1. Oktober 2025
Der Kastanienwall 7 in Lemgo. Hier hat der Schachverein Königsspringer sein wunderbares Spiellokal. Helle, moderne Räume. Ein gewisser Karl-Ernst Blübaum, Jahrgang 1959, ist mit 2150 Elo der stärkste Spieler des Vereins. Man könnte sagen: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Immer noch passives Mitglied beim SV Königsspringer ist GM Matthias Blübaum. Der 28-Jährige ist der Sohn von Karl-Ernst Blübaum – und als das DSB-Team Öffentlichkeitarbeit mit Matthias Wolf und Finn Engesser den frisch gebackenen WM-Kandidatenturnier-Teilnehmer traf, herrschte im Spiellokal ein großes Hallo. Einige Jugendspieler wollten Autogramme, Fotos – und mittendrin wir vom DSB. Da fiel die Arbeit nicht so leicht, aber es funktionierte trotz großer Schach-Prominenz. Denn obendrein hatte sich noch einer auf den Weg nach Ostwestfalen-Lippe gemacht: Bundestrainer GM Jan Gustafsson. „Matthias hat es sich wirklich verdient, dass ich ihn mal besuche“, sagte er – und setzte sich in den Zug.
Eine Blitzpartie für unsere Kamera, ein wunderbares Gespräch unter Großmeistern, das wir aufgezeichnet haben. Hier spielen sich zwei die Bälle nur so zu. Der Bundestrainer, soviel wird klar, hat Moderatorenqualitäten. Und dazu zwei tolle Interviews, deren Inhalte wir auf unserer Webseite auch heute (Blübaum) und morgen (Jan Gustafsson) wiedergeben. Kurzum: Auch wenn Matthias Blübaum, dieser geniale Mathematiker, betont, dass Interviews bei ihm nie mit Freudensprüngen verbunden sein werden – er absolvierte den Termin ebenso professionell wie viele andere Interviews und Podcasts in diesen erfolgreichen Tagen. Blübaum auf allen Kanälen. Dazu Gustafsson, der profunde Analytiker von JanistanTV – das macht Spaß, das geht in die Tiefe. Lasst Euch von unserem Video überraschen, für das – neben den beiden DSB-Mitarbeitern – Matthias Gräser die Haupt-Kameraarbeit geleistet hat. Dazu Ronny Bischoff den Schnitt.
Es wird deutlich, wie eng und vertraulich auch die Verbindung zwischen Spitzenspieler und Bundestrainer ist. Nur einmal musste Jan Gustafsson ein wenig schlucken: Als sein Schützling das EM-Ziel ausgab. Nach Platz zwei vor zwei Jahren will der jetzt - Gold. Als zweifacher Einzel-Europameister im Grunde auch ein logischer Anspruch, oder? "Nun, das muss unser Ziel sein. Wir sind an Nummer eins gesetzt, wir haben beim letzten Mal Silber geholt", so Blübaum, "unglücklich" ergänzt Gustafsson, letztlich hinter Serbien. Der Bundestrainer, mit dem bei ihm gewohnten schelmischen Blick: "Da muss ich wohl umdisponieren und dem Schachbund sagen: Top Ten ist nicht das Ziel." Ach ja: Weil der DSB ja nicht so viel Geld hat, ruft Gustafsson auch die deutsche Schachgemeinde zum Crowdfunding für Blübaum auf. Schließlich braucht der jetzt ein Team für das Kandidatenturnier.
Matthias, beim SV Königsspringer Lemgo fing alles an…
Genau, hier bin ich groß geworden. Das sind sozusagen meine schachlichen Anfänge - und da ist es natürlich auch sehr schön, hierher zurückzukehren. Zugegebenermaßen bin ich hier nicht allzu oft, ich habe nicht mehr beliebig viele Kontakt zum Schachverein - auf der anderen Seite sind das meine Wurzeln.
Lemgo, eine überschaubare Stadt mit rund 40 000 Einwohnern – ideal, um zur Ruhe zu kommen?
Ja, aber ich werde sowieso - egal, wo ich mich aufhalte in Deutschland - normalerweise nicht wirklich von anderen Leuten angequatscht. Also es passiert nicht oft, dass mich Leute jetzt auf der Straße erkennen, das ist mir vielleicht zwei bis drei Mal in meinem ganzen Leben passiert, dass mich unabhängig von einem Schachturnier jemand erkannt hat. Also das Problem habe ich zum Glück nicht.
Wie wirst du wieder fit nach einem Mammutturnier wie dem Grand Swiss?
Es ist vor allen Dingen wichtig, sich einfach auszuruhen - und ja, dann irgendwann in Ruhe drüber nachzudenken, wie man die Planungen in der Zukunft jetzt angeht.
Nachgehakt: Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?
Also nicht, dass ich wüsste. Ich würde es ja verraten, wenn ich irgendein Geheimnis habe, aber ich mache wirklich nichts anders. Aber ja, aktuell läuft es halt einfach sehr gut.
Viele fragen sich angesichts Deiner Erfolgswelle: Machst Du irgendwas anders als früher?
Ehrlich gesagt, ich mache nichts groß anders. Nach so einem Turnier spiele ich ein bisschen Online-Turniere, mache aber ansonsten nicht wirklich viel Schach. Einfach ausruhen, irgendwie alles tun, was einem hilft zu entspannen.
Haben die Super-Großmeister in Samarkand womöglich Dein breites Repertoire unterschätzt?
