10. September 2026
Nationalspielerin zu sein, ist für Hanna Marie Klek immer etwas Besonderes – doch die Bronzemedaille mit der Mannschaft bei der Team-EM im vergangenen Jahr übertraf noch einmal alle Erwartungen: Was das Team nur als Top-Ten-Ziel formuliert hatte, wurde zu einem Erfolg, den Klek selbst als "eine ganz andere Dimension" verglichen mit ihren bisherigen Einzelerfolgen beschreibt. Eine Olympiade mit Mannschaften aus allen Nationen der Welt, sagt sie, sei dann aber noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Seit 2008 ist Klek Nationalspielerin, seitdem hat sich viel verändert: Die Frauenbundesliga sei deutlich sichtbarer geworden, seit 2021 gebe es einen eigenen Bundestrainer samt regelmäßigem Online-Training und Lehrgängen. Als bislang prägendsten Moment ihrer Karriere nennt sie den Vizeweltmeistertitel bei der U16-Weltmeisterschaft 2011 – die Anspannung vor der letzten Runde habe sie nie zuvor so erlebt, und bei ihrer Rückkehr wurde sie von Vereinskollegen und einer Lautsprecherdurchsage am Bahnhof empfangen. Heute ist Klek nach Elisabeth Pähtz die erfahrenste Spielerin im Kader. Ihren Blick auf den Sport schärft dabei auch ihre Arbeit abseits des Bretts: Mit dem grenke Chess Open organisiert sie selbst eines der größten Turniere der Welt und bringt so einen Blick hinter die Kulissen mit, den kaum eine andere Spielerin im Kader hat.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Für mich ist es immer etwas Besonderes, für die Nationalmannschaft zu spielen. Der gemeinsame Erfolg mit der Bronze-Medaille bei der Team-EM im letzten Jahr war noch einmal eine ganz andere Dimension als meine bisherigen Einzelerfolge. Eine Olympiade mit den Mannschaften aus allen Nationen ist natürlich noch einmal eine ganz andere Hausnummer – und ich freue mich sehr darauf.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Zur Vorbereitung auf ein Team-Turnier gehört immer auch die Vorbereitung einiger neuer Eröffnungsvarianten und -ideen. Gerade bei einer Olympiade ist es wichtig, dass man während dem Turnier nicht mehr zu viel Zeit und Energie in die Partievorbereitung investieren muss. Ansonsten versuche ich, vor dem Turnier möglichst viel Energie zu haben und nicht mit zu vielen konkreten Erwartungen in das Turnier zu gehen.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Mein Ziel ist, gutes Schach zu spielen. Bei einem so langen Turnier kann man sich nicht über das Ergebnis der gesamten Olympiade Gedanken machen, sondern muss sich auf die jeweilige Partie konzentrieren. Ich möchte deshalb versuchen, möglichst konstant zu spielen und schlechte Züge oder Partien schnell abzuhaken.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Auch wenn sie bei den Frauen nicht ganz so weit vorne gesetzt sind, tippe ich darauf, dass die Usbekinnen mit großen Ambitionen bei ihrer Heim-Olympiade antreten. Sie haben eine sehr junge Mannschaft und werden sicher besonders motiviert sein.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
Neben vielen Ligapartien habe ich dieses Jahr erst zwei Turniere gespielt. In der Liga lief es meistens sehr gut, bei der Frauen-EM habe ich nicht schlecht gespielt, aber einige Chancen nicht genutzt. Beim Open in Frankreich im Juli war ich dagegen mit meinen Partien überhaupt nicht zufrieden. Ich hoffe, dass meine Form jetzt wieder gut ist – schließlich waren wir letzte Woche noch im Trainingslager und konnten uns dort intensiv auf die Olympiade vorbereiten.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Der Vizeweltmeistertitel bei der U16-Weltmeisterschaft 2011. Ich glaube, ich war nie in meinem Leben so angespannt und nervös wie vor dieser letzten Runde. Und als ich dann gewonnen hatte, war ich einfach nur unglaublich glücklich.
Ich hatte vorher schon einige internationale Meisterschaften gespielt und für meine Elo eigentlich immer ganz gut abgeschnitten. Dieser Erfolg hat mir aber noch einmal gezeigt, dass es sich lohnt, immer weiterzumachen und zu versuchen, besser zu werden. Selbst wenn es manchmal nur kleine Schritte sind, kommt man der Spitze näher.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Ich glaube, dass wir eine gute Mischung aus Erfahrung und jüngeren Spielerinnen haben. Gleichzeitig kennen wir uns inzwischen alle ziemlich gut. Wir können uns im Wettkampf gut einschätzen, wissen aber auch, was die anderen außerhalb des Turniersaals brauchen. Bei einer Olympiade verbringt man schließlich sehr viel Zeit miteinander.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Ich liebe den Wettkampf, die Herausforderung, meine Gegnerin zu besiegen. Dabei ist keine Partie wie die andere – auch wenn es immer schwieriger wird, der Eröffnungstheorie zu entkommen.
