Sekundant für Matthias Blübaums Kandidatenturnier-Vorbereitung, bevor du selbst in Sardinien ein Turnier gewonnen hast – wie war der Übergang von der Arbeit im Hintergrund zurück zum eigenen Wettkampf?
Tatsächlich nicht so leicht. Monatelang hat man sich hauptsächlich nur mit dem Analysieren von Eröffnungen beschäftigt und einige praktischere Dinge, wie Taktiktraining und Variantenberechnung etwas vernachlässigt. Deshalb habe ich vor Sardinien größtenteils viele Aufgaben gelöst, um in den beiden Bereichen wieder auf ein gutes Niveau zu kommen. Ich habe viele Dinge während des Sekundierens gelernt, aber das auch in praktischen Partien anwenden zu können ist eine ganz andere Sache. In dem Prozess befinde ich mich gerade.
Beim World Cup 2025 hast du den amtierenden Weltmeister Gukesh geschlagen – was ist dir von diesem Sieg am meisten in Erinnerung geblieben?
In der ersten Partie des World Cups wurde an unserem Brett die Runde begonnen. Es waren so viele Kameras und Augen auf einen gerichtet, das habe ich so noch nie zuvor erlebt. Dieses Gefühl war wirklich unbeschreiblich und werde ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen.
Da war ich schon sehr nervös. Aber als die Partie begonnen hat, konnte ich das zum Glück größtenteils ausblenden und mich auf die Partie konzentrieren.
2024 in Budapest warst du im Olympia-Kader, während dein Bruder Rasmus es damals nicht schaffte – wie fühlt es sich an, jetzt gemeinsam mit ihm nach Samarkand zu fahren?
Mit Rasmus in einer Mannschaft zu spielen ist natürlich sehr schön. Letztes Jahr war ich bei der Team-EM in Batumi auch schon mit ihm in einer Mannschaft, daher bin ich bereits daran gewöhnt mit ihm in der Nationalmannschaft zu spielen. Bei der Olympiade 2024 war er als Sekundant vor Ort, jetzt hat er die Herausforderung als Spieler bei der Olympiade. Ich bin zuversichtlich, dass er das gut meistern wird.
Deine Eltern kommen beide aus Dänemark, dein Vater ist Cellist – wie sehr prägt diese Familiengeschichte deinen Blick auf das Nationaltrikot?
Ich wurde in Deutschland geboren und meine Schachausbildung fand auch in Deutschland statt.
Bilingual aufgewachsen zu sein macht mich froh, aber schachlich fühle ich mich aufgrund meiner Geschichte mit Deutschland verbunden.
Hier würde ich mich gerne bei dem Lübecker Schachverein, bei dem Schachverband Schleswig-Holstein und dem Hamburger Schachklub bedanken, die mir den Spaß am Schach vermittelt haben. Außerdem würde ich mich insbesondere gerne bei meinem Kindheitstrainer IM Sergey Salov sowie IM David Lobzhanidze bedanken. Ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.
Du hast einmal gesagt, du legst nie großen Wert auf Titel und machst einfach dein Ding – woher kommt diese Gelassenheit, gerade in einem Sport, der so sehr über Ratingzahlen und Titel definiert wird?
Meine Eltern und mein Umfeld hat mir diese Mentalität in meiner Jugend nähergebracht - das habe ich mir auch so zum Glück beibehalten.
Wichtig ist es mental zu verstehen, dass das Versteifen auf Zahlen und Titel sehr kontraproduktiv sein kann.
Man kann sich eigene Grenzen schaffen und das Erzielen von gesetzten Zielen kann auch schnell zu Motivationslosigkeit führen.
In der Praxis sieht man viele Schachspieler, die davon leiden.
Eine viel gesündere Mentalität ist, jeden Tag sein Bestes zu geben, den nötigen Aufwand zu betreiben seine eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und sich selbst immer wieder zu hinterfragen.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37139