2. Oktober 2025
Georgien ruft. Morgen werden die deutschen Spieler nach Batumi anreisen – das Frauen-Nationalteam (mit denen wir uns auf der DSB-Webseite ab Freitag intensiver beschäftigen) ist schon vor Ort. Die erste Runde startet am Sonntag, 5. Oktober, dann geht es (mit einem Ruhetag) Schlag auf Schlag bis zum 14. Oktober. Das sportliche Ziel des DSB-Teams mit GM Vincent Keymer, GM Matthias Blübaum, GM Rasmus Svane, GM Frederik Svane und GM Dmitrij Kollars ist klar – es wird eine Mission Gold, zu der sich die Athleten klar bekennen. Der Bundestrainer ist im Grunde seines Herzens kein Freund solcher Prognosen. Er weiß: Zu viel kann passieren. Aber klar, an Nummer eins gesetzt, könne er keine Kritik an einer solch ambitionierten Zielsetzung seiner Jungs formulieren, betont GM Jan Gustafsson im DSB-Interview. Zumal: Beim letzten Mal, 2023 in Montenegro, verlor man den Titel nur ganz knapp an Serbien. Das DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit mit Matthias Wolf und Finn Engesser hat Gustafsson und Matthias Blübaum in Lemgo besucht. Wer das Video zum Gipfeltreffen noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Worauf Jan Gustafsson aber auch im Gespräch mit Matthias Wolf zurecht verweist: Die Konkurrenz schläft nicht und bietet auch starke Großmeister auf. Interessant aber in jedem Fall: Deutschland ist mittlerweile im Männerbereich die Nummer eins in Europa, weltweit weist die FIDE-Elo-Rangliste der zehn besten Spieler des Landes den DSB das auf dem fünften Platz aus, hinter Schach-Giganten wie den USA, Indien, China und Russland. „Wir stehen aktuell schon sehr gut da mit unserer jungen und noch sehr entwicklungsfähigen Mannschaft“, betont auch DSB-Sportdirektor Kevin Högy, „und ja, unser Anspruch muss schon sein, dass wir in Georgien Erster werden.“
Deutschland geht mit einem Elo-Schnitt von 2681 als Nummer eins der Setzliste ins Turnier. Doch mit GM Anish Giri (2759, Niederlande), GM Shakhriyar Mamedyarov (2742, Aserbaidschan) und GM Richard Rapport (2724, Ungarn) sind absolute Weltklassespieler am Start. Auch GM Vladimir Fedoseev (2720, Slowenien) und GM Kirill Alekseenko (2679, Österreich) bringen reichlich Erfahrung aus der Weltspitze mit.
Besonders Ungarn, an Nummer drei gesetzt, wirkt gefährlich. Das Team ist breit aufgestellt, hat mit GM Peter Leko, dem Trainer von Keymer, eine Legende in seinen Reihen - und mit Rapport einen aktuellen Weltklassespieler am Spitzenbrett.
Auch Armenien kann ein echter Geheimfavorit sein. Mit einem Elo-Schnitt von 2638 sind die Armenier zwar nur an sechs gesetzt, doch erstaunlicherweise sind GM Gabriel Sargissian und GM Aram Hakobyan mit jeweils 2624 Elo die Spieler mit der niedrigsten Wertungszahl. Armenien bringt fünf Großmeister zwischen 2624 und 2667 Elo an die Bretter – vielleicht keinen Superstar wie einst GM Levon Aronian, aber durchweg starke Spieler.
Anders sieht es bei klassischen „Ein-Mann-Teams“ aus. Slowenien (nur an 12 gesetzt) hat mit GM Vladimir Fedoseev einen echten Weltklassespieler am Spitzenbrett. Österreich, an 17 gesetzt, verfügt mit GM Kirill Alekseenko ebenfalls über einen Mann, der jeden schlagen kann. Auch Kroatien mit GM Ivan Saric (2661) und Rumänien mit GM Bogdan-Daniel Deac (2655) besitzen starke Spitzenbretter, aber weniger Tiefe im Kader.