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Das Ziel ist eigentlich immer, sich nur auf den nächsten Zug zu konzentrieren. Das funktioniert natürlich nicht immer. Gerade bei einer Olympiade denkt man schon einmal darüber nach, was das Ergebnis für die Mannschaft bedeutet oder wie wichtig eine Partie gerade ist. Dabei helfen natürlich positive Erfahrungen, wie die Team-EM im letzten Jahr.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Nach dem Turnier in Frankreich war ich sehr frustriert, vor allem auch wegen der Qualität meiner Partien. Ich habe mich dann erst einmal in meine Arbeitswoche gestürzt. Danach kam die Lust auf Schach wieder zurück.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Ich bin gespannt auf Samarkand, vor allem weil Schach in Usbekistan einen sehr hohen Stellenwert genießt. Bei der Olympiade in Chennai 2022 war ebenfalls deutlich zu spüren, wie groß die Begeisterung für Schach im Gastgeberland ist. Ich erwarte deshalb auch in Samarkand eine besondere Atmosphäre rund um das Turnier. Und natürlich freue ich mich darauf, ein Land kennenzulernen, in dem ich bisher noch nicht war.
Du bist seit 2008 Nationalspielerin – was hat sich für dich in diesen fast 20 Jahren im deutschen Frauenschach am meisten verändert?
Als Mitglied der Jugendolympiamannschaft hatte ich 2008 noch gar nicht so viel Kontakt mit dem deutschen Frauenschach. Ich wusste damals erst seit einem halben Jahr, dass es überhaupt eine Frauenbundesliga gibt. Ich schätze die Frauenbundesliga ist inzwischen deutlich sichtbarer.
Auch die Deutsche Meisterschaft (bzw. vorher German Masters) hat sich als jährliches Rundenturnier der besten Spielerinnen etabliert.
Für die Nationalmannschaft und die Kaderspielerinnen war sicher die größte Veränderung, dass wir seit 2021 einen eigenen Bundestrainer, regelmäßiges Online-Training und Lehrgänge haben.
Du organisierst mit dem grenke Chess Open selbst eines der größten Turniere der Welt – wie beeinflusst dieser Blick hinter die Kulissen deine eigene Sicht als Spielerin?
Wenn ich selbst als Spielerin bei einem Turnier bin, konzentriere ich mich natürlich aufs Schachspielen. Aber ich kann gar nicht anders, als auch auf das Drumherum zu achten. Wie ist die Anmeldung organisiert? Wie funktionieren die Abläufe vor Ort? Welche Anti-Cheating-Maßnahmen gibt es? Da vergleiche ich automatisch und sammle Ideen. Gleichzeitig weiß ich natürlich auch, wie viel Arbeit hinter den Dingen steckt, die manche Teilnehmer als selbstverständlich wahrnehmen.
Du hast Psychologie studiert – hilft dir dieses Wissen über mentale Prozesse auch am Brett, gerade bei einem so langen Turnier wie einer Olympiade?
Ich glaube, alle Schachspieler sind zumindest Hobbypsychologen und machen sich viele Gedanken über ihre eigenen Gedanken. Über mentale Prozesse am Brett habe ich wahrscheinlich viel mehr von meinem langjährigen Trainer Michael Prusikin gelernt als im Psychologiestudium.
Als erfahrenste Spielerin im Team: Siehst du dich auch als eine Art Mentorin für die jüngeren Nationalspielerinnen?
Die mit Abstand erfahrenste Spielerin im Turnier ist immer noch Elisabeth 😉
Auf die anderen habe ich kaum Erfahrungsvorsprung, alle haben schon mindestens eine Olympiade und Team-EM gespielt. Ich denke wir haben alle eine ganz gute Vorstellung davon, was uns erwartet.
Du hast als U16-Vizeweltmeisterin früh internationale Erfahrung gesammelt – welchen Moment aus dieser Zeit trägst du bis heute mit dir?
Internationale Erfahrung habe ich bereits ab 2005 bei zahlreichen Jugendwelt- und Europameisterschaften gesammelt. Die Vizeweltmeisterschaft in der U16w 2011 sticht dabei natürlich heraus. Die Anspannung vor der letzten Runde, das Auf und Ab in dieser Partie, die Glücksgefühle danach. Und die Ankunft zu Hause, als ich von meinen Vereinskollegen und per Lautsprecherdurchsage am Bahnhof empfangen wurde.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37140