11. September 2026
Ganz knapp wäre es in diesem Jahr nicht mehr weitergegangen für Jana Schneider: Nach einem eigens eingelegten "Schachsemester" mit intensivem Training verpasste sie 2025 die neue Kader-Elogrenze von 2325 und reiste nicht einmal zur Team-EM in Batumi mit. Möglich wurde ihre Olympiaden-Nominierung nur durch eine der maximal zwei Ausnahmen, die der DSB pro Kategorie vergeben darf – mit der Auflage, die Wertungszahl 2026 mindestens einmal zu erreichen. Was wie ein Rückschlag aussah, wurde zum Wendepunkt: Sie sieht die Nominierung als Geschenk und als Chance, die sie nutzen wollte. Nach einem intensiven Frühjahr mit mehr Turnieren als die vier anderen Nationalteamspielerinnen zusammen und einer parallel geschriebenen Masterarbeit spürte sie vor der Europameisterschaft, dass ihr das Turnierspielen nicht mehr die gewohnte Freude bereitete. Die Konsequenz: eine bewusste, längere Schachpause – mit dem Ergebnis, dass sie bei der Deutschen Meisterschaft ausgeruht und frisch antrat und den Titel holte. Für Bundestrainer Zahar Efimenko, der ihr mit der Olympiaden-Nominierung sein Vertrauen ausgesprochen hatte, obwohl sie bei der EM-Medaille nicht dabei war, fühlt sich das wie eine Bestätigung an. Nach ihrer Goldmedaille bei der Olympiade 2022 in Indien mit 9 aus 10 Punkten ist Samarkand nun ihre zweite Schacholympiade – mit frisch abgegebener Masterarbeit, geklärter beruflicher Zukunft als wissenschaftliche Mitarbeiterin ab Oktober und, wie sie selbst sagt, endlich wieder freiem Kopf für die Vorbereitung. Die Auflage für den Kader 2027 hat sie dabei bereits erfüllt: Mit aktuell exakt 2325 Punkten steht ihre Elo schon jetzt auf der geforderten Marke.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Für Deutschland zu spielen ist eine große Ehre für mich. Nach 2022 in Indien ist es erst meine zweite Schacholympiade.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Ich habe im August zwei klassische Partien gespielt und damit die ELO Grenze für den Kader 2027 erreicht. Zusätzlich habe ich ein Frauen Schnellschach Teamturnier in Chemnitz gespielt, um Eröffnungen zu testen und wieder ein bisschen im Team zu spielen vor der Olympiade (die letzten Ligatermine sind ja schon bisschen her). Ansonsten beschäftige ich mich mit meinen Eröffnungen und Taktik. Anfang September hatten wir auch gemeinsames Trainingslager mit den anderen Kaderspielerinnen und Zahar Efimenko, was eine gute schachliche und sportliche Vorbereitung ist. Abgesehen vom Schach versuche ich aktuell meinen Kopf frei für das Turnier zu bekommen. Dafür bin ich auf einem guten Weg, meine Masterarbeit habe ich abgegeben, meine Jobsuche habe ich jetzt auch erfolgreich abgeschlossen und etwas Familienurlaub hat auch geholfen. In der letzten Woche vor der Olympiade werde ich mir etwas Ruhe gönnen, Sport machen und ein bisschen Taktiktraining, damit ich fit und ausgeruht zur Olympiade anreise.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Bei einem Teamturnier ist mein Ziel immer, meinem Team möglichst gut zu helfen. Dadurch treten individuelle Ziele in den Hintergrund. Natürlich hilft es, gut zu spielen und ich möchte viele Punkte für Deutschland holen.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Außerhalb der deutschen Teams würde ich meine langjährigen Bundesliga Teamkolleginnen Oliwia Kiolbasa und Aleksandra Maltsevskaya nennen. Als Europameisterinnen sind sie zwar keine wirklichen Geheimfavoritinnen mehr, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die beiden auch bei dieser Olympiade wieder sehr gutes Schach zeigen. Sehr gespannt bin ich auch auf das Abschneiden von Schachlegende und Großmeisterin Pia Cramling.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
Ich fühle mich aktuell gut in Form. Vor allem im Frühjahr habe ich sehr viele Turniere und Partien gespielt – mehr als die vier anderen Nationalteamspielerinnen zusammen. Das Ziel war dabei, mich bestmöglich auf Europameisterschaft und Deutsche Meisterschaft vorzubereiten. Den Schwung aus diesen beiden Turnieren, wo ich gute Ergebnisse hatte und gute Partien gespielt habe, möchte ich zur Olympiade mitnehmen.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Es gibt so viele wichtige Momente, an die ich mich in meiner Karriere erinnere. Sehr prägend für meine Karriere ist die Unterstützung, die ich durch meine Familie und meinen ersten Verein, SpVgg Stetten, erhalten habe und erhalte. Als ich 2017 meine erste Deutsche Frauenmeisterschaft gespielt habe, haben alle während der Sportlerehrung des Landkreises meine letzte Runde live mitverfolgt. Ich habe die Partie gewonnen und wurde Deutsche Meisterin. Als ich am Abend nach Hause gefahren bin, hat mich mein Verein überrascht mit einer Überraschungsfeier. Das hat mir sehr viel bedeutet und ist ein Moment, an den ich mit einem Lächeln zurückdenke.