Fakt ist: Die EM bietet auch spannende Generationenduelle. Auf der einen Seite stehen Routiniers wie GM Michael Adams (England), GM Peter Leko, GM Alexei Shirov (Spanien) oder GM Ruslan Ponomariov (Ukraine) – allesamt frühere WM-Kandidaten oder Top-Ten-Spieler. Auf der anderen Seite treten junge Talente wie GM Marc Andria Maurizzi (Frankreich, 18 Jahre alt) oder GM Ediz Gurel (Türkei, 16 Jahre alt) an. Gegen beide spielte Vincent Keymer erst kürzlich beim FIDE Grand Swiss – und dort zeigte sich, wie stark die neue Generation ist. Er holte gegen die beiden insgesamt nur einen halben Punkt, weil er gegen Maurizzi seine einzige Partie im Turnier verlor. Was ihn letztlich auch die Teilnahme am Kandidatenturnier kostete.
Jan, Du hast jetzt mit Matthias einen zweiten Spieler im Team, der – wie er beim Grand Swiss bewiesen hat – im Prinzip jeden Super-Großmeister schlagen kann. Ein gutes Gefühl für Dich mit Blick auf die EM in Batumi?
Prinzipiell kann niemand jeden Großen schlagen – das kommt doch immer sehr darauf an, wie es läuft. Natürlich freuen wir uns, dass Matthias zuletzt super stark gespielt hat - aber am Ende des Tages brauchen wir fünf gute Spieler. Es geht immer darum, die zweieinhalb Punkte zu machen und nicht um ein einzelnes Match.
Ihr seid aber jetzt zweifellos der Top-Favorit in Batumi. Folgerichtig auch an Nummer eins gesetzt.
Ja, wir haben eine gute Mannschaft, das ist keine Frage. Aber es kommt drauf an - und das kann man natürlich nicht so steuern -, dass möglichst alle gut spielen in den Mannschaftsturnieren. Es ist tatsächlich immer wichtig, fünf Leute in guter Form zu haben - und wir hoffen, dass das in Batumi so ist. Je besser die Spieler werden, Matthias hat jetzt noch mal ein Sprung gemacht, desto besser fürs Team. So eine EM war noch nie ein Zwei-Spieler-Event.
Gibt es denn große Unterschiede zwischen einem Einzelturnier und einer Team-EM?
Ja, ein bisschen - aber auch nicht so viele. Am Ende des Tages sind es ja die vier oder fünf Einzelergebnisse summiert. Natürlich achten wir darauf: Man gewinnt mit zweieinhalb Punkten den Wettkampf. Also kann es sein, dass eine Partie Remis gegeben wird, die gut steht - oder andersrum, dass eine schlechte Stellung weitergespielt werden muss. Am Ende des Tages geht es darum, dass alle gut spielen. Wir versuchen natürlich eine gute Stimmung zu haben und wir versuchen es auch ein bisschen so zu steuern, dass zum Beispiel der, der müde ist, eben eine Pause kriegt. Aber am Ende des Tages ist Schach natürlich ein Einzelspiel.
Die These vieler selbst ernannter Experten: Mit Blübaum und Keymer ist Gold sicher…
Ich weiß nicht, ich habe diese Argumentationskette nicht gelesen - aber wie gesagt, es ist sind vier Bretter, nicht zwei. Die anderen Teams haben auch Topspieler vorne. Also nee, so funktioniert es nicht.
Wie ist die Rolle der anderen Spieler im Team?
Da bin ich ja auch noch ein bisschen am Überlegen, grundsätzlich. Wir müssen natürlich erst mal gucken wie wir aufstellen. Letztes Mal hatten wir Rasmus an zwei, was gut geklappt hat. Aber Matthias war zuletzt natürlich so stark, dass es auch Argumente dafür gibt, ihn weiter oben spielen zu lassen. Hinten genauso: Da kann man sich immer überlegen, was besser ist. Je nach Situation: Wir haben an eins, sagen wir schwarz, an zwei weiß - wollen wir dann lieber zum Beispiel Frederik mit Weiß, Dmitrij mit Schwarz oder andersrum spielen lassen? Und gegen welche Gegner machen wir das wie? Also mit solchen Fragen kann man sich verrückt machen, was ich auch tue - was am Ende des Tages aber vielleicht nicht so viel bringt. Aber die Rolle ändert sich auch je nach Gegnern. Man kann nicht sagen, der eine soll Remis machen, der andere soll gewinnen. Natürlich guckt man mal ein bisschen, wo haben wir weiß, wo haben die Gegner vielleicht ihre Schwachpunkte, wo wollen wir solider spielen und so weiter. Aber ich kann nicht sagen, Frederik soll Tore schießen und Dmitrij Remis machen oder Rasmus soll blocken, Matthias gewinnen - also so läuft das nie in der Praxis.
