10. September 2026
„Seine klassische russische Ausbildung macht ihn zu einem harten Gegner“, sagt Artur Jussupow, der große Großmeister, anerkennend. In jedem Fall ist er eine Legende, betonen all jene in der Schachszene, die ihn kennen. Das sind viele. Nicht nur, weil Sergej Salov beim Lübecker SV der Trainer der damaligen Jugend- und heutigen Nationalspieler Frederik Svane und Rasmus Svane war. Auf die beiden, das wird beim Austausch mit der DSB-Öffentlichkeitsarbeit deutlich, ist er mächtig stolz: „Frederik wird bald die 2700 Elo schaffen und Rasmus ist auf dem Weg zu 2650“, so Sergej Salov, „es freut mich unheimlich für die beiden, welche Entwicklung sie genommen haben.“ Die Begabung der beiden habe er sofort erkannt und sich sehr über das kürzliche Wiedersehen mit Rasmus beim Schachgipfel in Dresden gefreut. Dort spielten sie in einem Turniersaal – sein ehemaliger Schüler in der Meisterklasse, er beim Turnier der Menschen mit Behinderung. Als Salov den ersten Zug bei Svane machen durfte, konnte er seine Rührung kaum verbergen. „Ja“, sagt er, „das war toll. Eine schöne Sache.“ Bei der 3. FIDE-Olympiade für Menschen mit Behinderung wird der Internationale Meister Sergej Salov an Brett eins das deutsche Team anführen. „Sergejs Spielstärke und seine Erfahrung sind für uns von unschätzbarem Wert“, sagt Gert Schulz, der DSB-Referent für Inklusion, der das Team für Usbekistan zusammengestellt hat.
Vorneweg: Kaum einer hat so viel internationale Routine wie der 86-Jährige, der schon fünf Mal an einer FIDE-Olympiade teilgenommen hat: In Bled, Slowenien, 2002, Turin 2006, Dresden 2008, im sibirischen Chanty-Mansijsk 2010, Istanbul 2012. Im Jahr 2014 war er in Tromso, Norwegen, sogar Kapitän des damaligen ICSC-Teams (International Committee of Silent Chess), der Mannschaft des Gehörlosen-Weltverbandes, die bei der Olympiade über Jahrzehnte im Teilnehmerfeld integriert war. Übrigens schon oft mit Erfolgen, sehr schmerzhaft 2010 auch für den Deutschen Schachbund.
3:1 siegte damals das Gehörlosen-Team (Salov, GM Yehuda Grünfeld, IM Duilio Collutiis, Vladimir Klasan) gegen die DSB-Auswahl (GM Sebastian Bogner, IM Falko Bindrich, GM Rainer Buhmann, GM Niclas Huschenbeth) – trotz großer Elo-Überlegenheit der deutschen Nationalmannschaft. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Salov, der seit 1992 den IM-Titel trägt. Das ICSC wurde übrigens mittlerweile umbenannt in International Chess Committee of the Deaf (ICCD).
„Zum Schachspielen“, sagt er, „braucht man kein Gehör.“ Zum Glück, weil er nach einer Kopfverletzung in der Kindheit sein Hörvermögen verlor. Ja, erklärt er auf die entsprechende Frage, „die Stille ist beim Schach sogar ein Vorteil“ – außer, es fehle am Verständnis für Gehörlose beim Turnierveranstalter. Das habe er leider auch schon erleben müssen. In jedem Fall, das zeigt seine Vita, hat ihn sein Handicap nie gebremst. Sergej Salov und Schach – das ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Auch wenn er betont, es gehe bei seinem Sport vor allem darum, Menschen kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen, sich mit Großmeistern zu messen – und weniger um Medaillen. Aber auch davon hat er viele.
Salov spielt seit seinem neunten Lebensjahr Schach. 1957 verbuchte er seinen ersten Sieg bei der sowjetischen Schachmeisterschaft der Gehörlosen. Bis 1988 konnte er sieben weitere nationale Meisterschaften für sich entscheiden. Ab 1991 nahm Salov dann an internationalen Wettbewerben der Gehörlosen teil. 1992 gewann er bereits die 10. ICSC-WM in Edinburgh. Ein weiterer WM-Titel folgte 1996 in Rotterdam. 1994 und 1998 holte er mit der russischen Auswahl die ICSC-Mannschaftsweltmeisterschaft. Danach übersiedelte er mit seiner Frau Olga nach Deutschland, wechselte 2000 auch die Staatsbürgerschaft. Die Deutsche Meisterschaft der Gehörlosen gewann er 2007 und 2009. Bei der Deutschen Meisterschaft der Gehörlosen im Blitzschach 2015 gelang ihm sein zehnter Meistertitel in Folge. Im Sommer 2010 wurde er ICSC-Weltmeister und 2012 holte er den ICSC-Weltmeistertitel der Senioren. Als er im Sommer 2024 in Belgrad erneut Weltmeister und auch noch Vize-Weltmeister im Blitzschach wurde, tickerte der Lübecker Schachverein von 1873: „Wir sind stolz auf unser langjähriges Mitglied!“ Er gilt auch als großartiger Schach-Lehrmeister, feierte als Bundestrainer des DGSV und B-Trainer des DSB große Erfolge. 2022 erhielt er das Silberne Lorbeerblatt – die höchste sportliche Auszeichnung in der Bundesrepublik.
Ein Leben voller Höhepunkte. Und nun Samarkand, die Para-Olympiade. Voller Ehrgeiz geht er das Turnier an: „Wir haben eine große Verantwortung“, sagt er, „wir wollen unter die ersten zehn Mannschaften kommen. Ein großer Erfolg wäre natürlich eine Medaille.“ Er wird gemeinsam mit Günter Michalke, Artur Kevorkov, Manuela Mekus und David-Andrei Valean antreten. Den erst 17-jährigen Valean halte er „für ein sehr großes Talent. Wenn er weiter viel an seinem Schach arbeitet, auch viel im Ligabetrieb und bei großen Turnieren antritt, wird er seinen Weg machen“. Die beiden haben, trotz des großen Altersunterschieds von fast 70 Jahren, einen sehr engen Kontakt, der einmal mehr beweist, wie verbindend der Schachsport ist: Sergej Salov versorgt David-Andrei stetig mit Lehrmaterial.
In Samarkand wird es auch ein Zusammentreffen mit Rasmus und Frederik Svane geben. Drei Tage überschneiden sich die 46. Schach-Olympiade und die 3rd FIDE Chess Olympiad for People with Disabilities. Sergej Salov sagt: „Ich wünsche ihnen eine Medaille mit dem deutschen Team – und beiden die schönsten Partien in ihrem bisherigen Leben.“ Dann würde sich ganz Schach-Deutschland freuen. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37128