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Ich glaube, wir haben alle eine hohe Motivation und wollen nach der Medaille im vergangenen Jahr auch bei dieser Olympiade Schachdeutschland stolz machen. Ich freue mich natürlich sehr, dass ich mich ins diesjährige Team reinkämpfen konnte. Gleichzeitig bewundere ich Elisabeth sehr. Niemand würde ihr einen Vorwurf machen, wenn sie mit ihrer kleinen Tochter zuhause bleiben würde. Stattdessen nimmt sie die lange Reise und ein sehr hartes Turnier auf sich, um das deutsche Frauen-Team zu verstärken und uns zu helfen, eine Top Platzierung zu erreichen. Das ist etwas ganz Besonderes und macht unser Team noch motivierter.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Es gibt vieles, was ich nennen könnte, von dem ich fasziniert bin. Von besonderen Zügen, die man zufällig im Training findet und sich darüber freut, während man keine Chance hat, Nicht-Schachspielern zu erklären, was genau daran cool ist. Von taktischen Motiven in Partien, auf die man später stolz ist, dass man sie früher als der Gegner oder die Gegnerin gesehen hat. Besonders ist es aber für mich die Schach Community. Von Freundschaften, die vor vielen Jahren bei einem Turnier entstanden sind und sehr eng sind, obwohl man sich nur bei Schachturnieren sieht. Vom gemeinsamen Ansehen von Schach Live-Kommentierungen oder der Diskussion über Live-Partienübertragungen, während Nicht-Schachspieler verwirrt daneben stehen. Von Avalon-Runden während der Kaderlehrgänge, die so intensiv analysiert werden wie eine Schachpartie. Vom gemeinsamen Abendessen mit Vereinskollegen, wenn plötzlich über die eine Partie in der vorletzten Saison geredet wird, als es so kalt im Raum war, dass einer seine Handschuhe angezogen hat oder als einer mal wieder mit seinem König über das ganze Feld gelaufen ist und so weiter. Von Geburtstagsfeiern und Grillfesten, wo Schach gezockt wird, egal welche Spielstärke die Beteiligten haben. Und besonders von Kindern und Jugendlichen, die die Schachregeln neu lernen und nach und nach von dem Spiel in ihren Bann gezogen werden. Unter anderem mein kleiner 6-jähriger Bruder, der aktuell oft sehr begeistert mit mir Räuberschach spielt und sich ab und zu auch neue Schachvarianten ausdenkt.
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Gerade nach meiner Goldmedaille bei meiner letzten Olympiade mit 9/10 Punkten in 2022, sind die Erwartungen natürlich hoch.
Ich versuche aber, während des Turniers den Druck und insbesondere die Erwartungen anderer auszublenden. Bei einer Olympiade wird das schwierig, aber ich versuche mich auf meine Partien und meine Rolle im Team zu fokussieren und Runde für Runde zu denken statt an das große Ganze.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Ich habe in diesem Jahr viele Turniere gespielt und viele Partien verloren. Und es ist immer schwierig, von einer verlorenen Partie zurückzukommen. Eine schlimme Partie in diesem Jahr, war die beim Jussupow Turnier zum Weltfrauentag gegen Klaudia Kulon. Nach einer hervorragenden Partie war ich kurz vor dem Matt setzen, was mir eine sehr gute Ausgangslage für den Turniersieg gesichert hätte. Stattdessen habe ich die Partie verloren. An dem Abend bin ich lange mit Josefine (Safarli) spazieren gegangen und wir haben darüber gesprochen, was es für viel schlimmere Probleme in der Welt gibt als eine Schachpartie zu verlieren. Das hat mir in dem Moment sehr geholfen und ich habe das Turnier noch mit zwei Siegen und zwei Remis gut abgeschlossen.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Ich war noch nie in Usbekistan und ich bin sehr gespannt. Dabei bin ich sicher, dass die Schachnation Usbekistan für eine hervorragende Organisation und ein eindrucksvolles Event sorgen wird.
Du bist erst vor wenigen Wochen Deutsche Meisterin geworden und sprachst von einem neuen Gefühl der Leichtigkeit – woher kam dieser Wandel?
Ich habe in diesem Jahr sehr viel Schach gespielt. Vor der Europameisterschaft habe ich jeden Monat mindestens ein Turnier gespielt, plus regelmäßige Ligaeinsätze in der Frauenbundesliga und der 2. Bundesliga. Das Ziel war, mich bestmöglich auf die EM vorzubereiten und durch eine gute EM den Sprung ins Olympia-Team zu schaffen. Gleichzeitig habe ich nebenbei an meiner Masterarbeit gearbeitet. Gerade in den Wochen vor der EM habe ich gemerkt, dass mir das Turniere spielen nicht mehr so Spaß macht wie sonst und sich durch den vollen Turnierplan manchmal eher wie eine Belastung anfühlt. Daher habe ich nach der EM bis zur Deutschen Meisterschaft bewusst keine Turniere gespielt und mir eine längere Schachpause gegönnt, in der ich auch deutlich weniger trainiert habe. Dadurch war ich bei der Deutschen frisch und ausgeruht und konnte das Turnier genießen und wieder mehr Freude am Schach spielen spüren.
