9. September 2026
2026 ist das stärkste Jahr in der Karriere von Lara Schulze. Bei der Deutschen Meisterschaft in Dresden kämpfte sie bis zur letzten Runde um den Titel und wurde am Ende mit 6,5 aus 9 Vizemeisterin – den entscheidenden Sieg in der Schlussrunde holte sie ausgerechnet gegen ihre Olympiaden-Teamkollegin Dinara Wagner. Im August erreichte sie mit 2345 ihre bisher höchste Elozahl. Schon 2025 holte Schulze mit dem Team bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Batumi überraschend Bronze – sie bezeichnet den Erfolg als prägendsten Moment ihrer bisherigen Karriere. Auch abseits des Bretts ist Schulze gerade gefragt wie nie: Neben einem Sat.1-Fernsehdreh zu ihrer Olympiaden-Vorbereitung stehen in den kommenden Tagen Interviews mit Chess.com, der Bremer Zeitung "Weser Kurier" und dem Regionalsender "buten un binnen" an – Anfragen, die sie mit sichtlicher Freude annimmt, um ihre Begeisterung für Schach auch über die Szene hinaus zu teilen. Wenig überraschend ist sie nebenbei als einzige Frau im Bundesligakader von Werder Bremen aktiv, arbeitet als Trainerin, teilt ihren Schachalltag als Content Creatorin auf YouTube und ihrem Blog und studiert nebenbei Wirtschaftspsychologie. Nach ihrem Olympiaden-Debüt 2024 in Budapest reist sie nun zum zweiten Mal mit der Nationalmannschaft nach Samarkand.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Für Deutschland bei einer Schacholympiade zu spielen, bedeutet mir wirklich viel und ist definitiv eines der Highlights in meiner bisherigen Schachkarriere. Eine Olympiade als wichtigstes und größtes Mannschaftsevent ist einfach etwas Besonderes. Ich war 2024 schon bei der Olympiade in Budapest dabei und freue mich sehr, auch dieses Mal wieder Teil des Teams zu sein.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Mein Fokus liegt gerade komplett auf der Olympiade und dementsprechend hoch ist auch mein Trainingspensum. Schachlich beschäftige ich mich viel mit Eröffnungen, mache Taktiktraining und arbeite natürlich auch ganz konkret an meinen Partien. Letzte Woche haben wir außerdem bei unserem gemeinsamen Vorbereitungslehrgang in Bad Blankenburg zusammen intensiv trainiert und uns als Team auf Samarkand eingestimmt.
Ich habe außerdem gerade wegen der Olympiade einige Anfragen von Fernsehen, Zeitung…. Einen Fernsehdreh mit Sat.1 hatte ich schon, bei dem es um meine Vorbereitung und die anstehende Olympiade ging. Auch unser Bundestrainer Zahar kommt in dem Beitrag zu Wort. Der Beitrag ist in der Mediathek zu finden. Nächste Woche steht dann noch ein Dreh mit dem Bremer Regionalsender „buten un binnen” und Interviews mit Chess.com sowie der Bremer Zeitung „Weser Kurier” an. Solche Interviews machen mir viel Spaß und ich finde es schön, meine Begeisterung sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schachwelt weiterzugeben.
Körperlich halte ich mich durch tägliche lange Spaziergänge, Fahrradtouren und gesunde Ernährung sowohl vor als auch während des Turniers fit.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Sportlich möchte ich möglichst viele Punkte für die Mannschaft holen. Mental möchte ich vor allem versuchen, möglichst wenig ergebnisorientiert zu denken und die Partien zu genießen. Wenn es gelingt, mehr prozessorientiert zu denken, spielt man meistens auch sein bestes Schach und die Leistung und gute Ergebnisse folgen.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Bei einer Olympiade gibt es immer einige Nationen, die auf dem Papier vielleicht nicht zu den absoluten Topfavoriten gehören, aber trotzdem sehr stark punkten. Ich bin zum Beispiel gespannt auf Usbekistan. Gerade bei den Frauen sind sie von den Elozahlen her nicht unbedingt eines der Favoritenteams. Gleichzeitig wird Schach dort sehr viel gefördert und sie haben natürlich den Heimvorteil. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass sie stärker auftreten, als man es vielleicht nur anhand der Elozahlen erwarten würde.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
Mit meinem bisherigen Jahr bin ich insgesamt sehr zufrieden. Besonders stolz bin ich natürlich auf meinen deutschen Vizemeistertitel im klassischen Schach. Nach der Deutschen Meisterschaft habe ich auch mit 2345 meine bisher höchste Elozahl erreicht. Ich fühle mich sowohl jetzt wie auch schon das ganze Jahr in Top-Form.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Ganz klar die Bronze-Medaille bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2025 in Batumi. Vor dem Turnier war eine Top-Ten-Platzierung unser Ziel, eine Medaille dagegen eher ein Traum. Dass wir am Ende tatsächlich Bronze gewonnen haben, war einfach toll! Nach der letzten Runde dann gemeinsam die Medaille zu feiern und später bei der Siegerehrung auf dem Podium zu stehen, war ein ganz besonderer Moment. Die Medaille hat ja auch dazu geführt, dass die Teammitglieder in den Weltklasse-Kader gekommen sind.
