14. September 2026
Vincent Keymer ist der prominenteste Botschafter des deutschen Schachs. Mit 14 Jahren wurde er zum jüngsten deutschen Großmeister aller Zeiten, heute steht er als Nummer sechs der Weltrangliste so weit oben wie kein deutscher Spieler seit Jahrzehnten, mit einer FIDE-Wertungszahl von 2767 im August 2026. Im August 2025 stieß er mit einer Elo von 2750, einem damaligen deutschen Rekord, als erst dritter Deutscher nach Robert Hübner und Artur Jussupow überhaupt in die Top Ten der Weltrangliste vor. Seine Präsenz reicht inzwischen weit über die Schachwelt hinaus: Selbst große Zeitungen wie die Bild am Sonntag widmen ihm und seinem Sport ausführliche Seiten.
Sportlich erlebt Keymer gerade eine seiner stärksten Phasen. 2026 gehörte er erstmals zum festen Teilnehmerkreis der Grand Chess Tour und musste sich nicht mehr über eine Wildcard für einzelne Turniere qualifizieren. Er nutzte die Chance: Beim Super Chess Classic im rumänischen Bukarest gewann er im Mai sein erstes klassisches Turnier auf der Tour, beim Sinquefield Cup in Saint Louis sicherte er sich mit einem Remis in der Schlussrunde den vierten und letzten Ticket-Platz fürs Finale, einen halben Punkt vor dem usbekischen WM-Herausforderer Javokhir Sindarov. Dort musste er sich im Spiel um Platz drei knapp Wesley So geschlagen geben. Mit Platz vier im Finale und Platz vier in der Gesamtwertung, samt Preisgeldern und Bonuszahlungen von insgesamt 270.187 US-Dollar, beendete er seine erste Saison als fester Tour-Teilnehmer auf einem beachtlichen Niveau, gegen ein Feld mit mehreren Top-Ten-Spielern der Welt.
In der Nationalmannschaft trägt Keymer seit Jahren Verantwortung an vorderster Stelle. Seit der Schacholympiade 2022 in Indien ist er fest am ersten Brett der deutschen Auswahl gesetzt. Bei der Schacholympiade 2024 in Budapest teilte er sich Brett eins im Wechsel mit Matthias Blübaum, das Team beendete das Turnier auf Rang sieben. Wie er seine Rolle im Mannschaftsgefüge versteht, beschreibt er klar: „Das Team profitiert davon, wenn jeder Einzelne gut spielt. Gleichzeitig muss man den Teamgedanken etwas stärker berücksichtigen", sagt er der Bild am Sonntag.
Nur wenige Tage vor dem Start der Schacholympiade hat der Austragungsort für Keymer bereits eine besondere Bedeutung. Genau in Samarkand verpasste er im vergangenen Jahr beim Grand Swiss mit 7,5 aus 11 Punkten die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2026 nur hauchdünn, nachdem eine gewonnene Stellung gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Matthias Blübaum im entscheidenden Duell zum Remis wurde. Blübaum qualifizierte sich daraufhin als dritter Deutscher nach Robert Hübner und Wolfgang Uhlmann fürs Kandidatenturnier. Nun kehrt Keymer mit der Nationalmannschaft an den Ort dieser knappen Enttäuschung zurück und formuliert für die Olympiade ein klares Ziel: „Wir wollen um eine Medaille spielen. Die Konkurrenz ist extrem eng, deshalb wäre auch ein Platz unter den Top Ten ein starkes Ergebnis."
Dass er dabei auch abseits des Bretts Verantwortung trägt, ist ihm bewusst. Seit Jahren wird er als die große deutsche Schach-Hoffnung gehandelt, ein Etikett, mit dem er entspannt umgeht: „Den größten Druck mache ich mir selbst." Dass er inzwischen auch als Vorbild für den deutschen Schachsport wahrgenommen wird, nimmt er bewusst an: „Ich probiere aber schon hauptsächlich für mich und meine Karriere zu spielen, aber wenn man dann zusätzlich als Vorbild dient, bin ich froh." Auf internationale Beispiele wie Viswanathan Anand in Indien oder Magnus Carlsen in Norwegen angesprochen, die durch sportlichen Erfolg dem Schach in ihren Ländern neuen Schwung gaben, formuliert er den eigenen Anspruch unaufgeregt, aber klar: „Ich arbeite daran."
Mit einer der stärksten Saisons seiner Karriere im Rücken und dem Anspruch, weit über das eigene Karriereziel hinauszuwirken, geht Vincent Keymer in die Schach-Olympiade. Für ihn, die Nationalmannschaft und alle, die den deutschen Schachsport verfolgen, beginnt am Dienstag ein Turnier mit hohen Erwartungen.
Die Zitate in diesem Artikel stammen aus einem Interview von Vincent Keymer mit der Bild am Sonntag vom 13.09.2026.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Nationalmannschaft // ID 37142