Zusätzlich habe ich Anfang Juli mit einer Freundin zusammen ein Mädchen- und Frauenturnier in Regensburg ausgerichtet, inkl. Organisation im Vorfeld und am Turniertag. Das hat mir großen Spaß gemacht und insbesondere der Perspektivwechsel zur Organisatorin statt Spielerin hat mir gut getan, um zu sehen, wie viel Freude die Mädchen und Frauen beim gemeinsamen Schach spielen hatten.
Du hast die Meisterschaft bewusst als Test für Samarkand genutzt – was hast du daraus für die Olympiade mitgenommen?
Ich habe auf jeden Fall viel Selbstvertrauen aus dem Turnier mitgenommen. In den letzten Monaten hatte ich viele Partien, die ich sehr riskant angelegt hatte, um unbedingt zu gewinnen, aber dadurch auch viele Partien verloren habe. Während der Deutschen habe ich mich mehr darauf fokussiert, solide zu spielen und trotzdem Chancen zu nutzen, aber möglichst ohne Verlustgefahr. Das ist mir in den meisten Partien sehr gut gelungen.
Der Titel kommt zu einem besonderen Zeitpunkt kurz vor der Olympiade – verändert das deine Erwartungen an dich selbst in Samarkand?
Unser Bundestrainer Zahar Efimenko hatte eine harte Entscheidung bei der Nominierung des Olympia-Teams. Er hat sein Vertrauen in mich gesetzt, obwohl ich bei der Medaille bei der letzten EM nicht dabei war. Es fühlt sich gut an, ihm durch den Deutschen Titel schon vor der Olympiade etwas zurückzugeben und ihn in seiner Entscheidung für mich zu bestärken.
Aber ich spiele in Samarkand nicht als Deutsche Meisterin, sondern als Mitglied der Deutschen Frauennationalteams. Ich werde mein Bestes geben, um einen guten Beitrag für mein Team zu leisten. Der Titel ändert daran nichts, auch nicht an der Brettreihenfolge.
Neben dem Schach schreibst du gerade an deiner Masterarbeit – wie schaffst du es, beides parallel zu stemmen?
Es ist immer schwierig, die eigene Zeit auf Studium oder Arbeit und Schach zu verteilen. Ich bin es mittlerweile gewöhnt, aber es ist schon so, dass dadurch weniger Zeit für Familie oder Freunde bleibt und es gleichzeitig auch schwieriger ist, sich im Schach weiterzuentwickeln und gute Noten in Prüfungen zu schreiben. Es wäre schön, nach dem Studium, Schach spielen zum Beruf zu machen. Ich habe mich in den letzten Monaten viel damit beschäftigt, aber keinen sinnvollen Weg für mich gefunden, das zu finanzieren. Ich werde im Oktober eine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin beginnen und dabei an meiner Promotion im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie arbeiten. Die Stelle ist Teilzeit und dadurch werde ich hoffentlich weiter Zeit für Schach haben, gleichzeitig werde ich nach der Olympiade und der Studierenden-WM im Oktober meinen Fokus mehr in Richtung meiner wissenschaftlichen Karriere verschieben.
Meine Masterarbeit habe ich Mitte August abgebeben. Jetzt da ich auch meine berufliche Zukunft ab Oktober geklärt habe, habe ich auch den Kopf frei für meine Vorbereitung auf die Olympiade und auch während der Olympiade.
Was war der entscheidende Unterschied zwischen diesem Turnier und den Jahren davor, in denen es enger für dich im Kader war?
Im Sommersemester in 2025 habe ich ein Schachsemester eingelegt, in dem ich sehr viel trainiert und Turniere gespielt habe ohne mich währenddessen mit Uni Prüfungen und Lehrveranstaltungen beschäftigen zu müssen. Das Ziel war, mir mehr im Klaren darüber zu werden, ob Schachprofi eine Option für mich nach dem Studium sein würde und dem IM-Titel näher zu kommen. Dementsprechend enttäuscht war ich, dass ich nicht einmal die Kader ELO-Grenze von 2325 geschafft hatte und auch nicht zur Team-EM mitdurfte. Ich bin nur durch eine Ausnahmeregelung dieses Jahr überhaupt noch im Kader geblieben. Das sehe ich als Geschenk, aber auch als große Chance, die ich versuchen wollte, zu nutzen. In den letzten Jahren war es knapp mit den Nominierungen für das Nationalteam, dieses Jahr vielleicht noch knapper als sonst. Die Nominierung hat mir auf jeden Fall Kraft gegeben, aber ich denke auch, dass sich das intensive Training aus dem Schachsemester auszahlt, wenn auch später oder anders als erwartet.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37141