11. September 2026
Jahrelang war es eng: Mit Vincent Keymer, Matthias Blübaum, Frederik Svane, Dmitrij Kollars, Alexander Donchenko und Rasmus Svane selbst gab es meist sechs Kandidaten für nur fünf Plätze im Olympia-Kader – für Bundestrainer Jan Gustafsson regelmäßig eine knifflige Entscheidung. In diesem Jahr fiel sie zu Rasmus' Gunsten und damit erfüllt sich für ihn ein besonderes Novum: Erstmals fährt er gemeinsam mit seinem Bruder Frederik als Spieler zur Olympiade. Die viel zitierte Geschwister-Konkurrenz um Kaderplätze nimmt er dabei gelassen – Teil des Jobs, sagt er, nicht anders als die freundschaftliche Rivalität mit den übrigen Nationalspielern, mit denen er teils schon seit fast 20 Jahren befreundet ist. Sportlich war Rasmus' Jahr geprägt von einer anderen Aufgabe: monatelang arbeitete er gemeinsam mit Frederik und Dmitrij als Sekundant für Matthias Blübaums Kandidatenturnier-Vorbereitung – Zeit, die beim eigenen Spiel fehlte. Nach drei dramatischen Armageddon-Matches bei seinen World-Cup-Teilnahmen 2021, 2023 und 2025 und der knapp verpassten Silbermedaille bei der Team-EM 2023 reist er nun mit Vorfreude nach Samarkand – einen Ort, den er schon vom Grand Swiss kennt und mit dem ihn eigene Erinnerungen verbinden. Ein besonderes Wiedersehen steht dabei auch abseits des eigenen Turniers an: Sein früherer Jugendtrainer Sergej Salov führt zeitgleich Deutschlands Team bei der Schacholympiade für Menschen mit Behinderung an – die sich für drei Tage mit der regulären Schacholympiade überschneiden wird.
Was bedeutet es dir persönlich, bei dieser Olympiade in Samarkand für Deutschland zu spielen?
Ich spiele jetzt schon seit einigen Jahren für die Nationalmannschaft und für mich sind die Olympiade und die Team-EM eigentlich immer das Highlight des Jahres, vielleicht noch neben dem World Cup und dem Grand Swiss, die aber nur alle zwei Jahre stattfinden. Für die Nationalmannschaft spielen ist auf jeden Fall immer ein ganz besonderes Gefühl, da man weiß, dass sehr viele Schachspieler aus einem ganzen Land mit den Matches der Mannschaft mitfiebern und sich viele Menschen daher sogar auch in meine eigenen Züge, Partien und Resultate als ein Spieler der Mannschaft hineinsteigern und der Mannschaft und mir die Daumen drücken.
Wie sieht deine konkrete Vorbereitung auf das Turnier aus – schachlich, mental, körperlich?
Im Juli und August habe ich mit der Deutschen Meisterschaft und dem Open in Dortmund zwei Turniere gespielt, die in gewisser Hinsicht für mich auch Vorbereitungsturniere für die Olympiade waren. Ansonsten war ich gerade vom 30.08.- 06.09. bei einem Trainingslager mit Peter Svidler zusammen mit anderen Kaderspielern, das mir hoffentlich nochmal geholfen hat ein wenig in Form zu kommen für die Olympiade. Körperlich und mental mache ich nichts Besonderes, ich versuche wie sonst auch regelmäßig etwas Sport zu machen und mir psychologisch nicht zu viel Druck vor dem Turnier zu machen, den wird es in einigen Momenten während des Turniers sowieso noch geben.
Was ist dein persönliches Ziel für Samarkand, sportlich wie mental?
Mein persönliches Resultat ist mir eigentlich ziemlich egal, Hauptsache es läuft für die Mannschaft so gut wie möglich. In dem Sinne könnte ich sagen, dass es mein persönliches Ziel ist, mein Bestes für die Mannschaft zu geben und mental so gut wie es geht ruhig zu bleiben und versuchen gutes Schach zu spielen so wie bei jedem anderen Turnier auch.