Wie schwer fiel es Dir, gute Spieler wie Alexander Donchenko nicht zu nominieren?
Ja, es war in den letzten Jahren ja meistens so. Diesmal war Dennis Wagner auch noch dicht dran mit seiner Elo – so dass wir im Prinzip sechs Kandidaten hatten für die fünf Plätze. Das Hauptkriterium, und das wollen auch die Spieler, ist meistens die Elo-Zahl zum Nominierungszeitpunkt. Danach habe ich es diesmal auch gemacht. Das ging diesmal zu Lasten von Alexander. Das kann nächstes Mal wieder ganz anders aussehen. Dass er stark ist, wissen wir alle.
Steht vor der EM noch Training an?
Erstmal haben natürlich jetzt alle dieses sehr harte Turnier in Samarkand in den Knochen. Also, ein paar Tage müssen wir jetzt sowieso noch Ruhe geben. Dann war auch noch mal Bundesliga. Also, ich werde noch mal einzeln mit den Leuten reden, was mir auffällt oder auch nicht auffällt, was wir noch tun können. Dann werden wir gucken, ob wir auch noch ein, zwei Meetings machen. Aber es ist nicht so, dass wir uns jetzt zusammensetzen und Eröffnungen einstudieren. Auf dem Level ist das meistens eine relativ individuelle Betreuung - aber natürlich besprechen wir vorher noch mal, wie vielleicht die Rolle aussehen könnte und woran man noch arbeiten könnte auf die Schnelle.
Wie groß ist Dein Einfluss auf das Binnenklima in der Mannschaft?
Schwer zu sagen. Also, man versucht natürlich die Stimmung gut zu halten. Und wenn ich das Gefühl habe, dass irgendjemand jetzt Ablenkung braucht oder irgendwas nicht gut gelaufen ist, dann machen wir auch mal was zusammen. Ansonsten: Bei so einem Schachturnier ist der Tag ja relativ voll und es ist ja auch nicht so wie in anderen Mannschaftssportarten, wo man jetzt alle paar Tage vielleicht ein Spiel hat. Wir spielen jeden Tag und bereiten uns jeden Tag drei, vier, fünf Stunden darauf vor. Also ein Großteil ist schon der Alltag - und da sind wir in einer komfortablen Situation, dass die Deutschen sich eh alle gut verstehen. Es ist gut, eine gute Stimmung zu haben und dass sie sich gegenseitig helfen.
Schach ist eine Einzelsportart. Wie kann da Teamgeist entstehen?
Na, das ist was ich eben auch meinte: Dass wir in der komfortablen Situation sind, dass das eher automatisch passiert - eben weil die Leute sich alle gut verstehen. Natürlich ist die Stimmung auch immer stark von den Ergebnissen beeinflusst und wenn wir verlieren ist keiner happy an dem Abend.
Matthias Blübaum will Gold. Du wirktest nach seiner ambitionierten Aussage leicht geschockt…
Nö, das find ich gut. Also für mich geht es immer darum, dass alle gut spielen und Ergebnisse sind halt sehr schwer beeinflussbar, weil eine Partie hier und da kippen kann. Aber wir waren beim letzten Mal Zweiter, wir sind an eins gesetzt. Also, was soll sonst die Zielsetzung der Spieler sein. Ist ja klar, dass sie Erster werden wollen.
Alle Runden der Europameisterschaften werden bei SchachdeutschlandTV live kommentiert. Unserem Onlineschach-Referenten Jannik Liebelt werden mit Robert Rabiega und Raj Tischbierek zwei Großmeister abwechselnd zur Seite stehen.
An den Spieltagen werden wir ab Rundenbeginn um 13 Uhr (MESZ) bzw. 10 Uhr (MESZ) am letzten Tag online gehen.
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