Als Einzelerfolg steht mein Europameistertitel bei der Junioren-Europameisterschaft U20w 2021 ganz oben.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Wir haben eine starke Mannschaft und auch eine sehr gute Stimmung im Team. Wir unterstützen uns gegenseitig, was wichtig ist bei so einem langen Turnier. Generell verbringen wir auf solchen Turnieren viel Zeit zusammen, essen gemeinsam und spielen abends auch oft zusammen kleine Gesellschaftsspiele, das gehört bei Mannschaftsturnieren bei uns dazu und macht immer viel Spaß.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Die Mischung aus Logik, Kreativität, Wettbewerb und Psychologie macht Schach für mich nach wie vor so spannend.
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Druck und Aufregung gehören bei so einem Turnier einfach dazu. Ich versuche, das aber eher positiv zu nutzen und die Nervosität in Energie am Brett umzuwandeln. Deshalb versuche ich, mich nicht zu sehr mit Erwartungen zu beschäftigen, sondern mich auf die Partien zu freuen und das ganze Ereignis zu genießen.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Ein schwieriger Moment war auf jeden Fall die erste Runde der Deutschen Meisterschaft in Dresden. Gegen Sarah Papp hatte ich eine sehr gute Stellung, habe den Vorteil dann aber innerhalb weniger Züge verspielt und die Partie sogar noch verloren. Das war natürlich ein denkbar ungünstiger Start. Ich habe es dann aber geschafft, diese Partie schnell abzuhaken und energisch weiterzuspielen. Am Ende blieb es dann die einzige Niederlage im Turnier. Rückblickend hat es einmal mehr gezeigt, wie entscheidend es bei einem langen Turnier ist, sich von einem Rückschlag bzw. einem Verlust nicht runterziehen zu lassen und den Fokus wieder auf die nächste Partie zu richten.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Ich war noch nie in Usbekistan und bin sehr gespannt auf das Land und die Kultur. Samarkand als historische Stadt an der Seidenstraße ist natürlich ein ziemlich besonderer Austragungsort. Auch wenn bei der Olympiade das Schach klar im Mittelpunkt steht, hoffe ich, dass an den freien Tagen etwas Zeit bleibt, die Stadt kennenzulernen.
Was möchtest du den Menschen mit auf den Weg geben, die euch in Samarkand die Daumen drücken?
Vielen Dank für die Unterstützung! Gerade bei einer Olympiade merkt man, wie viele Menschen die Partien verfolgen und mitfiebern. Das ist ein schönes Gefühl. Wir werden alles geben und hoffen natürlich auf viele spannende Partien und möglichst viele deutsche Siege. Also: Daumen drücken! :)
Bei der Deutschen Meisterschaft in Dresden bist du bis zur letzten Runde um den Titel mitgegangen und wurdest Vizemeisterin – wie blickst du auf dieses Turnier zurück, auch mit Blick auf Samarkand?
Auf das Turnier blicke ich sehr positiv zurück. Bis zur letzten Runde noch um den Titel mitzuspielen und am Ende mit 6,5 aus 9 Vizemeisterin zu werden, war ein richtig gutes Ergebnis. Besonders gefreut hat mich der Sieg gegen Dinara Wagner in der letzten Runde, durch den sogar noch die Chance auf einen Stichkampf um den Titel bestand.
Du bist Spielerin, Trainerin und Content Creator gleichzeitig – wie bringst du das alles unter einen Hut, gerade jetzt vor der Olympiade?
Gerade die Kombination aus den verschiedenen Bereichen macht mir sehr viel Spaß: selbst zu spielen und zu trainieren, Training zu geben und gleichzeitig Content rund um Schach zu erstellen (Blog, ein bisschen YouTube), dazu noch mein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie…
Im Moment liegt der Fokus aber ganz klar auf der Olympiade und die eigene Vorbereitung hat gerade oberste Priorität.
Auf YouTube, Twitch und in deinem Blog gibst du viele Einblicke in deinen Schachalltag – was möchtest du deinem Publikum davon besonders vermitteln, auch während der Olympiade?
Vor allem möchte ich meine Begeisterung für Schach weitergeben.
Für die Olympiade habe ich auf meiner Homepage bereits eine kleine eigene Unterseite eingerichtet. Dort sammle ich auch verschiedene Beiträge, die rund um die Olympiade über mich erscheinen, zum Beispiel Fernsehbeiträge oder Zeitungsartikel.
Während der Olympiade selbst liegt mein Fokus auf dem Spielen. Deshalb wird es ausführliche Berichte auf meinem Blog/YouTube etc. erst im Anschluss geben.
Du studierst nebenbei Wirtschaftspsychologie – hilft dir dieses Wissen über mentale Prozesse auch am Brett?
Auf jeden Fall gibt es einige spannende Überschneidungen zwischen Psychologie und Schach. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Studienfach gewählt habe. Gerade Themen wie der Umgang mit Druck, Konzentration oder Entscheidungen unter Zeitdruck spielen am Brett natürlich eine große Rolle. So hilft das Wissen über Sportpsychologie definitiv dabei, bestimmte mentale Prozesse besser zu verstehen und das eigene Verhalten bewusster zu reflektieren.
Du bist die einzige Frau im Bundesligakader von Werder Bremen – wie erlebst du diese Rolle im Verein?
Im Mannschaftsalltag spielt das eigentlich keine große Rolle, ich bin ganz normal Teil des Teams. Die Stimmung in der Mannschaft ist sehr gut und es macht einfach Spaß, Bundesliga zu spielen. Ich fühle mich bei Werder Bremen sehr wohl und bin dankbar für die Unterstützung, die ich von meinem Verein erhalte.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37136