Wer ist für dich ein Geheimfavorit bei dieser Olympiade – ein Team oder eine Person, die man im Auge behalten sollte?
Wenn ich eine Mannschaft nennen müsste, die sonst eher nicht zum engeren Favoritenkreis gezählt wird, würde ich vielleicht Frankreich nennen. Maxime-Vachier Lagrave spielt in diesem Jahr wieder und verstärkt die Mannschaft. Ich glaube auch, dass bei ihnen die Teamchemie ganz gut stimmt und sie haben ein paar Spieler in der Mannschaft, die ein sehr starkes Turnier erwischen können, wenn sie sich in einen Lauf spielen.
Wie würdest du deine aktuelle Form und dein bisheriges Jahr 2026 beschreiben?
Da ich in diesem Jahr auch viel mit der Sekundantenarbeit für Matthias Blübaum für das Kandidatenturnier beschäftigt war, habe ich etwas weniger als sonst gespielt. Insgesamt bin ich mit meiner Elo ungefähr auf dem gleichen Level wie zu Beginn des Jahres geblieben, wobei ich mit meiner Elozahl im Moment nicht so zufrieden bin. Konkret liefen die Deutsche Meisterschaft und das Open in Dortmund liefen zuletzt nicht so gut für mich, dafür hatte ich früher im Jahr ganz gut gespielt. Ich hoffe jetzt einfach, dass ich bei der Olympiade gutes Schach zeigen kann.
Was war bisher der prägendste Moment deiner Karriere?
Ich hatte drei sehr dramatische Tiebreak Matches bei meinen drei World Cup Teilnahmen in den Jahren 2021, 2023 und 2025. Alle drei Matches gingen über die volle Distanz bis ins Armageddon bzw. den Sudden Death Partien und werden mir denke ich ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Ansonsten würde ich die Silber-Medaille bei der Team-EM 2023 in Montenegro erwähnen, wo wir mit der Nationalmannschaft ein fantastisches Turnier gespielt haben, aber nach Zweitwertung letztendlich ganz knapp hinter Serbien Silber gewonnen haben, was natürlich ein super Ergebnis aber trotzdem auch sehr ärgerlich war.
Wie erlebst du die Dynamik in eurem Team – was macht diese Mannschaft für dich besonders?
Wir sind alle in einem recht ähnlichen Alter, kennen uns alle schon sehr lange und haben wirklich eine sehr gute Dynamik in der Mannschaft, was bei Nationalmannschaften denke ich eher ungewöhnlich ist. Frederik ist mein Bruder und mit Alexander und Matthias spiele ich schon seit Kindheitstagen zusammen bei Turnieren. Wir waren auch gemeinsam in der Prinzengruppen und sind jetzt schon seit fast 20 Jahren gut befreundet. Vincent ist im gleichen Jahr wie Frederik geboren, wodurch sie schon in der U10 gegeneinander gespielt haben und quasi seitdem habe ich auch seine Karriere verfolgt und er hat dann auch schon früh angefangen bei den gleichen Turnieren zu spielen wie ich. Z.B. erzählt er ja oft, dass er bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2017 in Tarvisio in Italien angefangen hat mit Peter Leko zu trainieren und bei dem Turnier war ich auch als Teil der kleinen deutschen Delegation dabei. Wir sehen uns alle oft bei Turnieren oder auch Trainingslager mit dem DSB und hängen dann eigentlich auch in unserer Freizeit immer gerne miteinander ab. Das ist natürlich sehr hilfreich bei so einem Mannschaftsturnier, wenn man menschlich gut miteinander klar kommt, aber auch während der Matches, wenn man den Spielstil der anderen gut kennt und ein gutes Gefühl dafür hat, wie sich Partien bei den anderen weiter entwickeln könnten oder was sie tendenziell in kritischen Momenten für Entscheidungen treffen könnten.
Was fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Schach?