Das glaube ich jetzt nicht mal, dass sie das unterschätzt haben - aber klar, die wollen halt natürlich gegen mich gewinnen und dann gehen sie halt auch mehr Risiko und es bieten sich mehr Chancen. Und das hat in dem Turnier jetzt unfassbar gut geklappt. Ich meine, mir ist selber auch klar, das wird nicht immer so gut klappen und es kann noch nicht immer so gut laufen - aber ja, in dem Turnier lief irgendwie alles zusammen.
Wie viele Stunden täglich trainierst Du?
Also Du meinst jetzt, wenn ich nicht beim Turnier bin - oder während eines Turniers? Also die Tage nach so einem Turnier mache ich im Prinzip erstmal gar kein Training mehr - ich muss mich einfach ausruhen und irgendwie runterkommen. Während so eines Turniers ist es im Prinzip mehr oder weniger 24/7 Schach. Also man hat nicht wirklich irgendwas Anderes, was man nebenbei noch macht. Ja, es ist extrem schwer, den Schnitt anzugeben. Also, ich wüsste es nicht, ist auch immer die Frage, was man als Training zählt. Wenn ich jetzt einen Titled Tuesday mitspiele, ist das ein Training? Oder: Wenn ich zwei Stunden Schach blitze, ist das dann kein Training? Ist halt schwer zu definieren. Also ich mache extrem viel Schach. Ich verfolge auch die Schachturniere, die laufen, aber es ist halt immer auch schwer zu definieren, was ist jetzt wirklich Training - und da kann ich wirklich keine Stundenanzahl angeben.
Stichwort Elo-Punkte: Du hast lange stagniert. Das scheint Dich geärgert zu haben. So sehr, dass Dich jetzt der Elo-Ehrgeiz gepackt hat?
Also ich glaub jetzt nicht, dass ich mich riesig darüber ärgere, stagniert zu haben - aber es ist halt eben wirklich so, dass ich seit vielen Jahren mehr oder weniger auf dem gleichen Level bin, Elo-technisch. Ich meine, ich muss jetzt auch sehen, ob ich diesen Sprung sozusagen dauerhaft gemacht habe – oder ob das jetzt nur sozusagen ein kurzer Höhenflug ist. Man weiß es nie. Ich hoffe natürlich, dass ich mein Niveau vielleicht dauerhaft ein bisschen erhöht habe und mich jetzt bei den 2700 Elopunkten festsetzen kann. Das wird aber auch nicht einfach. Ich denke, das wird sich jetzt auch in den nächsten Monaten zeigen und dann natürlich auch spätestens beim Kandidatenturnier.
In der internationalen Schachwelt hat das große Verwunderung ausgelöst: Du hast alleine trainiert, hattest – im Gegensatz zu anderen – keinen Trainer für das Grand Swiss. Das muss sich jetzt mit Blick aufs Kandidatenturnier ändern, oder?
Vermutlich. Ich meine, das Kandidaten-Turnier ist auch noch einmal was ganz anderes als ein Turnier wie das Grand Swiss. Das war ein Open-Turnier, man weiß nicht genau gegen wen man vorher spielt. Man kennt natürlich die Teilnehmerliste, aber es sind über 100 Leute - man hat keine Ahnung gegen wen man in den elf Runden spielen wird. Während so ein Kandidatenturnier natürlich auch gezielte Vorbereitung ist. Ja, man kennt die anderen sieben Teilnehmer dann schon Monate vorher, man weiß genau, dass man gegen alle mit beiden Farben spielt. Man kann sich im Prinzip schon lange darauf einstellen, was deren Stärken und Schwächen sind. Das heißt ja, es ist viel mehr gezielte Vorbereitung - und da ist es natürlich definitiv auch wichtig, Hilfe zu haben und sich gezielt darauf vorzubereiten.
Was darf man von Dir und dem Team bei der EM in Batumi erwarten?
Wir haben auf jeden Fall eine sehr gute Mannschaft und wir haben Potential und unser Ziel sollte sicherlich sein, um den ersten Platz zu kämpfen. Auf der anderen Seite, man muss halt auch immer bedenken: Es sind vier Bretter, es kann immer sehr viel passieren. Man benötigt halt wirklich alle Spieler in guter Form. Das kann man nie unbedingt garantieren, aber ich denke, wir haben auf jeden Fall gute Chancen, weil wir haben immer noch eine relativ junge Mannschaft. Ich bin der älteste Spieler in der Mannschaft inzwischen, schon seit ein paar Jahren. Wir verstehen uns alle sehr gut und ich hoffe einfach, dass da was geht und dass wir ganz vorne landen können.
Du gibst gerade viele Interviews. Nicht Deine Lieblings-Disziplin, oder?
Ja, ich bin ganz ehrlich: Interviews werden nie wirklich mein Ding sein, das macht mir auch nicht wirklich Spaß. Auf der anderen Seite: Das gehört dazu, von daher mache ich das im Normalfall eigentlich auch immer, wenn ich angefragt werde. Also es gibt sicherlich auch mal eine Ausnahme, aber im Normalfall bin ich eigentlich immer dazu bereit. Aber toll werde ich es wahrscheinlich nie finden.
Für das Kandidatenturnier brauchst Du Geldgeber. Wer macht die Sponsorensuche für Dich?
Ja klar. Aber: Man ist Schachspieler. Man hat keinerlei Ahnung auf dem Gebiet - und ist halt mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Und ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung, was und wie ich das überhaupt machen soll. Das ist immer so ein bisschen das Problem. Also, man konzentriert sich als Schachspieler eben wirklich nur aufs Schachspielen und auch aufs Trainieren. Und von daher: Ich weiß es noch nicht. Ich habe mir auch noch nicht viele Gedanken über alles gemacht. Ich muss so ein bisschen runterkommen. Und dann halt in Ruhe drüber nachdenken, was ich jetzt mache.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 36803