Es ist schwierig zu sagen, was genau es ist, auf jeden Fall wird Schach nie wirklich langweilig. Irgendwie genieße ich einfach den Prozess am Brett zu sitzen, alles andere zu vergessen und sich in eine Schachpartie zu verlieren. Schwer zu erklären wieso genau, aber es macht mir einfach immer wieder sehr viel Spaß dieses Spiel zu spielen.
Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um, gerade bei einem Großereignis wie einer Olympiade?
Ich spiele jetzt schon einige Jahre für die Nationalmannschaft und habe schon einige Team-EMs und Olympiaden gespielt. Ich denke auf jeden Fall, dass Erfahrung hilft. Naheliegenderweise ist bei solchen Turnieren immer viel Druck dabei und es gibt normalerweise einige wichtige Momente, in denen man unweigerlich angespannt sein wird. In dem Sinne hilft es denke ich, sich selbst nicht zusätzlich zu viel Druck zu machen.
Was war der schwierigste Moment in deinem bisherigen Jahr, und wie hast du ihn überwunden?
Ich weiß nicht, ob es schachlich bisher so schwierige Momente für mich in diesem Jahr gab. Vielleicht als ich beim Open in Dortmund es in fünf Partien in Folge nicht geschafft habe gegen Gegner mit etwa 2400 Elo mehr als Remis zu spielen, was ziemlich frustrierend für mich war. Ich habe dann versucht vor jeder neuen Partie so gut wie möglich zu vergessen, wie die Partien vorher gelaufen sind und die nächsten Partien quasi unabhängig davon als ein neues Turnier zu betrachten und habe es dann zum Glück geschafft die letzten beiden Runden dort noch zu gewinnen.
Was macht Samarkand als Austragungsort für dich besonders – Erwartungen an Land, Reise, Atmosphäre?
Ich kenne den Ort schon vom Grand Swiss und verbinde daher auch schon Erinnerungen mit Samarkand. Die Spielbedingungen und das Hotel sollten dort voraussichtlich wie beim Grand Swiss sehr gut sein. Dort, wo wir spielen, gibt es hauptsächlich Hotels und Veranstaltungsstätten, ich war in Samarkand aber auch schon in der berühmten historischen Innenstadt, wo es wirklich sehr schön ist. Bezüglich der Atmosphäre freue ich mich schon sehr auf die Olympiade. Das Turnier ist wirklich immer ein richtig schönes Schachfest, das nicht wirklich mit anderen Turnieren vergleichbar ist.
Was möchtest du den Menschen mit auf den Weg geben, die euch in Samarkand die Daumen drücken?
Ich wünsche auf jeden Fall allen ganz viel Spaß beim Zuschauen und beim Mitfiebern und hoffe, dass beide Mannschaften ganz vorne mitspielen können. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass wenn bei einem Spieler oder einer Spielerin eine Partie vielleicht doch mal schief läuft, mit dem oder derjenigen nicht zu hart ins Gericht gegangen wird. Es sollte auf jeden Fall niemand Zweifel haben, dass sich absolut alle voll reinhängen und ihr Bestes geben, wir sind aber alle auch nur Menschen und da werden natürlich auch Fehler passieren.
2024 warst du nicht im Olympia-Kader, während dein Bruder Frederik in Budapest spielte – was hat sich seither verändert, dass ihr diesmal gemeinsam nach Samarkand fahrt?
Ich denke nicht besonders viel, in den letzten Jahren gab es mit Vincent Keymer, Matthias Blübaum, Frederik Svane, Dmitrij Kollars, Alexander Donchenko und mir meistens sechs Kandidaten für fünf Plätze im Olympiakader und da waren es Jahren immer knappe und schwierige Entscheidungen für Jan Gustafsson, welche Spieler er für die Mannschaft nominiert. Ich freue mich, dass Jan sich in diesem Jahr entschieden hat, mich für die Mannschaft zu nominieren und hoffe, dass ich eine gute Leistung für die Mannschaft zeigen kann.
Du warst Blübaums Sekundant beim Kandidatenturnier – was hast du aus dieser Rolle hinter den Kulissen der Weltspitze mitgenommen?
Es war auf jeden Fall sehr interessant zu sehen und selbst zu erfahren, wie man sich auf so ein Turnier vorbereitet und was man braucht um bei so einem Turnier auf Augenhöhe mitzuspielen. Wir haben als Team zusammen mit Frederik Svane und Dmitrij Kollars in Vorbereitung auf das Kandidatenturnier drei bis vier Monate lang sehr hart gearbeitet. Konkret schachlich haben wir natürlich viel an Eröffnungen und generell am Schach gearbeitet, was mir in Zukunft hoffentlich helfen wird.
Dein früherer Trainer Sergej Salov ist gehörlos und selbst Weltmeister der Gehörlosen – wie war für dich das Training mit ihm damals, und was hat er dir mitgegeben? Wie lief das Training ab?
Er kann ein bisschen etwas hören, das heißt ein bisschen konnte man schon mit ihm reden und man hat sich natürlich auch über Mimik und Gestik verständigt. Wenn er etwas doch nicht verstanden hat, habe ich es ihm ansonsten häufiger mal auf Papier aufgeschrieben. Und wir haben natürlich auch einfach mit den Zügen auf dem Schachbrett miteinander kommuniziert. Als Person hat er wirklich eine unglaublich große Liebe für das Schachspiel, die ich so sonst bei wenigen gesehen habe und die er mir sehr gut vermitteln konnte. Das war vielleicht das Wichtigste, das er mir beim Training mitgegeben hat.
Du hast gerade erst deinen Titel als Deutscher Blitzmeister verteidigt – wie wichtig ist Blitzschach für deine Form im klassischen Spiel?
Ich würde sagen, wie gut ich gerade im Blitzschach spiele ist nicht so indikativ dafür, wie meine Form im klassischen Schach ist. Häufig hängt die Form im Blitzschach zumindest bei mir sehr davon ab, wie frisch mein Kopf ist und wie klar ich denke, das macht denke ich meistens den größten Unterschied aus, wie gut ich spiele. Ansonsten ist Blitzschach natürlich schon eine ganz gute Möglichkeit, sich vor einem Turnier ein wenig in Form zu spielen und wieder das Gefühl dafür zu bekommen ganze Schachpartien zu spielen, falls man gerade eine Pause von klassischen Turnieren gemacht hat.
Mit deinem Bruder Frederik gibt es im deutschen Schach schon länger eine Art Geschwister-Konkurrenz um Kaderplätze – wie geht ihr beide damit um, und verändert sich das jetzt, wo ihr gemeinsam im Team seid?
Mittlerweile haben wir uns denke ich beide schon daran gewöhnt, dass wir bei einigen Turnieren oder auch bezüglich der Nominierung für die Nationalmannschaft miteinander konkurrieren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es diese Konkurrenz in den nächsten Jahren auch noch weiter geben wird, im Prinzip ist es aus meiner Sicht aber denke ich auch nicht so sehr anders zu den anderen Nationalspielern, mit denen ich ja auch gut befreundet bin und man mit denen man auch nicht so gerne bei Turnieren oder um Plätze in der Nationalmannschaft konkurriert. Das ist halt Teil des Jobs und mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass man bei Turnieren gegen gute Freunde oder in dem Fall auch seinen Bruder spielen oder konkurrieren muss. Ich freue mich auf jeden Fall sehr in diesem Jahr das erste Mal zusammen mit Frederik bei der Olympiade zu spielen, das ist natürlich in gewisser Weise schon ein besonderes Gefühl. Letztes Jahr haben wir schon bei der Team-EM zusammen in einer Mannschaft gespielt und wir spielen ja unter anderem auch schon seit einigen Jahren in der Bundesliga zusammen in einer Mannschaft, von daher ist es jetzt auch nichts Neues für mich zusammen mit Frederik in einer Mannschaft zu spielen.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37143